Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Wissenschaftliche Publikation
Eine wissenschaftliche Publikation oder Fachpublikation (im Jargon oft einfach Aufsatz oder englisch Paper genannt, sofern es sich um einen Artikel in einer …
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Zweck
Eine wissenschaftliche Publikation oder Fachpublikation ist eine schriftliche wissenschaftliche Arbeit von einem oder mehreren Autoren, die bei einem Wissenschaftsverlag veröffentlicht werden soll oder bereits veröffentlicht wurde. Als „Aufsatz“ oder englisch „Paper“ wird besonders ein Artikel in einer Fachzeitschrift bezeichnet. Am häufigsten erscheinen Aufsätze in Fachzeitschriften; außerdem gibt es Beiträge in Tagungs- und Sammelbänden sowie Monografien.
Publikationen machen Forschungsergebnisse für die wissenschaftliche Gemeinschaft zugänglich und zitierbar. Sie sollen fachliche Diskussionen und weitere Forschung anregen, belegen, dass Ergebnisse zu einem bestimmten Zeitpunkt bereits vorlagen, und Wissenschaftlern bei Karriere, Anstellung und Forschungsgeldern helfen („publish or perish“). Je nach Fach können sie auch Tantiemen einbringen oder der öffentlichen Darstellung dienen. Neue Erkenntnisse müssen veröffentlicht werden, damit andere Forschende darauf zugreifen und neue Ideen entwickeln können.
Veröffentlichungsreife Manuskripte werden in manchen Fächern vorher als Preprint auf Internet-Servern bereitgestellt, etwa auf dem 1991 gegründeten und von Cornell Tech betriebenen ArXiv. Stand 2020 gab es über 50 Preprint-Anbieter; ein Preprint wird bereits als „entscheidend“ verstanden. Veröffentlichungen dienen in fast allen Wissenschaftsgebieten als Nachweis erfolgreicher Forschung. Einschränkungen sind wegen der Forschungsfreiheit grundsätzlich nicht vorgesehen, können aber insbesondere in Medizin, Pharmakologie, Ingenieurwissenschaften sowie bei militärischer Relevanz oder Patentfragen vorkommen. In der Industrie spielen dabei häufig Vertraulichkeitsvereinbarungen (Non-disclosure Agreements, NDAs) eine Rolle.
Formen wissenschaftlicher Veröffentlichungen
Zu wissenschaftlichen Publikationen zählen Aufsätze in veröffentlichten wissenschaftlichen Buchhandelsmedien, etwa Fachzeitschriften. Graue Literatur kann manchmal herangezogen werden: Dazu gehören Hochschulschriften wie Doktor- oder Diplomarbeiten, interne Berichte von Forschungsinstituten und Unternehmensschriften. Auch vergleichbare Internetdokumente gehören zum Wissenschaftsbetrieb, gelten aber oft nicht als publiziert und zitierfähig. Die bloße Hinterlegung in Archiven oder Bibliotheken reicht nicht aus. Gutachten, Artefakte, Geschmacksmuster, Warenzeichen, interne Berichte und private Homepages werden in der Regel nicht als Publikationsträger anerkannt.
Man unterscheidet selbständige und unselbständige Publikationen. Eine Monografie behandelt meist umfangreich, systematisch und vollständig einen Problembereich. Fachartikel in Zeitschriften sind meist kürzer und stellen neue Ergebnisse für ein Fachpublikum vor; sie müssen formale und inhaltliche Kriterien für das Peer Review erfüllen. Artikel in Tagungsbänden sind ähnlich lang, aber oft weniger umfassend geprüft, weil der Band zu einem festen Termin fertig sein muss. Sie sind dafür bei Erscheinen besonders aktuell. Aufsätze in Sammelwerken stehen meist in engem thematischem Zusammenhang mit den anderen Beiträgen. Beiträge zu Festschriften werden in der Regel nicht vor dem Druck referiert und sind thematisch oft vielfältiger.
Die Bedeutung der Formen ist je nach Fach verschieden: Physik, Biologie und Volkswirtschaftslehre beachten vor allem Zeitschriftenartikel; in der Informatik sind Konferenzen wichtiger. In den Geisteswissenschaften stehen Zeitschriftenartikel, Sammelwerkaufsätze und Monografien nebeneinander. Monografien und Sammelwerke können Schriftenreihen zugeordnet sein. Autoren können beispielsweise mittels ORCID zugeordnet werden.
Elektronische und frei zugängliche Publikationen haben an Bedeutung gewonnen. Für die Top 100 von Altmetric im Jahr 2020 waren 46 Publikationen Open Access, 29 Closed und 25 „Free to read“. Einer Studie von 2018 zufolge waren 28 % aller Publikationen in Journalen frei zugänglich und online verfügbar. Für 2017 waren 42 von 50 Top-Artikeln (84 %) als Open Access publiziert.
Begutachtung und wissenschaftliche Qualität
Zum Publikationsprozess gehört normalerweise das Peer Review: Fachgutachter, meist Experten und häufig anonym, prüfen eine eingereichte Arbeit auf wissenschaftliche Güte, Korrektheit und Relevanz. Bei Zeitschriften kann die Begutachtung mehrere Monate dauern; in Volkswirtschaftslehre oder Astronomie teils mehrere Jahre. Sie soll meist eine hohe Qualität sichern. Nach der Veröffentlichung analysiert auch die Leserschaft Fachartikel durch Rezensionen als weitere Kontrollinstanz. Der Peer-Review-Prozess selbst wird jedoch diskutiert und ist Gegenstand eigener Kongresse.
Im Vorfeld von Konferenzen und Tagungen fordert ein Call for papers häufig zur Einreichung von Beiträgen auf. Selbstverlegte wissenschaftliche Werke, im Internet oder als Print-on-Demand, werden allgemein wenig oder gar nicht anerkannt, wenn kein Peer Review stattgefunden hat oder der Autor wenig bekannt ist. Vielfach gelten nur Arbeiten mit ISBN oder ISSN überhaupt als publiziert. Vor Veröffentlichungen in sogenannten Raubjournalen wird gewarnt.
Zwischen Einreichung und Publikation kann mehr als ein Jahr liegen. Während der COVID-19-Pandemie verkürzte sich diese Zeit für Corona-relevante Publikationen deutlich. Falsche oder gefälschte Ergebnisse können nur in konkreten Fällen durch eine nachträgliche Veröffentlichung zurückgezogen werden.
Aufbau natur- und sozialwissenschaftlicher Artikel
Natur- und sozialwissenschaftliche Aufsätze folgen oft einer, aber nicht starren, Reihenfolge: Titel; Autoren; Abstract; Einleitung; Materialien und Methoden beziehungsweise experimenteller Teil; Resultate; Diskussion; Zusammenfassung; Danksagung; Interessenkonflikte und Literaturliste. Der Abstract ist ein knappes Kurzreferat der Hauptthesen oder Ergebnisse und oft öffentlich in Katalogen verfügbar. Die Einleitung fasst Forschungsstand und Literatur zusammen, erläutert Wissenslücken und Motivation und formuliert Hypothesen.
Der Methodenteil nennt Informationsquellen, Werkzeuge und Methoden und begründet ihre Auswahl. Die Resultate präsentieren die gewonnenen Daten, gegebenenfalls mit statistischen Auswertungen. Die Diskussion interpretiert die Ergebnisse, ordnet sie gegenüber früheren Publikationen ein, benennt weitere Fragen und beschreibt selbstkritisch Einschränkungen ihrer Gültigkeit. Die Zusammenfassung ist stärker auf die weitere Verwendung des gewonnenen Wissens ausgerichtet. Danksagungen nennen etwa Geldgeber und Unterstützer, die nicht mitverfasst haben; bei Interessenkonflikten werden Finanzierung und mögliche Konflikte offengelegt. Die Literaturliste enthält die zitierten Publikationen.
Autoren werden oft nach der Bedeutung ihrer Beiträge aufgeführt; möglich ist auch eine alphabetische Reihenfolge mit Kennzeichnung der Hauptautoren. Ein Korrespondenzautor dient als Kontakt, etwa für Anfragen zu Rohdaten. Bei Abschlussarbeiten steht meist der Leiter der Arbeitsgruppe zuletzt und der Hauptautor zuerst, doch gibt es unterschiedliche Auffassungen. Der Methodenteil kann auch am Ende vor dem Dank stehen. Verlage lehnen Publikationen besonders häufig wegen methodischer Mängel ab. Für Leser sind vor allem Abstract und Diskussion wichtig. Die Abfolge Einleitung → Methoden → Resultate → Diskussion → Zusammenfassung spiegelt die zeitlichen Phasen der Forschung wider.
Aufbau geisteswissenschaftlicher Arbeiten
Geisteswissenschaftliche Arbeiten sind weniger einheitlich gegliedert als naturwissenschaftliche, weil es keine einheitlichen Forschungsmethoden gibt. Der Aufbau folgt meist pragmatischen Erwägungen und dem Prinzip einer Sach- oder Problemerörterung. Geschichtswissenschaftliche Arbeiten folgen häufig einer Chronologie.
Statt einer Literaturliste als „References“ am Ende werden oft Fußnoten verwendet. Dieser „Fußnoten-Apparat“ enthält sowohl Referenzangaben als auch Kommentare. Ein allgemeingültiger Aufbau über die Fachrichtungen hinweg hat sich nicht etabliert. Zunehmend werden jedoch, nach naturwissenschaftlichem Vorbild, auch ein Abstract und eine Zusammenfassung zum Haupttext ergänzt.
Autorschaft und Wirkung
Die korrekte Nennung von Autoren ist ethisch wichtig; unrichtige Autorennungen gelten als Verfehlung. Besonders problematisch ist Ehrenautorschaft: Institutsleiter werden teils unabhängig von ihrem tatsächlichen Beitrag als Koautoren genannt. Ähnliche Konflikte betreffen technische Mitarbeiter oder Geldgeber. Gründe für falsche Angaben können Dank für Unterstützung, mehr eigene Publikationen, größere Finanzmittel oder die erhöhte Aufmerksamkeit durch einen erfahrenen Koautor sein. Eine Studie von 1998 fand in 19 % medizinischer Fachartikel Hinweise auf Ehrenautorschaft, in 11 % auf Ghostwriter und in 2 % auf beides. Bei Cochrane-Reviews zeigten 2002 39 % der Arbeiten Hinweise auf Ehrenautoren.
Nach Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE, „Vancouver Group“, Stand Dezember 2019) setzt Autorschaft substanzielle Beiträge zu Konzeption und Entwurf oder zu Beschaffung, Analyse oder Interpretation der Daten, den Entwurf oder die inhaltliche Revision der Publikation sowie die endgültige Zustimmung zur Veröffentlichung voraus. Alle drei Bedingungen müssen erfüllt sein. Finanzierung, bloße Datenerfassung oder bloße Betreuung einer Forschungsgruppe reichen allein nicht aus. Jeder Autor soll die entsprechenden Teile der Arbeit öffentlich verantworten können. Über 6.600 Journale forderten diese Anforderungen Stand 2021 verbindlich.
Naturwissenschaftliche Forschung wird heute häufig von internationalen Teams getragen: Von über 700 bis einschließlich September 2008 in Nature veröffentlichten Originalarbeiten waren nur sechs Einzelautor-Publikationen. In Geistes- und Sozialwissenschaften sind Einzelautor-Publikationen weiterhin gängig.
Der Impact einer Veröffentlichung wird unter anderem anhand von Zitationen gemessen. Zitationsstatistiken erfassen, wann, wo und von wem eine Arbeit zitiert wurde, meist nur in referierten Zeitschriften. Daraus lassen sich quantitative Aussagen über den Impact Factor eines Publikationsmediums ableiten. Eine Untersuchung von 2019 deutete darauf hin, dass schwer verständlich geschriebene Veröffentlichungen seltener zitiert werden. Für die Top 100 meistzitierten Artikel des Science Citation Index galt Stand 2014: Der erste Artikel hatte über 300.000 Verweise, nur drei Artikel mehr als 100.000, und alle 100 mehr als 12.000 Zitationen. Etwa 14.499 Artikel hatten über 1.000 Zitationen. Rankings unterscheiden sich je nach Datenbasis, etwa gegenüber Google Scholar. Bahnbrechende Arbeiten heißen im Englischen oft „seminal paper“ oder „landmark study“.