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Shakespeares Sonette

Shakespeares Sonette (englisch Shakespeare's Sonnets) ist ein Gedichtband mit 154 Sonetten des Dichters William Shakespeare. Es handelt sich um den …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk, Form und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und Erstausgabe
  3. 3. Aufbau und zentrale Themen
  4. 4. Offene Deutungsfragen
  5. 5. Verbreitung und mediales Fortwirken

Werk, Form und Bedeutung

Shakespeares Sonette (englisch Shakespeare’s Sonnets) ist ein Gedichtband von William Shakespeare mit 154 Sonetten. Er bildet den spätesten großen Sonettzyklus in der Tradition Francesco Petrarcas, verändert diese Tradition jedoch grundlegend. Statt ausschließlich eine idealisierte, unerreichbare Frau zu verehren, behandeln die Gedichte ein breites Spektrum: Liebe, Lust, Begierde, Entsagung, Erfüllung, Treulosigkeit, Verdacht, Verrat, Eifersucht, Altern und Vergänglichkeit. Zugleich untersuchen sie die Möglichkeiten und Grenzen poetischer Sprache und denken über das Dichten selbst nach.

Formal bestehen die Gedichte grundsätzlich aus 14 Zeilen im fünfhebigen Jambus. Ihr Reimschema umfasst drei Quartette mit Kreuzreim und einen abschließenden Paarreim, das sogenannte Couplet. Damit unterscheiden sie sich von der italienischen Sonettform. Eine Ausnahme ist Sonett 126 mit nur 12 Zeilen. Nicht gemeint sind die zahlreichen Sonette, die in Shakespeares Dramen vorkommen. In der Erstausgabe folgt auf den Zyklus außerdem das lange Gedicht A Lover’s Complaint (deutsch: Einer Liebenden Klage).

Entstehung und Erstausgabe

Die erste gesammelte Druckausgabe erschien 1609 bei Thomas Thorpe in London unter dem Titel SHAKE-SPEARES SONNETS. Neuer before Imprinted. Sie wird nach ihrem Buchformat häufig „Quarto edition“ genannt. Die Sonette 138 und 144 waren bereits gegen 1599 in The Passionate Pilgrim veröffentlicht worden; Francis Meres erwähnte 1598 weitere Sonette Shakespeares. Auch literarische Anspielungen aus den 1590er Jahren sind belegt. Daher gilt als wahrscheinlich, dass zumindest ein Teil vor 1600 entstand.

Der genaue Entstehungszeitraum ist umstritten. Verschiedene Datierungen des gesamten Zyklus weichen um mindestens 27 Jahre voneinander ab. Häufig angenommen wird eine ungefähr 15-jährige Entstehungs- und Bearbeitungszeit, möglicherweise während der Pestausbrüche und der damit verbundenen Theaterschließungen um 1593/94, 1603/04 und 1608/09.

Der Druck von 1609 enthält zahlreiche Satzfehler, Missverständnisse und Nachlässigkeiten. Welche einzelnen Stellen tatsächlich fehlerhaft sind, ist in der Forschung nicht immer geklärt. Als wahrscheinlich gilt aber, dass weder Shakespeares eigenes Manuskript noch eine verlässliche Abschrift als Druckvorlage diente. Ob es sich um einen hastig hergestellten Raubdruck ohne Korrektur durch den Autor handelte, bleibt ungewiss. Die Autorschaft Shakespeares wird dagegen nicht bestritten. Mehrere voneinander abweichende Manuskriptfassungen von Sonett 2 sprechen eher dafür, dass er den Zyklus wiederholt bearbeitete.

Rätselhaft ist die von Thomas Thorpe unterzeichnete Widmung an „Mr. W. H.“, den „the only begetter“ der Gedichte. „Begetter“ kann unter anderem Erzeuger, Verursacher, Beschaffer oder Übermittler bedeuten. Weder die Identität der Person noch ihre Rolle ist bekannt. Die Widmung könnte auch eine werbende Verlegernotiz sein. Vermutungen, es handle sich etwa um William Herbert, 3. Earl of Pembroke, sind nicht belegt. Auch die Schreibweise „Shake-speare“ auf dem Titelblatt könnte eine bewusste Mystifikation sein; ihre genaue Bedeutung ist unklar.

Aufbau und zentrale Themen

Die Sonette 1 bis 126 richten sich offenbar überwiegend an einen jungen Mann, den „fair boy“ oder „fair youth“. Damit bricht Shakespeare mit der petrarkistischen Tradition, in der gewöhnlich eine engelschöne, unerreichbare Frau verehrt wird. Der junge Mann erscheint als Liebesideal und möglicherweise homoerotisch geliebte Person, soll aber – ähnlich wie Petrarcas idealisierte Frau – sexuell grundsätzlich unerreichbar bleiben. Eine zurückhaltende sexuelle Andeutung findet sich in Sonett 20.

Die Sonette 1 bis 17 heißen „Prokreationssonette“. Der Sprecher fordert den jungen Mann auf, ein Kind zu zeugen, damit seine Schönheit weiterlebt und er gewissermaßen unsterblich wird. Sonett 18 überträgt diese Idee auf die Dichtung: „So long as men can breathe or eyes can see, / So long lives this, and this gives life to thee“. Das Gedicht selbst soll dem Angesprochenen dauerhaft Leben verleihen. Sonett 20 entwirft ihn als androgyne Gestalt und nennt ihn „the master-mistress of my passion“.

Weitere Gedichte behandeln das Altern, die Angst vor Liebesverlust und Eifersucht. Sonett 29 enthält eine persönliche Schicksalsklage, Sonett 66 eine allgemeine Klage über die Welt; beide kehren erst im Schluss-Couplet zum Liebesbekenntnis zurück. Immer wieder sprechen die Sonette außerdem über ihre eigene Sprache und über die Möglichkeiten der Dichtung.

Ab Sonett 127 steht eine geheimnisvolle „dark lady“ im Mittelpunkt. Sie ist keine idealisierte „fair lady“, sondern eine irdische und sexuelle Geliebte. Sonett 129 beschreibt Lust als zerstörerisch und schambesetzt. Sonett 130 wendet sich ausdrücklich gegen übertriebene Schönheitsvergleiche: Die Augen der Geliebten gleichen nicht der Sonne, und sie schreitet nicht wie eine Göttin, sondern „treads on the ground“. Gerade diese realistische Darstellung begründet die Liebe des Sprechers. Sonett 151 enthält sogar pornographische Anspielungen.

Die Sonette sind dennoch keine privaten Liebesgedichte im heutigen Sinn. Sie stehen im gesellschaftlichen System des Petrarkismus und der Abhängigkeit eines Dichters von einem adeligen Mäzen, dem „Patron“. Sprecher und Gegenüber werden literarisch gestaltet; Stephen Greenblatt bezeichnet diese Selbststilisierung als „self-fashioning“. Shakespeare vollendet und überwindet den Petrarkismus zugleich: Er verwendet dessen Formen, stellt aber seine idealisierten Vergleiche infrage und erweitert sie durch Parodie, Humor, persönlicheres Sprechen und poetologische Reflexion.

Offene Deutungsfragen

Die Forschung kann nicht entscheiden, ob die Figuren der Sonette konkrete Menschen aus Shakespeares Leben abbilden oder erfunden sind. Zu den möglichen Figuren gehören der lyrische Sprecher, der junge Freund, ein rivalisierender Dichter und die dunkle Geliebte. Auch die Reihenfolge der Gedichte, ihre Datierung, Shakespeares sexuelle Orientierung und die Beziehungen zwischen den Figuren werden kontrovers diskutiert. Für die Identität des jungen Mannes wurden Dutzende Personen vorgeschlagen, doch wegen der dürftigen Quellenlage überzeugt keine Zuordnung.

Eine biographische Lesart versteht den Zyklus teilweise als Protokoll der Beziehung des Sprechers zu einem adeligen Patron. Dagegen spricht unter anderem, dass die ungewöhnliche Widmung von Verleger Thomas Thorpe und nicht von Shakespeare stammt. Zudem ist kein anderes Werk der Epoche bekannt, das einen Patron zugleich zur Hauptfigur oder zum lyrischen Du eines Sonettzyklus macht. W. H. Auden wandte sich 1946 ausdrücklich gegen die Versuche, die Figuren mit historischen Personen gleichzusetzen.

Im 19. Jahrhundert dominierten zunächst biographische Spekulationen. Später rückten stärker die Form, die dichterische Qualität und die Einordnung in die Poetik der elisabethanischen Epoche in den Mittelpunkt. Heute bestehen biographische und fiktionale Deutungen nebeneinander. Die Sonette gehören zu den meistdiskutierten Werken Shakespeares und liegen in mehr als zwei Dutzend aktuellen historisch-kritischen und kommentierten Ausgaben vor.

Verbreitung und mediales Fortwirken

Nach einem offenbar zunächst geringen Interesse erschien 1640 eine zweite Ausgabe. Herausgeber John Benson veränderte sie wegen der vermeintlich homoerotischen Inhalte und fügte sogar Gedichte hinzu, die nicht von Shakespeare stammen. Danach gerieten die Sonette zunehmend in Vergessenheit und wurden erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts philologisch wiederentdeckt. Manche Leser reagierten auf einzelne Gedichte, besonders Sonett 20, mit moralischer Ablehnung.

In Deutschland betrachtete Johann Joachim Eschenburg die Sonette 1787 ausführlicher. August Wilhelm von Schlegel schlug 1809 eine biographische Lektüre vor; Ludwig Tieck veröffentlichte 1826 Übertragungen seiner Tochter Dorothea, ohne ihre Urheberschaft offenzulegen. Die deutschen Übersetzungen wurden selbst zu einem wichtigen Forschungs- und Wirkungsgeschichtsthema. Außer Texten der Bibel wurde laut Artikel kein Werk der Weltliteratur häufiger ins Deutsche übersetzt. Rund 300 Übersetzer beschäftigten sich seit dem 18. Jahrhundert mit den Sonetten. Zwischen 1836 und 1894 erschienen zwölf kommentierte deutsche Gesamtübersetzungen. Im September 2023 waren 83 Gesamtübersetzungen sowie 61 Teilübersetzungen von mindestens zehn Sonetten veröffentlicht; von Sonett 18 und Sonett 66 existieren jeweils über 200 deutsche Fassungen. Die jüngste genannte Gesamtübersetzung stammt von Kurt Kreiler aus dem Jahr 2025.

Die Sonette wurden auch ins Lateinische, in zahlreiche lebende Sprachen und in Kunstsprachen wie Esperanto und Klingon übertragen. Darüber hinaus wurden sie vertont, für Theater und Ballett bearbeitet, in Mundarten oder Prosa übertragen, illustriert, parodiert und multimedial inszeniert. Beispiele sind Robert Wilsons und Rufus Wainwrights Shakespeares Sonette von 2009 sowie Michael Sturmingers Sonettfabrik von 2025. Einzelne Sonette erscheinen in mehr als 60 Spielfilmen; außerdem gibt es Kurzfilm- und Hörbuchprojekte.

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