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Sonett
Dessen Kadenz kann weiblich (11 Silben) oder männlich (10 Silben) sein und weist folgendes Reimschema auf: [abba abba cdc dcd]. oder. [abba cddc eef ggf]. In …
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Grundform und Bedeutung
Ein Sonett ist eine Gedichtform aus 14 metrisch gegliederten Verszeilen. Diese 14 Zeilen sind in unterschiedlich lange Abschnitte eingeteilt. Der Name bedeutet „kleines Tonstück“; im deutschen Barock wurde das Sonett deshalb auch „Klinggedicht“ genannt.
Die Form ist wichtig, weil sie in vielen europäischen Literaturen seit dem 13. Jahrhundert eine der bekanntesten festen Gedichtformen wurde. Sie verbindet strenge äußere Regeln wie Zeilenzahl, Versmaß und Reimschema mit einer oft klaren gedanklichen Entwicklung. Dadurch eignet sie sich besonders für zugespitzte Gegensätze, Liebesdichtung, religiöse und politische Themen, Kunstreflexion oder auch komische Brechungen.
Aufbau und Varianten
Die italienische Originalform gliedert die 14 Zeilen in zwei Quartette, also Vierzeiler, und zwei Terzette, also Dreizeiler. Man kann die beiden Quartette auch als Oktett mit 8 Zeilen und die beiden Terzette als Sextett mit 6 Zeilen verstehen. Die einzelnen Verse des italienischen Sonetts sind Endecasillabi, also Elfsilbler, meist mit weiblicher Kadenz. Kadenz bedeutet der Versschluss; weiblich heißt, dass der Vers auf eine unbetonte Silbe endet.
Die Sonettform hängt mit der mittelalterlichen Kanzonenstrophe zusammen. Dort gibt es einen Aufgesang mit zwei Stollen, die den Quartetten entsprechen, und einen Abgesang, der im Sonett in den Terzetten oder im Sextett wiederkehrt.
In spanischer und portugiesischer Lyrik wurde das Sonett nach italienischem Vorbild übernommen. In der französischen Klassik war der Alexandriner beliebt: ein jambischer Sechsheber mit Zäsur, also Einschnitt, in der Mitte. Diese Form wird nach Pierre de Ronsard auch Ronsard-Sonett genannt. In der deutschen Barockdichtung war ebenfalls der Alexandriner bevorzugt. Seit August Wilhelm Schlegel gilt im Deutschen aber, wie in Italien, der jambische Fünfheber als Idealform. Er kann weiblich mit 11 Silben oder männlich mit 10 Silben enden.
Typische deutsche Reimschemata sind [abba abba cdc dcd] oder [abba cddc eef ggf]. Besonders in den Terzetten gab es viele Varianten, etwa [abba abba ccd eed], [abba abba cde cde], [abba abba ccd dee] oder [abba abba cde ecd].
In England wurde das Sonett im 16. Jahrhundert aufgenommen und rasch umgeformt. Das englische Sonett besteht aus drei Quartetten und einem abschließenden zweizeiligen heroic couplet. Das Versmaß ist meist der jambische Fünfheber, häufiger mit männlicher Kadenz. Diese Form heißt nach William Shakespeare Shakespeare-Sonett oder nach ihrer Blütezeit elisabethanisches Sonett. Ihr Reimschema lautet [abab cdcd efef gg].
Inhaltliche Gliederung
Ein Sonett hat nicht nur eine feste äußere Form, sondern oft auch eine gedankliche Ordnung. Für das italienische Sonett wird idealtypisch häufig genannt: These im ersten Quartett, Antithese im zweiten Quartett und Synthese in den Terzetten. Eine These ist eine Behauptung oder Grundposition, eine Antithese die Gegenposition, eine Synthese eine Zusammenführung oder Lösung.
Eine andere Möglichkeit im italienischen Sonett ist: These in den Quartetten und Antithese in den Terzetten. Beim englischen Sonett liegt die These meist in den ersten beiden Quartetten, die Antithese im dritten Quartett und eine aphorismusartige Synthese im abschließenden Couplet. Aphorismusartig bedeutet kurz, prägnant und gedanklich zugespitzt.
Zyklen und Sonderformen
Sonette werden oft zu größeren Gruppen zusammengestellt. Eine Tenzone ist ein Streitgespräch zwischen zwei Dichtern. In dieser strengen Form werden die Reim-Endungen des vorangehenden Sonetts aufgegriffen.
Ein Sonettenkranz besteht aus 14 + 1 Einzelsonetten. Jedes Sonett nimmt in seiner Anfangszeile die Schlusszeile des vorherigen Sonetts auf. Aus den 14 Schlusszeilen entsteht in unveränderter Reihenfolge das 15. Sonett, das Meistersonett.
Eine besondere moderne Form ist das Sonettennetz, das Thomas Krüger im Gedichtband „Im Grübelschilf“ entwickelte. Es geht vom Sonettenkranz aus, verbindet die 14 Basissonette aber nicht durch wiederaufgenommene Zeilen. Stattdessen ergeben die parallelen Verse der 14 Sonette wieder 14 neue Sonette. Aus allen ersten Zeilen entsteht also ein weiteres Sonett, ebenso aus allen zweiten Zeilen, dritten Zeilen und so weiter. Dabei bleibt das Reimschema [abba abba ccd eed] auch in den abgeleiteten Sonetten erhalten. Insgesamt erhält man 28 Sonette.
Als weiterer Sonderfall wird Raymond Queneaus „Hunderttausend Milliarden Gedichte“ von 1961 genannt, ein literarischer Hypertext avant la lettre, also eine frühe Form kombinatorischer Literatur.
Entstehung und Verbreitung
Der Ursprung des Sonetts liegt in Italien in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Es wurde im Umfeld des staufischen Kaisers Friedrich II. vor 1250 durch die Sizilianische Dichterschule aus der Kanzonenstrophe entwickelt. Vermutlich war der Notar Giacomo da Lentini der „Erfinder“ des Sonetts. Manchmal wird auch eine Verwandtschaft mit bestimmten Formen arabischer Lyrik vermutet.
Die ältesten Sonette bestanden bereits aus vierzehn elfsilbigen Versen, aufgeteilt in Oktave beziehungsweise Oktett und Sextett. Die Oktave hatte zunächst eine Zweizeilerstruktur mit alternierenden Reimen [abababab]. Zwischen Oktett und Sextett lag ein rhetorischer Neuansatz. Die Reimschemata der Terzette waren verschieden, häufig [cde cde]. Die älteste bekannte Gruppe umfasst 19 Gedichte: 15 von Giacomo da Lentini, je eines von Jacopo Mostacci und Pier delle Vigne sowie zwei vom Abt des Klosters Tivoli.
Eine zentrale Rolle spielte Francesco Petrarca (1304–1374). In seinem „Canzoniere“, einer Gedichtsammlung in der Volkssprache, wurde das Sonett zur wichtigsten lyrischen Gattung. Petrarca arbeitete daran von 1338 bis kurz vor seinem Tod. Vom Anfang des 16. bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts wurde dieses Werk vielfach nachgeahmt, auch in anderen Sprachen. Diese Tradition heißt Petrarkismus oder Petrarca-Sonett. Antonio da Tempo beschrieb schon 16 Reimvarianten des Sonetts; vier davon galten später als Formen hoher Sonettdichtung, darunter [abba abba] für die Oktave sowie [cde cde] und [cdc dcd] für das Sextett.
Nach der frühen Blüte bei Petrarca und Dante verbreitete sich das Sonett im romanischen Kulturraum, im 16. Jahrhundert auch in England und Deutschland, später in den Niederlanden und Skandinavien. Um 1450 kam es nach Spanien, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach Portugal, in der Mitte des Jahrhunderts nach Frankreich und gegen Ende desselben nach Holland und Deutschland. In Frankreich und später in Deutschland veränderte sich das Versmaß: Statt des italienischen Elfsilblers verwendeten viele französische Dichter den Alexandriner, ein zwölf- oder dreizehnsilbiges Maß mit Zäsur nach Silbe 6 oder 7. Deutsche Barockdichter übernahmen ihn als jambischen Sechsheber mit Mittelzäsur.
William Shakespeare schuf mit „Shake Speare's Sonnets“ von 1609 einen der berühmtesten Sonettenzyklen nach Petrarcas „Canzoniere“. In Deutschland waren Georg Rudolf Weckherlin und Martin Opitz wichtig für die Einführung. Eigenständige Bedeutung gewann das Sonett besonders bei Andreas Gryphius, der die Alexandriner-Form nutzte, den Petrarkismus aber verließ und religiöse Themen, den Vanitasgedanken und die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges verarbeitete.
Neuere Entwicklung und Beispiele
Nach der barocken Blüte wurde das Sonett zeitweise gemieden oder bewusst regelwidrig verwendet. Im späten 18. Jahrhundert wurde es wiederentdeckt. Gottfried August Bürger gab der Form mit seiner Gedichtsammlung von 1789 neue Bedeutung und verwendete den durch Shakespeare modern gewordenen jambischen Fünfheber. August Wilhelm Schlegel machte das Sonett in Poetik und eigenen Gedichten zu einem wichtigen Muster der deutschen Romantik. Die Themen wandten sich stärker der Kunstphilosophie zu, etwa in Sonetten auf Gemälde oder Musikstücke.
Die strenge Form führte auch zu Spott und Streit zwischen Befürwortern und Gegnern. Johann Wolfgang von Goethe bezog Position und schrieb selbst Sonette. Während der antinapoleonischen Befreiungskämpfe wurde das Sonett politisch genutzt, etwa bei Friedrich Rückerts „Geharnischten Sonetten“ von 1814. Im Jungen Deutschland und Vormärz wurde es zu einer besonders häufig verwendeten lyrischen Form. Später griffen Symbolismus und Expressionismus die Form erneut auf, unter anderem bei Stefan George, Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Georg Heym, Georg Trakl und anderen. Im Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg wurde die strenge Sonettform auch von Verfolgten, Eingekerkerten, Emigranten und Überlebenden verwendet, etwa in Albrecht Haushofers „Moabiter Sonetten“ von 1946.
Nach 1950 wurde das Sonett in der Bundesrepublik weniger gepflegt und teils als sinnentleerte Form gezeigt. In der DDR wurde es von der Sächsischen Dichterschule häufiger aufgegriffen und weiterentwickelt. Seit Ende der 1970er Jahre werden wieder mehr Sonette geschrieben; in der jüngeren Generation wird Jan Wagner genannt.
Die Beispiele im Artikel zeigen verschiedene Möglichkeiten der Form: Petrarcas Sonett 131 steht für die italienische Liebeslyrik; Shakespeares Sonnet CXVI behandelt die Beständigkeit wahrer Liebe und endet mit einem zugespitzten Couplet. Gryphius’ „Thränen deß Vaterlandes anno 1636“ verbindet die Form mit den Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges. Goethes „Natur und Kunst“ reflektiert das Verhältnis von Freiheit und Gesetz und endet mit dem Satz: „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, / Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.“ Heines „Im tollen Wahn hatt’ ich dich einst verlassen“ gestaltet die Suche nach Liebe, Trakls „Traum des Bösen“ zeigt eine düstere expressionistische Bildwelt, und Schlegels „Das Sonett“ beschreibt die Form des Sonetts selbst.
Auch die Quantitative Literaturwissenschaft hat Sonette unter verschiedenen Aspekten untersucht. Einen neueren Überblick zu Sonetten aus mehreren Sprachen nennen Andreev, Místecký und Altmann (2018).