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Sumer
In Sumer wurde erstmals in der Menschheitsgeschichte der Übergang zu einer Hochkultur vollzogen. Die Sumerer lebten in Stadtstaaten mit bis zu Zehntausenden von …
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Grundlagen und Bedeutung
Sumer bezeichnet die Kulturlandschaft des unteren mesopotamischen Schwemmlandes. Sie erstreckte sich zwischen dem antiken Nippur, etwa 180 km südlich der heutigen Stadt Bagdad, und dem Persischen Golf, dessen Küste damals weiter nördlich lag als heute. Die Bewohner heißen Sumerer. Die Kulturlandschaft wird vom 4. Jahrtausend bis zum 2. Jahrtausend v. Chr. angesetzt und bestand etwa 2000 Jahre.
Sumer ist besonders wichtig, weil dort erstmals in der Menschheitsgeschichte der Übergang zu einer Hochkultur vollzogen wurde. Eine Hochkultur meint hier eine komplexe Gesellschaft mit Städten, Verwaltung, Schrift, Arbeitsteilung und politischer Organisation. Die Sumerer lebten in Stadtstaaten, also politisch eigenständigen Städten mit ihrem Umland, die bis zu Zehntausende Einwohner haben konnten.
Zu den wichtigsten Leistungen gehören einige der ältesten Schriftstücke der Menschheit. Die Sumerer schrieben zunächst eine keilschriftähnliche Bilderschrift auf Tontafeln. Daraus entwickelte sich später eine Silbenschrift, die Keilschrift. Weil Tontafeln sehr haltbar sind, ist über Sumer und die folgenden Epochen ungewöhnlich viel bekannt.
Name und zeitliche Einordnung
Die Sumerer nannten ihr Land selbst ki-en-gir, übersetzt „Land der edlen Herren“, wörtlich „Land“ + „Herren“ + „Edel“. Ihre Sprache nannten sie emegi(r). Der heutige Name Sumer geht auf das akkadische Wort šumerum zurück. Es bezeichnete sowohl das Land als auch die Bewohner des südlichsten Mesopotamiens. In altbabylonischer Zeit nannten sich Herrscher oft „König von Sumer und Akkad“. Damit erhoben sie Anspruch auf das gesamte südliche Mesopotamien, das später Babylonien genannt wurde.
Die archäologische Abfolge beginnt mit der Uruk-Zeit. Sie dauerte mehr als 1000 Jahre und wird in Frühe, Mittlere und Späte Uruk-Zeit gegliedert. Besonders die Späte Uruk-Zeit ist im Süden Mesopotamiens gut belegt. In ihr wuchs die Bevölkerung schnell, eine vierstufige Gesellschaftshierarchie entstand, und Siedlungen wurden erstmals so groß, dass man sie Städte nennen kann. Auch Armeen und organisierte Kriegsführung lassen sich archäologisch erkennen.
Auf die Uruk-Zeit folgte die Dschemdet-Nasr-Zeit. Ihr Gebiet ist nicht eindeutig bestimmt; es könnte auf das Tal des Diyala und die sumerische Ebene beschränkt gewesen sein. Sie wird von 3200 bis 2900 v. Chr. datiert, kann archäologisch aber auf etwa 100 Jahre komprimiert werden.
Die Frühdynastische Zeit begann 2900 v. Chr. und endete mit der Machtergreifung des ersten akkadischen Königs 2340 v. Chr. Sie gilt als die Zeit, in der das politische Konzept der Stadtstaaten erstmals deutlich Form erhielt. Danach folgte das Reich von Akkad, das die sumerische Ebene erstmals unter einem Herrscher vereinigte. Die letzte Phase begann mit Ur-Nammu und der III. Dynastie von Ur. Diese Zeit war wirtschaftlich erfolgreich und brachte große Wiederaufbauprojekte hervor. Mit dem Fall der III. Dynastie von Ur um 2000 v. Chr. endete die politische Macht Sumers dauerhaft.
Landschaft, Klima und Wirtschaft
Sumer liegt heute größtenteils im südlichen Irak, im Schwemmgebiet der Flüsse Euphrat und Tigris. Ein Schwemmgebiet ist eine Landschaft, die durch abgelagerte Sedimente von Flüssen entstanden ist. Die Region war stark von küstennahem Marschland geprägt. Da Euphrat und Tigris Sedimente ablagerten, verschob sich die Golfküste im Lauf der Zeit nach Südosten.
Die Sedimente bildeten fruchtbare Böden, die grundsätzlich für Ackerbau geeignet waren. Wegen niedriger und wechselhafter Niederschläge war Landwirtschaft aber nur nahe der Flüsse oder durch künstliche Bewässerung möglich. Anders als in Ägypten kam die Frühjahrsflut spät und konnte dadurch die Ernte gefährden. Hohe Temperaturen führten außerdem zu starker Verdunstung. Dadurch konnte der Boden versalzen, also durch zu viel Salz unfruchtbarer werden. Gegen Versalzung halfen das Ausschwemmen der Böden und Brachenwirtschaft, bei der Felder zeitweise nicht bestellt werden.
Landwirtschaftlich bot Sumer gute Möglichkeiten, etwa für Getreide, Flachs, Dattelpalmen, Rinder, Schafe und Fischfang. Bodenschätze gab es dagegen fast keine. Gesteine, Metalle und Bauhölzer mussten von weit her importiert werden. Deshalb waren die wichtigsten Baumaterialien Lehm, Schilf beziehungsweise Reet und Erdpeche.
Für die Zeit vor etwa 4.200 Jahren deuten Untersuchungen von Matthew Konfirst (2012) auf eine längere Trockenphase im Nahen Osten und in Mesopotamien hin. Dieses Ereignis heißt 4,2-Kilojahr-Ereignis. Der jährliche Niederschlag nahm deutlich ab, ebenso die Zahl der Niederschläge. In der Folge wurden 74 Prozent der alten mesopotamischen Siedlungen aufgegeben, und das besiedelte Gebiet verringerte sich um 93 Prozent.
Entstehung von Städten und Schrift
Die Vorgeschichte der sumerischen Bevölkerung ist nicht eindeutig geklärt. Früher nahm man oft an, die Sumerer seien kurz vor oder sogar erst nach der Entstehung der Hochkultur eingewandert. Heute wird häufiger erwogen, dass die sumerische Bevölkerung bereits zu den Trägern der vorangehenden Obed-Kultur gehörte. Andere Einwanderungstheorien bleiben spekulativ; eine These nennt nordöstliche Regionen, etwa das iranische Hochland oder die Kaukasus-Region.
Die ältesten bekannten Siedlungsreste stammen aus dem 6. Jahrtausend v. Chr. Frühere Spuren könnten unter mächtigen Flusssedimenten und wegen des hohen Grundwasserspiegels im Südirak für die Archäologie schwer zugänglich sein. Von den frühesten Siedlungen aus lässt sich eine weitgehend kontinuierliche Entwicklung zu größeren sozialen Einheiten erkennen. Im späten 4. Jahrtausend v. Chr. erreichte diese Entwicklung mit Uruk einen ersten Höhepunkt.
Uruk bekam eine Bedeutung, die weit über Sumer hinausging. Für ein mögliches Netz von Pflanzstädten wurde der umstrittene Begriff „Uruk World System“ geprägt. Im zentralen Eanna-Bezirk von Uruk entstand eine monumentale Architektur, deren Funktion bis heute nicht abschließend geklärt ist. In der Schicht Archaisch IVa wurden die ältesten Tontafeln mit Schrift gefunden. C14-Daten für ein großes Gebäude, in dessen Resten solche Tafeln lagen, liegen zwischen 3500 und 3310 v. Chr. Da das Gebäude bereits eine Zeit lang bestanden hatte und die Schrift vor seiner Zerstörung erfunden worden sein muss, kann die älteste Schrift auf etwa 3350 v. Chr. datiert werden.
Im ausgehenden 4. Jahrtausend bestanden die Texte vor allem aus wirtschaftlichen Texten, Listen und wahrscheinlich einem einzelnen literarischen Text. Im 3. Jahrtausend v. Chr. wurden die Texte vielfältiger. Nun wurden gelegentlich grammatische Elemente sowie verständliche Personen- und Götternamen notiert. Dadurch ist sicher, dass die Sprache dieser Texte Sumerisch war.
Politische Geschichte
Im 3. Jahrtausend v. Chr. waren wichtige Städte und meist Stadtstaaten in Sumer Adab, Eridu, Isin, Kisch, Kullaba als Teil von Uruk, Lagaš, Larsa, Nippur, Ur und Uruk. In ihnen herrschten lokale Dynastien, die häufig miteinander in Konflikt standen. Ein Beispiel dafür ist die Inschrift der Geierstele. Die spätere sumerische Königsliste erweckt den Eindruck, diese Dynastien hätten sich geordnet abgewechselt und es habe ein übergeordnetes Königtum über ein altsumerisches Reich gegeben. Der Artikel betont jedoch, dass dies keine historisch korrekte Darstellung ist.
Uruk erhielt in dieser Zeit seine berühmte große Stadtmauer mit über 900 Bastionen. Später wurde ihr Bau dem König Gilgamesch zugeschrieben. Da es für diese Zeit noch keine Herrscherinschriften gibt, lässt sich das aus zeitgenössischen Quellen nicht bestätigen.
In der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends entstand erstmals ein Territorialstaat, also ein Herrschaftsgebiet, das über einzelne Stadtstaaten hinausging. Besonders Sargon von Akkad betrieb diese Entwicklung und behauptete, ganz Mesopotamien unter seine Kontrolle gebracht zu haben. Das akkadische Reich ging im frühen 22. Jahrhundert v. Chr. unter. Als Gründe nennt der Artikel lokale Unruhen, das Eindringen der Gutäer genannten Völker und mögliche klimatische Veränderungen.
Danach bestanden wieder vor allem Stadtstaaten, bis nach etwa einem Jahrhundert ein Herrscher von Uruk größere Landesteile unter seine Kontrolle brachte. Dies bereitete die III. Dynastie von Ur vor. Ihr Begründer Ur-Nammu war der erste Herrscher, der seine Herrschaft auch auf geschriebene Gesetze gründete. Der Staat der III. Dynastie von Ur bestand etwas mehr als 100 Jahre und ging durch Überfälle der Elamer aus dem heutigen Iran unter. Danach nahm die Bevölkerungszahl ab, und Amurriter wanderten von Norden in frei werdende Gebiete ein. Später konnte Hammurapi I. von Babylon wieder ein großes Reich errichten.
Sprache, Schrift und kulturelles Erbe
Die sumerische Schrift entwickelte sich aus einer Wortschrift zu einer gemischten Wort- und Silbenschrift. Eine Wortschrift verwendet Zeichen für ganze Wörter; eine Silbenschrift verwendet Zeichen für Silben. Anfangs wurden noch Linien gezogen. Später drückten Schreiber einen besonders geformten Griffel in Ton. So entstand das typische Aussehen mit Keilen und Winkelhaken, das zur modernen Bezeichnung Keilschrift führte.
Nach dem Ende des Reiches von Ur III starb Sumerisch vermutlich innerhalb weniger Jahrzehnte als Alltagssprache aus. Es gibt jedoch unterschiedliche Annahmen darüber, ob dies früher oder später geschah. Nach einer Hypothese von Walther Sallaberger war eine Veränderung des Laufes des Tigris in einer ohnehin schwierigen Lage entscheidend, weil Gebiete aufgegeben werden mussten, in denen Sumerisch noch stark verankert war. Als Umgangssprache wurde Sumerisch durch das semitische Akkadisch ersetzt. Später wurde Akkadisch durch Aramäisch und schließlich durch Arabisch ersetzt.
Trotzdem blieb Sumerisch als Prestigesprache lange wichtig. Schreiber lernten es weiterhin, es wurde noch lange gelegentlich für offizielle Inschriften genutzt und spielte auch in Kult und Magie eine Rolle. Dieses Nachleben dauerte fast zwei Jahrtausende.
Der Einfluss der sumerischen Kultur auf spätere mesopotamische Kulturen war sehr groß. Ein sumerisches Sprichwort aus altbabylonischen Schreiberschulen lautete: „Ein Schreiber, der kein Sumerisch kann, was für ein Schreiber ist das?“ Besonders wichtig sind die erste Erfindung der Schrift, die ersten geschriebenen Gesetze, die älteste schriftlich fixierte Literatur und Anfänge der Mathematik. Das sumerische Sexagesimalsystem, also ein Zahlensystem auf der Grundlage 60, wirkt bis heute nach: Es findet sich in der Einteilung des Winkels in 360 Grad sowie in Stunden und Minuten, auch wenn diese Zeit- und Winkeleinheiten erst später entwickelt wurden.
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