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Sprachwissenschaft

Die Sprachwissenschaft oder Linguistik (zu lateinisch lingua ‚Zunge', ‚Sprache') untersucht in verschiedenen Herangehensweisen die menschliche Sprache.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Bezeichnungen und Fachsprache
  3. 3. Zentrale Bereiche und Einheiten
  4. 4. Vergleichende und angewandte Linguistik
  5. 5. Interdisziplinarität, Geschichte und Forschungsansätze
  6. 6. Populärwissenschaft, Fachorganisationen und Literatur

Gegenstand und Bedeutung

Sprachwissenschaft oder Linguistik untersucht die menschliche Sprache aus unterschiedlichen Perspektiven. Gegenstand ist Sprache als System mit ihren Bestandteilen, Einheiten und Bedeutungen. Außerdem erforscht die Sprachwissenschaft die Entstehung, Herkunft und geschichtliche Entwicklung von Sprache, ihren Gebrauch in mündlicher und schriftlicher Kommunikation sowie das Wahrnehmen, Erlernen und Artikulieren von Sprache. Auch mögliche Sprachstörungen gehören zum Forschungsbereich.

Die Allgemeine Sprachwissenschaft stellt Methoden bereit, um Sprachsysteme in verschiedene Aspekte zu gliedern und beliebige Einzelsprachen zu beschreiben und zu vergleichen. Zu ihren wesentlichen Bereichen gehören Grammatiktheorie im weiten Sinn einschließlich Phonologie und Semantik, Pragmatik, Vergleichende Sprachwissenschaft beziehungsweise Sprachtypologie sowie Historische Sprachwissenschaft. Die Untersuchung kann sich auch auf einzelne Sprachen oder Sprachgruppen konzentrieren, etwa auf das Deutsche in der germanistischen Linguistik oder auf romanische Sprachen in der Romanistik.

Die Sprachwissenschaft ist inhaltlich und methodisch uneinheitlich und steht mit zahlreichen anderen Wissenschaften in Verbindung. Deshalb lässt sie sich keinem einzigen Wissenschaftstypus zuordnen. Als Lehre vom sprachlichen System kann sie zur Semiotik, der Lehre von den Zeichen, sowie zu den Struktur- und Formalwissenschaften gerechnet werden. Untersuchungen des individuellen Spracherwerbs und Sprachgebrauchs aus psychologischer oder klinischer Sicht weisen Bezüge zu den Naturwissenschaften auf. Wird Sprache als gesellschaftliches und kulturelles Phänomen betrachtet, gehört die Sprachwissenschaft zu den Kultur- beziehungsweise Geisteswissenschaften. Ethno-, Polito- und Soziolinguistik werden teilweise den Sozialwissenschaften zugerechnet.

Bezeichnungen und Fachsprache

Die Ausdrücke „Sprachwissenschaft“ und „Linguistik“ werden meistens gleichbedeutend verwendet; auch Bezeichnungen wie Historische Sprachwissenschaft und Historische Linguistik gelten grundsätzlich als synonym. Eine strenge Regel für die Benennung der Disziplin gibt es jedoch nicht. Neben „Sprachwissenschaft“ wird gelegentlich auch die Pluralform „Sprachwissenschaften“ verwendet. Regionale Unterschiede bestehen ebenfalls: In Österreich ist „Allgemeine Sprachwissenschaft“ üblicher als „Allgemeine Linguistik“.

Manchmal bezeichnet „Sprachwissenschaft“ eher die Sprache und den Sprachgebrauch als gesellschaftliches und kulturelles Phänomen mit Nähe zu Philologie und Literaturwissenschaft. „Linguistik“ wird dann enger als Systemlinguistik verstanden, also als Untersuchung der Strukturen einzelner Sprachen und ihrer Funktionen, etwa beim Spracherwerb, bei der Repräsentation im Gehirn oder beim sozial und demografisch abhängigen Sprachgebrauch. Die Bezeichnung „Sprachkunde“ für die „Lehre von der Sprache und ihren Gesetzen“ gehört eher zur älteren Literatur und ist heute kein Synonym für Sprachwissenschaft.

Für Teildisziplinen mit Bezügen zu anderen Wissenschaften wird in der Regel ausschließlich „Linguistik“ verwendet, etwa in Soziolinguistik, Psycholinguistik, Computerlinguistik und Politolinguistik. Die Allgemeine Sprachwissenschaft heißt mitunter auch Theoretische Sprachwissenschaft oder Theoretische Linguistik.

Der Begriff „angewandt“ ist nicht eindeutig. Er kann die Untersuchung tatsächlich verwendeter Sprache im Gegensatz zu abstrakten Sprachsystemen und Grammatikmodellen meinen. Ebenso kann er die praktische Umsetzung linguistischer Forschungsergebnisse außerhalb der Linguistik bezeichnen, etwa in Sprachtherapie oder computergestützter Spracherkennung. Diese Unterscheidung wird auch als applied linguistics gegenüber linguistics applied diskutiert.

Die Fachterminologie umfasst allgemein verständliche Ausdrücke aus der Schulgrammatik, etwa Verb, Substantiv, Subjekt und Objekt, aber auch Begriffe, deren wissenschaftliche Bedeutung von der Alltagssprache abweicht oder sie ergänzt. Fachbegriffe dienen in der Linguistik meist der Beschreibung und nicht der Festlegung dessen, was sprachlich „richtig“ oder „falsch“ ist. Viele Termini enthalten lateinische oder altgriechische Elemente; neuere Begriffe werden häufig aus dem Englischen übernommen oder eingedeutscht.

Zentrale Bereiche und Einheiten

Die Abgrenzung der Teildisziplinen ist uneinheitlich und teilweise umstritten. Häufig werden Allgemeine Sprachwissenschaft, Vergleichende beziehungsweise Historische Sprachwissenschaft und Angewandte Sprachwissenschaft als drei große Domänen genannt. Viele Forscher halten diese Einteilung jedoch für künstlich oder unzweckmäßig. Auch die Varietätenlinguistik wird unterschiedlich eingeordnet: Sie gilt entweder als Teil der Angewandten Sprachwissenschaft oder als Teil der Soziolinguistik. Philologie wird in der Regel nicht als Teilbereich der Linguistik, sondern als eigene Disziplin betrachtet, obwohl beide eng verbunden sind.

Eine verbreitete Übersicht ordnet sprachliche Gegenstände folgenden Bereichen zu:

  • Phonetik und Phonologie: lautliche Struktur;
  • Morphologie: Wortstruktur;
  • Syntax: Satzstruktur;
  • Semantik: Bedeutung;
  • Pragmatik: Sprachgebrauch;
  • Psycho- und Neurolinguistik: Prozesse im Gehirn;
  • Soziolinguistik: soziale Variation der Sprache;
  • Dialektologie: lokale Variation der Sprache.

Diese Bereiche können miteinander verbunden werden. So untersucht die Sprachwissenschaft Sprache zugleich als formales System, als Mittel des Gebrauchs und als Bestandteil individueller, sozialer und historischer Prozesse.

Vergleichende und angewandte Linguistik

Die Vergleichende Sprachwissenschaft unterscheidet Untersuchungen nach ihrer zeitlichen Perspektive. Zur synchron vergleichenden Forschung gehören die Arealtypologie, die Sprachen eines geografischen Raumes vergleicht, um Sprachbünde zu ermitteln, die Kontrastive Linguistik, die meist zwei Sprachen auf spezifische Unterschiede hin untersucht, und die Sprachtypologie, die Sprachtypen feststellt. Die Universalienforschung sucht Eigenschaften, die allen Sprachen gemeinsam sind. Die Varietätenlinguistik vergleicht Varianten innerhalb einer Einzelsprache, beispielsweise Dialekte, Soziolekte und Fachsprachen.

Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft, auch Diachronie genannt, untersucht Sprachveränderungen über die Zeit. Sie arbeitet Sprachfamilien und Entwicklungslinien heraus und verfolgt Veränderungen in Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik und Stilistik. Etymologie untersucht die Entstehung und Herkunft von Wörtern und ihren Bedeutungen. Indogermanistik rekonstruiert die indogermanische Ursprache und verfolgt die Entwicklung zu den heutigen indogermanischen Einzelsprachen. Onomastik erforscht Entstehung, Bedeutung und Verbreitung von Eigennamen.

Die Angewandte Sprachwissenschaft ist kein homogener Bereich. Im engeren Verständnis untersucht sie Sprache in ihrer realen Umwelt und im tatsächlichen Gebrauch. Im weiteren Verständnis umfasst sie die praktische Anwendung linguistischer Forschung, etwa für Therapieformen, Lehrmaterial oder Sprachtechnologie. Zu ihren häufig genannten Gebieten gehören Computerlinguistik mit künstlicher Intelligenz, Sprach- und Prosodieerkennung, Sprachkorrekturprogrammen, Lernsoftware, Texttechnologie und Mensch-Computer-Interaktion; ferner Forensische Linguistik, Internetlinguistik, Klinische Linguistik, Neurolinguistik, Patholinguistik, Lexikografie, Sprach- und Schreibberatung, Sprachlehr- und Sprachlernforschung, Sprachdidaktik, Sprachplanung und Standardologie.

Weitere angewandte oder teilweise allgemeinsprachwissenschaftliche Gebiete sind Ethnolinguistik, Psycholinguistik, Kognitive Linguistik, Soziolinguistik, feministische Linguistik beziehungsweise Genderlinguistik, die Forschung zu Sondersprachen, Diskursanalyse, Spracheinstellungsforschung, Interkulturelle Kommunikation, Interlinguistik, Medienlinguistik und Politolinguistik. Die Soziolinguistik untersucht im engeren Sinn Sprache in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Variablen wie sozialer Schicht oder Alter; im weiteren Sinn das Verhältnis von Sprache und Gesellschaft sowie gesellschaftliche Mehrsprachigkeit.

Interdisziplinarität, Geschichte und Forschungsansätze

Viele linguistische Gebiete liegen an Schnittstellen zu anderen Wissenschaften. Verbindungen bestehen unter anderem zu Gender Studies, Informatik, Kommunikationswissenschaft, Neurologie, Pädagogik, Politikwissenschaft, Psychologie und Soziologie. Fachliche Entsprechungen werden manchmal gleichgesetzt, obwohl sie sich inhaltlich und methodisch unterscheiden: Politolinguistik und Politische Kommunikation, Psycholinguistik und Sprachpsychologie sowie Soziolinguistik und Sprachsoziologie. Die Allgemeine Sprachwissenschaft ist Bestandteil der Kognitionswissenschaft; die Historische Linguistik dient mit Sprachvergleich und Rekonstruktion auch der Archäologie und Alten Geschichte. Weitere Nachbargebiete sind Anthropologie, Ethnologie, Klassische Philologie, Epigraphik, Medienwissenschaft, Logopädie, Phoniatrie, Ökologie, Rechtswissenschaft, Rhetorik, Semiotik, Sprachphilosophie und Übersetzungswissenschaft.

Zu den schwer eindeutig einzuordnenden interdisziplinären Gebieten gehören Dialektologie, Fachsprachenforschung, Kontaktlinguistik, Koloniallinguistik, Korpuslinguistik, Paläolinguistik, Ökolinguistik, Schreibforschung und Schreibdidaktik, Schriftlinguistik, Sprachstatistik, Sprachwahrnehmung und Translatologie. Korpuslinguistik untersucht reale schriftliche und mündliche Sprache anhand repräsentativer Textkorpora; sie kann als eigenes Teilgebiet oder als Methode anderer Disziplinen gelten. Paläolinguistik erforscht die Entstehung menschlicher Sprache und überschneidet sich mit Psychologie und Anthropologie.

Die Geschichte reicht von den antiken Anfängen in Indien und Griechenland bis zur modernen autonomen Wissenschaft. Wichtige Stationen sind die Begründung der Indogermanistik im 19. Jahrhundert durch Heinrich Julius Klaproth, die strukturalistische Sprachbeschreibung durch Ferdinand de Saussure zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die Entwicklung der Generativen Grammatik durch Noam Chomsky seit Mitte des 20. Jahrhunderts.

Drei zentrale Forschungsgegensätze sind präskriptiv und deskriptiv, diachron und synchron. Präskriptive Arbeiten schreiben Sprachgebrauch vor; deskriptive Arbeiten beschreiben ihn. Präskriptive Schriften werden in der akademischen Linguistik weitgehend abgelehnt, während normative Arbeiten als angewandte Forschung verstanden werden und wenig Raum einnehmen. Umstritten ist besonders, ob Sprachkritik ein linguistischer Forschungsgegenstand sein soll. Eine Ausnahme bilden etwa Sprachentwicklungstests, die den Sprachstand eines Kindes an einer ermittelten Entwicklungsnorm messen.

Diachrone Forschung betrachtet sprachliche Phänomene in ihrer zeitlichen Entwicklung, synchrone Forschung beschreibt einen Sprachzustand zu einem bestimmten Zeitpunkt. Beispiele sind die historische Verschiebung deutscher Dialektgrenzen gegenüber den Dialektgrenzen im 18. Jahrhundert oder die Bedeutungsentwicklung von „Kunst“ gegenüber seinem derzeitigen Bedeutungsspektrum.

Humanistische Ansätze verstehen Sprache als menschliche Erfindung und als Zeichensystem aus Bedeutung und Form. Strukturanalyse zerlegt sprachliche Ebenen bis zu Einheiten wie Phonemen, Morphemen, lexikalischen Klassen und Phrasentypen. Funktionsanalyse ergänzt die Zuordnung semantischer und anderer Rollen, etwa Subjekt, Objekt, Agent oder Patient. Funktionale Linguistik erklärt sprachliche Formen über ihre kommunikative Funktion.

Biologische Ansätze wie Generative Grammatik und Kognitive Linguistik untersuchen sprachliche Kognition und biologische Grundlagen. Die Generative Grammatik nimmt angeborenes, domänenspezifisches grammatisches Wissen an. Die Kognitive Linguistik lehnt eine angeborene Grammatik ab und untersucht, wie der Geist aus Ereignisschemata sprachliche Konstruktionen bildet. Die evolutionäre Linguistik betrachtet sprachliche Einheiten als kulturelle Replikatoren; die Konstruktionsgrammatik wendet dabei das Meme-Konzept auf Syntax an.

Populärwissenschaft, Fachorganisationen und Literatur

Populärwissenschaftliche Linguistik vermittelt Forschungsergebnisse in allgemein verständlicher Form an Nichtfachleute. Sie erscheint unter anderem in Printmedien, Rundfunk, Fernsehen, Büchern und Onlinekolumnen. Besonders großes öffentliches Interesse gilt dem eigenen Sprachverhalten, dem öffentlichen Sprachgebrauch, Sprachwandel und Sprachkritik, der Etymologie und Onomastik, allgemeinen Sprachbeschreibungen sowie der kindlichen Sprachentwicklung und möglichen Entwicklungsstörungen.

Bei Sprachkritik und Ratgebern reicht das Spektrum von deskriptiv und linguistisch fundierten Darstellungen bis zu normativen, wirtschaftlich motivierten oder scherzhaften Veröffentlichungen. Die Grenzen zwischen Fachliteratur und Populärwissenschaft sind besonders bei Sprachtypologie und allgemeinen Sprachbeschreibungen unscharf. Häufig werden auch verbreitete Irrtümer über Sprache erklärt. Namenlexika, Deutungen von Familien- und Ortsnamen sowie Herkunftserklärungen von Wörtern, Redewendungen und Sprichwörtern gehören zu den klassischen populärwissenschaftlichen Themen.

Linguistische Fachgesellschaften fördern Forschung, Vernetzung und fachlichen Austausch. In Deutschland nennt der Artikel die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), gegründet 1947 mit Sitz in Wiesbaden, die Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL), gegründet 1968 mit Sitz in Bayreuth, und die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS), gegründet 1978 mit Sitz in Düsseldorf. International wird die Association Internationale de Linguistique Appliquée (AILA) genannt, gegründet 1964 mit Sitz in Winterthur. Laienorganisationen zur Sprachpflege sind von wissenschaftlichen Fachgesellschaften zu unterscheiden.

Zur Fachliteratur gehören Lexika und Enzyklopädien, allgemeine Einführungen, Lehr- und Studienbücher zu einzelnen Philologien und Teilgebieten sowie Werke zur Methodenlehre. Der Artikel verweist sowohl auf gedruckte als auch auf online verfügbare Nachschlagewerke.

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