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Wortschatz

Als Wortschatz (Mehrzahl Wortschätze), auch Vokabular, Lexikon oder Lexik genannt, bezeichnet man die Gesamtheit aller Wörter. Damit kann gemeint sein:.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundunterscheidungen
  2. 2. Umfang des Wortschatzes von Sprachen
  3. 3. Aufbau aus Einheiten
  4. 4. Wortschatz einzelner Personen und Texte
  5. 5. Messung und Erwerb
  6. 6. Standardvokabular und Erweiterung

Begriff und Grundunterscheidungen

Als Wortschatz, auch Vokabular, Lexikon oder Lexik genannt, bezeichnet man die Gesamtheit aller Wörter. Gemeint sein kann entweder die Gesamtheit aller Wörter einer Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt oder die Gesamtheit der Wörter, die ein einzelner Sprecher kennt oder verwendet.

Beim Wortschatz einzelner Personen unterscheidet man zwischen rezeptivem und produktivem Wortschatz. Der rezeptive oder passive Wortschatz umfasst die Wörter, die jemand kennt oder erkennt. Er hilft beim Verstehen gesprochener und geschriebener Texte und wird deshalb auch Verstehenswortschatz genannt. Die Bedeutung eines Wortes kann dabei aus dem Gedächtnis abgerufen oder zum Beispiel mithilfe von Wortbildungsregeln erschlossen werden. Der produktive oder aktive Wortschatz umfasst die Wörter, die jemand aktiv verwendet. Er ermöglicht es, sich verständlich auszudrücken, indem zu einer Bedeutung das passende Wort aus dem Gedächtnis abgerufen wird.

Das zugehörige Adjektiv lautet lexikalisch. Als Vokabular werden außerdem spezielle Listen von Wörtern und ihren Bedeutungen sowie Wörterbücher bezeichnet.

Umfang des Wortschatzes von Sprachen

Der Wortschatz einer Sprache lässt sich nur schätzen, weil verschiedene Zählweisen und Quellen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Für die deutsche Standardsprache werden etwa 75.000 Wörter angegeben. Die Gesamtgröße des deutschen Wortschatzes wird je nach Quelle und Zählweise auf 300.000 bis 500.000 Wörter beziehungsweise Lexeme geschätzt. Ein Lexem ist dabei eine Grundeinheit des Wortschatzes, wie sie etwa als Stichwort im Wörterbuch erscheint.

Das Duden Deutsches Universalwörterbuch nennt für die Alltagssprache etwa 500.000 Wörter und für den zentralen Wortschatz rund 70.000 Wörter. Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (1852–1960) wird auf ca. 350.000 Stichwörter geschätzt; Wahrig (2008) gibt für die Neuausgabe 2006 über 260.000 Stichwörter an. Solche Wörterbücher enthalten aber nur geringe Teile der vielen Fachwortschätze. Außerdem nehmen sie Ableitungen, Komposita und neue Bildungen nur teilweise auf. Ein wichtiges Aufnahmekriterium ist, wie häufig und gebräuchlich ein Wort ist. Wörter, die aus einfachen Bestandteilen zusammengesetzt sind und sich dadurch selbst erklären, werden oft ausgeschlossen.

Mit fachsprachlichen Terminologien ist der deutsche Wortschatz deutlich größer. Allein die Fachsprache der Chemie enthält nach Winter (1986) rund 20 Millionen Benennungen. Lewandowski schätzte den Gesamtwortbestand des Deutschen auf 5 bis 10 Millionen Wörter; im Artikel wird angemerkt, dass dies vor diesem Hintergrund noch zu niedrig gegriffen erscheinen kann. In einem deutschen Textkorpus des 20. Jahrhunderts mit 1 Milliarde Wörtern wurden knapp unter 5 Millionen Lexeme beobachtet. Da dieses Korpus nur wenig fachspezifische Terminologie enthält, unterschätzt es den tatsächlichen Umfang wahrscheinlich, allerdings ist unklar, in welchem Maß. Wolfgang Klein, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik und Leiter des Digitalen Wörterbuchs der Deutschen Sprache, schätzt den deutschen Wortschatz auf 5,3 Millionen Wörter.

Für andere Sprachen nennt Wolff (1969: 48) Schätzungen von 500.000 bis 600.000 Wörtern für den englischen Wortschatz, knapp darunter für den deutschen und etwa 300.000 für den französischen. Daraus darf man nicht schließen, Französisch sei wortarm. Ein wichtiger Grund ist die unterschiedliche Wortbildung: Dem deutschen Wort „Kartoffelbrei“ oder „Erdäpfelpüree“ als einem neuen Wort entspricht im Französischen die Wortgruppe purée de pommes de terre aus fünf Wörtern. In Wörterbüchern der estnischen Literatursprache werden im 20. Jahrhundert um die 120.000 Wörter aufgeführt.

Die Zahl der Wörter ist nicht mit der Zahl der Wortformen zu verwechseln. Durch Flexion, also grammatische Veränderung wie Beugung, können aus Grundformen viele verschiedene Wortformen entstehen. Im Deutschen ist das stärker ausgeprägt als im Englischen, das seine Flexion langsam verliert. Die Häufigkeitsverteilung von Wörtern und Wortformen lässt sich mit dem Zipf’schen Gesetz beschreiben.

Der Wortschatz einer Sprache verändert sich ständig. Wörter verschwinden, wenn die bezeichneten Gegenstände außer Gebrauch geraten, zum Beispiel könnte „Rechenschieber“ mit der Zeit seltener werden. Manchmal ersetzt eine neue Bezeichnung eine alte, wie „Computer“ das frühere „Elektronengehirn“ ersetzt hat. Zugleich entstehen neue Wörter durch Wortbildung oder durch die Übernahme von Fremdwörtern. Solche Prozesse von Wortverlust und Wortzuwachs unterliegen dem Piotrowski-Gesetz.

Aufbau aus Einheiten

Nur ein kleiner Teil des Wortschatzes in einem Wörterbuch besteht aus einfachen, nicht weiter zerlegbaren Wörtern wie „Bach“, „Hut“ oder „Sand“. Viele Wörter sind Ableitungen wie „sand-ig“ oder Komposita, also Zusammensetzungen, wie „Bachlauf“ oder „Hutkrempe“.

Für den Aufbau von Wörtern lassen sich verschiedene elementare Einheiten unterscheiden. Dazu gehören phonetische, also lautliche, Einheiten wie Silben. Außerdem gibt es Morphe oder Morpheme; das sind Wortbestandteile, die eine Bedeutung oder eine grammatische Funktion tragen. Schließlich gibt es elementare Wörter wie „Bach“, „Hut“ und „Sand“, die zugleich eine Silbe, ein Morph beziehungsweise Morphem und ein Wort sind.

Karl Bühler fand in einem Wörterbuch mit 30.000 Stichwörtern rund 2.000 „Sinnsilben“. Dabei bleibt unklar, ob damit nur Bedeutungsträger oder auch Träger grammatischer Funktionen gemeint sind. Außerdem fand Bühler auf 30 Seiten von Goethes Wahlverwandtschaften 1.200 „Sinnsilben“ und schätzte für den gesamten Roman rund 4000 Sinnsilben. Menzerath analysierte ein deutsches Aussprachewörterbuch mit 20.453 Stichwörtern und fand 2.245 einsilbige Wörter, die zugleich aus einer Silbe und einem Morph beziehungsweise Morphem bestehen. Klein gibt an, dass Wortfamilien im Deutschen auf 8.000–9.000 Wortstämmen beruhen. Daraus lässt sich schließen, dass der deutsche Wortschatz auf einige tausend elementare Einheiten zurückgeführt werden kann.

Wortschatz einzelner Personen und Texte

Die Schätzungen zum Wortschatz einzelner Personen gehen stark auseinander. Eine relativ greifbare Zahl ist der aktive Wortschatz Goethes, der im 3. Band des Goethe-Wörterbuchs auf ca. 91.000 Wörter beziffert wird. Gemeint sind Wörter, die in seinen Werken nachweisbar sind. Da nur wenige Menschen ein so umfangreiches Werk hinterlassen haben, kann diese Zahl ungefähr eine obere Größenordnung für den aktiven Wortschatz markieren. Goethes passiver Wortschatz ist darin nicht enthalten.

Im Allgemeinen gilt: Je höher der Bildungsstand eines Menschen ist, desto größer ist sein Wortschatz. Ein größerer Wortschatz erleichtert einen differenzierten Informationsaustausch. Im täglichen Leben kommt ein einfacher Bürger mit wenigen tausend Wörtern aus. Der persönliche Wortschatz hängt auch von Interessengebieten, Berufsfeld, Fachterminologie und Sozialisation ab.

Ein Gebildeter, etwa ein Gelehrter oder Schriftsteller, kann mehrere zehntausend Wörter aktiv benutzen und noch deutlich mehr passiv verstehen. Der Wortschatz von 15-Jährigen wurde in Untersuchungen auf rund 12.000 Wörter beziffert. Keller & Leuninger schreiben einem 17-Jährigen um die 80.000 Wörter zu, wobei Varianten wie Schreiber, Schrift, schreiben, schreibe, schreibst, geschrieben usw. nur als „ein“ Wort zählen. Für erwachsene Muttersprachler reichen die Schätzungen von 3000 bis 216.000 Wörtern.

Zur Messung von Unterschieden zwischen Personen werden Wortschatztests verwendet, zum Beispiel Untertests aus Intelligenztestverfahren für den produktiven Wortschatz oder der Peabody Picture Vocabulary Test für den rezeptiven Wortschatz. Solche Tests geben nicht die gesamte Zahl der Wörter an, die jemand kennt, sondern zeigen Leistungsunterschiede zwischen Personen. Bereits 1926 standardisierte M. E. Smith einen Wortschatztest für Vorschulkinder.

Auch einzelne Texte unterscheiden sich stark im erforderlichen Wortschatz. Nach Billmeier musste man im Jahr 1964 über 4.000 Wörter im Sinne von Lexemen beherrschen, um nur einen Auszug der Zeitung Die Welt in den Monaten Januar und Februar lesen zu können. Für Erwin Strittmatters Roman Ole Bienkopp waren über 18.000 Lexeme nötig. Wer in einer Fremdsprache etwa 1.000 Wörter der Alltagssprache grammatikalisch und semantisch richtig anwenden kann, kommt im jeweiligen Land schon gut zurecht.

Messung und Erwerb

Unterschiedliche Schätzungen zum Wortschatz entstehen vor allem durch unterschiedliche Methoden. Deshalb ist die Bestimmung des Wortschatzumfangs hauptsächlich ein methodisches Problem. Grundsätzlich gibt es eine qualitative und eine quantitative Methode. Die qualitative Methode untersucht, welche Art von Wörtern vorkommt. Die quantitative Methode bestimmt das Type-Token-Verhältnis: Types sind verschiedene Wörter, Token sind alle laufenden Wortvorkommen in einem Text.

Wenn Texte unterschiedlicher Länge verglichen werden, wird häufig der Index von Guiraud verwendet. Er soll Aussagen über den Wortschatzreichtum unterschiedlich langer Texte ermöglichen. Die Formel lautet: G = Anzahl der Types / √Anzahl der Token. Werden zum Beispiel Ergebnisse aus C-Tests als „Text“ betrachtet, kann der Index von Guiraud als Maß für den Wortschatzumfang von Personen genutzt werden. Wenn die Zahl der Types mit der Zahl der Tokens identisch ist, sich also kein Wort wiederholt, ergibt sich G = X / √X = √X. Deshalb hängt der G-Wert bei kürzeren Texten nicht nur vom Wortschatzreichtum, sondern auch von der Textlänge ab.

Den muttersprachlichen Wortschatz erwerben Menschen zunächst durch Imitation: Sie ahmen Ausdrucksweise und Aussprache ihres sozialen Milieus nach. Das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch noch im Erwachsenenalter. Dadurch passen sich Wortschatz, Aussprache und gegebenenfalls Dialekt an das soziale Umfeld an. Imitation allein erklärt den Spracherwerb aber nicht. Kinder durchlaufen mit etwa drei Jahren regelmäßig eine Phase der Übergeneralisierung, in der sie nie gehörte Formen wie „gingte“, „gangte“ oder „is gegeht“ bilden. Sie übertragen also Regeln analog auf neue Fälle. Die Prozesse des Spracherwerbs laufen nach dem bisherigen Forschungsstand gesetzmäßig ab und folgen offenbar dem Spracherwerbsgesetz.

Für Unterricht und Fremdsprachenlernen ist der Grundwortschatz besonders wichtig. Er bezeichnet den Wortschatz, der nötig ist, um ca. 85 % von Texten einer Sprache zu verstehen. Pfeffer beziffert diesen Grundwortschatz auf rund 1285 Wörter.

Standardvokabular und Erweiterung

Standardvokabular bezeichnet den allgemeinen, normierten und häufig verwendeten Spezialwortschatz einer Sprache. Er gilt unabhängig von regionalen oder sozialen Unterschieden als Grundlage für Kommunikation. Dazu gehören Wörter und Ausdrücke, die in standardsprachlichen Zusammenhängen üblich sind, etwa in Bildung, Verwaltung, Medien, Fachbereichen der Wissenschaft und Technik sowie in offizieller Kommunikation.

Der Wortschatz einer Person kann auf verschiedene Weise vergrößert werden. Genannt werden das Finden von Gegenbegriffen, also Antonymen, und sinngleichen Wörtern, also Synonymen. Wichtig sind außerdem viel Lesen und Schreiben, etwa Aufsätze, sowie Bücher und Artikel aus verschiedenen Themengebieten und Bücher mit hohem Sprachniveau. Auch Lieder mit hohem Sprachniveau zu hören und mitzusingen wird genannt.

Unbekannte Wörter können in Lexika oder Wörterbüchern nachgeschlagen oder aus dem Kontext erschlossen werden. Kommunikation jeder Art, das bewusste Streben nach präzisem und vielfältigem Ausdruck, Nachfragen in Gesprächen sowie Buchstabenspiele wie Scrabble oder Kreuzworträtsel können ebenfalls zur Erweiterung des Wortschatzes beitragen.

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