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Redaktionsgeschichte
Die Redaktionskritik fragt nach der theologischen Ausrichtung der Verfasser und ggfs. Redaktoren eines biblischen Textes. Sie untersucht die Konzepte, die …
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Gegenstand und Ziel der Redaktionsgeschichte
Redaktionsgeschichte, auch Redaktionskritik, ist ein Teil der historisch-kritischen Methode zur Auslegung biblischer Texte. Sie fragt nach der theologischen Ausrichtung der Verfasser und gegebenenfalls der Redaktoren, also der Bearbeiter eines Textes.
Untersucht werden die Konzepte, die bei der Auswahl von Themen und Textvorlagen, bei deren Bearbeitung, bei Formulierungen sowie bei der Komposition eines Gesamtwerks geleitet haben. Während Text- und Formkritik Einzelheiten betrachten, richtet die Redaktionskritik den Blick auf den theologischen Zusammenhang, in dem und für den ein Endredaktor schreibt. Einzelne Passagen sollen anschließend aus diesem Gesamtzusammenhang verstanden werden.
Die alt- und neutestamentlichen Schriften werden dabei als Werke verschiedener Redaktoren betrachtet. Diese haben Texte oder Textsammlungen mit eigenen theologischen Interessen zusammengeführt, bearbeitet und dadurch möglicherweise in ihrer Aussage verändert.
Entstehung und Anwendungsbereich
Die Methode entstand seit den 1950er Jahren in der deutschsprachigen Exegese. Ansätze finden sich bereits bei Günther Bornkamm und Hans Conzelmann. Willi Marxsen gilt jedoch als eigentlicher Initiator, weil er den Begriff prägte und in die Exegese einführte. Ausgangspunkt war seine 1956 veröffentlichte Habilitationsschrift „Der Evangelist Markus. Studien zur Redaktionsgeschichte des Evangeliums“.
Die Redaktionsgeschichte setzt die Kenntnis unterschiedlicher Traditionslinien voraus. Deshalb wird sie vor allem in der Evangelienexegese verwendet: Die synoptische Überlieferung bietet dafür reiches Vergleichsmaterial. Sie kann aber auch auf andere Texte angewandt werden, wenn mehrere Überlieferungslinien greifbar sind. Als Beispiel nennt der Text die alttestamentlichen Schöpfungsgeschichten, in deren Tradition auch die Auseinandersetzung mit babylonischem Gedankengut, etwa dem Gilgamesch-Epos, eingeflossen ist.
Woran redaktionelle Bearbeitung erkennbar wird
Redaktionelle Eingriffe können sich unter anderem an stilistischen Änderungen, Erläuterungen für bestimmte Lesergruppen, Auslassungen, Kürzungen und Straffungen zeigen. Weitere Ansatzpunkte sind die Neuformulierung von Bildern, damit sie Zuhörern verständlich werden, Umstellungen von Abläufen, die Ergänzung von Stoff aus anderen Traditionslinien sowie die Komposition ursprünglich unabhängiger Aussagen.
Auch eine Dramatisierung kann auf Bearbeitung hindeuten. Ein Beispiel für unterschiedliche Anordnungen ist die Versuchung Jesu: Bei Matthäus lautet die Folge Wüste – Jerusalem – Berg, bei Lukas Wüste – Berg – Jerusalem. Als stilistisches Beispiel nennt der Text Präsens Historicum bei Markus und Vergangenheitsform bei Lukas.
Methodisches Vorgehen und typische Motive
Redaktionsgeschichte ist erst nach Literarkritik möglich. Zunächst müssen Passagen erkannt und isoliert werden, die nachträglich in einen vorhandenen Text eingefügt wurden. W. Richter betonte dies in „Exegese als Literaturwissenschaft“ (1971). Es soll daher präzise von „Texten“ oder Textteilen gesprochen werden, nicht ungenau von nachträglich verbundenen „Traditionen“.
Für jeden isolierten redaktionellen Beitrag kann die Stilistik sowohl die Einfügungstechnik als auch die Motivation des Eingriffs untersuchen. Ein Eingriff kann besonders in künstlerisch anspruchsvollen Texten die literarische Struktur stören, widersprüchliche Informationen erzeugen oder irritieren. Gerade solche Beobachtungen ermöglichen es der Literarkritik, redaktionelle Beiträge abzugrenzen.
Harald Schweizer nennt nach Analysen der Josefsgeschichte (Gen 37–50) typische Motive: Redaktoren können durch Vorgriffe Spannung vorzeitig auflösen, Erzähllücken ausschmücken und damit Texte zerdehnen oder durch Zusatzakzente und Korrekturen Aussagen verändern. Weitere mögliche Folgen sind Verdopplungen, die aus einem redaktionellen „Zugzwang“ entstehen, die Dämpfung starker Gefühle, eine gewaltsame Einfügung religiöser Aussagen, pathetische oder quantitative Dramatisierungen und die Ergänzung poetischer Bilder durch vertrautere Bilder.
Beispiele sind Gen 37,4, wo die Brüder Josef bereits „hassten“, bevor dies erzählerisch verständlich werde, und Gen 41,41–43, wo Josefs schneller Aufstieg durch Siegelring, Goldkette, prunkvolle Kleider und Jubelrufe ausgeschmückt werde. In Gen 41 ergänzt ein Redaktor das ursprünglichere Bild der „Kühe“ durch das der „Ähren“.