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Evangelium nach Markus
Gemäß der sogenannten Zweiquellentheorie diente es gemeinsam mit einer griechischen Sammlung von Aussprüchen Jesu (Logienquelle Q) als schriftliche Vorlage für …
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Grundlage, Bedeutung und Entstehung
Das Markusevangelium (Mk) ist das zweite Buch des Neuen Testaments und mit 16 Kapiteln und 661 Versen das kürzeste der vier kanonischen Evangelien. Es erzählt das öffentliche Wirken Jesu von seiner Taufe bis zu seinem Leiden, seinem Tod und dem leeren Grab. Jesus erscheint als Knecht Gottes, der den Menschen dient, heilt und lehrt, zugleich aber als Messias und Sohn Gottes. Im Mittelpunkt steht die Botschaft von der nahe gekommenen Herrschaft Gottes. Nach Mk 9,1 erwartete der Verfasser, dass das Reich Gottes in naher Zukunft machtvoll kommen werde.
Nach der historisch-kritischen Mehrheitsmeinung ist Markus das älteste Evangelium. Gemäß der Zweiquellentheorie nutzten Matthäus und Lukas es zusammen mit der angenommenen Logienquelle Q, einer griechischen Sammlung von Jesusworten. Schwierigkeiten bereiten dabei die „minor agreements“, also kleinere gemeinsame Abweichungen von Matthäus und Lukas gegenüber Markus. Daher werden unter anderem ein „Urmarkus“ oder ein später überarbeiteter „Deutero-Markus“ als Vorlage erwogen. Trotz solcher Probleme bleibt die Zweiquellentheorie, häufig in veränderter Form, der wichtigste Ausgangspunkt der Forschung.
Das Werk wurde ursprünglich anonym überliefert. Die Überschrift „Evangelium nach Markus“ kam erst später hinzu. Um 100 n. Chr. bezeichnete Papias von Hierapolis einen Markus als Dolmetscher des Petrus, der dessen Erinnerungen sorgfältig aufgeschrieben habe. Die spätere kirchliche Tradition setzte ihn mit Johannes Markus aus Jerusalem gleich, einem Begleiter von Paulus und späteren Schüler des Petrus. Historisch-kritisch bleibt diese Identifizierung umstritten: Sprachliche und theologische Beobachtungen sprechen teils für, teils gegen einen judenchristlichen Autor palästinischer Herkunft. Über die Person des Verfassers besteht daher keine Einigkeit.
Meist wird das Evangelium um 70 n. Chr. oder kurz danach datiert. Hauptgrund ist Mk 13,2, das häufig als nachträgliche Ankündigung der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 verstanden wird. Andere Forschende datieren den Text wegen der Ereignisse des Jüdischen Krieges auf 68/69 oder noch vor 70. Eine Datierung um 50, die auf der Zuordnung des Papyrusfragments 7Q5 zu Mk 6,52–53 beruhte, gilt als hoch umstritten und wurde widerlegt. Als Entstehungsort nennt die kirchliche Tradition Rom; dafür werden Latinismen angeführt. Alternativ werden Syrien, besonders Antiochia am Orontes, Galiläa, die Dekapolis oder Kleinasien vorgeschlagen. Jerusalem und Palästina werden wegen mangelnder Ortskenntnisse des Autors allgemein abgelehnt.
Adressaten, Sprache und Quellen
Das Evangelium richtete sich wahrscheinlich vorwiegend an eine heidenchristliche Gemeinde, weil es jüdische Bräuche erklärt und semitische Ausdrücke übersetzt. Zugleich dürften Judenchristen zur Leserschaft gehört haben, da Fragen zu Sabbat, Fasten und Reinheit ausführlich behandelt werden. Die Gemeinde betrieb vermutlich Mission unter Nichtjuden. Möglicherweise war sie von starker Endzeiterwartung, innergemeindlichen Propheten und äußeren Repressionen durch römische oder jüdische Behörden geprägt.
Die Sprache ist die Koine, das verbreitete Alltagsgriechisch der Zeit. Sie wirkt schlicht, umgangssprachlich und häufig parataktisch: Sätze werden nebeneinandergestellt und oft mit „und“ oder „aber“ verbunden. Markus erzählt episodisch und anschaulich, wechselt lebhaft zwischen Zeitformen und verwendet häufig das historische Präsens. Einige Forschende sehen darin nicht mangelnde Sprachbeherrschung, sondern einen bewusst kunstvollen „einfachen Stil“. Theologische Begriffe stammen vielfach aus der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments; daneben treten zahlreiche Latinismen auf. Jesus wird ausgesprochen menschlich gezeigt: Er ist zornig und traurig, hungrig und müde, nimmt Kinder in die Arme und erlebt Todesangst.
Markus verarbeitete ältere christliche Überlieferungen aus Missionspredigt, Gottesdienst, Gemeindelehre und Verteidigung des Glaubens. Als bereits zusammenhängende, wahrscheinlich schriftliche Vorlage gilt besonders der Passionsbericht. Auch Teile der Endzeitrede und kleinere Sammlungen von Streitgesprächen, Gleichnissen und Lehren könnten vorgelegen haben. Das Evangelium enthält vor allem Wunder- und Exorzismusgeschichten; Jesusworte sind gegenüber Matthäus und Lukas seltener. Die Logienquelle Q war Markus wahrscheinlich unbekannt. Die Gesamtkomposition sowie vermutlich die Schweigegebote und mehrere Leidensankündigungen werden seiner redaktionellen Arbeit zugeschrieben. Das älteste Textzeugnis mit größeren Abschnitten ist Papyrus P45, datiert auf das Ende des 2. bis den Anfang des 3. Jahrhunderts.
Aufbau und Handlungsverlauf
Das Evangelium lässt sich grob in Jesu vollmächtiges Wirken und seinen Weg zum Kreuz gliedern.
• Mk 1,1–13 führt Jesus als Sohn Gottes ein. Johannes der Täufer tritt als verheißener Vorläufer auf; bei der Taufe wird Jesus von Gott als Sohn offenbart und anschließend in der Wüste versucht.
• Mk 1,14–8,26 schildert Jesu Wirken in Galiläa und den Nachbargebieten. Er verkündet das Reich Gottes, beruft Jünger, heilt Kranke, treibt Dämonen aus und lehrt in Gleichnissen. Zu den zentralen Erzählungen gehören die Heilung eines Gelähmten, die Sturmstillung, die Speisungen der Fünftausend und der Viertausend sowie die Heilung von Blinden, Tauben und Besessenen. Jesus setzt den Zwölferkreis ein und sendet ihn aus. Gleichzeitig wachsen Ablehnung und Konflikte, besonders über Sabbat, Fasten, Reinheit und Jesu Vollmacht. Johannes der Täufer wird hingerichtet. Jesu Wirken weitet sich zunehmend auf Nichtjuden aus.
• Mk 8,27–10,52 beginnt mit dem Messiasbekenntnis des Petrus. Drei Leidensankündigungen strukturieren den Weg nach Jerusalem; jedes Mal reagieren die Jünger mit Unverständnis. Jesus erklärt Nachfolge als Dienst und Bereitschaft zum Leiden. Der Weg führt von Caesarea Philippi über Galiläa, die Jordansenke und Jericho bis vor Jerusalem. Das letzte Heilungswunder gilt dem blinden Bartimäus.
• Mk 11,1–13,37 behandelt Jesu Auftreten in Jerusalem. Auf den Einzug folgen die Tempelreinigung und offene Auseinandersetzungen mit den religiösen Autoritäten. Streitfragen betreffen unter anderem die kaiserliche Steuer, die Auferstehung, das wichtigste Gebot und die Vollmacht Jesu. Die Endzeitrede beschreibt Katastrophen als Anfang des Endes, tröstet und ermutigt die Gemeinde und ruft zur Wachsamkeit auf.
• Mk 14,1–16,8 erzählt Passion, Tod und leeres Grab. Nach der Salbung in Betanien und dem Verrat des Judas feiert Jesus das Pessachmahl und deutet seinen Tod als Hingabe für „die vielen“. In Getsemani erlebt er Angst und Verlassenheit. Judas überliefert ihn dem Synhedrion, dieses an Pilatus und Pilatus an die Soldaten. Jesus wird gekreuzigt und stirbt; ein römischer Hauptmann bekennt: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ Frauen finden später das leere Grab und hören die Botschaft des Engels.
Reich Gottes, Messias und Gottessohn
Die Herrschaft oder das Reich Gottes ist das Zentrum der Verkündigung Jesu. Der Ausdruck bezeichnet sowohl Gottes Ausübung königlicher Macht als auch sein immerwährendes, unzerstörbares Reich. Dieses bringt nach dem Gericht über widergöttliche Mächte ewiges Heil. Für Markus ist die Gottesherrschaft in Jesu Wirken bereits angebrochen, besonders in Heilungen und Exorzismen; Jesus ist aber nicht ihr Auslöser, sondern handelt in Gottes Auftrag. Das Heil gilt Juden und Nichtjuden und setzt Glauben voraus. Deshalb soll das Evangelium allen Völkern verkündet werden. Gleichnisse von Aussaat, Wachstum und Ernte fordern dazu auf, dem endgültigen Kommen der Gottesherrschaft zuversichtlich entgegenzusehen.
Die Deutung der Gleichnisse ist umstritten. Nach der Parabeltheorie verhüllen sie die Wahrheit vor „Außenstehenden“ und wirken als Gericht über ein widerspenstiges Volk. Andere verstehen sie als didaktisches Mittel, als Ausdruck der grundsätzlichen Unzugänglichkeit Gottes oder als Hinweis darauf, dass Offenbarung und Glaube Gnade sind.
Markus bezeugt Jesus von Beginn an als Christus, also Messias, und als Sohn Gottes. Dieser Titel bezeichnet keine körperliche Abstammung, sondern Jesu einzigartige Beziehung zu Gott, seine Sendung und Vollmacht. Anders als ältere Vorstellungen, die Jesu Einsetzung als Gottessohn mit der Auferstehung verbanden, setzt Markus sie bereits bei der Taufe an. Jesus erscheint zugleich als Wundertäter, königlicher Messias und endzeitlicher Heilbringer, jedoch nicht als vor seiner Geburt existierendes Wesen.
Der Titel „Menschensohn“ stammt aus jüdisch-apokalyptischer Tradition. Er bezeichnet eine Gott nahestehende Gestalt mit besonderer Vollmacht im Endgeschehen. Bei Markus verweist er auf Jesu Leiden und Dienst, zugleich aber auch auf seine Vollmacht und seine Rolle als endzeitlicher Richter. In Mk 14,61–62 werden Messias, Gottessohn und Menschensohn miteinander verbunden.
Das sogenannte Messiasgeheimnis besteht vor allem aus Jesu Geboten an Dämonen, Geheilte und Jünger, seine Identität nicht bekannt zu machen. Es soll zeigen, dass Jesus nicht allein aus seinen Wundern verstanden werden kann. Erst Kreuz und Auferstehung ermöglichen vollständige Erkenntnis. Deshalb bildet das Bekenntnis des Hauptmanns unter dem Kreuz eine Schlüsselszene: Markus stellt einer auf sichtbaren Ruhm gerichteten „Theologie der Herrlichkeit“ eine „Theologie des Kreuzes“ gegenüber.
Nachfolge, Gottesvolk und Passion
Jüngerschaft entsteht meist durch Jesu Berufung und ist mit Umkehr verbunden. Natürliche Bindungen werden relativiert; an ihre Stelle tritt die Gemeinschaft der Glaubenden als „Familie Gottes“. Maßstab sind Gottes- und Nächstenliebe. Nachfolge bedeutet Dienst statt Rangstreit und verlangt nach Mk 8,34 die Bereitschaft, das eigene Kreuz auf sich zu nehmen.
Die Zwölf sind Zeugen des Lebens Jesu und verbinden sein Wirken mit der späteren kirchlichen Verkündigung. Sie werden zu ähnlichem Handeln wie Jesus bevollmächtigt und vertreten die gesamte Jüngerschaft. Zugleich versagen sie: Sie verstehen Jesu Leidensweg nicht, streiten um Rang und verlassen ihn in der Passion. Damit warnt Markus seine Gemeinde, sich nicht auf menschliche Vorbilder, sondern auf Jesus zu verlassen. Die erneute Berufung nach dem Versagen zeigt Jüngerschaft und Glauben als geschenkte Gnade.
Markus stellt dem alten ein neues Gottesvolk aus allen Völkern gegenüber. Der Zwölferkreis erscheint als dessen Grundlage. Seine Kritik richtet sich gegen zentrale Formen jüdischer Religionspraxis: Sabbat und Speisevorschriften werden neu bewertet, die Nächstenliebe relativiert eine bloß gesetzliche Praxis, und die Tempelreinigung wird als Ende des bisherigen Kultes gedeutet. Juden bleiben jedoch Teil des neuen Gottesvolkes, wenn sie glauben.
Das ganze Evangelium läuft auf Jesu unschuldigen Tod hinaus und wurde deshalb als „Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung“ bezeichnet. Die Taufe eröffnet sein öffentliches Wirken, die Wunder zeigen seine Vollmacht, doch erst sein Leiden offenbart seine Identität vollständig. Johannes der Täufer geht ihm als verheißener Vorläufer sowohl im Auftreten als auch im gewaltsamen Tod voraus.
Ursprüngliches Ende und religionsgeschichtliche Stellung
Die ältesten Handschriften, Codex Sinaiticus und Codex Vaticanus, enden mit Mk 16,8: Die Frauen fliehen erschrocken vom leeren Grab. Auch in der Minuskel 304 aus dem 12. Jahrhundert fehlen die Verse 16,9–20. Ein kurzer späterer Schluss findet sich im Codex Bobiensis. Der heute bekannte „kanonische Schluss“ Mk 16,9–20 entstand vermutlich in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts und verbindet Elemente aus Lukas, Johannes und der Apostelgeschichte.
Ob Markus bewusst mit 16,8 endete oder ob der ursprüngliche Schluss verloren ging, ist umstritten. Für einen Verlust sprechen der sprachlich abrupte Abschluss mit „nämlich“ und die in Mk 14,28 erwartete Erscheinung des Auferstandenen. Für ein bewusstes Ende spricht, dass der Engel die wesentlichen Inhalte der Osterbotschaft verkündet und das offene Ende die Kreuzestheologie hervorhebt.
Religionsgeschichtlich markiert Markus zwei Übergänge: von mündlichen Jesusüberlieferungen zur zusammenhängenden Evangelienschreibung und vom jüdisch-palästinischen Umfeld zum hellenistisch-römischen Kulturraum. Frühere schriftliche Traditionen wie Jesusworte oder die Passionserzählung behandelten nur einzelne Bereiche. Markus stellte wahrscheinlich erstmals Jesu Weg von der Taufe bis zum Kreuz in einer chronologischen Erzählung dar. Dafür verband er Elemente des alttestamentlichen Prophetenbuches mit der Form hellenistischer Biografien und schuf die literarische Gattung „Evangelium“. Diese Form wurde von Matthäus, Lukas, Johannes und späteren apokryphen Autoren übernommen.