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Formgeschichte

Die Formgeschichte untersucht den biblischen Text nach dem Theologen Karl Ludwig Schmidt im Hinblick auf die dort enthaltenen Textgattungen. Statt …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Methode und Ziel
  2. 2. Poetische Liedformen
  3. 3. Nicht-erzählende Prosa
  4. 4. Erzählende Prosa
  5. 5. Boten- und Prophetensprüche

Methode und Ziel

Die Formgeschichte ist eine Methode innerhalb der historisch-kritischen biblischen Exegese. Sie untersucht und klassifiziert die Textgattungen eines Bibeltextes und fragt nach ihrem „Sitz im Leben“, also nach der typischen gesellschaftlichen, religiösen oder praktischen Situation, in der eine Textform verwendet und überliefert wurde. Mit leichten Bedeutungsunterschieden werden auch die Bezeichnungen Formkritik und Gattungskritik gebraucht.

Für die Auslegung ist die Gattung wichtig, weil unterschiedliche Textformen unterschiedliche Aussageabsichten haben. Hymnenartige Texte wie die Psalmen setzen beispielsweise einen stärkeren Akzent auf Glaubensaussagen als auf historische Berichte. Die Bücher der Könige und der Chronik besitzen dagegen eine größere historische Aussagekraft. Auch der erste Schöpfungsbericht (1. Mose 1,1–2,4a) wird anders verstanden, wenn man ihn teilweise als polemische Abgrenzung von den mesopotamisch-vorderasiatischen Nachbarstaaten Israels und nicht als naturwissenschaftlichen Faktenbericht liest.

Bei mündlich weitergegebenen Überlieferungen ist nach Martin Dibelius die persönliche Eigenart eines einzelnen Erzählers weniger wichtig als die Form. Diese entsteht durch praktische Bedürfnisse oder wird durch Brauch und Herkommen überliefert.

Poetische Liedformen

Lieder bilden den Hauptteil des Psalters. Grundlegend unterscheidet die Formgeschichte zwischen Klageliedern und Dankliedern sowie zwischen Liedern des Einzelnen und Liedern des Volkes.

Klagelieder stellen den Grundstock und Hauptanteil des Psalters dar. Ihre typische Struktur umfasst:

  • die Anrufung Gottes, häufig mit Gottesepitheta, also ehrenden oder kennzeichnenden Bezeichnungen Gottes;
  • die Klage über eine konkrete Not und die Frage nach Gottes Hilfe;
  • ein Vertrauensbekenntnis, das an frühere Heilserfahrungen erinnert;
  • die Bitte um Gottes Eingreifen;
  • eine Begründung, etwa die eigene Unschuld oder Gottes Bundestreue;
  • Gelübde und Dank, oft verbunden mit der Gewissheit, erhört zu werden.

Zu den Klageliedern des Einzelnen gehören unter anderem Psalm 3, 5, 6, 7, 13, 17, 22 und 25. Untergruppen sind Gebete unschuldig Angeklagter, etwa Psalm 4, 7 und 11, die in der christlichen Liturgie besonders bedeutsamen Bußpsalmen 6, 32, 38, 51, 102, 130 und 143 sowie Vertrauenslieder wie Psalm 16, 23, 62 und 131. Klagelieder des Volkes wurden bei öffentlichen Klagefeiern gesungen, wie Joel 1–2 sie beschreibt. Anlässe konnten Krieg, Seuche, Missernte oder Hungersnot sein.

Weitere Gattungen sind das Leichenlied, hebräisch „qina“, etwa in 2 Sam 1,19–27, das Siegeslied wie das Lied am Schilfmeer in Ex 15,1–21, das Liebeslied wie das Weinberglied in Jes 5,1–7 und Passagen des Hoheliedes sowie das Hochzeitslied, beispielsweise Hld 3,6–11 und Psalm 45 zur Hochzeit des Königs. Nur vereinzelt begegnen unter anderem Trink-, Spott-, Wächter-, Arbeits- und Kinderlieder.

Nicht-erzählende Prosa

Zur nicht-erzählenden Prosa gehören Texte, deren Hauptzweck nicht im Erzählen einer Handlung liegt:

  • Lehrreden und Predigten, etwa Jeremias Tempelrede in Jer 7,1–15, Ezechiels Rede an die Ältesten Israels in Ez 20 und zahlreiche Abschnitte des Deuteronomiums;
  • Abschiedsreden von Josua (Jos 23), Samuel (1 Sam 12) und David (1 Kön 2,1–9);
  • Verträge, deren Text teilweise im Bibeltext erhalten ist, etwa Jeremias Ackerkauf in Anatot (Jer 32), der Vertrag zwischen Isaak und Abimelech (Gen 26,26–33) und der Königsvertrag zwischen David und den Nordstämmen (2 Sam 5,1–3);
  • kasuistisches Recht mit „Wenn-dann“-Formulierungen, beispielsweise im Bundesbuch Ex 21–23;
  • apodiktisches Recht mit absoluten Geboten oder Verboten, beispielsweise im Dekalog Ex 20;
  • Briefe, darunter Jehus Brief an die Obersten von Samaria (2 Kön 10,1ff.), Jeremias Brief an die Exilierten (Jer 29) und die diplomatische Korrespondenz mit dem persischen Großkönig (Esr 4);
  • Rituale wie die Opferrituale in Lev 1–7;
  • Prosa-Gebete von Einzelnen außerhalb des Tempels, etwa Simsons Gebet in Ri 16,28. Die meisten anderen Gebete des Alten Testaments gehören zu den poetischen Formen.

Erzählende Prosa

Die meisten größeren Einheiten des Alten Testaments bestehen aus erzählender Prosa. In sie können poetische Texte und nicht-erzählende Prosa eingebettet sein. Daneben gibt es kleinere Erzähleinheiten verschiedener Gattungen.

Mythen sind nur in Resten und Bruchstücken vorhanden. Dazu zählen besonders die Urgeschichte in Gen 1–11, das Drachenkampfmotiv in Jes 51,9 und der Sturz Luzifers in Jes 14,12–15. Auch Märchen erscheinen nur bruchstückhaft, etwa in der Geschichte von Bileams Eselin (Num 22,22–35) und in den Elia- und Elischa-Erzählungen. Vollständig erhalten sind zwei Fabeln: Jothams Spottfabel vom König der Bäume über die Monarchie (Ri 9,8–15) und die Kurzfabel in 2 Kön 14,9.

Sagen gelten als Vorstufe der Geschichtsschreibung. Sie geben mündlich überlieferte Erinnerungen wieder, die durch spätere geschichtliche Erfahrungen ergänzt wurden. Ihre Hauptfiguren erscheinen eher als Menschentypen denn als individuelle Persönlichkeiten. Große Teile der Überlieferung über die vorstaatliche Zeit Israels haben Sagencharakter, besonders Gen 12–50, Ex, Num, Jos, Ri und 1 Sam. Ätiologische Sagen erklären die Namen von Orten oder auffälligen Landschaftsmerkmalen.

Legenden überschneiden sich mit Sagen, behandeln aber besonders heilige Dinge, Orte und Personen. Sie können ätiologisch ein Heiligtum oder eine Kultpraxis begründen. Beispiele sind Jakobs Traum in Bethel (Gen 28,10ff.), Moses Berufung (Ex 3), Samuels Jugend am Heiligtum in Silo (1 Sam 1–3), die Erzählungen von der Bundeslade sowie Teile der Elia- und Elischa-Erzählungen. Heldensagen sind vergleichsweise selten und begegnen vor allem in der Richter- und frühen Königszeit, etwa in Ri 9, Ri 13–16, 1 Sam 11 und 1 Sam 13f.

Annalen sind nach Jahren geordnete Aufzeichnungen des Königshofs oder Tempels. Das Alte Testament erwähnt etwa eine „Chronik Salomos“ sowie Bücher der Geschichte der Könige Israels und Judas, doch diese Werke selbst sind nicht erhalten. Teile davon dienten wahrscheinlich als Vorlagen biblischer Geschichtsschreibung. Amtliche Geschichtsschreibung ordnete Informationen außerdem nach Sachgruppen in Listen, darunter Richter-, Orts-, Beute- und Beamtenlisten.

Eigentliche Geschichtsschreibung stellt nicht nur Ereignisse aneinander, sondern behandelt auch deren Bedingungen, Umstände, Gründe, Motivationen und Folgen. Sie beginnt im Alten Testament mit König David, besonders mit der Geschichte seines Aufstiegs (1 Sam 16,14 bis 2 Sam 5,25) und seiner Thronnachfolge (2 Sam 6 bis 1 Kön 2). Das Deuteronomistische und das Chronistische Geschichtswerk folgen jeweils einer theologischen Leitidee. Sie bilden häufig den Rahmen, in den andere Gattungen wie Gesetze und poetische Texte eingefügt und theologisch gedeutet werden.

Boten- und Prophetensprüche

Der „Spruch“ steht zwischen Poesie und Prosa. Der weltliche Botenspruch war im gesamten Alten Orient verbreitet. Seine Elemente sind in Gen 32,4–6 deutlich zu erkennen: die Sendung mit Adressat, Ort und Auftrag, die Botenformel „So hat gesprochen …“ und der eigentliche Botenspruch.

Prophetische Botensprüche, früher auch Orakel genannt, sind nach diesem weltlichen Muster gestaltet. Vor der Sendung steht oft die Wortereignisformel „Und es erging das Wort JHWHs an mich“. Der Prophetenspruch wird durch „ko amar JHWH“ („so spricht JHWH“) eingeleitet und/oder durch „neum JHWH“ („Ausspruch JHWHs“) als Zwischen- oder Schlussformel gekennzeichnet.

Zu den prophetischen Redeformen gehören:

  • Die Gerichtsankündigung oder das Drohwort kündigt das Gericht JHWHs über Israel, seinen König oder benachbarte Völker an. Sie kann das Fehlverhalten des Volkes ausdrücklich als Grund nennen, wie Am 3,1–2, oder ohne Begründung stehen, wie Am 7,11.
  • Die Anklage, auch Scheltwort genannt, benennt das Fehlverhalten des Volkes oder Königs. Häufig begründet sie eine folgende Gerichtsankündigung; Beispiele stehen in Hos 4,1ff. und Jes 5,21.
  • Der Mahnspruch fordert das Volk auf, wieder den rechten Weg einzuschlagen, etwa Am 5,14.
  • Das Verheißungswort oder Heilsorakel kündigt Gottes Heilung und Rettung an. Beispiele sind Hos 14,4, Jes 9,1–6 und viele Texte in Deutero- und Tritojesaja (Jes 39–66). Jes 9,1–6 wurde später jüdisch und christlich auf die Geburt des Messias gedeutet.

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