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Studien und Umfragen zu geschlechtergerechter Sprache

59 % der Befragten finde die Debatte um die gendergerechte Sprache unwichtig, 60 % achten beim Sprechen nie auf gendergerechte Sprache · 68 % der Befragen lehnt …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und zentrale Studienlage
  2. 2. Verständlichkeit und gedankliche Wirkung
  3. 3. Akzeptanz, Auswahl und tatsächlicher Gebrauch
  4. 4. Gebrauch in Wissenschaft und Beruf
  5. 5. Meinungsumfragen in der Bevölkerung
  6. 6. Genderzeichen und gesprochene Gender-Pause

Gegenstand und zentrale Studienlage

Die aufgeführten Studien und Umfragen untersuchen geschlechtergerechte Sprache im Deutschen: ihre Verständlichkeit und Akzeptanz, ihren tatsächlichen Gebrauch sowie ihre Wirkung auf die gedankliche Einbeziehung verschiedener Geschlechter. Dazu gehören Beidnennungen wie „Lehrerinnen und Lehrer“, neutrale Formen wie „Lehrende“, Kurzformen mit Binnen-I oder Genderzeichen sowie die gesprochene Gender-Pause mit Glottisschlag.

Systematische Übersichten sind selten. Sascha Demarmels und Dorothea Schaffner kamen 2009 anhand von sieben Studien aus den Jahren 1994 bis 2007 zu dem Ergebnis, dass die subjektiv wahrgenommene Verständlichkeit geschlechtergerechter Formen hoch war. Das „Handbuch geschlechtergerechte Sprache“ fasste 2020 zusammen: Geschlechtergerechte Formulierungen erschweren Lesefreundlichkeit und Textverständlichkeit im Allgemeinen nicht. Auch die Textqualität und Textästhetik werden insgesamt nicht schlechter bewertet; lediglich Männer bewerten Maskulinformen teilweise etwas besser.

Deutliche Unterschiede zeigen sich dagegen bei der mentalen Repräsentation, also bei den Personen, an die Lesende oder Hörende denken. Das generische Maskulinum – eine männliche Form, die Personen aller Geschlechter bezeichnen soll – lässt Frauen nur zu einem geringen Anteil oder gar nicht als Beteiligte erscheinen und führt zur Überschätzung des Männeranteils. Geschlechtergerechte Formen erhöhen den gedanklichen Einbezug von Frauen, allerdings je nach Form unterschiedlich stark. Die Wissenschaftsmagazine Quarks und Leschs Kosmos kamen 2021 zu ähnlichen Einschätzungen.

Verständlichkeit und gedankliche Wirkung

Seit den frühen 1990er-Jahren vergleichen zahlreiche empirische Studien geschlechtergerechte Formen mit dem generischen Maskulinum. Zwischen 1993 und 2010 zeigte sich wiederholt, dass Beidnennungen häufiger Gedanken an Frauen auslösen. Auch das Binnen-I führte 1993 und 2001 zu mehr weiblichen Nennungen, konnte ab 1999 in einigen Studien aber eine übermäßige Repräsentation von Frauen bewirken. Eine Studie von 2000 stellte bei Kurzformen mit Schrägstrich eine eher gleichmäßige Repräsentation von Frauen und Männern fest.

Rothmund und Christmann ließen 2002 insgesamt 220 Personen Texte beurteilen. Bei Lesbarkeit, sprachlicher Prägnanz und inhaltlicher Interessantheit gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen generischen Maskulinformen und Alternativen wie Beidnennung oder „Personen“. Nur die Kombination aus Beidnennung und Ersatz durch „Person“ wurde ästhetisch schlechter bewertet.

Braun und andere untersuchten 2007 mit 86 Personen Medikamentenbeipackzettel. Generisches Maskulinum, Beidnennungen mit neutralen Formen und Binnen-I führten zu ähnlich guter Verarbeitung und Erinnerung. Damit zeigte die Studie nicht nur subjektive Urteile, sondern anhand der Erinnerungsleistung auch objektiv, dass geschlechtergerechte Texte nicht schlechter verarbeitet wurden.

Blake und Klimmt testeten 2010 einen Nachrichtentext mit 204 Personen. Die Lesezeit betrug beim generischen Maskulinum und bei Beidnennungen mit neutralen Formen jeweils 58 ms pro Zeichen, beim Binnen-I 62,6 ms. Bei subjektiver Lesbarkeit und Ästhetik bestanden keine signifikanten Unterschiede. Die Alternativen erhöhten jedoch den geschätzten Frauenanteil; beim generischen Maskulinum wurde der Männeranteil überschätzt. Eine Wiederholung mit 325 Personen bestätigte dies. Friedrich und Heise fanden 2019 auch bei 355 Studierenden keinen Unterschied in der Verständlichkeit eines Stromliefervertrags mit generischen Maskulinformen beziehungsweise 39 Beidnennungen.

Akzeptanz, Auswahl und tatsächlicher Gebrauch

Die Akzeptanz hängt stark von der verwendeten Form ab. 1983 waren nur 10–15 % bereit, Richtlinien mit Paarformen und neutralen Benennungen uneingeschränkt in den eigenen Sprachgebrauch zu übernehmen. In einer GfdS-Befragung von 1997 mit mehr als 700 Personen bevorzugten für Gesetzestexte 42 % neutrale Formulierungen, 37 % Beidnennungen und 19 % generische Maskulinformen. Studien von Steiger und Irmen aus den Jahren 2007 und 2011 zeigten bei unterschiedlichen Gruppen eine breite Akzeptanz geschlechtsneutraler Bezeichnungen wie „die Wahlberechtigten“.

Bei der Deutschland-Erhebung 2017/18 ergänzten 1439 Personen einen Satz: 46 % wählten „den Studierenden“, je 17 % „den Studenten“ beziehungsweise „den Studentinnen und Studenten“, 8 % „den Student/-innen“, 4 % das Binnen-I und nur 1 % den Genderstern. Das Geschlecht der Befragten hatte kaum Einfluss. Im Deutschen Referenzkorpus war „Studenten“ von 2010 bis 2016 allerdings mit rund 150.000 Belegen mehr als fünfmal so häufig wie „Studierende“ mit 30.000 Belegen; soziale Medien fehlen dort.

Eine Korpusanalyse des Instituts für Deutsche Sprache von 2020 fand für 1995 bis 2019 rund 2 Mio. Belege der Form „Bürger“, aber insgesamt nur 15.500 Belege für mehrere Geschlechter kennzeichnende Schreibungen. Das Binnen-I lag durchgehend vorn. Der Genderstern stieg von 0 Belegen 2011 auf 268 im Jahr 2019, während der Unterstrich selten blieb.

In einer Schweizer Befragung von 2690 eingeladenen Personen bevorzugten 2021 insgesamt 35 % die Beidnennung, 27 % das generische Maskulinum und 7 % Genderzeichen. Die Wahl variierte nach Alter, Geschlecht und Parteibindung; bei Anhängern der Grünen verwendeten 20 % Genderzeichen, bei Anhängern der SVP 0 %.

Gebrauch in Wissenschaft und Beruf

Branchenbefragungen zeigen große Unterschiede zwischen Arbeitsfeldern. Eine Erhebung von 2019 unter 275 Personen aus Geschlechterforschung und Medizin ergab, dass 54 % der Gendergruppe, aber 19 % der medizinischen Gruppe geschlechtergerechte Sprache immer verwendeten. Neutralisierungen nutzten 85 beziehungsweise 75 %, Beidnennungen 69 beziehungsweise 70 %, den Genderstern 52 beziehungsweise 16 %. Eine Recherche von 2023 fand Genderzeichen in weniger als zehn Prozent der Dissertationen von 2022: häufig in den Erziehungswissenschaften, fast gar nicht in Ingenieurwissenschaften und kaum in Medizin oder Mathematik.

Von 148 Wirtschaftsjournalistinnen und -journalisten hielten Ende 2021 für Unternehmenskommunikation 73 % Beidnennungen, 44 % Formen wie „Mitarbeitende“, 15 % den Genderstern, 14 % den Doppelpunkt und 9 % den Unterstrich für akzeptabel; 17 % akzeptierten keine dieser Formen. In einer Befragung von Pressestellen und PR-Agenturen aus dem Jahr 2020 hatten 45 % der deutschen und 32 % der Schweizer Organisationen keine einheitliche Regelung. In der Schweiz waren neutrale Formen mit 70 % und Beidnennungen mit 60 % besonders verbreitet.

Bei etwa 1000 deutschen Personalleitungen gaben 2021 insgesamt 35 % an, nach außen zu gendern, intern waren es 25 %. Größere Unternehmen verwendeten geschlechtergerechte Sprache häufiger. Bei Unternehmen ab 500 Angestellten lagen die Werte bei 48 % extern und 50 % intern.

Auch DAX-Unternehmen gingen unterschiedlich vor. 2019 enthielten 15 von 30 Geschäftsberichten Hinweise, dass maskuline Formen alle Geschlechter einschlössen. 2021 verwendeten von 18 antwortenden DAX-Konzernen zehn geschlechtergerechte Sprache; fünf davon nutzten Stern oder Doppelpunkt. Eine Website-Studie im selben Jahr fand bei 38 von 40 Unternehmen den Zusatz „(m/w/d)“ in Stellentiteln und bei 24 von 40 gegenderte Website-Texte. Mitte 2022 verwendeten nur fünf der 40 DAX-Unternehmen Genderzeichen; rund 64 % der 28 antwortenden Unternehmen hatten eigene, meist unverbindliche Leitlinien.

Meinungsumfragen in der Bevölkerung

Die Ergebnisse von Meinungsumfragen hängen von Land, Zeitpunkt, Frageformulierung und untersuchter Sprachform ab. Mehrere deutsche Umfragen zeigen eine mehrheitliche Ablehnung, besonders gegenüber Genderzeichen und Sprechpausen. 2017 waren 42 % gegen und 37 % für geschlechtergerechte Formen wie Binnen-I oder Sternchen. 2019 bezeichneten in einer VDS-Umfrage 60 % geschlechtergerechte Sprache als eher oder sehr unwichtig für die Gleichstellung; die Aussagekraft wurde vom Sprachwissenschaftler Henning Lobin kritisiert, weil die Frage nicht unmittelbar die Akzeptanz der Formulierungen erfasse.

Infratest dimap ermittelte für Presse, Radio, Fernsehen und öffentliche Anlässe 2020 eine Ablehnung von 56 % und Zustimmung von 35 %. 2021 waren 65 % dagegen und 26 % dafür. Die Ablehnung war bei Männern und älteren Menschen höher. Das ZDF-Politbarometer fand 2021, dass 73 % geschlechtergerechte Sprache in Medien nicht wichtig und 26 % wichtig fanden; Trennzeichen mit entsprechender Sprechpause bewerteten 71 % als nicht gut und 25 % als gut. 2023 ermittelte Forsa für RTL/ntv 73 % Ablehnung und 22 % Zustimmung zu Genderzeichen oder Sprechpausen.

Ein differenzierteres Bild ergab 2022 eine Versicherungsbefragung mit 2046 Personen: 12 % fanden Gendern gut, 22 % war es egal, 23 % fanden es nicht schön, aber nicht störend, und 39 % ärgerten sich darüber. Insgesamt störten sich damit 57 % nicht daran. Die höchste Gesamtakzeptanz erreichten Beidnennung mit 81 %, generisches Maskulinum mit 76 % und neutrale Formulierungen mit 75 %.

In der Shell-Jugendstudie 2024 überwog bei 12- bis 25-Jährigen meist die Ablehnung. Mädchen und junge Frauen waren zu 33 % dafür, zu 31 % dagegen und zu 34 % unentschieden; Jungen und junge Männer waren zu 12 % dafür, zu 52 % dagegen und zu 35 % unentschieden. Im ländlichen Raum betrug die Ablehnung 59 %. Eine YouGov-Umfrage von September 2025 unter 1009 Erwachsenen ergab 68 % grundsätzliche Ablehnung; 48 % empfanden Gendern in ihrer Gegenwart als störend oder übertrieben und 11 % als positiv.

Genderzeichen und gesprochene Gender-Pause

Genderstern, Doppelpunkt, Unterstrich und Apostroph stehen in Kurzformen zwischen Wortstamm und weiblicher Endung, etwa „Mitarbeiter*innen“. Sie sollen neben Männern und Frauen auch nichtbinäre und diversgeschlechtliche Personen einbeziehen. Der Unterstrich kam ab 2003, der Stern ab 2009 und der Doppelpunkt ab 2016 in Gebrauch. Mit der rechtlichen Anerkennung der Geschlechtsoption „divers“ erhielt das Thema ab 2018 größere öffentliche Aufmerksamkeit.

Eine Befragung von EarsAndEyes mit 450 Personen zeigte 2020 unterschiedliche Frauenanteile bei spontanen Nennungen bekannter Persönlichkeiten: 18,0 % beim generischen Maskulinum, 28,5 % bei Beidnennung und 30,5 % beim Genderstern. Ein Vergleich mit Studien von 2001 ergab beim Binnen-I 38,3 %. Eine Studie der Universitäten Kassel und Würzburg mit rund 600 Personen fand 2022 beim generischen Maskulinum einen deutlichen male bias, also eine Verzerrung zum Männlichen. Beidnennungen erzeugten eine weitgehend ausgeglichene Repräsentation, der Genderstern einen leichten female bias. Entscheidungen nach Sternformen dauerten mit 2991 beziehungsweise 2875 ms am längsten.

Die BFIT-Bund untersuchte 2021 Stern und Doppelpunkt mit Screenreadern, Braillezeilen sowie Befragungen von neun Bedarfsgruppen und einer Selbstvertretung trans- und intergeschlechtlicher Menschen. Sie empfahl für digital barrierefreie Sprache den Genderstern. Eine kleine Werbestudie von Agorapulse fand beim Doppelpunkt keine Nachteile; in einer grafischen Anzeige erzielte er 89 statt 77 Klicks und 16 % niedrigere Kosten je Klick. Wegen des Pilotcharakters ist dies jedoch kein allgemeiner Wirkungsnachweis.

Beim Sprechen werden Genderzeichen durch einen Glottisschlag, also einen kurzen Stimmabsatz, wiedergegeben: „Bäcker-innen“ [ˈbɛkɐʔɪnən]. Diese Gender-Pause soll ebenfalls Menschen aller Geschlechter einbeziehen. In einer MDR-Befragung von 2021 bevorzugten 58 % „Studenten“, 21 % „Studierende“, 15 % „Studentinnen und Studenten“ und nur 2 % „Studentʔinnen“. Eine INSA-Umfrage ergab 56,3 % Ablehnung und 22,2 % Zustimmung zur Aussage, Sprechpausen in öffentlich-rechtlichen Sendern seien ein sinnvoller Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit. Eine Studie der Universitäten Erfurt und Mainz mit 770 Erwachsenen und 142 Heranwachsenden fand, dass Nachrichten mit Gender-Pause signifikant schlechter verstanden wurden als andere Varianten; zugleich wurde bei ihnen der Frauenanteil in den bezeichneten Gruppen am höchsten eingeschätzt.

Lernvideos zu Studien und Umfragen zu geschlechtergerechter Sprache

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