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Evangelium nach Matthäus
Aufklärung und Liberalismus sahen Jesus Christus vor allem als Verkünder einer neuen Ethik, in diesem Zusammenhang konnte das Christentum geradezu als „Religion …
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Einordnung, Entstehung und Text
Das Evangelium nach Matthäus, kurz Mt, ist das erste der vier Evangelien des Neuen Testaments. Zusammen mit Markus und Lukas gehört es zu den Synoptischen Evangelien, weil diese drei Bücher die Jesusüberlieferung in ähnlicher Weise darstellen. Matthäus erzählt Jesus von Nazaret als königlichen Messias, „Sohn Davids“, Sohn Gottes und „Gott-mit-uns“ (Immanuel). Jesu Lehre, sein Handeln, sein Tod und seine Auferstehung sollen zeigen, dass sich die Verheißungen der heiligen Schriften Israels erfüllen.
Der Verfasser nennt seinen Namen nicht. Der griechische Titel εὐαγγέλιον κατὰ Μαθθαῖον, „Evangelium nach Matthäus“, wurde später hinzugefügt, war aber wohl schon um 100 n. Chr. bekannt. Die altkirchliche Überlieferung schrieb das Buch dem Zöllner und Jünger Matthäus zu. Papias von Hierapolis berichtete, Matthäus habe „in hebräischer Sprache die Worte zusammengestellt“. Das erhaltene Evangelium wurde jedoch auf Griechisch verfasst: Sein einheitlicher Stil spricht gegen eine Übersetzung aus dem Hebräischen oder Aramäischen. Möglicherweise meinte Papias eine „jüdische Darstellungsweise“ statt einer bestimmten Sprache.
Nach der Mehrheitsmeinung der historisch-kritischen Forschung ist der Autor unbekannt. Er gilt häufig als judenchristlicher Gemeindeleiter mit schriftgelehrter Bildung. Sein Griechisch ist gehobener, knapper und stärker gegliedert als das des Markusevangeliums; typisch sind wiederkehrende Formeln, Leitwörter, Chiasmen und Inklusionen. Als Entstehungszeit gelten meist etwa 80/90 n. Chr., jedenfalls nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70. Als Entstehungsraum wird überwiegend Syrien vermutet, oft Antiochia am Orontes; auch andere Städte kommen infrage.
Eine Minderheitsmeinung hält am Apostel Matthäus als Verfasser fest und datiert das Werk etwa 55–65 n. Chr. nach Palästina. Andere Vermittlungsmodelle nehmen an, dass Traditionen des Jüngers Matthäus in einer Schule weitergegeben und das Evangelium Ende der 70er Jahre von einer einzelnen Verfasserpersönlichkeit ausgearbeitet wurden.
Der Text ist durch zahlreiche Papyri sowie Majuskel- und Minuskelhandschriften überliefert. Zu den bedeutenden frühen Fragmenten gehört der in Oxyrhynchos gefundene Papyrus 𝔓¹ aus dem frühen 3. Jahrhundert mit Mt 1,1–9.12.
Quellen, Gattung und Aufbau
Nach der weithin anerkannten Zweiquellentheorie benutzte Matthäus zwei griechische Vorlagen: das Markusevangelium als erzählerisches Grundgerüst und die nicht erhaltene Logienquelle Q als Sammlung vor allem von Jesusworten. Hinzu kommt das matthäische Sondergut, also Stoff, der nur bei Matthäus überliefert ist. Etwa 50 % des Matthäustextes stammen aus Markus; rund 80 % des Markusevangeliums wurden in Matthäus aufgenommen. Etwas mehr als 25 % entfallen auf Q, etwas weniger als 25 % auf Sondergut. Möglicherweise lag dem Autor außerdem eine Sammlung von Erfüllungszitaten aus dem Alten Testament vor. Umstritten ist unter anderem, ob Matthäus und Lukas eine heute verlorene Fassung des Markusevangeliums benutzten. Die Minderheitsposition bestreitet dagegen die Markuspriorität und nimmt an, Markus habe Matthäus gekürzt oder sich an ihm orientiert.
Gattungsgeschichtlich wird das Werk meist als antike Biografie oder „Enkomion-Biografie“, also als lobende Lebensdarstellung einer bedeutenden Person, verstanden. Es unterscheidet sich von gewöhnlichen Biografien dadurch, dass es eine als einmalig verstandene Lebensgeschichte erzählt.
Eine eindeutige Gliederung ist schwierig. Kennzeichnend sind fünf große Reden Jesu: die Bergpredigt in Kapitel 5–7, die Aussendungsrede in Kapitel 10, die Gleichnisrede in Kapitel 13, die Gemeinderede in Kapitel 18 sowie die Pharisäer- und Endzeitrede in Kapitel 23–25. Das „Fünf-Bücher-Modell“ verbindet jede Rede mit einem erzählenden Abschnitt und deutet Jesus teilweise als neuen Mose; die thematische Verbindung zwischen Erzählung und Rede ist jedoch oft schwach. Eine andere Deutung sieht eine Ringkomposition mit der Gleichnisrede als Mitte.
Heute wird Matthäus überwiegend als fortlaufende Erzählung verstanden, die dem Handlungsaufbau des Markusevangeliums folgt: Jesu Wirken in Galiläa und sein Weg nach Jerusalem in Leiden, Tod und Auferstehung. Darin sind die Reden so eingefügt, dass sie sich unmittelbar an die Lesenden richten. Inhaltlich reicht der Bogen von den Kindheitsgeschichten, Taufe und Versuchung über Jesu Lehre, Wunder und Konflikte bis zum Weg nach Jerusalem, zur Passion und zur Auferstehung. Das Evangelium endet mit dem Auftrag, Menschen aus allen Völkern zu Jüngern zu machen, sie zu taufen und zu lehren (Mt 28,19–20).
Jesus, Jüngerschaft und Gemeinde
Matthäus stellt Jesus zu Beginn als Immanuel, „Gott-mit-uns“, vor. Er erklärt diese Aussage nicht abstrakt, sondern durch Erzählungen. Ereignisse wie die Sturmstillung oder die Heilung Blinder berichten einerseits von Jesu Leben und spiegeln andererseits Glaubenserfahrungen der Gemeinde nach Ostern.
In der Passionsgeschichte weiß Jesus im Voraus von Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung. Obwohl er als Sohn Gottes Engelsheere zu Hilfe rufen könnte, wählt er Leiden und Gewaltlosigkeit. Seine letzten Worte sind wie bei Markus ein Zitat aus Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus stirbt als Betender. Außerordentliche Zeichen bestätigen ihn nach Matthäus, und römische Soldaten bekennen ihn als Gottes Sohn. Der Auferstandene begegnet den Jüngern nicht in Jerusalem, sondern in Galiläa.
Für das Gemeindeverständnis sind die Begriffe „Jünger“ und „nachfolgen“ zentral. Die Jünger sind Lernende des „einzigen Lehrers“, zugleich aber „kleingläubig“ und fehlerhaft. Als erzählerische Identifikationsfiguren zeigen sie, wie Christen ihre Erfahrungen im Licht des Lebens Jesu verstehen und durch das Befolgen seiner Gebote nach ethischer Vollkommenheit streben sollen.
Das Vaterunser ist ein besonderes Gebet der Gemeinde. Simon Petrus hat mehrere Funktionen: Er spricht für die übrigen Jünger, wird von Jesus belehrt und korrigiert, verkörpert zugleich Mut und Schwäche und gilt als einmalige Gründergestalt sowie Garant der Jesusüberlieferung. Nach seinem Bekenntnis zu Jesus als „Sohn des lebendigen Gottes“ erklärt Jesus ihn zum „Felsen“, auf dem er seine Ekklesia, das heißt Kirche oder Gemeinde, bauen will. Matthäus rechnet jedoch nicht ausdrücklich mit Amtsnachfolgern des Petrus.
Die Gemeinde erscheint bildlich als Boot, in das Menschen einsteigen und das sie trotz Stürmen an ein neues Ufer trägt. Durch den abschließenden Missionsbefehl öffnet sie sich Menschen aus allen Völkern; Taufe und Unterweisung gliedern diese in die Ekklesia ein.
Bergpredigt, Gerechtigkeit und Gericht
Die Bergpredigt ist der Kerntext des von Jesus verkündigten „Evangeliums vom Reich“. Sie enthält unter anderem die Seligpreisungen, das Vaterunser sowie Bilder wie „Salz der Erde“, „Licht der Welt“ und das Haus auf Fels oder Sand. Matthäus fordert eine „bessere Gerechtigkeit“, die sich in konkreten Taten zeigen soll. Dazu gehören das Doppelgebot der Liebe, Barmherzigkeit als Kern der Tora, die Zuwendung zu Schwachen sowie die Identifikation Jesu mit den „Geringsten“.
Zugleich verbindet das Evangelium ethische Forderungen häufig mit dem kommenden Gericht. In der Bildrede vom Weltgericht (Mt 25,31–46) werden Menschen danach beurteilt, ob sie Hungrigen, Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken und Gefangenen geholfen haben. Jesus erklärt, dass Hilfe für die Geringsten ihm selbst gilt. Die Handelnden wissen dabei nicht, dass sie ihm in den Notleidenden begegnen. Gericht, „äußerste Finsternis“, „Heulen und Zähneklappern“ bilden deshalb eine auffällige Warnsprache des Evangeliums.
Diese Ethik wird kritisch beurteilt: Die polemische Gegenüberstellung zur Gerechtigkeit der Pharisäer kann das Judentum moralisch abwerten. Außerdem bleibt innerhalb der sichtbaren Kirche unsicher, wer im Gericht gerettet wird. Dem stehen die starke Betonung von Liebe, Barmherzigkeit, Gewaltlosigkeit und Verantwortung für benachteiligte Menschen gegenüber.
Die Bergpredigt wurde unterschiedlich verstanden: als wörtlich geltender Lebensentwurf, als besondere Vollkommenheitsforderung, als unerfüllbarer „Sündenspiegel“, als persönliche Entscheidung vor Gott oder als Impuls für Gewaltlosigkeit und Friedensethik. Diese Wirkungsgeschichte zeigt ihre Bedeutung, legt ihren Sinn aber nicht einheitlich fest.
Judentum, Israel und Völkermission
Das Verhältnis des Matthäusevangeliums zum Judentum ist besonders umstritten. Einerseits bezieht kein anderes neutestamentliches Buch die Jesusgeschichte so durchgehend auf die heiligen Schriften und religiösen Traditionen Israels. Jesus lehrt Israel, verkündet die Nähe der Gottesherrschaft, heilt Kranke und wird als „Sohn Davids“ bezeichnet. Andererseits zeichnet Matthäus Pharisäer, Schriftgelehrte und andere jüdische Autoritäten äußerst negativ.
Ob die Matthäusgemeinde noch innerhalb des Judentums lebte oder sich bereits von der Synagoge getrennt hatte, ist ungeklärt. Hinweise auf eigene Versammlungen sprechen für eine Abgrenzung; zugleich blieb das Judentum offenbar ihr wichtigster Lebens- und Denkhorizont. Warnungen vor Misshandlungen in Synagogen können bedeuten, dass Jesusjünger diese weiterhin aufsuchten. Der Konflikt lässt sich daher als innerjüdischer Streit um die legitime Auslegung der gemeinsamen Traditionen verstehen; andere Forschende nehmen bereits einen vollzogenen Bruch an.
Auch eine Verwerfung Israels wird unterschiedlich beurteilt. Ulrich Luz sieht Antijudaismus in der Gesamtkomposition: Am Ende blieben „die Juden“ in einer Sackgasse zurück, während die Gemeinde zur weltweiten Mission aufbreche. Matthias Konradt widerspricht: Nicht Israel werde durch die Kirche ersetzt, sondern schlechte Autoritäten würden durch Jesu Jünger abgelöst. Entsprechend kann Mt 8,11–12 entweder als Ankündigung der Verwerfung Israels und Öffnung für Nichtjuden oder als Ersetzung palästinischer Juden durch zurückkehrende Diasporajuden verstanden werden.
Matthäus bringt Jesu Tod mit der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 in Verbindung. Besonders Mt 27,25 und Mt 22,7 deuten die Katastrophe als Gericht über Jerusalem und seine Autoritäten. Umstritten bleibt, ob damit Gottes Geschichte mit Israel als beendet gilt oder weiterhin offenbleibt.
Der Missionsbefehl öffnet die Gemeinde ausdrücklich für alle Völker. Unsicher ist, ob nichtjüdische Neuchristen die ganze Tora übernehmen und sich beschneiden lassen sollten. David Sim bejaht dies; andere verweisen darauf, dass „Gottesfürchtige“ auch ohne Beschneidung am jüdischen Gemeindeleben teilnehmen konnten. Der Text selbst nennt Taufe und Lehre, aber keine Beschneidung.
Bedeutung, Forschung und problematische Wirkung
Seit dem 2. Jahrhundert war Matthäus das wichtigste Evangelium der mehrheitlich nichtjüdischen Großkirche. Es diente als Lehr- und Lesebuch und prägte die bekannte Gestalt vieler Jesusgeschichten stärker als Markus oder Lukas. Auch judenchristliche Gruppen betrachteten es als maßgeblich. Bis heute nimmt es in katholischen, evangelischen und orthodoxen Gottesdienstordnungen großen Raum ein; im katholischen Lesejahr A steht es im Mittelpunkt.
Die Forschung ging lange von der Priorität des Matthäus aus. Seit dem 19. Jahrhundert setzte sich schrittweise die Markuspriorität und anschließend die Zweiquellentheorie durch. Im 20. Jahrhundert untersuchten Formgeschichte und Redaktionskritik zunächst die mündlichen Einzelüberlieferungen und dann die eigenständige theologische Bearbeitung durch den Evangelisten. Die katholische Forschung war durch Entscheidungen der Päpstlichen Bibelkommission von 1911 und 1912 zunächst auf apostolische Verfasserschaft, aramäische Ursprache und Matthäuspriorität festgelegt. Ab der Enzyklika Divino afflante spiritu von 1943 öffnete sie sich stärker der historisch-kritischen Forschung. Seit den 1990er Jahren wird erneut intensiv diskutiert, ob Matthäus als judenchristliches oder sogar als jüdisches Buch zu verstehen ist.
Besonders folgenreich war das „Felsenwort“ Mt 16,18. Seit dem 3. Jahrhundert begründete die römische Kirche damit ihren Führungsanspruch; Leo der Große erklärte im 5. Jahrhundert, Petrus lebe in seinen Amtsnachfolgern fort. Historisch-kritisch lässt sich eine direkte Nachfolgelinie vom biblischen Petrus zum Papst jedoch kaum aus dem Text ableiten.
Eine schwere Wirkung hatte die antijüdische Auslegung. Pauschale Urteile über Pharisäer und Schriftgelehrte sowie der sogenannte „Blutruf“ Mt 27,25 wurden zur Abwertung und Verfolgung von Juden benutzt. Nach Luz bezog Matthäus die Verantwortung auf die Zerstörung Jerusalems und erwartete keinen jahrhundertelangen Fluch; die spätere Auslegung machte jedoch genau daraus ein dauerhaftes Urteil über das jüdische Volk. Das Zweite Vatikanische Konzil wies 1965 in Nostra aetate zurück, Jesu Tod allen damals lebenden oder heutigen Juden anzulasten. Diese Wirkungsgeschichte verlangt einen kritischen Umgang mit den polemischen Aussagen des Evangeliums, ohne seine Verwurzelung in den Traditionen Israels zu übersehen.