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Rhetorik
Rhetorik (altgriechisch ῥητορική (τέχνη) rhētorikḗ (téchnē), deutsch ‚Redekunst') ist die Kunst der Rede. Sie war schon in der griechischen Antike als …
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Grundbegriff und Aufgabe
Rhetorik (altgriechisch ῥητορική τέχνη, rhētorikḗ téchnē, deutsch „Redekunst“) ist die Kunst der Rede. Ihre Aufgabe besteht darin, Zuhörer von einer Aussage zu überzeugen oder zu einer bestimmten Handlung zu bewegen. Rhetorik hat dabei einen Doppelcharakter: Sie ist sowohl praktische Kunst als auch Wissenschaft vom wirksamen Reden. Als Kunst stellt sie Mittel für überzeugendes Sprechen bereit; als Theorie untersucht und analysiert sie diese Mittel.
Bis ins 17. Jahrhundert wurde zwischen rhetorica oder rhetorica docens als Theorie und oratoria, eloquentia oder rhetorica utens als praktischer Beredsamkeit unterschieden. Im 20. Jahrhundert setzte sich im deutschsprachigen wissenschaftlichen Bereich die Unterscheidung zwischen Allgemeiner Rhetorik für die Theorie und Angewandter Rhetorik für die Praxis durch. Die Angewandte Rhetorik umfasst die Ausbildung und Übung des wirkungsorientierten Sprechens, Verhaltens und Schreibens. Sie nutzt Erkenntnisse der Sprechwissenschaft, Sprecherziehung, Psychologie und Linguistik und betrifft besonders die Rede in Wirtschaft, Politik und Gericht, aber auch therapeutische Gespräche und private Kontroversen. Da sie sich mit Monolog und Dialog befasst, wird sie auch Gesprächsrhetorik genannt.
Aufbau und Mittel einer Rede
Die klassische Rhetorik beschreibt fünf Produktionsstadien einer Rede, die von der ersten Idee bis zum Vortrag reichen:
- inventio: Auffindung der Argumente. Ein wichtiges Hilfsmittel ist die Topik, also die Lehre von geeigneten Gesichtspunkten und Argumentmustern.
- dispositio: Gliederung und Anordnung des Vortrags.
- elocutio: sprachliche Gestaltung der Gedanken, einschließlich Wortwahl, Satzbau, Pausen und rhetorischer Stilmittel. Dazu gehört der Redeschmuck, lateinisch ornatus.
- memoria: Einprägen der Rede für den auswendigen Vortrag, zum Beispiel mithilfe der Mnemonik und bildlicher Vorstellungen.
- actio oder pronuntiatio: öffentlicher Vortrag. Dabei wirken stimmliche Mittel wie Lautstärke, Tempo, Pausensetzung, Artikulation, Timbre und Prosodie mit nonverbalen Mitteln wie Mimik, Gestik, Blickkontakt, persönlicher Präsenz und Körpersprache zusammen.
Die einzelnen gedanklichen Abschnitte heißen partes orationis. Eine typische Rede besteht aus Einleitung (exordium oder prooemium), Erzählung des Sachverhalts (narratio), Gliederung der Beweisführung (propositio), Beweisführung (argumentatio) und Redeschluss (peroratio oder conclusio). In der argumentatio wird die eigene Sache begründet (confirmatio); sie kann auch die Widerlegung gegnerischer Argumente (confutatio) enthalten. Die Einleitung soll Aufmerksamkeit und Wohlwollen des Publikums gewinnen, während der Schluss nochmals an die Emotionen appellieren kann.
Aristoteles unterschied drei Redegattungen: die Gerichtsrede (genus iudiciale), die Beratungs- oder politische Entscheidungsrede (genus deliberativum) und die Lob- und Festrede (genus demonstrativum oder genus laudativum). Die Gerichtsrede beurteilt Vergangenes, etwa die Frage, ob ein Angeklagter einen Mord begangen hat. Die politische Entscheidungsrede behandelt ein zukünftiges Thema, etwa die Frage, ob Krieg geführt werden soll. In beiden Fällen soll das Publikum zu einer aktiven Entscheidung bewegt werden. Bei der Lob- und Festrede bleibt es weitgehend unbeteiligt. Später kamen unter anderem Brief, Lehrvortrag beziehungsweise Sachrede und Predigt hinzu. Die Sachrede vermittelt feststehende Tatsachen; die Predigt erzählt und erklärt Inhalte der Bibel, besonders des Evangeliums.
Als Wirkungsweisen der Rede gelten docere et probare („belehren und argumentieren“), conciliare et delectare („gewinnen und erfreuen“) sowie flectere et movere („rühren und bewegen“). Die antike Stiltheorie unterschied außerdem drei Stilhöhen: den schlichten Stil (genus humile oder subtile), den mittleren beziehungsweise gemischten Stil (genus medium oder mixtum) und den gehobenen oder erhabenen Stil (genus grande oder sublime). Cicero forderte, die Stilebene dem Gegenstand der Rede anzupassen. Der schlichte Stil ähnelt der Alltagssprache und arbeitet mit einfacher Argumentation, der mittlere Stil ist etwa für wissenschaftliche Vorträge typisch, und der erhabene Stil steht der dichterischen Sprache nahe und erzeugt besonders stark Affekte.
Stilmittel werden in Tropen und Figuren eingeteilt. Tropen ersetzen den gewöhnlichen Ausdruck durch einen anderen Ausdruck, der in einem bestimmten Bedeutungsverhältnis zu ihm steht. Dazu zählen Metapher, Metonymie, Synekdoche, Emphase, Hyperbel, Antonomasie, Ironie, Litotes und Periphrase. Figuren betreffen die Anordnung von Wörtern oder die Gestaltung ganzer Sätze. Beispiele sind Anapher und Epipher, Aufzählung (Enumeratio), Ellipse, Asyndeton, ungewöhnliche Wortfolge (Anastrophe), Gegenüberstellung (Antitheton), Ausruf (Exclamatio), Verdeutlichung durch Einzelheiten (Evidentia) und Personifikation (Fictio personae).
Überzeugung, Monolog und Dialog
Aristoteles definierte Rhetorik als „Fähigkeit, bei jeder Sache das möglicherweise Überzeugende (pithanon) zu betrachten“. Er sah sie als Gegenstück zur Argumentationstheorie der Dialektik und unterschied drei Formen der Überzeugung: ethos, die Glaubwürdigkeit des Redners; pathos, den emotionalen Zustand des Hörers; und logos, das Argument.
Das Argument war für Aristoteles das wichtigste Instrument. Der Redner sollte eine gewünschte These aus den bereits vorhandenen Überzeugungen der Zuhörer ableiten. Ein solches Argument nannte Aristoteles Enthymem. Für Enthymeme entwickelte er Konstruktionsanleitungen, die Topoi genannt werden. Ein Beispiel ist der Schluss vom Eheren und Wenigeren: „Wenn schon die Götter nicht alles wissen, dann wohl kaum die Menschen.“
Aristoteles lehnte sachfremdes Erregen von Emotionen ab, etwa wenn ein Angeklagter seine Familie auftreten lässt, um Mitleid zu erzeugen. Seine eigene Theorie der Emotionen zielte darauf, bestehende Sachverhalte hervorzuheben und dadurch angemessene Emotionen zu fördern, unangemessene jedoch zu verhindern. Der Redner überzeugt durch seinen Charakter, wenn er wohlwollend, gut und tugendhaft erscheint. Die sprachliche Form soll vor allem klar, aber weder banal noch erhaben sein. Als besonders geeignetes Stilmittel nannte Aristoteles die Metapher.
Im freien Vortrag, also im Monolog, verbindet der Redner Figuren, Thesen, Prämissen und Argumente. Eine gezielte Konklusion steigert die Prämisse oder These und soll das Gegenüber überzeugen. Durch Steigerung, Reihung und dialektische Anordnung entstehen Aufmerksamkeit und Spannung. Im Dialog ist die Interaktion wichtiger: Der Sprecher muss auf verbale und nonverbale Reaktionen reagieren. Körpersprachliche Signale geben Hinweise auf die emotionale Verfassung des Gesprächspartners. Stimmen verbale und nonverbale Aussagen nicht überein, spricht man von Inkongruenz. Die Anordnung der rhetorischen Elemente hängt im Dialog daher besonders von der erreichten Wirkung ab.
Geschichte und gesellschaftliche Bedeutung
Die ausdrückliche Lehre der Rhetorik entstand im 5. Jahrhundert v. Chr. aus praktischen Bedürfnissen der griechischen Stadtstaaten. Da männliche Vollbürger an politischen und rechtlichen Entscheidungen beteiligt waren, mussten viele Menschen ihre Anliegen öffentlich oder vor Gericht vortragen. Redelehrer wie Korax und Gorgias halfen beim Verfassen von Reden. Frühe Lehrbücher regelten bereits Konzeption, Auffindung und Anordnung von Argumenten, sprachliche Gestaltung, Auswendiglernen und Vortrag.
Platon stellte in den Dialogen Gorgias und Phaidros Sophisten und Philosophen gegenüber. Sophisten strebten nach Überredungskraft, auch wenn dadurch Falsches oder Widersprüchliches überzeugend erscheinen konnte. Für Sokrates und Platon sollte Rede dagegen zur Wahrheit führen. Sokrates wurde die Mäeutik, die „Hebammenkunst“ des geschickten Fragens und Ausdeutens von Paradoxien, zugeschrieben. Eine positiv verstandene Rhetorik sollte als Psychagogie, also als Seelenlenkung, wirken. Umstritten ist, ob Platons Dialoge selbst eine besondere Form der Sophistik vorführen.
In Rom wurde der Rhetorikunterricht nach anfänglicher Ablehnung griechischer Lehrer etabliert. Bedeutende Werke waren die anonyme Rhetorica ad Herennium, Ciceros De inventione und De oratore sowie Quintilians Institutio oratoria in zwölf Büchern. Quintilian wurde am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. erstmals als Professor für Rhetorik eingesetzt. Nach dem Ende der Republik blieb der Unterricht wichtig, verlor aber seinen unmittelbaren politischen Lebenszusammenhang; zugleich wurde Rhetorik zunehmend Grundlage literarischer Produktion.
Im Mittelalter gehörte Rhetorik zusammen mit Grammatik und Dialektik zum Trivium und damit zu den Sieben freien Künsten. Ciceros De inventione und Quintilians Institutio oratoria bildeten wichtige Grundlagen. In der Frühen Neuzeit (16.–18. Jahrhundert) war Rhetorik die Grundlage von Literaturtheorie und Poetik. Im 18. Jahrhundert werteten Aufklärung und Genieästhetik die Rhetorik ab, weil sie als Ablenkung von rationaler Erkenntnis oder als künstliche Verstellung galt. Im 19. Jahrhundert verschwand sie zunehmend als Lehrfach.
Politische Bewegungen griffen rhetorische Techniken erneut auf. Im Kommunismus entstand eine sozialistische Rhetorik mit spezieller Wortwahl und marxistischer Deutung politischer Verhältnisse. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts nutzten Rhetorik für Propaganda. Nationalsozialistische Führungsfiguren wie Adolf Hitler und Joseph Goebbels verwendeten rhetorische Praxis, antisemitische Topoi und Stereotype. Auch sozialistische Diktaturen nutzten eine ideologisch geprägte Sprache zur Stützung der Autorität des Regimes. Dadurch wurde Rhetorik besonders in Deutschland als gefährliche Waffe der Demagogie betrachtet.
Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Rhetorik wieder aus verschiedenen Perspektiven erforscht, unter anderem in Massenkultur, Argumentationstheorie, Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft, Psychologie, Pädagogik und Soziologie. Besondere Forschungsfelder sind Allgemeine Rhetorik, Rhetorikgeschichte, rhetorische Anthropologie, Kulturtheorie, Toposforschung und Argumentationstheorie.
Ethik, Analyse und heutige Ausbildung
Die ethische Frage begleitet die Rhetorik seit der Antike: Wann ist Einflussnahme legitim, und wann beginnt Manipulation? Sophisten wie Gorgias und Isokrates standen dabei Philosophen wie Sokrates und Platon gegenüber. Aristoteles zählte die charakterliche Glaubwürdigkeit des Redners neben Argumentation und Leidenschaftserregung zu den Überzeugungsmitteln. Cicero, Quintilian und Seneca verbanden im Ideal des orator perfectus beziehungsweise vir bonus Beredsamkeit, Weisheit und tugendhaftes Leben. Im Mittelalter verlangte Thomas von Aquin im scholastischen Disput, dass ein Teilnehmer zunächst den gegnerischen Beitrag sinngemäß mit eigenen Worten wiedergeben musste; erst danach durfte er den eigenen Standpunkt vortragen.
Heute gilt der Gebrauch rhetorischer Strategien grundsätzlich nicht als illegitim. Er kann der Meinungsbildung dienen, wenn die Beeinflussungsabsicht der Öffentlichkeit bewusst ist und ein Vergleich mit anderen Ansichten möglich bleibt. Bürger sollen rhetorische Strategien erkennen und bewerten. Zur kritischen Analyse gehören auch tradierte Topoi, Vorurteile, Narrative, Stereotype, Euphemismen, Verschleierungen, Diffamierungen und Kampfbegriffe. Die Hermeneutik nutzt Rhetorik als literaturwissenschaftliche Hilfslehre, um Darstellungsstrategien, Leserführung und die interne Wirkungsabsicht von Texten zu untersuchen.
Außerhalb Europas gibt es in allen Gesellschaften und Kulturen mehr oder weniger reflektierte rednerische Praxis. Der Artikel weist jedoch darauf hin, dass „Rhetorik“ als spezifische Kunstlehre streng genommen eine europäische Erfindung ist. Deshalb sollen außereuropäische Erscheinungen methodisch vorsichtig mit europäischen Konzepten verglichen werden.
Als eigenes Fach wird Rhetorik im deutschsprachigen Raum nur an der Eberhard Karls Universität Tübingen gelehrt. Der Lehrstuhl bestand von 1963 bis 1988 unter Walter Jens, von 1988 bis 2009 unter Gert Ueding; Nachfolger wurde Dietmar Till. Stand Juni 2019 gab es dort drei Lehrstühle. Weitere Angebote bestehen unter anderem in Stuttgart, Saarbrücken, Koblenz-Landau, Jena, Marburg, Regensburg und Halle-Wittenberg sowie seit 2008 als großes Rhetorik-Zertifikat an der Universität Salzburg. Rhetorik wird außerdem in Sprechwissenschaft, Sprecherziehung, Linguistik und Literaturwissenschaft behandelt.
Zu den im Artikel genannten historischen Reden gehören Perikles’ Gefallenenrede (Winter 431/30 v. Chr.), Martin Luthers Verteidigungsrede in Worms (18. April 1521), Abraham Lincolns Gettysburg Address (19. November 1863), Otto Wels’ Rede gegen das Ermächtigungsgesetz (23. März 1933), Winston Churchills Reden von 1940 sowie Martin Luther Kings I Have a Dream (28. August 1963). Als zentrale Quellentexte nennt der Artikel unter anderem Platons Gorgias und Phaidros, Aristoteles’ Rhetorik, Ciceros De oratore und Quintilians Institutio oratoria.