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Textverständlichkeit

Die Textverständlichkeit wird nicht nur von Merkmalen des Textes (z. B. Vokabular, Satzkomplexität, Textinhalt, Gliederung, Typografie), sondern auch von …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Einflussfaktoren
  2. 2. Zentrale Forschungsansätze
  3. 3. Karlsruher Konzept und Unterschiede
  4. 4. Dilemmata und Hohenheimer Modell
  5. 5. Regeln für verständliche Texte
  6. 6. Satzlänge als Richtwert

Kernidee und Einflussfaktoren

Textverständlichkeit beschreibt, wie verständlich ein Text ist. Sie kann definiert werden als die Anpassung einer zusammenhängenden sprachlichen Äußerung, im weiteren Sinn auch einer gesprochenen Äußerung, an die jeweiligen Leser, Hörer oder Rezipienten. Verständlichkeit ist daher nicht nur eine Eigenschaft des Textes selbst.

Sie hängt von mehreren Faktoren ab: Textmerkmale sind zum Beispiel Vokabular, Satzkomplexität, Inhalt, Gliederung und Typografie. Rezipientenmerkmale sind etwa Sprachkompetenz, relevantes Vorwissen und thematisches Interesse. Dazu kommen Merkmale des Kommunikators, etwa Schreib- oder Sprechstil, Eigenschaften des Übertragungskanals, etwa Hintergrundgeräusche, und situative Faktoren wie Konzentration und Motivation.

Die Textverständlichkeitsforschung untersucht seit den 1920er Jahren den Zusammenhang zwischen Textmerkmalen und Textverarbeitung. Wichtige Anwendungsbereiche sind didaktische Kommunikation, Medienkommunikation, Rechts- und Verwaltungskommunikation, medizinische Kommunikation, Wissenschaftspublizistik sowie Kommunikation in Industrie und Wirtschaft. In diesen Bereichen entstehen oft Verständlichkeitshürden, weil Experten mit Laien kommunizieren.

Zentrale Forschungsansätze

Die Lesbarkeitsforschung ist der älteste Zweig der Textverständlichkeitsforschung. Sie entstand in den 1920er Jahren in den USA, unter anderem um Schul-Lesebücher objektiv passenden Klassenstufen zuordnen zu können. Dafür wurden Lesbarkeitsformeln entwickelt. Solche Formeln berechnen aus ausgewählten Textmerkmalen, etwa durchschnittlicher Satzlänge oder Anteil seltener Wörter, den Schwierigkeits- oder Lesbarkeitsgrad eines Textes. Besonders wichtig sind Wortschwierigkeit und Satzschwierigkeit. Viele Formeln nutzen deshalb mindestens eine Variable zur Wortschwierigkeit, etwa Worthäufigkeit, Wortbekanntheit oder Wortlänge, und mindestens eine Variable zur Satzschwierigkeit, etwa Satzlänge oder Satzkomplexität.

Bekannte englische Formeln sind Flesch-Reading-Ease, Flesch-Kincaid-Grade-Level und Gunning-Fog-Index. Für das Deutsche wurden ab Ende der 1960er Jahre bis in die 1980er Jahre eigene Formeln entwickelt, zum Beispiel die Wiener Sachtextformeln. Ein aktuelles deutsches Beispiel ist der Hohenheimer Verständlichkeits-Index (HIX), der unter anderem zur Bewertung von Versicherungsbedingungen, Wahlprogrammen, Pressemitteilungen, Bank-Unterlagen und Reden von CEOs der DAX-30-Unternehmen eingesetzt wurde.

Das Hamburger Verständlichkeitskonzept entstand in den 1970er Jahren und wollte Verständlichkeit umfassender erfassen als nur über Wort- und Satzmerkmale. Es unterscheidet vier zentrale Merkmalsdimensionen: Einfachheit, Gliederung/Ordnung, Kürze/Prägnanz und zusätzliche Stimulanz. Einfachheit meint syntaktisch-semantische Einfachheit; Gliederung/Ordnung meint innere Folgerichtigkeit und äußere Übersichtlichkeit; Kürze/Prägnanz meint Beschränkung auf das Wesentliche; zusätzliche Stimulanz meint persönliche Anteilnahme und Anregung.

Der interaktionale Ansatz von Norbert Groeben versteht Textverständlichkeit als Interaktion zwischen Text und Leser. Verständlichkeit ist hier nicht mehr nur eine reine Texteigenschaft. Groeben nennt ebenfalls vier Dimensionen: sprachliche Einfachheit, semantische Kürze/Redundanz, kognitive Gliederung/Ordnung und stimulierender kognitiver Konflikt.

Der prozedurale Ansatz von Walter Kintsch und anderen ist kognitionswissenschaftlich fundiert. Textverstehen gilt als aktive Konstruktion einer kohärenten Bedeutungsstruktur. Leser bilden aus Sätzen oder Satzteilen mentale Repräsentationen, sogenannte Propositionen. Die darunterliegende Bedeutungsstruktur eines Textes heißt Textbasis oder Tiefenstruktur. Ob Verstehen gelingt, hängt von Textmerkmalen wie Kohärenz, Propositionsdichte und Satz- oder Phrasenlänge ab, aber auch von Lesermerkmalen wie Verarbeitungsstrategie und Kapazität des Arbeits- und Kurzzeitgedächtnisses.

Karlsruher Konzept und Unterschiede

Das Karlsruher Verständlichkeitskonzept wurde von Susanne Göpferich entwickelt und als „kommunikationsorientiert-integrativer Ansatz zur Bewertung der Verständlichkeit von Texten“ bezeichnet. Es ist eine Weiterentwicklung des Hamburger Verständlichkeitskonzepts, kritisiert aber dessen textzentrierte Sicht. Im Mittelpunkt stehen die Kommunikationssituation und die kommunikative Funktion des Textes. Diese Funktion entsteht aus Zweck, Adressat und Sender eines Textes.

Eine wichtige Neuerung ist die Einbeziehung mentaler Modelle. Ein mentales Modell ist die Repräsentation eines Gegenstandes oder Prozesses im Bewusstsein. Das mentale Denotatsmodell umfasst die Gegenstände und Sachverhalte im Gedächtnis des Kommunikators, die er mit dem Text vermitteln will. Wenn der Kommunikator viel mehr weiß als der Rezipient, muss er dieses Modell vereinfachen, etwa durch Weglassen von Details. Das mentale Konventionsmodell umfasst typische Standardformulierungen und Strukturvorgaben einer Textsorte, zum Beispiel Einleitung, Hauptteil und Schluss. Werden solche Konventionen verletzt, wird der Text schlechter verstanden.

Göpferich übernimmt die vier Dimensionen des Hamburger Konzepts, nennt sie aber Struktur, Simplizität, Motivation und Prägnanz. Ergänzt werden Korrektheit und Perzipierbarkeit. Korrektheit ist beeinträchtigt, wenn zum Beispiel das Vorwissen des Rezipienten überschätzt wird oder Textsortenkonventionen verletzt werden. Perzipierbarkeit umfasst Leserlichkeit, geht aber über Schriftart, Schriftgröße und Satzbreite hinaus und schließt auch Aufzählungen und Abbildungen ein.

Die Ansätze unterscheiden sich vor allem methodisch. Lesbarkeitsforschung und Hamburger Verständlichkeitskonzept sind empirisch-induktiv: Sie gewinnen zentrale Faktoren aus erhobenen Daten und statistischen Verfahren. Groeben, Kintsch und Göpferich arbeiten theoretisch-deduktiv: Sie leiten Variablen aus Verstehenstheorien ab und überprüfen sie empirisch. Die theoretisch-deduktiven Ansätze beziehen stärker Leser- und Situationsmerkmale ein, während die empirisch-induktiven Ansätze stärker auf Textmerkmale konzentriert sind.

Dilemmata und Hohenheimer Modell

Die Textverständlichkeitsforschung steht vor mehreren Dilemmata. Ein erstes ist der Widerspruch zwischen Praktikabilität und Präzision: Sehr genaue Beschreibungen von Textmerkmalen sind oft aufwendig, während leicht anwendbare Verfahren eher unpräzise sind. Ein zweites Dilemma entsteht aus der Leser-Text-Interaktion: Wenn Verständlichkeit vom jeweiligen Leser, Kanal und der Situation abhängt, kann derselbe Text viele unterschiedliche „Verständlichkeiten“ haben. Ein drittes Dilemma betrifft das Thema: Wenn Semantik, Vorwissen und Interesse berücksichtigt werden, verlieren formale Textfaktoren stark an Einfluss.

Außerdem können Verständlichkeitsdimensionen einander widersprechen. Einfachheit und Stimulanz können mit Übersichtlichkeit und Kürze unvereinbar sein, wenn ein Text eine gewisse inhaltliche Komplexität hat. Eine maximale Verständlichkeitsoptimierung kann für geübte Leser künstlich oder belehrend wirken. Auch gutes, interessantes Deutsch und Verständlichkeit lassen sich laut Wolf Schneider nur bis zu einem gewissen Grad vereinbaren, weil ein großer Wortschatz, Sprachbilder, Metaphern und Ironie die Verständlichkeit senken können.

Das Hohenheimer Modell der Textverständlichkeit unterscheidet Prädiktor-, Konstrukt- und Indikatorebene. Prädiktoren sind Faktoren, die Verständlichkeit bedingen: Kommunikator- und Textmerkmale, Kanaleigenschaften, Rezipientenmerkmale und situative Faktoren. Textverständlichkeit selbst gilt als latentes, also nicht direkt messbares Konstrukt. Auf der Indikatorebene zeigen sich Reaktionen der Rezipienten: Textverständnis, Verarbeitungseffizienz und Verständlichkeitsbewertung.

Textmerkmale im Modell sind unter anderem Wort- und Satzschwierigkeit, innere Kohärenz, äußere Gliederung, Ideendichte, inhaltliche Redundanz und Themeneinfluss. Rezipientenmerkmale können kognitiv sein, etwa Sprachkompetenz und Vorwissen, oder affektiv, etwa Voreinstellung zu Kommunikator und Thema. Kanalfaktoren betreffen unter anderem, ob Sprache geschrieben oder gesprochen ist, ob die Verarbeitungsrate vorgegeben oder selbstbestimmt ist, und ob auditive, visuelle oder audiovisuelle Signale genutzt werden.

Die Indikatoren müssen getrennt betrachtet werden. Textverständnis beschreibt die mentale Bedeutungsrepräsentation des Textes. Verarbeitungseffizienz berücksichtigt den kognitiven Aufwand, zum Beispiel Lesedauer. Verständlichkeitsbewertung erfasst die subjektive Wahrnehmung. Textbehalten wird im Modell nicht ausdrücklich aufgenommen, weil man Sätze behalten kann, ohne sie verstanden zu haben, und Sätze verstehen kann, sie aber trotzdem vergessen kann.

Regeln für verständliche Texte

Viele Stil-Ratgeber enthalten Regeln zur Verständlichkeit, etwa Ludwig Reiners’ Stilfibel von 1951 und Ratgeber von Wolf Schneider. Solche Regeln betreffen aber oft gutes Schreiben allgemein, nicht nur Verständlichkeit. Dadurch können Widersprüche entstehen: Die Regel „Wiederholungen vermeiden“ kann zum Beispiel gegen Verständlichkeit sprechen, weil wiederholte Begriffe Bezüge klarer machen.

Gängige Regeln sind: kurze und einfache Sätze bilden, Schachtelsätze vermeiden, einfache und konkrete Wörter verwenden, Fremd- und Fachwörter sowie Anglizismen erklären oder vermeiden, Abkürzungen erklären, Passivkonstruktionen und Nominalisierungen vermeiden, den Text inhaltlich und optisch gut gliedern, kein Expertenwissen voraussetzen und Verständlichkeit möglichst durch Abbildungen unterstützen. Als „goldene Regel“ wird George Orwell genannt: Man soll jede Regel ignorieren, bevor dadurch ein Sprachungetüm entsteht.

Für journalistische Texte nennt Walther von La Roche unter anderem: nur berichten, was man selbst verstanden hat; anschaulich und genau berichten; Vorgeschichte und Zusammenhänge zeigen; bei Bedarf wiederholen; das treffende und richtige Wort suchen; mit Metaphern vorsichtig sein; Behörden-Deutsch und Blähstil vermeiden; Fremdwörter sparsam verwenden; Begriffe und Abkürzungen erklären; kurze Sätze bilden; Aktiv bevorzugen; Rechtschreibung, Grammatik und Satzzeichen beachten.

Für Geschäftstexte sind Klarheit, Adressatenbezug und geringe Mehrdeutigkeit besonders wichtig. Texte sollen respektvoll formuliert sein, verschiedene Verständnisniveaus der Adressaten berücksichtigen, klar sagen, worum es geht, nicht unnötig juristisch klingen, einheitliche Begriffe verwenden und möglichst konkret schreiben. Wichtige Aussagen sollen lieber in einem eigenen Satz stehen als in Relativsätzen oder Adjektiven verborgen sein.

Für Webtexte ist Verständlichkeit besonders wichtig, weil am Bildschirm 25 Prozent langsamer gelesen wird und Websites von 70–80 Prozent der User eher gescannt als vollständig gelesen werden. 50 Prozent der angebotenen Informationen werden nicht wahrgenommen, und die Anzahl der Blickbewegungen ist im Vergleich zum traditionellen Lesen um 60 Prozent reduziert. Deshalb sollen Webtexte das Wichtigste an den Anfang stellen, nur einen Gedanken pro Satz enthalten, etwa 7 bis 11 Wörter pro Satz verwenden, viele Absätze und Überschriften nutzen, wichtige Aussagen hervorheben und möglichst kurz sein. Texte sollten maximal zwei Bildschirmseiten lang sein und in thematische Blöcke geteilt werden.

Für Verwaltungssprache empfiehlt die Klartext-Initiative der Universität Hohenheim unter anderem persönliche und freundliche Ansprache, Verzicht auf Amts- oder Befehlston, möglichst wenig Passiv, einfache Begriffe, Erklärung unverzichtbarer Fachbegriffe und Abkürzungen, kurze Sätze, klare Bezüge, einheitliche Wortwahl, gute Struktur und Rechtsquellen am Satzende. Sätze, die länger als 20 Wörter sind, sollen gekürzt oder geteilt werden; zwischen Subjekt und Prädikat sollten nicht mehr als sechs Wörter stehen.

Satzlänge als Richtwert

Zur optimalen Satzlänge gibt es verschiedene Angaben. Sie sind keine einheitliche Formel, sondern Richtwerte aus der Ratgeber-Literatur und aus unterschiedlichen Kommunikationsbereichen.

Genannt werden unter anderem 3–9 Wörter als Spannbreite dessen, was ein deutscher Durchschnittsleser in einer Verarbeitungseinheit von 3 Sekunden liest, 9 Wörter als Obergrenze optimaler Verständlichkeit laut dpa, 12 Wörter als Obergrenze für kurze Sätze nach Björnsson und 10–15 Wörter als empfohlene Satzlänge für geschriebene Sprache nach Seibicke. Für Hörfunknachrichten nennt Weischenberg 13 Wörter als Obergrenze, für Printnachrichten 15 Wörter. Reiners nennt 18 Wörter als Obergrenze der Leichtverständlichkeit, ebenso Sturm & Zirbik als Obergrenze für Journalisten. Bei der dpa gelten 20 Wörter als Obergrenze des Erwünschten und 30 Wörter als Obergrenze des Erlaubten.

Die Beispiele zeigen: Kurze Sätze gelten meist als verständlicher, doch die genaue optimale Länge hängt von Textsorte, Medium, Zielgruppe und Zweck ab.

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