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19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert begann kalendarisch am 1. Januar 1801 und endete am 31. Dezember 1900. Die Weltbevölkerung zu Beginn dieses Jahrhunderts wird auf 980 …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundzüge und Einordnung
  2. 2. Europa: Reformen, Nationalstaaten und Machtpolitik
  3. 3. Afrika: Autonomie, Kolonisierung und Widerstand
  4. 4. Asien: europäischer Druck und Modernisierung
  5. 5. Amerika und Ozeanien: Unabhängigkeit, Expansion und Siedlung

Grundzüge und Einordnung

Das 19. Jahrhundert dauerte kalendarisch vom 1. Januar 1801 bis zum 31. Dezember 1900. Die Weltbevölkerung stieg von geschätzt 980 Millionen auf etwa 1,65 Milliarden Menschen. Kennzeichnend war ein globaler Wandel von bisher nicht gekanntem Umfang, Tiefe und Tempo, der als Beginn der Moderne gilt: Nationalstaaten, Industrialisierung, weltweite Migration, neue Wissenschaften und eine stärkere Vernetzung veränderten Politik, Wirtschaft und Alltag.

Die Industrielle Revolution breitete sich von England nach Europa, in die USA und nach Japan aus. Eisenbahn, Dampfschiff und Telegrafie beschleunigten Verkehr, Handel und Kommunikation. Landwirtschaftliche Produktivitätssteigerungen ernährten die wachsende Bevölkerung; zugleich wanderten viele Menschen vom Land in Städte oder über Kontinente. Die fossile Energiewirtschaft, die Ausdehnung von Siedlungs- und Kulturräumen sowie die starke Ressourcennutzung belasteten die Umwelt erheblich. Einige Wissenschaftler setzen deshalb den Beginn des Anthropozäns bereits ins 19. Jahrhundert.

Eine allgemein akzeptierte Epochengrenze gibt es nicht. Das „Lange 19. Jahrhundert“ nach Eric Hobsbawm reicht von der Französischen Revolution 1789 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914; seine Abschnitte sind 1789–1848, 1848–1875 und 1875–1914. Ein „Kurzes 19. Jahrhundert“ wird häufig von 1814/1815 bis 1898 angesetzt. Reinhart Kosellecks „Sattelzeit“ von etwa 1750 bis 1850 bezeichnet den Übergang zur Moderne, in dem sich zentrale Begriffe und das Geschichtsverständnis wandelten. Jürgen Osterhammel betont, dass es im Jahrhundert kein einzelnes weltweit bedeutsames Ereignis gab.

Europa: Reformen, Nationalstaaten und Machtpolitik

Europa gewann im Verlauf des Jahrhunderts eine weltweit führende Stellung in Militär, Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Kultur. Nach Napoleons Niederlage ordnete der Wiener Kongress 1814/1815 Europa neu. Frankreich, Großbritannien, Russland, Österreich und Preußen sollten durch ein Gleichgewicht der Großmächte eine erneute Vormacht eines Staates verhindern. Die Zeit zwischen 1815 und 1853 war zwischenstaatlich weitgehend friedlich, doch Revolutionen und Bürgerkriege prägten viele Länder.

Napoleons Herrschaft und die Koalitionskriege von 1792 bis 1815 setzten Modernisierungen in Gang. Die Kriege kosteten etwa fünf Millionen Menschen das Leben. Reformen umfassten unter anderem Gewerbefreiheit, Säkularisation kirchlichen Eigentums, neue Verwaltungen, Abbau aristokratischer Rechtsprivilegien und teilweise Verfassungen. Die Kontinentalsperre sollte Großbritannien vom europäischen Handel ausschließen, scheiterte aber letztlich; nach dem Russlandfeldzug wurde Napoleon bei Leipzig und 1815 bei Waterloo besiegt.

Die Restauration stellte Dynastien wieder her, konnte die Ideen der Französischen Revolution jedoch nicht dauerhaft unterdrücken. Liberale und nationale Bewegungen forderten Verfassungen, Freiheitsrechte und Nationalstaaten. Revolutionen erreichten 1848/1849 ihren Höhepunkt, scheiterten meist an inneren Gegensätzen und monarchischem Widerstand. Dennoch folgten Reformen von oben. Fast überall entstanden Verfassungen oder wurden Mitwirkungsrechte erweitert, ohne dass eine umfassende demokratische Beteiligung erreicht wurde.

Die Ständegesellschaft, in der Rechte vor allem von Geburt und Stand abhingen, wurde zunehmend durch die bürgerliche Gesellschaft mit prinzipieller Rechtsgleichheit ersetzt. Tatsächlich blieben Rechte und Chancen stark von Geschlecht, Herkunft, Bildung, Einkommen und Vermögen abhängig. Jüdinnen und Juden profitierten teilweise von rechtlicher Gleichstellung, waren aber fortdauernder Judenfeindschaft, den Hep-Hep-Krawallen und später Pogromen im Russischen Reich ausgesetzt.

Zwischen 1859 und 1871 entstanden das Königreich Italien und das Deutsche Kaiserreich. Die deutsche Einigung unter preußischer Führung veränderte das europäische Gleichgewicht; der Deutsch-Französische Krieg von 1871 vertiefte den Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland. Auf dem Balkan löste sich das Osmanische Reich weiter auf; Serbien, Rumänien und Bulgarien wurden am Berliner Kongress 1878 anerkannt. Gegen Ende des Jahrhunderts verschärften Imperialismus, Nationalismus und Wettrüsten die Konkurrenz der Großmächte. Um 1900 zeichneten sich die politischen Blöcke des Ersten Weltkriegs ab, doch ein großer Krieg war noch nicht unvermeidlich.

Industrialisierung und Verstädterung brachten Pauperismus, die Landarmut, und die Soziale Frage hervor. Gewerkschaften, Parteien und Schutzgesetze sollten schlechte Löhne, harte Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit begrenzen; in Deutschland entstanden Sozialversicherungen. Die Frauenbewegung forderte zunächst Bildung für Mädchen und Frauen, um die Jahrhundertwende zunehmend das Frauenwahlrecht. Wissenschaft, Schulpflicht, Hygiene, Anästhesie und Antisepsis verbesserten viele Lebensbedingungen. Die Medizin erkannte Bakterien als Krankheitserreger und reduzierte Seuchen. In Kunst und Kultur folgten unter anderem Klassizismus, Romantik, Realismus, Impressionismus und Symbolismus aufeinander oder bestanden nebeneinander.

Afrika: Autonomie, Kolonisierung und Widerstand

Afrikas erste Jahrhunderthälfte war in vielen Regionen noch durch weitgehende politische Autonomie geprägt. Neue Reiche entstanden, der Handel mit dem Weltmarkt wuchs und der Export von Sklaven verlor durch die britische Unterbindung des atlantischen Sklavenhandels bis in die 1860er Jahre an Bedeutung. Stattdessen stieg etwa die Nachfrage nach Palmöl. Sklavenarbeit blieb jedoch bei der Produktion für den Weltmarkt verbreitet.

In Westafrika entstanden auch Reiche islamischer Erneuerungsbewegungen. Usman dan Fodio gründete nach der Unterwerfung der Hausa-Stadtstaaten das Kalifat von Sokoto, das von 30 Emiren dezentral verwaltet wurde. In Ostafrika wurde Sansibar unter omanischer Herrschaft zum wichtigsten Handelsplatz: Sklaven und Elfenbein wurden aus dem Festland herangeführt, Gewürznelken exportiert. Großbritannien setzte die Einschränkung und schließlich Abschaffung des Sklavenexports durch.

Südafrika war früh von der Konkurrenz zwischen Briten, Buren und afrikanischen Gesellschaften geprägt. Buren gründeten im Landesinneren den Oranje-Freistaat und Transvaal. Diamant-, Gold- und Kohlevorkommen verschärften Konflikte; der Zweite Burenkrieg begann 1898 und endete 1902 mit der Auflösung der Burenrepubliken. Frankreich eroberte ab 1830 Algerien; nach der Mokrani-Revolte von 1872 folgten weitreichende Landenteignungen. In Ägypten modernisierte Muhammad Ali Pascha Armee, Verwaltung und Wirtschaft, doch europäische Kredite führten zu Abhängigkeit. Großbritannien errichtete 1882 ein verkapptes Protektorat und kontrollierte danach den Suez-Kanal.

Ab 1881 kolonisierten vor allem Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Italien, Spanien und Portugal Afrika rasch. Medikamente gegen Tropenkrankheiten, Dampfschifffahrt und der Suez-Kanal erleichterten die Expansion. Die Berliner Konferenz von 1884/85 regelte Handelsfragen und die gegenseitige Anerkennung kolonialer Ansprüche, schloss Afrikaner aber von der Aufteilung aus. Europäer setzten ihre Herrschaft durch Kriege sowie Handels- und Schutzverträge mit lokalen Eliten durch. Afrikanischer Widerstand war vielfältig, blieb im 19. Jahrhundert aber erfolglos; die Europäer waren personell unterlegen, waffentechnisch jedoch überlegen und übten häufig Terror aus.

Kolonialverwaltungen nutzten kooperationsbereite lokale Herrscher, führten europäische Rechtsnormen und Schulen ein und arbeiteten oft mit Missionaren zusammen. Die Wirtschaft wurde auf Rohstoffabbau, Plantagen, monopolisierten Handel oder Raubwirtschaft ausgerichtet. Viele Afrikaner wurden gewaltsam zur Arbeit gezwungen; Infrastruktur diente vor allem europäischer Herrschaft und Wirtschaft.

Asien: europäischer Druck und Modernisierung

Zu Beginn des Jahrhunderts bestand noch ein ungefähres Gleichgewicht zwischen asiatischen Großreichen und Europa; bis 1900 dominierte Europa Eurasien. Asiatische Staaten reagierten unterschiedlich: Das Osmanische Reich, China und viele Regionen Südostasiens gerieten unter starken europäischen Einfluss, während Japan nach der Meiji-Restauration erfolgreich modernisierte.

Das Osmanische Reich verlor auf dem Balkan und in Nordafrika Gebiete. Griechenland, Serbien, Rumänien und Bulgarien wurden unabhängig; Vertreibungen und Massenmorde begleiteten die nationalen Konflikte. Tanzimat-Reformen sollten Verwaltung, Armee, Recht und Schulen modernisieren. Die Alphabetisierungsrate blieb mit unter 15 Prozent sehr niedrig. Hohe Schulden führten 1878 zum Staatsbankrott und 1881 zu ausländischer Finanzaufsicht.

Britisch-Indien entstand aus der Herrschaft der Britischen Ostindien-Kompanie. Nach dem gewaltsam niedergeschlagenen Sepoy-Aufstand wurde die indirekte Unternehmensherrschaft durch direkte britische Kolonialherrschaft ersetzt; die englischen Könige wurden Kaiser von Indien. Landwirtschaft wurde auf Nutzpflanzen und Export ausgerichtet, hohe Steuern schufen Landlosigkeit. Eisenbahnen dienten vor allem Exportbedürfnissen. Inder wanderten als Leiharbeiter unter anderem nach Ceylon, in die Karibik und nach Südafrika aus.

China unter der Qing-Dynastie litt unter Bevölkerungsdruck, Staatsverschuldung und Korruption. Großbritannien gewann den Ersten Opiumkrieg 1840 und erzwang mit einem Ungleichen Vertrag Marktöffnung, Hongkong und Privilegien. Der Taiping-Aufstand von 1851 bis 1864 kostete schätzungsweise 20 Millionen Menschen das Leben und war die verlustreichste bewaffnete Auseinandersetzung des Jahrhunderts. Selbststärkungsprogramme übernahmen europäische Technik und Institutionen, scheiterten aber an mangelnder Koordination und staatlicher Bevormundung. Die Niederlage gegen Japan 1895 verstärkte Chinas Abhängigkeit und den Reformdruck.

Japan wurde 1853 zur Handelsöffnung gezwungen. Nach dem Sturz des Shōguns 1868 schuf die Meiji-Restauration einen zentralisierten Nationalstaat mit Verfassung, Bürokratie, Parlament mit geringer Macht, allgemeiner Wehrpflicht, nationaler Währung, Börse, Infrastruktur und flächendeckendem Schulsystem. Staat und große Familienbetriebe arbeiteten eng zusammen. Die Modernisierung wurde besonders durch hohe Abgaben der Bauern finanziert; Japan wurde militärisch stark genug, selbst zu expandieren. Südostasien wurde bis auf Thailand überwiegend europäische Kolonie oder Protektorat; Thailand blieb auch deshalb unabhängig, weil es als Puffer zwischen britischen und französischen Kolonialreichen galt.

Amerika und Ozeanien: Unabhängigkeit, Expansion und Siedlung

In Lateinamerika lösten sich zahlreiche Gebiete zu Beginn des Jahrhunderts von Spanien und Portugal. Brasilien wurde 1822 ein unabhängiges Kaiserreich und 1889 Republik. Die meisten spanischen Festlandskolonien erlangten in den 1820er Jahren ihre Unabhängigkeit. Die neuen Staaten führten zwar Verfassungen mit Repräsentation, Gewaltenteilung sowie Menschen- und Bürgerrechten ein, doch sorgten kreolische Eliten häufig dafür, dass soziale Ungleichheit, unfreie oder unfaire Wahlen und eine unausgewogene Gewaltenteilung fortbestanden. In Brasilien bestand Sklaverei bis 1888. Kriege zwischen Staaten und gegen indigene Völker, Schulden sowie eine exportorientierte Landwirtschaft und Rohstoffwirtschaft prägten die Entwicklung. Zum Ende des Jahrhunderts gab es 16 unabhängige Staaten; die wirtschaftliche Abhängigkeit von Europa, besonders Großbritannien, blieb bestehen, während der Einfluss der USA zunahm.

Die Vereinigten Staaten dehnten sich von der Ost- zur Westküste aus. Durch Käufe von Frankreich und Spanien, den Amerikanisch-Mexikanischen Krieg, den Kauf Alaskas 1867 und den Erwerb Hawaiis erreichten sie ungefähr ihre heutige Größe. Indigene Stämme wurden seit den 1830er Jahren systematisch und gewaltsam vertrieben, nach dem Bürgerkrieg häufig in Reservate gedrängt. Der Gegensatz zwischen dem industrialisierenden Norden und dem von Baumwollplantagen und Sklaverei geprägten Süden führte zum Amerikanischen Bürgerkrieg. Der Norden siegte 1865, Sklaverei wurde abgeschafft, die Diskriminierung von Afroamerikanern bestand jedoch fort.

Nach 1865 beschleunigten Einwanderung, Geburtenwachstum, Agrarerweiterung, Mechanisierung, Eisenbahnbau und europäische Investitionen die Industrialisierung. Die erste transkontinentale Eisenbahnverbindung traf 1869 zusammen. Am Jahrhundertende überholten die USA europäische Länder an Wirtschaftskraft, zugleich standen wenigen Multimillionären Millionen Arbeiter ohne soziale Absicherung gegenüber. Nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 wurden die USA in der Karibik selbst Kolonialmacht.

Australien war zu Beginn überwiegend von Aborigines besiedelt und nur teilweise britische Strafkolonie. Ab den 1820er Jahren dehnten sich britische Siedlerkolonien aus; Aborigines wurden getötet, durch eingeschleppte Krankheiten geschädigt, verdrängt oder marginalisiert. Schafwolle und Goldfunde förderten Einwanderung und wirtschaftliches Wachstum. Forderungen nach politischer Teilhabe nahmen zu; die Föderation Australiens wurde 1901 verwirklicht.

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