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Hypertext
Die gebräuchlichste Auszeichnungssprache für Internetdokumente ist die Hypertext Markup Language (HTML), die allgegenwärtig ist. Ein Hypertext kann …
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Kernidee und Definition
Hypertext ist ein Text mit einer netzförmigen und dynamischen Struktur. Anders als ein gedrucktes Buch ist er nicht dafür gedacht, zwingend von Anfang bis Ende in einer festen Reihenfolge gelesen zu werden. Die lineare Sequenzialität, also die gewohnte Abfolge von Seite zu Seite, wird technisch aufgebrochen.
Ein Hypertext besteht informatisch aus Hypertext-Knoten, also einzelnen Textstellen oder Dokumenten, die durch Hyperlink-Kanten miteinander verbunden sind. Hyperlinks sind Querverweise zu anderen Textpassagen oder Dokumenten in einem Netzwerk. Hypertexte werden in Auszeichnungssprachen geschrieben. Diese enthalten sichtbaren Text, für Leser nicht sichtbare Gestaltungsanweisungen und Links. Die bekannteste Auszeichnungssprache für Internetdokumente ist die Hypertext Markup Language (HTML).
Nach der maßgeblichen Definition des World Wide Web Consortium (W3C) ist Hypertext ein Text, der nicht linear sein muss und Links zu anderen Texten enthält. HyperMedia ist Hypertext, der zusätzlich Grafiken, Videos oder Klänge enthalten kann. Hypertext und HyperMedia sind Konzepte, keine einzelnen Produkte.
Typen und Eigenschaften
Jeffrey Conklin untersuchte 1987 die Eigenschaften von 18 Hypertext-Systemen und unterschied vier Systemklassen. Makro-literarische Systeme sollen den Umgang mit großen Online-Bibliotheken unterstützen und Arbeitsschritte wie Veröffentlichen, Lesen, Zusammenarbeiten und Kritisieren ermöglichen. Heuristische Werkzeuge dienen der Problemerkundung: Sie helfen, erste unstrukturierte Ideen in Entwürfe, Problemlösungen, Programme oder Designs zu überführen. Lese-Systeme sollen besonders leicht nutzbar sein, etwa für Lehre, Nachschlagen oder öffentliche Orte. Generelle Hypertext-Technologie dient vor allem experimentellen Zwecken.
Eine wichtige Eigenschaft von Hypertext ist, dass komplexe Informationen im Vergleich zu linearen Darstellungen relativ redundanzarm codiert werden können. Redundanzfreiheit spart Speicher und Übertragungsbandbreite. Außerdem erleichtert sie Wartung und Aktualisierung: Ein zentral gespeicherter Wert muss nur einmal geändert werden, um überall richtig angezeigt zu werden, wo er verknüpft ist.
Die assoziative Struktur von Hypertext scheint der Funktionsweise menschlichen Denkens näherzukommen als rein lineare Texte. Der Pädagoge Rolf Schulmeister verweist dazu auf die „kognitive Plausibilitätshypothese“.
Historische Entwicklung
Bestimmte Vorformen von Hypertext gab es bereits vor dem 20. Jahrhundert. Inhaltsverzeichnisse, Indizes, Querverweise, Fußnoten und andere Verweissysteme erfüllen in gedruckten Texten ähnliche Funktionen wie Links. Der Unterschied zu digitalen Hypertext-Systemen liegt darin, dass die Verweisziele bei materiellen Texten vor Ort vorhanden sein müssen und das Folgen der Verweise nicht mechanisiert abläuft. Als mechanische Vorläufer gelten Agostino Ramellis Bücherrad aus dem 16. Jahrhundert und Raymond Roussels Lesemaschine. Paul Otlet, 1895 Mitgründer des Office International de Bibliographie in Brüssel, gilt mit seinem Mundaneum und der Idee einer Universalbibliothek mit Universalbibliographie als früher Pionier.
Das moderne Konzept wurde 1945 von Vannevar Bush in dem Aufsatz As We May Think beschrieben. Er stellte den MEMEX vor, einen nie gebauten „Memory Extender“, also eine vernetzte Schreib- und Lesemaschine. Im MEMEX sollte wissenschaftliche Literatur elektronisch zugänglich, zitierbar und annotierbar sein. Zitationen und Annotationen sollten zwischen Geräten und Nutzern ausgetauscht werden können. Wichtig war auch die elektronische Speicherung der Lesespur, damit ein Nutzer eigene Wege durch Texte später nachverfolgen konnte. Bush erwartete dadurch „Enzyklopädien ganz neuen Typs“.
Den Begriff Hypertext prägte Ted Nelson 1965 in seinem Vortrag A File Structure for the Complex, the Changing and the Indeterminate. Er entwarf eine computerbasierte Schreibmaschine als Universalwerkzeug für Textproduktion. Dazu gehörten Versionierung, Unterstützung gemeinsamer Textarbeit, Zitationsobjekte und bedarfsabhängige Textmontage. Sein Projekt Xanadu und seine Idee des Dream File zielten auf ein kollaboratives, dynamisches Schreibsystem.
World Wide Web und technische Systeme
Das heute am weitesten verbreitete Hypertext-System ist das World Wide Web. Es wurde 1989 von Sir Tim Berners-Lee am CERN vorgeschlagen. Sein Ziel war ein verbessertes Informationsmanagement für die Experimente am CERN, um Datenverlust und Mehrfacharbeit zu verringern. Technisch beruhte der Vorschlag auf einer netzwerkförmigen Datenstruktur mit einem Client-Server-Modell; die Sprache dieses Systems sollte Hypertext sein. Berners-Lee wollte damit Probleme hierarchischer Baum-Systeme und von Schlagwortkatalogen umgehen.
Aus diesem Vorschlag entwickelte sich das World Wide Web (WWW). Seine Struktur und Beschreibungssprachen werden bis heute vom World Wide Web Consortium unter Leitung von Berners-Lee gepflegt und weiterentwickelt. Standardisiert verwendet wird HTML. Da das WWW auch nichtsprachliche Datentypen wie Bilder einbinden kann, ist es streng genommen ein Hypermedia-System.
Weitere technische Vorläufer und verwandte Systeme sind Emanuel Goldbergs 1931 in den USA patentierte „Statistische Maschine“, die mit Lichtstrahlen und photoelektrischen Röhren statistische Operationen ausführen sollte, sowie Roberto Busas Index Thomisticus. Busa nutzte ab 1946 IBM-Technik für eine 56-bändige Erschließungshilfe zu Thomas von Aquins Werken mit 70.000 Seiten und verkürzte die vermutete Editionsdauer von vierzig auf sieben Jahre. Auch HyperCard von Apple war wichtig, weil es als Teil der Macintosh-Software früh einer größeren Nutzergruppe zugänglich wurde.
Literatur und typische Formen
Hypertext spielt auch in der Literatur eine Rolle. Als literarischer Vorreiter gilt Andreas Okopenko. Er veröffentlichte 1970 mit seinem Lexikon-Roman den ersten literarischen Hypertext in Buchform. 1998 erschien dieser Text in Zusammenarbeit mit dem Autor, dem Kollektiv Libraries of the Mind und dem Komponisten Karlheinz Essl junior als ELEX – Elektronischer Lexikon-Roman auf CD-ROM.
Eine fiktionale Erzählung, die mit und für eine Hypertextstruktur geschrieben wird, heißt Hyperfiction. Ein Beispiel ist Afternoon – A story von Michael Joyce aus dem Jahr 1987, das auch in Printform als Offline-Hyperfiction veröffentlicht werden konnte. Als Vorläufer solcher Formen gelten komplexe Werke der modernen Literatur, etwa James Joyce’ Finnegans Wake von 1939, das „netzwerkförmig“ gelesen werden kann, oder Arno Schmidts Zettels Traum von 1970. Ein Beispiel für ein hypertextartiges Gedicht sind Raymond Queneaus Hunderttausend Milliarden Gedichte von 1961.
Probleme und Forschungsfragen
Ein zentrales Problem beim Arbeiten mit Hypertext ist das gezielte Auffinden von Informationen. Menschen sind seit Jahrhunderten an lineare Texte gewöhnt; der Umgang mit komplexen Hypertexten wurde erst mit der Verbreitung des World Wide Web seit Mitte der 1990er Jahre alltäglich. Suchmaschinen und Suchfunktionen auf Webseiten helfen dabei.
Technisch fehlen dem WWW einige Funktionen früherer Hypertextsysteme. Ein Beispiel sind tote Links, also Links, die nicht oder nicht mehr zum gewünschten Ziel führen. Auch die Einführung der Uniform Resource Identifiers (URIs) ist über die im Web üblichen URLs nur unvollständig erfüllt.
Ein weiteres Problem ist die Navigation. Besonders in den Anfangsjahren fehlte oft eine vom Autor vorgegebene Lesestruktur, etwa eine Guided Tour. Heute besitzen Hypertexte meist eine ausgefeilte Navigation. Trotzdem kann ein Übermaß an Querverweisen zu Information Overload führen, also zu einer Überflutung mit ungeordneten Informationen, und zu Desorientierung im weit verzweigten Netz von Texten, dem sogenannten Lost in Hyperspace. Lösungsansätze sind virtuelle Mindmaps und Web-Ontologien. Noch nicht vollständig gelöst ist die Visualisierung von Hypertexten, also die grafische Darstellung ihrer meist netzwerkförmigen und nicht hierarchischen Struktur.
Marie-Laure Ryan weist darauf hin, dass die Bezeichnung nicht-linear nicht ganz genau sei: Was im Lesen ausgewählt wird, hat weiterhin eine lineare Reihenfolge. Sie schlägt deshalb den Begriff multilinear vor.