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Generisches Maskulinum

Generisches Maskulinum (von lateinisch genus „Geschlecht, Gattung, Art“, und masculus „männlich“) bezeichnet die sexusindifferente (auch: …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundfunktion
  2. 2. Substantive und ihre Bedeutungsunterschiede
  3. 3. Pronomen in verschiedenen Sprachen
  4. 4. Englisch und Schwedisch
  5. 5. Sprachkritik und Alternativen
  6. 6. Studien und theoretische Deutungen

Begriff und Grundfunktion

Das generische Maskulinum bezeichnet die sexusindifferente, also geschlechtsneutrale oder geschlechtsunspezifische Verwendung maskuliner Substantive oder Pronomen. Eine grammatisch maskuline Personen- oder Berufsbezeichnung steht dabei für Personen, deren biologisches Geschlecht unbekannt oder unwichtig ist oder die männlich, weiblich oder gemischt sind. Das spezifische Maskulinum bezeichnet dagegen ausschließlich männliche Individuen.

Beispiele sind „jeder, der helfen will, ist willkommen“, „alle Lehrer wollen guten Unterricht machen“ und „viele Bären leben in den Bergen“. Im letzten Beispiel bezeichnet „Bären“ männliche und weibliche Tiere. Das generische Maskulinum kann je nach Sprache auch bei Personal-, Possessiv-, Indefinit- und Demonstrativpronomen vorkommen.

Im Deutschen bildet die grammatische Form die Bedeutung nicht immer vollständig ab. Vergleichbare Fälle sind das generische Femininum („die Waise“, „die Giraffe“), das generische Neutrum („das Huhn“, „das Pferd“, „das Kind“), der generische Singular („Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“), der generische Plural der Höflichkeitsform „Sie“, das futurische Präsens („Sie fliegt am Montag nach Dubai.“) und das generische Passiv („Funktionswörter werden kleingeschrieben.“).

Substantive und ihre Bedeutungsunterschiede

Bei deutschen Personen- und Tierbezeichnungen unterscheidet die Duden-Grammatik drei Klassen:

• Sexusindifferente Substantive können unabhängig vom grammatischen Genus Personen beiderlei natürlichen Geschlechts bezeichnen, etwa „der Mensch“, „die Person“ und „das Individuum“.

• Sexusspezifische Substantive bezeichnen entweder Männer oder Frauen, etwa „der Knecht“ und „die Mutter“. Ausnahmen vom Verhältnis zwischen Genus und natürlichem Geschlecht bilden unter anderem Diminutive wie „das Mädchen“ und „das Weib“.

• Bei einer dritten Klasse gibt es neben der maskulinen Grundform eine durch Movierung, also die Ableitung einer weiblichen Form, gebildete Form: „der Arzt – die Ärztin“ oder „der Bär – die Bärin“.

Bei dieser dritten Klasse bezeichnet die weibliche Ableitung stets weibliche Personen oder Tiere. Die Grundform kann dagegen spezifisch männlich oder generisch sein. Im Singular weist ein bestimmtes Individuum meist auf das spezifische Maskulinum hin: „Paul ist ein guter Arzt“ oder „Der Roman erzählt die Geschichte eines russischen Arztes“. Auch der Kontext kann das männliche Geschlecht anzeigen, etwa durch „männlicher Arzt“ oder durch die Gegenüberstellung von „Ärztinnen und Ärzten“. Fehlen Bestimmtheit und solche Kontextsignale, ist die Grundform generisch, etwa in „Einige Politiker meinen, Ärzte verdienten zu viel“ oder „Der kleinste Hirsch der Welt ist der Pudu“.

Im Plural bezeichnet die Grundform ausschließlich männliche Personen oder Tiere, wenn der Kontext dies ausdrücklich festlegt, etwa „die Söhne der Meyers wollen Ärzte werden“. Ohne einen solchen Hinweis bleibt das Geschlecht unbestimmt: „zweier Berliner Ärzte“ kann zwei Männer, zwei Frauen oder eine gemischte Gruppe meinen. Die weibliche Form bezeichnet immer eine rein weibliche Mehrzahl.

Auch bei vielen Tieren wird das Maskulinum für die ganze biosystematische Klasse verwendet, etwa „der Bär“, „der Löwe“ oder „der Hirsch“. Bei einigen Wörtern bedeutete „Mann“ historisch oder in festen Wendungen zugleich „Mensch“; Reste finden sich in „zwanzig Mann“, „alle Mann“, „Mann über Bord“, „jedermann“ und dem Indefinitpronomen „man“. Bei Wortbildungen bleibt die Grundform auch bei unbestimmtem oder gemischtem Sexus Grundlage, etwa „Bauernregel“, „Hundefloh“, „bäuerlich“ und „hundemüde“. Movierte Formen bilden nur dann neue Wörter, wenn ausschließlich Frauen oder weibliche Tiere gemeint sind, etwa „Bäuerinnenrente“ oder „Löwinnenkopf“.

Pronomen in verschiedenen Sprachen

In vielen Sprachen gibt es bei Personalpronomen der dritten Person Plural ein maskulines und ein feminines Pronomen. Das maskuline kann generisch verwendet werden. Im Französischen kann „ils“ sowohl eine rein männliche als auch eine unbestimmte oder gemischte Gruppe bezeichnen; „elles“ steht für eine rein weibliche Gruppe. Ähnliche Systeme gibt es unter anderem im Isländischen, Griechischen, Serbokroatischen, Hebräischen und Arabischen. In semitischen Sprachen wird außerdem in der zweiten Person Singular zwischen maskulinen und femininen Pronomen unterschieden.

Sehr wenige Sprachen besitzen ein eigenständiges Pronomen für Personen unbestimmten oder gemischten Geschlechts. Im Volapük lauten die Formen für „sie lieben einander“ „löfoms odis“ bei nur männlichen Personen, „löfons odis“ bei unbestimmtem oder gemischtem Geschlecht und „löfofs odis“ bei nur weiblichen Personen. Historisch gab es eine vergleichbare grammatische Behandlung auch im Gotischen.

Indefinitpronomen können ebenfalls generisch-maskuline Eigenschaften zeigen. Im Deutschen verlangen „man“, „wer“, „jeder“, „jedermann“, „keiner“, „mancher“, „jemand“ und „niemand“ häufig ein maskulines Bezugspronomen: „Man hat sein Glück nicht gemacht, vermag man nicht, es zu genießen.“ Für „jemand“ und „niemand“ beschreibt die Duden-Grammatik neben dem generisch maskulinen auch einen femininen Gebrauch, etwa „Sie ist jemand, der/die nicht so schnell aufgibt“. Vergleichbare Entwicklungen gibt es im Englischen, Schwedischen, Niederländischen und Französischen.

Englisch und Schwedisch

In Sprachen ohne substantivisches Maskulinum, etwa Englisch und Schwedisch, entsteht das Problem häufig erst bei anaphorischen Pronomen, also Pronomen, die sich auf ein vorher genanntes Substantiv beziehen. Das englische Substantiv „teacher“ ist sexusindifferent; bei der Fortsetzung „A teacher knows his students since he teaches them every day“ wird jedoch das maskuline „he“ verwendet. „He“ kann dann generisch, aber auch spezifisch männlich verstanden werden. Im Schwedischen besteht die entsprechende traditionelle Form „han“ neben „hon“.

Im Englischen wurde der Ausdruck „generic masculine“ vor allem ab 1974 im Zusammenhang mit der zweiten Welle der Frauenbewegung diskutiert. Seit dem späten 18. Jahrhundert gab es neben dem generischen „he“ das singulare „they“, etwa „A person can’t help their birth.“ Die normative Grammatik bekämpfte diese Verwendung; 1850 schrieb Lord Brougham’s Act für Gesetzestexte das generische „he“ als einzige anaphorische Form vor.

Im 21. Jahrhundert verbreitete sich das singulare „they“ besonders im gesprochenen Englisch und verdrängte das generische „he“ teilweise. Der Chicago Manual of Style erlaubt es seit der 17. Auflage von 2018 im mündlichen und informellen schriftlichen Gebrauch. Im förmlichen schriftlichen Gebrauch erlaubt er es für einzelne Personen, die sich nicht mit „he“ oder „she“ identifizieren.

Schwedisch führte mit „hen“ ein eigenständiges sexusindifferentes Pronomen ein. Der Vorschlag stammt von Rolf Dunås aus dem Jahr 1966; als Vorbild diente das finnische „hän“. Breitere gesellschaftliche Aufmerksamkeit erhielt „hen“ durch das Kinderbuch „Kivi & Monsterhund“ von 2012. Der schwedische Sprachrat erkannte den Gebrauch 2013 an. In der schwedischen Presse nahm die Verwendung von 2012 bis 2020 zu und erreichte 0,87 %. Schweden ist bisher die einzige Sprache, in der ein solches Pronomen breite gesellschaftliche Akzeptanz gefunden hat. Im Dänischen verbreitet sich „høn“ allmählich, im Isländischen „hán“; ein entsprechender Vorschlag für das norwegische Bokmål scheiterte 2017.

Sprachkritik und Alternativen

Die feministische Linguistik kritisiert das generische Maskulinum seit den 1970er Jahren als missverständlich, weil Frauen sprachlich nicht sichtbar seien und nur „mitgemeint“ würden. Im deutschsprachigen Raum wurden ab 1980 zwei grundlegende Strategien entwickelt: die Sichtbarmachung beider Geschlechter durch Beidnennung („Lehrer und Lehrerinnen“) sowie die Neutralisierung durch geschlechtsneutrale Bezeichnungen oder Umformulierungen. Seit den 1980er Jahren fanden diese Ziele Eingang in Gesetze, amtliche Regelungen und behördliche Sprachleitfäden.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung erklärte 2018, die weit verbreitete Verwendung weiblicher und männlicher Formen, im Plural oder in Passivkonstruktionen werde der Erwartung geschlechtergerechter Schreibung derzeit am ehesten gerecht. Die GfdS bestätigte 2020 beide Strategien. Der Rechtschreibduden kennzeichnete generische Maskulinformen als nicht eindeutig und nennt Beidnennung, Kurzformen und Neutralisierung. Binnen-I, Genderstern, Unterstrich und Doppelpunkt werden ebenfalls genannt, sind aber vom amtlichen Regelwerk nicht abgedeckt.

Als spiegelbildliche Lösung wurde das generische Femininum vorgeschlagen, bei dem „Lehrerinnen“ alle Lehrkräfte einschließlich der Lehrer bezeichnet. Luise Pusch vertritt diesen Ansatz besonders seit 1984. Die Gesellschaft für deutsche Sprache lehnte ihn 2020 ab, weil Männer dabei ebenfalls nur „mitgemeint“ seien.

Die Ersetzung ist nicht überall problemlos. In Komposita wie „Bürgermeister“, „Fußgängerüberweg“, „Leserbrief“, „richterlich“ und „bauernschlau“ entstünden sehr lange oder unübersichtliche Formen. Auch bei mehreren Personenbezeichnungen in einem Satz kann die Formulierung übermäßig lang werden. Tautologien entstehen, wenn eine weibliche Form verwendet wird, obwohl alle bezeichneten Personen Frauen und Männer sein sollen, etwa „Frauen sind die vernünftigeren Autofahrerinnen“. Beidnennungen lösen solche Fälle nicht immer: „Mädchen sind die besseren Schüler und Schülerinnen“ bleibt problematisch.

In Spanien verbreiteten sich seit Mitte der 1990er Jahre im Netzjargon Formen wie „l@s trabajador@s“ und seltener „lxs desempleadxs“. Im Französischen gibt es vergleichbare Schreibweisen mit „@“, etwa „limit@s“.

Studien und theoretische Deutungen

Untersuchungen zeigen häufig, dass generische Maskulina als ausschließlich männlich verstanden werden, besonders im Singular („jeder Ingenieur“) und weniger im Plural („alle Ingenieure“). Im Deutschen wurden sie häufiger missverstanden als im Französischen oder Niederländischen. Zugleich wird die Aussagekraft mancher psycholinguistischer Studien wegen methodischer Mängel bezweifelt; kritisiert werden unter anderem die geringe Berücksichtigung von Singular und Plural, Textkontext und Referenz. Studien zur Textverständlichkeit fanden, dass Texte mit generischen Maskulina kognitiv gleich gut oder besser verständlich sein können als gegenderte Varianten.

Bei Kindern zeigten Untersuchungen von Dries Vervecken, dass 6- bis 12-jährige Mädchen 2012, 2013 und 2015 stärkeres Interesse an beschriebenen Berufen zeigten, wenn Beidnennungen wie „Ingenieur/Ingenieurin“ verwendet wurden. Beim englischen generischen „he“ verstanden in einer 1980 untersuchten Gruppe von 6-Jährigen nur 28 % die generische Bedeutung; bei College-Studenten waren es 84 %. Das singulare „they“ wurde von Kindern am leichtesten als sexusindifferent verstanden.

Josef Klein legte 1988 290 Versuchspersonen Lückentexte vor. 72 % der Männer und 67 % der Frauen bezogen generische Maskulina auf Männer. In einer Kontrollgruppe mit Beidnennungen taten dies noch 61 % der Männer und 57 % der Frauen. Klein folgerte, dass das generische Maskulinum teilweise, aber nicht allein für das Nicht-Mitdenken von Frauen verantwortlich sei. Spätere Studien fanden bei Binnen-I, Beidnennung und Schrägstrichschreibung, weniger deutlich bei Neutralisierung, eine geringere rein männliche Interpretation; vollständige Ausgewogenheit erreichte keine Alternative.

Weitere Befunde hängen von Geschlecht der Versuchspersonen, Beruf und Kontext ab. In einer Mannheimer Studie von 1998 schätzten Männer bei „typisch männlichen“ Berufen den Frauenanteil bei neutralisierenden Formulierungen auf 31,5 %, bei Beidnennung auf 27,63 % und beim generischen Maskulinum auf 23,56 %. Frauen schätzten ihn bei Beidnennung auf 33,13 %, bei Neutralisierung auf 23,44 % und beim generischen Maskulinum auf 17,06 %.

Theoretisch stehen sich mehrere Ansätze gegenüber. Die semantische Sicht verbindet Genus eng mit Sexus und deutet das Maskulinum als Ausdruck oder Ursache von Androzentrismus, also der Darstellung des Mannes als Norm. Die strukturalistische Sicht erklärt die generische Verwendbarkeit durch das formal unmarkierte Maskulinum und das durch „-in“ markierte Femininum. Gegen diese Erklärung spricht, dass es auch generische Feminina wie „die Gans“ gibt. Der generativgrammatische Markierungsbegriff berücksichtigt daher stärker die außersprachliche Wahrnehmung, etwa dass Studenten überwiegend männlich seien. Die psycholinguistische Forschung betont dagegen Kontext, Weltwissen und kulturell geprägte Kognition: Sprache könne das Nicht-Mitdenken von Frauen begünstigen, es aber nicht allein verursachen.

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