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Biblische Exegese
Biblische Exegese (veraltet auch Exegetik) ist die Auslegung von Texten des Tanach im Judentum und von Texten des Alten Testaments und Neuen Testaments im …
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Grundbegriff und Auslegungsfragen
Biblische Exegese ist die Auslegung der Texte des Tanach im Judentum sowie des Alten und Neuen Testaments im Christentum. Sie soll fachlich gebildeten Lesern und Laien helfen, Aussagen, Inhalte sowie historische und textliche Zusammenhänge zu erfassen. Exegese untersucht einen konkreten Text; die biblische Hermeneutik klärt dagegen Voraussetzungen und Ziele des Auslegens. Wissenschaftliche Exegese steht in engem Austausch mit Philologie und Literaturwissenschaft.
Die christliche Bibel wird von den meisten Christen weder als wörtlich zu befolgendes Gesetzbuch noch als bloße Sammlung veralteter Erzählungen verstanden. Ihre Texte können historische Informationen, symbolische Aussagen, überlieferte Lebenserfahrungen und Deutungen von Gottes Wirken enthalten. Sie dienen vielen Menschen auch als Hilfe zur Verarbeitung und Deutung eigener Erfahrungen.
Schwer verständliche Stellen können mit exegetischen Methoden untersucht werden. Daneben steht das Nachdenken darüber, wie leicht verständliche Aussagen auf das eigene Leben wirken. Umstritten ist, wie die seit den 1970er Jahren stark vermehrten Methoden zusammenhängen, ob ihre Voraussetzungen vereinbar sind und welche Rolle eine ausdrücklich theologische Interpretation spielen soll.
Als „Eisegese“ bezeichnet man polemisch das Gegenteil textgerechter Auslegung: Eine bereits vorhandene Meinung wird in einen Text hineingelesen. Vollständig voraussetzungslos liest allerdings niemand. Das Vorverständnis umfasst Vorstellungen, die Leser bereits über Gott, die biblische Zeit und die Einheit der Bibel besitzen. Auch die Regel „Schrift muss durch Schrift erklärt werden“ kann dieses Vorverständnis verstärken, weil aus zahlreichen möglichen Vergleichsstellen immer eine Auswahl getroffen wird.
Geschichtliche Grundlinien
Die jüdische Auslegung unterscheidet zwischen schriftlicher und mündlicher Tora. Die mündliche Tora umfasst die schriftgelehrte Diskussion, die besonders in Mischna und Talmud schriftlich überliefert ist und in rabbinischen Debatten fortgesetzt wird. Dieses Konzept kann auch einander widersprechende Positionen integrieren. Der Midrasch bezeichnet vor allem Kommentar- und Predigtliteratur zu den wöchentlichen Tora-Lesungen; Targumim sind aramäische Bibelübersetzungen, die teilweise stark paraphrasieren und Auslegung in den Text aufnehmen.
Zwei klassische Grundpositionen werden mit Rabbi Jischmael und Rabbi Akiba verbunden. Jischmael betonte, die Tora rede „in der Sprache der Menschen“. Akiba suchte dagegen selbst in kleinsten sprachlichen Einzelheiten einen zusätzlichen Sinn des göttlichen Textes. Seit dem 10. Jahrhundert entstanden stärker rational und philologisch ausgerichtete rabbinische Kommentare, etwa von Raschi, Kimchi und Ibn Esra; sie wurden später teilweise intensiv von christlichen Auslegern genutzt.
Origenes (ca. 185–254) entwickelte die Vorstellung eines mehrfachen Schriftsinns. Johannes Cassianus baute sie im 5. Jahrhundert zum vierfachen Schriftsinn aus: Der Literalsinn erklärt den geschichtlichen Wortlaut; der allegorische Sinn deutet im Glauben und dogmatisch; der tropologische Sinn deutet moralisch „in Liebe“; der anagogische Sinn deutet endzeitlich „in Hoffnung“.
Die Reformatoren lehnten dieses Modell ab und suchten im Sinne von ad fontes und sola scriptura den Wort- oder Literalsinn. Im Protestantismus entstand vielfach die Vorstellung der Verbalinspiration, nach der die Bibel Wort für Wort vom Heiligen Geist inspiriert und wörtlich unfehlbar sei. Das Konzil von Trient (1545–1563) stellte demgegenüber die Auslegung der mehrdeutigen Schrift unter die Autorität des bischöflichen und päpstlichen Lehramts.
Seit der Aufklärung trennte die wissenschaftliche Exegese den Literalsinn der Bibel vom „Wort Gottes“ in der Bibel und untersuchte die Texte mit philologischen und historischen Methoden. Die Repristinationstheologie des 19. Jahrhunderts versuchte ohne dauerhaften Erfolg, den voraufklärerischen Umgang wiederherzustellen. Heute ähneln sich akademische Ergebnisse katholischer und evangelischer, mit Einschränkungen auch orthodoxer Exegeten weithin; ihre theologische Verwendung kann dennoch verschieden sein.
Historisch-kritische Untersuchung
Die historisch-kritische Methode ist die am weitesten verbreitete Form wissenschaftlicher Bibelauslegung. Sie will einen Text aus seinem damaligen historischen Kontext verstehen und legt besonderes Gewicht auf die Rekonstruktion seiner vermuteten Vorgeschichte. Dabei werden unter anderem Sprache, Quellen, literarische Gestalt und Entstehungsbedingungen untersucht.
Sie entwickelte sich seit dem 18. Jahrhundert, vor allem in der evangelischen Theologie Deutschlands, als Antwort auf dogmatisch bestimmte Auslegungsweisen. Unter dem Einfluss der Aufklärung wurde die Bibel zunehmend auch als historisches und literarisches Dokument betrachtet. Im 19. Jahrhundert erreichte dieser Ansatz einen Höhepunkt; Julius Wellhausen prägte besonders die alttestamentliche, Ferdinand Christian Baur die neutestamentliche Forschung. Die klassische Methode wurde vom 18. bis zum 20. Jahrhundert weiterentwickelt und nimmt in Deutschland weiterhin eine besondere Stellung ein.
Historisch-kritische Exegese versteht sich vorrangig als historische Wissenschaft und soll grundsätzlich keine anderen Methoden verwenden als die allgemeine Geschichtswissenschaft. Mit der Klassischen Philologie teilt sie insbesondere die Textkritik. Archäologie, Altorientalistik, Judaistik und Religionswissenschaft helfen, Sprachen, Lebensverhältnisse und materielle Hintergründe der Texte zu rekonstruieren. Neuere literaturwissenschaftliche Ansätze untersuchen dagegen stärker den Text in seiner vorliegenden Form. Zwischen historischer Entwicklung („Diachronie“) und der Betrachtung des fertigen Textes („Synchronie“) kann deshalb eine methodische Spannung entstehen.
Kontextuelle und sozialwissenschaftliche Zugänge
Kontextuelle Exegese erschließt Bibel und religiöse Tradition aus der Lage bestimmter, meist diskriminierter oder politisch unterdrückter Gruppen. Sie geht davon aus, dass es keine kontextfreie Auslegung gibt und dass sich gesellschaftliche Machtverhältnisse auch in vermeintlich wertfreien Interpretationen spiegeln. Daher ergreift sie bewusst Partei für Unterdrückte und untersucht Machtverhältnisse sowohl in der Gegenwart als auch zur Entstehungszeit der Texte. Dazu gehören feministische, befreiungstheologische und von Black Theology geprägte Ansätze.
Feministische Exegese erforscht Rolle und Leben von Frauen in der Bibel, hinterfragt die dortigen Männer- und Frauenbilder und untersucht patriarchale oder androzentrische, also männlich zentrierte, Einflüsse auf Texte, Übersetzungen und deren Wirkung. Zu ihren Verfahren gehören das Einnehmen der Perspektive einer Figur und das „gender switching“, bei dem Männer- und Frauenrollen vertauscht werden, um Geschlechterklischees sichtbar zu machen.
Black Theology entstand besonders in Südafrika und den USA. Sie liest die Bibel im Kontext der Lebenswirklichkeit schwarzer Menschen und berücksichtigt den christlichen Umgang mit Ausgegrenzten sowie Elemente afrikanischer Kulturen und Religionen. Die materialistische Bibellektüre untersucht dagegen gesellschaftliche und soziale Gegensätze. Fernando Belo verbindet dafür unter anderem historischen Materialismus und Gesellschaftstheorie und wendet seinen Ansatz exemplarisch auf das Markusevangelium an.
Weitere Ansätze übernehmen Methoden der Sozialwissenschaften. Sozialgeschichtliche Exegese rekonstruiert antike Gesellschaftsverhältnisse, kulturanthropologische Exegese arbeitet mit Ethnologie und vergleichender Kulturwissenschaft. Die interaktionale Auslegung ist gruppendynamisch, erfahrungsbezogen und ganzheitlich. Ihre drei Phasen sind: Nähe zum Text aus den eigenen Vorerfahrungen, Distanzierung durch die Fremderfahrungen des Textes und erneute Nähe durch Aktualisierung.
Literarische und theologische Methoden
Seit dem 20. Jahrhundert entstanden zahlreiche literaturwissenschaftliche und linguistische Methoden. Narrative Exegese untersucht biblische Texte als Erzählungen und wurde vom französischen Strukturalismus beeinflusst. Intertextuelle Exegese, seit Ende der 1990er Jahre ein verbreitetes Paradigma, erforscht Beziehungen zwischen Texten. Grundlage ist die in den 1960er Jahren um Julia Kristeva entwickelte Theorie der Intertextualität: Texte werden als Netzwerk verstanden, in dem Zeichensysteme aufeinander bezogen und ineinander übertragen werden. Die Kriterien für intertextuelle Echos von Richard B. Hays aus dem Jahr 1989 wurden dabei zu einem Standardinstrument.
Rezeptionsästhetische Exegese richtet sich nicht auf einen einzigen Sinn des Textes, sondern auf die Wechselwirkung zwischen Text und Leser und auf die Leserlenkung. Wirkungsgeschichtliche Exegese fragt, wie Bibeltexte zu verschiedenen Zeiten und in Medien wie Malerei, Architektur, Musik, Literatur, Predigt oder Film ausgelegt wurden. Dekonstruktivistische Exegese folgt der Vorstellung Jacques Derridas, Sinn sei ein unendliches Spiel von Zeichen. Hinzu kommen rhetorische, semiotische und textpragmatische Verfahren.
Theologische Ansätze setzen andere Schwerpunkte. Geistliche Exegese erwartet, dass der Heilige Geist den Text erschließt und für die Erfahrungswelt aktualisiert. Die Lectio divina wurde von Guigo II. als Folge von Lesung, Meditation, Gebet und Kontemplation dargestellt. Kanonische Exegese versteht einzelne Texte vor allem im Zusammenhang der gesamten, als Einheit aufgefassten Bibel und der Tradition, die zur Festlegung des Kanons führte. Dogmatische Exegese arbeitet systematisch-philosophisch Grundparameter des Glaubens heraus; in der katholischen Kirche berücksichtigt sie lehramtliche Festlegungen. Konfessionelle Exegese macht sichtbar, dass katholische, lutherische oder andere Voraussetzungen in die Interpretation einfließen.
Die grammatisch-historische, auch biblisch-kritische Methode wird vor allem von evangelikalen Theologen verwendet. Sie fragt nach der ursprünglichen Absicht des Autors, analysiert Grammatik und Wortbedeutung und nutzt teilweise historisch-kritische Werkzeuge. Zugleich betrachtet sie die Bibel als von Gott inspirierte Heilige Schrift, hält historisch berichtete Ereignisse grundsätzlich für geschichtlich und rechnet mit Wundern. Fundamentalistische Exegese geht ausdrücklich von Verbalinspiration und Irrtumsfreiheit aus und versteht nichtpoetische Texte als genaue historische Berichte. Existenzialistische Exegese sucht in den Texten nach grundlegenden Bedingungen menschlicher Existenz.
Beziehungen zu anderen Wissenschaften
Die Exegese nimmt Methoden vieler textinterpretierender Wissenschaften auf. Wegen des begrenzten Textbestands und der zugleich hohen und umstrittenen Bedeutung der Bibel entwickelte sie besonders genaue Methoden und eine reflektierte Hermeneutik. Bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkte sie wesentlich an der Entstehung einer allgemeinen Hermeneutik mit. Heute beeinflusst sie andere Wissenschaften methodisch nur wenig, übernimmt aber zahlreiche ihrer Erkenntnisse und wirkt dadurch als interdisziplinärer Schmelztiegel.
Neben Geschichtswissenschaft, Philologie und Archäologie bestehen Verbindungen zur Philosophie, besonders zur philosophischen Hermeneutik von Hans-Georg Gadamer und Paul Ricœur. Sprachwissenschaft, Semiotik und Kommunikationstheorie prägen neuere Methoden. Literatur- und Kulturwissenschaften helfen, Erzählweisen und die Wirkung biblischer Stoffe in Literatur, Musik, Kunst, Theater und Film zu untersuchen. Als Beispiele nennt der Artikel Johann Sebastian Bachs Johannespassion, Kreuzigungsbilder von Lucas Cranach dem Älteren, die Oberammergauer Passionsspiele und Mel Gibsons Film „Die Passion“.
Soziologie, Psychologie und Kulturanthropologie liefern Grundlagen für sozialwissenschaftliche, psychologische, tiefenpsychologische und ethnologisch orientierte Auslegungen. Wirtschafts- und Politikwissenschaft nutzen biblische Texte unter anderem als Quellen der Wirtschafts- und Ideengeschichte; Theologen gewinnen daraus außerdem Ansätze für Wirtschafts- und politische Ethik. Pädagogik und Religionspädagogik greifen auf exegetische Ergebnisse zurück. Naturwissenschaftliche Fachkenntnisse werden vereinzelt benötigt, etwa bei Tier-, Pflanzen-, Mineral-, Stern- und Krankheitsbezeichnungen. Über die Archäologie bestehen auch indirekte Beziehungen zu Ingenieurwissenschaften, beispielsweise bei der Rekonstruktion damaliger Häuser, Tempel, Schiffe und Straßen.
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