Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Sumerische Sprache

Gesprochen wurde Sumerisch in Südmesopotamien vor allem im 3. Jahrtausend v. Chr., seine Anfänge liegen im Dunkeln. Spätestens ab 2000 v. Chr. wurde es …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Bedeutung
  2. 2. Geschichte der Sprache
  3. 3. Sprachkontakte und Wiederentdeckung
  4. 4. Grammatischer Bau und Laute
  5. 5. Nomen, Kasus und Nominalketten
  6. 6. Verben und Beispiele

Einordnung und Bedeutung

Sumerisch, Eigenbezeichnung eme-ĝir „einheimische Sprache“, war die Sprache der Sumerer in Südmesopotamien. Nach bisherigem Kenntnisstand ist sie mit keiner anderen bekannten Sprache verwandt und gilt deshalb als isolierte Sprache. Grammatisch ist sie überwiegend suffigierend und agglutinierend: Wörter werden aus einem Stamm und mehreren klar abgegrenzten Morphemen aufgebaut, die jeweils eine grammatische Funktion tragen.

Sumerisch wurde vor allem im 3. Jahrtausend v. Chr. gesprochen. Spätestens ab 2000 v. Chr. wurde es vermutlich nur noch als Zweitsprache verwendet und besonders vom Akkadischen, also Babylonisch und Assyrisch, verdrängt. Ab der ausgehenden altbabylonischen Zeit im 17. Jahrhundert v. Chr. war es als gesprochene Sprache ausgestorben. Als Gelehrtensprache für Religion, Literatur, Wissenschaft und offizielle Inschriften blieb es aber in Mesopotamien bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch.

Besonders wichtig ist Sumerisch, weil es nach heutigem Wissen die erste Sprache ist, für die eine Schrift entwickelt wurde, etwa um 3300 v. Chr. Die schriftliche Überlieferung umfasst ungefähr 3000 Jahre. Die Keilschrift entstand aus eingeritzten Zeichen auf Ton und wurde später auch für andere Sprachen übernommen, darunter Akkadisch, Elamisch, Hethitisch, Hurritisch und Urartäisch. Ursprünglich war sie vor allem logographisch, das heißt ein Zeichen stand für ein Wort. Später kamen nach dem Rebus-Prinzip Silbenwerte hinzu, meist V, CV, VC oder CVC, sodass eine logographisch-phonologische Schrift entstand.

Geschichte der Sprache

Die Sprachgeschichte wird in mehrere Perioden eingeteilt. Das Archaische oder Frühsumerische reicht von 3100 bis 2600 v. Chr. Aus dieser Zeit stammen vor allem Wirtschafts- und Verwaltungstexte aus Uruk und Šuruppak. Weil grammatische Elemente nur selten geschrieben wurden, helfen diese Texte nur begrenzt beim Verständnis der Grammatik.

Das Altsumerische umfasst etwa 2600 bis 2150 v. Chr. Überliefert sind viele Wirtschafts- und Verwaltungstexte, erste längere Königsinschriften und einzelne literarische Texte, besonders aus Lagaš. Nach dem semitisch geprägten Reich von Akkad (2350–2200 v. Chr.) kam es zu einer sumerischen Renaissance.

Das Neusumerische von 2150 bis 2000 v. Chr. ist besonders gut belegt, vor allem aus der III. Dynastie von Ur. Es gibt sehr viele Wirtschaftstexte aus Lagaš, Umma und Ur sowie Rechts- und Prozessurkunden. Für die Grammatik sind die Bauhymnen des Ensis Gudea von Lagaš um 2130 v. Chr. zentral.

Das Spätsumerische von 2000 bis 1700 v. Chr. wurde in Teilen Südmesopotamiens noch gesprochen, vor allem aber als Schriftsprache für Gesetze, Verwaltungstexte und königliche Inschriften verwendet, oft zweisprachig sumerisch-akkadisch. Viele ältere literarische Werke wurden in dieser Zeit schriftlich fixiert, darunter sumerische Teile des Gilgamesch-Epos. Im Nachsumerischen von 1700 bis 100 v. Chr. war Sumerisch keine gesprochene Sprache mehr, blieb aber Gelehrten-, Kult- und Literatursprache.

Sprachkontakte und Wiederentdeckung

Im 3. Jahrtausend v. Chr. spielte Sumerisch in Südmesopotamien sprachlich die Hauptrolle, wurde aber zunehmend vom Akkadischen begleitet. Seit etwa 2600 v. Chr. standen Sumerer und semitische Akkader in engem Kontakt. Der Artikel beschreibt diesen Prozess eher als Assimilation und Integration als als dauerhafte Feindschaft. Es entstand ein sumerisch-akkadisches linguistisches Konvergenzgebiet, also ein Raum wechselseitiger sprachlicher Beeinflussung. Etwa 7 % des akkadischen Wortschatzes gelten als Entlehnungen aus dem Sumerischen; in späteren sumerischen Perioden gab es umgekehrt einen drei- bis vierprozentigen akkadischen Anteil.

Ob die Sumerer in Südmesopotamien einheimisch waren oder im 4. Jahrtausend v. Chr. zuwanderten, bleibt ungeklärt. Ältere Forschung nahm eine vorsumerische Bevölkerung und ein „protoeuphratisches“ Substrat an, also eine ältere Sprachschicht, aus der etwa Ortsnamen, Götternamen oder Fachwörter stammen sollten. Heute gilt diese Deutung nicht als sicher. G. Rubio fasst die Lage so zusammen, dass kein einheitliches Substrat nachweisbar sei, sondern ein komplexes Netz von Entlehnungen, deren Richtung oft schwer bestimmbar ist.

Um die Zeitenwende gingen Kenntnisse des Sumerischen und der Keilschrift verloren. Bei der Entzifferung der Keilschrift seit dem frühen 19. Jahrhundert erkannte man zunächst Akkadisch, Altpersisch und Elamisch. Jules Oppert nannte 1869 eine weitere Sprache erstmals Sumerisch, nach akkadisch šumeru. Ihre Existenz und Benennung blieben zunächst umstritten, wurden aber durch bilinguale Texte aus Ninive und Funde aus Lagaš gesichert. François Thureau-Dangin erschloss die Sprache 1907 mit Die sumerischen und akkadischen Königsinschriften für die wissenschaftliche Erforschung.

Viele Versuche, Sumerisch mit anderen Sprachen oder Sprachfamilien zu verbinden, konnten die Fachwelt nicht überzeugen. Die Sprache wird mehrheitlich weiter als isoliert betrachtet. Einige Forscher, etwa John D. Bengtson, sehen sie als Kandidaten für eine dene-kaukasische Makrofamilie; dies ist aber nicht allgemein anerkannt.

Grammatischer Bau und Laute

Sumerisch wird als agglutinierende Split-Ergativsprache mit grammatischem Geschlecht beschrieben. Split-Ergativität bedeutet, dass nicht immer dasselbe Satzbausystem gilt: Neben ergativen Konstruktionen gibt es in bestimmten Zusammenhängen auch ein Nominativ-Akkusativ-Muster, wie man es aus vielen europäischen Sprachen kennt. Das Verb steht am Satzende. Nominalphrase und Verbalphrase sind eng miteinander verbunden.

Eine Besonderheit ist, dass Substantiv und Verb nicht klar als verschiedene Wortarten ausgeprägt sind. Dieselben Stämme können beide Funktionen übernehmen. Das Beispiel dug bedeutet sowohl „Rede“ als auch „sprechen“. Welche Funktion gemeint ist, zeigen Funktionsmarker und Stellung im Satz.

Die Lautlehre ist schwer zu rekonstruieren, weil Sumerisch lange ausgestorben ist und in einem nicht immer eindeutigen Schriftsystem überliefert wurde. Das aus der Schrift erkennbare Phoneminventar wirkt einfach: vier Vokale /a e i u/ und 16 Konsonanten. Manche Punkte sind umstritten, etwa die genaue Deutung des Phonems /r̂/ oder /dr/ und die Existenz und Aussprache eines /h/-Phonems. Auch die Morphologie, besonders das Präfixsystem des finiten Verbs, wird in der Forschung unterschiedlich erklärt.

Das Sumerische unterscheidet bei Nomina zwei Klassen: Personenklasse und Sachklasse, genauer Nicht-Personenklasse. Tiere gehören meist zur Sachklasse. Diese Einteilung wirkt sich unter anderem auf Pluralbildung und Konjugation aus, ist am Wort selbst aber nicht formal erkennbar.

Nomen, Kasus und Nominalketten

Sumerisch hat zwei Numeri: Singular und Plural. Der Singular ist unmarkiert. Der Plural wird nur bei Nomina der Personenklasse markiert; der Marker lautet /-ene/, nach Vokalen /-ne/. Bei Zahlwörtern entfällt diese Markierung. Nomina der Sachklasse bleiben im Plural unmarkiert, können aber auch durch Doppelsetzung oder durch das Attribut -hi.a pluralisch wirken. Beispiele sind diĝir-ene „die Götter“, lugal-ene „die Könige“, bad „die Mauer“ oder „die Mauern“ und udu-hi.a „verschiedene Schafe“.

Als Ergativsprache unterscheidet Sumerisch das Agens transitiver Verben vom Subjekt intransitiver Verben. Das Agens eines transitiven Verbs steht im Ergativ, während das Subjekt eines intransitiven Verbs und das direkte Objekt eines transitiven Verbs im Absolutiv stehen. Im Beispiel lugal-Ø mu-ĝen-Ø „der König kam“ steht lugal im Absolutiv. In lugal-e bad-Ø i-n-sig-Ø „der König riss die Mauer nieder“ steht lugal-e im Ergativ und bad im Absolutiv.

Kasus werden doppelt markiert: am Nomen durch Suffixe und am Verb durch Präfixe. Dieses Prinzip heißt double marking. In der älteren Forschung wurden neun nominale Kasus unterschieden, darunter Absolutiv, Ergativ, Genitiv, Äquativ, Dativ, Direktiv, Terminativ, Komitativ, Lokativ und Ablativ. Nach einer neueren Auffassung muss man nominale und verbale Markierung zusammen betrachten, wodurch sich mehr Kasuskombinationen ergeben. Beispiele sind lugal-ak „des Königs“, lugal-ra „für den König“, ĝeš-a „bei dem Baum“ und ĝeš-ta „vom Baum her“.

Possessivpronomen erscheinen als enklitische Formen am Nomen, etwa ama-zu „deine Mutter“ oder dub-ba-ni „seine/ihre Schreibtafel“. Sie stehen vor dem Kasusmarker. Nominalphrasen, auch Nominalketten genannt, folgen einer festen Reihenfolge: Kopf, Adjektive oder Partizipien, Zahlwörter, Genitivattribute, Relativsätze, Possessor, Pluralmarker, Appositionen und Kasusmarker. Dadurch können sehr komplexe, aber regelhafte Ketten entstehen, zum Beispiel dumu saĝ An-ak „die erstgeborene Tochter des An“ oder ama dumu zid-ani-ene-ak-ra „für die Mutter seiner wahren Söhne“.

Verben und Beispiele

Die finite sumerische Verbform ist sehr komplex. Neben Angaben zu Tempus, Aspekt und Person können auch Modalität, Richtung der Handlung, Rückverweise auf Nominalphrasen und pronominale Objekte in der Verbform stehen. Deshalb kann man von polysynthetischer Verbalbildung sprechen. Die Position der Morpheme ist genau festgelegt.

Eine sumerische Verbalform kann bis zu 14 Positionen oder Slots haben: vor der Verbalbasis bis zu zehn Präfixe, danach bis zu drei Suffixe. Slot 11 ist die Verbalbasis. Slot 1 enthält Negations-, Sequenz- oder Modalpräfixe; Slot 3 das Ventivpräfix /mu/ oder /m/, das eine Bewegung auf den Ort des Sachverhalts oder einer Ergänzung hin bezeichnet; Slot 4 das Mediumpräfix /ba/, das anzeigt, dass die Handlung das Subjekt oder seine Interessen betrifft; Slots 6 bis 9 enthalten adverbiale Präfixe wie Dativ /a/, Komitativ /da/, Ablativ /ta/, Terminativ /ši/, Lokativ /ni/ und Direktiv /i/ oder /j/. Ein prothetisches /i-/ kann auftreten, wenn die Form sonst phonologisch ungünstig wäre oder kein anderes Präfix vorhanden ist.

Sumerisch hat kein absolutes Tempussystem, sondern ein relatives Tempus-Aspekt-System. Das Präsens-Futur oder Imperfektiv bezeichnet gleichzeitige oder nachzeitige, noch nicht abgeschlossene Handlungen. Das Präteritum oder Perfektiv bezeichnet vorzeitige, abgeschlossene Sachverhalte. Zustandsverben bilden nur das Präteritum.

Verbalbasen werden in vier Klassen eingeteilt: unveränderliche Verben mit gleicher Basis für Präsens-Futur und Präteritum, reduplizierende Verben mit Wiederholung im Präsens-Futur, erweiternde Verben mit zusätzlichem Konsonanten im Präsens-Futur und suppletive Verben mit völlig verschiedener Basis. Beispiele sind šum „geben“ als unveränderlich, ge „zurückkehren“ mit Präsens-Futur ge-ge, e „hinausgehen“ mit Präsens-Futur ed und ĝen/er(e)/du/su(b) „gehen“ als suppletiv.

Die Konjugation zeigt die Split-Ergativität besonders deutlich. Im Präsens-Futur haben 1. und 2. Person praktisch ein Nominativ-Akkusativ-System, weil Agens und intransitives Subjekt durch gleiche pronominale Suffixe markiert werden, während Präfixe das Objekt kennzeichnen. Im Präteritum gilt durchgehend ein ergatives System: intransitives Subjekt und direktes Objekt verwenden dieselben pronominalen Suffixe der Reihe B. Typische Beispiele sind lugal mu-ĝen „der König kam“, lugal-e bad ì-in-sè „der König riss die Mauer(n) nieder“, mu-ra-an-sum „er gab es dir“ und nu-mu-ù-ta-zu „ich habe es von dir nicht erfahren“.

Weiterlesen

Mesopotamien Es entwickelten sich Stadtstaaten, Königreiche – Neuerungen für die Menschheit mit den Erfindungen der Schrift, der ersten Rechtsordnung, der ersten … Sumerer Nach den heutigen Erkenntnissen herrschten die Sumerer etwa ab der Obaid-Zeit bis zum Ende der Frühdynastisch-III-Phase, dann übernahmen Akkader in der … Suffix In der Wortbildung des Deutschen spielen Suffixe die größte Rolle bei Nomina / Substantiven; hier gibt es zwar auch einige Präfixe, aber wesentlich mehr Suffixe … Hochkultur (Geschichtswissenschaft) Als Hochkultur wird in der Geschichtswissenschaft sowie in älterer ethnologischer Fachliteratur eine Gesellschaftsordnung bezeichnet, die sich durch … Ägyptische Hieroglyphen Die ägyptischen Hieroglyphen hatten ursprünglich den Charakter einer reinen Bilderschrift. Im weiteren Verlauf kamen Konsonanten- und Sinnzeichen hinzu, so dass … Altorientalistik Ihr Forschungsinteresse reicht vom Auftreten der ersten Keilschrifttexte im späten 4. Jahrtausend v. Chr. bis zu den letzten überlieferten Keilschrifttexten im … Keilschrift Die Keilschrift wurde von den Sumerern erfunden und später von den Medern und anderen zahlreichen Völkern des Alten Orients verwendet: von den Akkadern, … Tontafel Die Tontafel (allgemeiner und umgangssprachlich auch Schrifttafel oder Steintafel genannt) ist eines der ältesten Schreibmaterialien der Menschheit. Rebus-Prinzip Das Rebus-Prinzip (lateinisch rebus, 'durch Dinge') beschreibt die Verwendung von Symbolen oder Schriftzeichen als Lautzeichen (Phonogramm), ohne Rücksicht … Dialekt Im deutschen Sprachgebiet erwirbt ein Dialektsprecher ab seinem Eintritt in die Grundschule eine zusätzliche normierte Standardsprache (Standarddeutsch). Morphologie (Linguistik) Die Morphologie (von altgriechisch μορφή morphé, deutsch ‚Gestalt', ‚Form', und λόγος lógos, deutsch ‚Wort', ‚Lehre', ‚Vernunft'), auch: Morphematik oder … Baskische Sprache Konsonanten · ere „auch“ – erre „brennen, rauchen, gebraten“ · jaso „bekommen“ – jazo „geschehen, passieren“.