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Sprache des Nationalsozialismus
Die Sprache des Nationalsozialismus oder NS-Deutsch bezeichnet ein Vokabular der deutschen Sprache und eine bestimmte öffentliche Rhetorik aus der Zeit …
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Begriff und Bedeutung
Die Sprache des Nationalsozialismus, auch NS-Deutsch genannt, bezeichnet das besondere Vokabular und die öffentliche Rhetorik im nationalsozialistischen Staat. Sie prägte zahlreiche Lebensbereiche und umfasste sowohl neu geschaffene Wörter als auch veränderte Bedeutungen bereits vorhandener Begriffe. Manche Formulierungen wurden gezielt eingeführt, andere bürgerten sich unreflektiert ein.
Adolf Hitler und Joseph Goebbels gehörten zu den wichtigsten Vertretern dieses Sprachgebrauchs. Als Demagogen versuchten sie, Menschen durch emotional aufgeladene Reden zu beeinflussen. Zugleich nutzten sie die Massenmedien systematisch für die NS-Propaganda. Dadurch verbreiteten sich ihr Wortschatz und ihr aggressiver Redestil in vielen öffentlichen Bereichen. Sprache diente dabei nicht nur zur Beschreibung der Wirklichkeit, sondern auch zur ideologischen Beeinflussung, Ausgrenzung und Verschleierung staatlicher Verbrechen.
Kennzeichen des Wortschatzes
Typisch waren Superlative und übertriebene Größenbehauptungen wie „einmalig“, „einzig“, „gigantisch“, „historisch“, „total“ oder „ungeheuer“. Nach dem Sieg über Frankreich sprach Wilhelm Keitel Hitler 1940 als „Größten Feldherrn aller Zeiten“ an. Offiziere verkürzten dies später intern spöttisch zu „Gröfaz“.
Eine zentrale Rolle spielte das Wort „Volk“. Es bezeichnete angeblich eine durch Abstammung, Geschichte, Kultur und „Volksboden“ verbundene Gemeinschaft. Einerseits sollte es durch Begriffe wie „Volksgemeinschaft“ und „Volksgenosse“ Zusammengehörigkeit ausdrücken. Andererseits schloss es Menschen aus, die als „fremdvölkisch“ bezeichnet wurden. Das „Volk“ galt in der nationalsozialistischen Ideologie als rassenbiologisch verstandener „Volkskörper“, der über dem einzelnen Menschen stand. Dies drückte die Formel „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ aus. Zahlreiche Zusammensetzungen wie „Volksdeutsche“, „Volksempfänger“, „Volkswagen“, „Volkssturm“, „Volksschädling“, „Volksgerichtshof“ und „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ zeigen die ideologische Bedeutung des Begriffs.
Wörter aus Technik und Wissenschaft wurden auf sachfremde Bereiche übertragen. Begriffe wie „Anschluss“ und „Gleichschaltung“ sollten Modernität und technische Leistungsfähigkeit vermitteln. Medizinische und naturwissenschaftliche Ausdrücke ließen politische Behauptungen scheinbar objektiv erscheinen. Menschengruppen wurden beispielsweise als „Krebsgeschwür“ bezeichnet; außerdem wurde die Evolutionstheorie Charles Darwins verfälscht wiedergegeben.
Auch die religiöse Sprache beeinflusste die Propaganda. Wörter wie „ewig“, „Glaubensbekenntnis“ und „Heil“ sowie Rituale wie der nationalsozialistische Weihnachtskult sollten politische Herrschaft religiös überhöhen. Der Massenruf „Sieg Heil“ nach Hitlers Ansprachen ähnelte formal dem „Amen“ einer Gemeinde.
Weitere Merkmale waren extrem verkürzte Verwaltungsbezeichnungen und zahlreiche Abkürzungen. Bei Sinti und Roma verwendeten Behörden etwa das einzelne „Z“ für „Zigeuner“ als Aktenvermerk und als Tätowierung von Häftlingen. Kürzel wie BDM, DAF, HJ, JM, DJ, NSKK, NSFK, KdF und RAD ließen neu geschaffene Organisationen selbstverständlich und allgemein bekannt erscheinen. Der Ausdruck „Gefolgschaft“ für die Belegschaft eines Unternehmens verdeutlichte zudem deren Unterordnung unter die Leitung im Sinne des Führerprinzips.
Entmenschlichung und Verschleierung
Die nationalsozialistische Sprache wertete verfolgte Gruppen gezielt ab. In Anknüpfung an Antijudaismus und Antisemitismus wurden Juden durch Tiermetaphern und Begriffe aus der Schädlingsbekämpfung entmenschlicht. Hitler bezeichnete Juden in „Mein Kampf“ als „Parasit“, „Schmarotzer“ und „schädlichen Bazillus“. Auch die Gleichsetzung mit Ratten, etwa im Propagandafilm „Der ewige Jude“, gehörte zu dieser Darstellung. Solche Wörter sollten Menschen als gefährlich und minderwertig erscheinen lassen und ihre Verfolgung vorbereiten oder rechtfertigen.
Umgekehrt verschleierten technisch, neutral oder positiv klingende Euphemismen die Gewalt des Regimes. Ein Euphemismus ist eine beschönigende oder verharmlosende Bezeichnung. „Endlösung der Judenfrage“ stand für die angestrebte weltweite Vernichtung aller Juden, „Sonderbehandlung“ konnte Tötung bedeuten, „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ bezeichnete die NS-Krankenmorde und „Kinderfachabteilung“ die Erforschung und Tötung geistig behinderter Kinder. Die bürokratische Wortwahl ließ geplanten Mord wie einen gewöhnlichen Verwaltungsvorgang erscheinen.
Staatliche Steuerung und politische Ziele
Das im März 1933 geschaffene Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) lenkte Rundfunk, Presse, Literatur, bildende Kunst, Film, Theater und Musik. Über die im September 1933 gegründete Reichskulturkammer kontrollierte es fast alle Kultur- und Medienbereiche. Zu deren Unterorganisationen gehörte die Reichspressekammer. Zensur, Fördermittel und Personalpolitik ermöglichten es, auch außerhalb der parteieigenen Medien nationalsozialistische Inhalte durchzusetzen. Die Reichsfilmkammer griff bis in einzelne Filmproduktionen ein.
Das Regime bezeichnete seine staatliche Sprachzensur und Sprachmanipulation selbst als „Sprachregelung“. Nach internen Anweisungen von Joseph Goebbels gab man der Presse sowohl Themen als auch bestimmte Formulierungen vor. Besonders bei Judenverfolgung und Judenvernichtung sollten verharmlosende, neutrale oder positiv klingende Wörter den wirklichen Zweck der Maßnahmen vor der deutschen und ausländischen Öffentlichkeit verbergen. Terror und Mord sollten dadurch normal erscheinen; zugleich sollte organisierter Widerstand der Betroffenen erschwert werden.
Der Sprachgebrauch richtete sich vor allem an Menschen, die noch keine Nationalsozialisten waren und von den Zielen der Partei und ihrer Amtsträger überzeugt werden sollten. Innerhalb der Partei schuf er Zusammengehörigkeit, kennzeichnete Gleichgesinnte und motivierte Mitglieder zu weiteren Maßnahmen gegen Gegner und verfolgte Gruppen. Ein extremes Beispiel sind Heinrich Himmlers geheime „Posener Reden“ vom Oktober 1943, die der nachträglichen Rechtfertigung des Holocaust dienten.
Darüber hinaus grenzte die Sprache Andersdenkende aus, schüchterte sie ein und ersetzte sachliche Argumente durch schlagwortartige Behauptungen. Parteizeitungen wie „Völkischer Beobachter“ und „Der Angriff“ sowie das Hetzblatt „Der Stürmer“ verbreiteten die politischen Ziele. Mit der zunehmenden Beherrschung des Staatsapparats wurde NS-Deutsch im Alltag fast allgegenwärtig. Selbst private Gespräche und die sogenannte Flüsterpropaganda waren während des Krieges von möglicher Ausspähung bedroht. Nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde der Hitlergruß auch für die Wehrmacht verpflichtend, um ihre Loyalität zu Hitler sichtbar zu machen.
Analysen in Literatur, Film und Theater
Mehrere Werke untersuchten oder verfremdeten die nationalsozialistische Sprache. Karl Kraus stellte in „Dritte Walpurgisnacht“, das bereits 1933 entstand, die Sprache der NS-Propaganda der Gedankenwelt Goethes gegenüber. Er sagte aus seiner Sprachanalyse die weitere Entwicklung voraus, veröffentlichte das bereits gesetzte Werk jedoch nicht. Es erschien erst 1952 nach seinem Tod.
Der Romanist und Literaturwissenschaftler Victor Klemperer dokumentierte in „LTI – Notizbuch eines Philologen“, veröffentlicht 1947, die deutsche Sprache zwischen 1933 und 1945. „LTI“ steht für das lateinische „Lingua Tertii Imperii“, also „Sprache des Dritten Reiches“, und parodiert die Abkürzungswut der Nationalsozialisten. Klemperer zufolge beeinflussten nicht in erster Linie einzelne Reden, Flugblätter oder Wörter die Bevölkerung. Entscheidend waren vielmehr die stereotypen Wiederholungen des gesamten Wortschwalls, die wie eine dauerhafte Suggestion wirkten.
Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind veröffentlichten zwischen 1945 und 1948 in der Zeitschrift „Die Wandlung“ ähnliche sprachkritische Beiträge. 1957 erschienen sie als Buch unter dem Titel „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“. Auch H. G. Adler verfasste für die Zeitschrift „Muttersprache“ mehrere kritische Texte.
Charles Chaplins Film „Der große Diktator“ von 1940 ist eine Hitler-Persiflage und Satire auf die NS-Herrschaft. Chaplin veränderte die Namen von Politikern und Staaten, übernahm jedoch Begriffe wie „Rasse“, „Ghetto“ und „Konzentrationslager“. Die Hauptfigur Hynkel spricht, abgesehen von einzelnen deutschen und englischen Wörtern, die erfundene und unverständliche Sprache „Tomanisch“. Aggressiver Tonfall, Stakkato, Mimik und Gestik machen dennoch Hitler und den brutalen Zweck seiner Rhetorik erkennbar. Seit 1973 trug der österreichische Schauspieler Helmut Qualtinger außerdem in Lesungen Passagen aus Hitlers „Mein Kampf“ vor; diese wurden auch als Tonträger veröffentlicht.