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Semantik

In einem engeren Sinn behandelt die Semantik die Bedeutung vor allem sprachlicher Zeichen, wie Sätzen, Satzteilen, Wörtern oder Lexemen. Sie ist dann Teil der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Einordnung
  2. 2. Sprachliche Zeichen und Untersuchungsebenen
  3. 3. Wortbedeutungen, Sprachstruktur und Bedeutungswandel
  4. 4. Formale und generative Ansätze
  5. 5. Logische Sprachen und Wahrheitsbedingungen
  6. 6. Anwendungen außerhalb der Sprachwissenschaft

Grundbegriff und Einordnung

Semantik, auch Bedeutungslehre, beschäftigt sich mit Bedeutungen und mit der Beziehung zwischen Zeichen und dem, was sie bezeichnen. Im weiteren Sinn ist sie neben Syntax und Pragmatik eine der drei Disziplinen der Semiotik, also der Wissenschaft von Zeichen. Dabei können nicht nur sprachliche Ausdrücke Zeichen sein, sondern etwa Verkehrsschilder, Tierlaute, Symptome, Spuren, Kunstwerke, Gebäude, Gebrauchsgegenstände, Verhaltensweisen oder Regelwerke. Im engeren, linguistischen Sinn untersucht die Semantik die Bedeutung sprachlicher Zeichen wie Morpheme, Wörter, Satzteile, Sätze und Texte.

Syntax behandelt vor allem die Verknüpfung von Zeichen; Pragmatik untersucht deren Funktion in konkreten Äußerungssituationen. Die Abgrenzung zwischen Semantik und Pragmatik ist jedoch theorieabhängig: Die Semantik befasst sich mit der Ausdrucksbedeutung von Wörtern und Sätzen, beide Bereiche gemeinsam mit der Äußerungsbedeutung und die Pragmatik allein mit der Sprecherbedeutung.

Zwei grundlegende Blickrichtungen sind zu unterscheiden. Die semasiologische Perspektive geht vom Zeichen aus und fragt: „Was bedeutet das Zeichen?“ Die onomasiologische Perspektive geht vom bezeichneten Gegenstand aus und fragt: „Wie wird der Gegenstand bezeichnet?“ In der formalen Logik meint Semantik keine Deutung, sondern die regelgeleitete Zuordnung wahrheitsfunktional relevanter Werte zu den Konstanten einer formalen Sprache.

Sprachliche Zeichen und Untersuchungsebenen

Die linguistische Semantik beschreibt und erklärt die Bedeutungen sprachlicher Einheiten sowie die Regeln, nach denen diese zu komplexen Äußerungen verbunden und in der Kommunikation verwendet werden. Ein sprachliches Zeichen verbindet eine lautliche, schriftliche oder andere Form mit einer Bedeutung. Die kleinsten bedeutungstragenden Zeichen sind Morpheme. Die Wortform „zielst“ enthält beispielsweise den Wortstamm „ziel-“ mit einer lexikalischen Bedeutung und die Endung „-st“ mit der grammatischen Bedeutung „2. Person Einzahl“. Dagegen sind beliebige Silben, Laute oder Buchstaben nicht automatisch Zeichen: Bei der Zerlegung „vie-le“ besitzen die Teile für sich keine Bedeutung; bei „viel-e“ lassen sich dagegen Wortstamm und Endung als bedeutungstragende Morpheme erkennen.

Auf Morpheme folgen als größere Zeichen komplexe Wörter und Lexeme, dann Satzglieder, Teilsätze, Sätze und Texte. Entsprechend gibt es mehrere Untersuchungsebenen. Die lexikalische Semantik oder Wortsemantik behandelt die Bedeutung von Wörtern und Morphemen sowie die Struktur des Wortschatzes. Die Satzsemantik erklärt, wie aus Wortbedeutungen und Verknüpfungsregeln die Bedeutung größerer syntaktischer Einheiten entsteht; dafür muss die syntaktische Struktur des Satzes analysiert werden. Die Textsemantik untersucht, wie Sätze zu Erzählungen, Beschreibungen oder Argumentationen verbunden werden. Die Diskurssemantik betrachtet aufeinander bezogene Texte oder Äußerungen verschiedener Personen, etwa in Diskussionen, Unterhaltungen oder Lehrveranstaltungen.

Nach dem Gottlob Frege zugeschriebenen Kompositionalitätsprinzip ergibt sich die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks aus den Bedeutungen seiner elementaren Bestandteile und den Regeln ihrer Verbindung. Umstritten ist, inwieweit dieses Prinzip für natürliche Sprachen gilt oder vor allem ein Konstruktionsprinzip formaler Sprachen ist.

Wortbedeutungen, Sprachstruktur und Bedeutungswandel

Die lexikalische Semantik untersucht unter anderem, wie sich die Bedeutung eines einfachen Wortes aus elementaren Bedeutungsmerkmalen, den Semen, zusammensetzt. Die geordnete Gesamtheit der Seme eines Wortes heißt Semem. Bedeutungsverwandte Wörter sollten sich in wenigstens einem Sem unterscheiden. Untersucht wird außerdem, welchen Beitrag Morpheme zur Bedeutung von Flexionsformen, Ableitungen und Komposita leisten. Die Gesamtbedeutung lässt sich allerdings oft nur teilweise aus den Bestandteilen herleiten, besonders bei älteren, lexikalisierten Bildungen. Weitere Gegenstände sind die Stellung eines Wortes in einem Wortfeld und Bedeutungsrelationen wie Antonymie, Homonymie, Hyponymie, Hyperonymie, Polysemie und Synonymie.

Die strukturelle Semantik geht davon aus, dass Wortbedeutungen nicht isoliert bestimmt werden können. Entscheidend sind die Beziehungen eines Wortes zu anderen Wörtern im Sprachsystem. Entweder gilt dabei der gesamte Bedeutungsbestand einer Sprache als strukturiert oder bereits die einzelne Wortbedeutung als in kleinere Einheiten zerlegbar. Bedeutung wird somit als eine durch die Stellung im Sprachsystem bestimmte Beziehung zwischen Lautform und Vorstellung beziehungsweise zwischen Ausdruck und Inhalt verstanden.

Die Merkmalssemantik setzt Gesamtbedeutungen aus bedeutungsunterscheidenden Einzelmerkmalen zusammen. „Junge“ und „Mädchen“ besitzen beispielsweise gemeinsam die Merkmale „+menschlich“ und „-erwachsen“, unterscheiden sich aber beim Merkmal „männlich/weiblich“. Das Verfahren eignet sich eher für konkrete als für abstrakte Begriffe und ist für manche Wortarten, etwa Pronomen, unzureichend. Außerdem gibt es häufig Kategorienmitglieder, die nicht alle vermeintlich notwendigen Merkmale besitzen: Strauß und Pinguin sind Vögel, obwohl sie nicht fliegen können. Die Prototypensemantik bestimmt lexikalische Bedeutung deshalb nicht über einzelne Seme, sondern mithilfe von Prototypen.

Die synchronische Semantik beschreibt Bedeutungen, die eine bestimmte Gruppe in einem bestimmten Zeitraum zur Kommunikation verwendet. Die diachronische oder historische Semantik untersucht dagegen den Bedeutungswandel im Laufe der Zeit; auch die Etymologie befasst sich neben Lautentwicklungen mit der Bedeutungsentwicklung. Beide Perspektiven können einander ergänzen. In der diachronisch-strukturellen Semantik wird Bedeutungswandel als Wandel der Gliederung des Wortschatzes verstanden.

Statische Bedeutungstheorien beschreiben Bedeutungen als bestehende Größen. In der dynamischen Semantik gilt die Bedeutung eines Wortes, Satzes oder Textes dagegen als Aktualisierungsfunktion: Sie überführt den Systemzustand, also Kontext oder Informationsstand, vor der Verarbeitung einer Äußerung in einen neuen Zustand danach.

Formale und generative Ansätze

Die formale Semantik entstand als Semantik künstlicher Sprachen innerhalb der formalen Logik. Inzwischen gibt es auch eine formale Semantik natürlicher Sprachen, die logische Beschreibungsmittel nutzt. Unter dem Einfluss von Augustus De Morgan, George Boole, Alfred Tarski und Richard Montague werden Satzbedeutungen über Wahrheitsbedingungen definiert und in einer auf der Logik beruhenden formelhaften Metasprache dargestellt. Dabei können allerdings Bedeutungsnuancen verloren gehen.

Die modelltheoretische Semantik oder Tarski-Semantik setzt Bedeutung mit einer genau bestimmten Interpretation in einem Modell gleich. Kleine Modelle bilden für eine bestimmte Welt und Zeit überschaubare Weltausschnitte ab. Zu unterscheiden sind Objektsprache und Metasprache: Die formale Objektsprache wird in einem Modell interpretiert. Dieses besteht aus einem Individuenbereich, dem Universum, und einer Wertzuweisungs- oder Interpretationsfunktion. Diese weist jeder nicht-logischen Konstante der Objektsprache ihr Denotat, also das bezeichnete Objekt oder den zugeordneten Wert, im Modell zu.

Die generative Semantik gehört zu den generativen Grammatiktheorien. Der Ausdruck wird unterschiedlich gebraucht, bezeichnet im engeren Sinn aber die in den 1960er Jahren unter anderem von George Lakoff, James D. McCawley, Paul M. Postal und John Robert Ross entwickelten Grammatiken. Sie entstanden als Reaktion auf die geringe Berücksichtigung der Semantik in Noam Chomskys früher Transformationsgrammatik. Generative Ansätze zerlegen Wörter in kleinste Bestandteile, sogenannte atomare Prädikate, und suchen abstrakte Grundregeln, aus denen Sätze erzeugt werden. Oberflächenstrukturen sprachlicher Äußerungen sollen auf Tiefenstrukturen und einen Regelapparat zurückgeführt werden, der durch Transformationen sowohl Sprachproduktion als auch Sprachverstehen ermöglicht. Baumgraphen dienen dabei als Grundform der Konstituentenanalyse.

Jerry Fodor bezeichnete die abstrakten Basisstrukturen als „Sprache des Geistes“ und nahm eine genetisch bedingte Sprachkompetenz an. Chomskys Generative Transformationsgrammatik sollte entsprechend sowohl das Erzeugen als auch das Erkennen von Sprache erklären. Als Interpretative Semantik wird insbesondere die Theorie von Jerrold Katz und Jerry Fodor bezeichnet; derselbe Ausdruck kann auch für die semantischen Bestandteile von Chomskys erweiterter Transformationsgrammatik stehen.

Logische Sprachen und Wahrheitsbedingungen

Die logische oder reine Semantik interpretiert formale Sprachen, etwa die Aussagen- und Prädikatenlogik. Bedeutungen werden dabei nicht empirisch erforscht, sondern durch ausdrückliche Regeln festgelegt.

Eine zentrale Unterscheidung betrifft Intension und Extension. Die Intension entspricht ungefähr dem begrifflichen Inhalt oder Sinn eines Ausdrucks, die Extension seinem Umfang beziehungsweise dem in der Welt Bezeichneten. Gottlob Frege unterschied 1892 zwischen „Sinn“, der sich aus den Beziehungen der Zeichen innerhalb des Sprachsystems ergibt, und „Bedeutung“, die aus der Beziehung zwischen Zeichen und Welt entsteht. Sein Beispiel sind „Morgenstern“ und „Abendstern“: Beide bezeichnen den Planeten Venus und haben daher in Freges Terminologie dieselbe Bedeutung, aber unterschiedlichen Sinn. Heute wird häufig stattdessen zwischen „Bedeutung (Sinn)“ und „Bezeichnetem“ unterschieden.

Die Semantik nicht-modaler Logiken ist extensional: Den Ausdrücken der formalen Sprache werden ausschließlich Extensionen zugeordnet. Modallogische Sprachen werden dagegen durch eine intensionale Semantik interpretiert, etwa durch die Semantik möglicher Welten.

Die wahrheitsfunktionale Semantik wurde von Alfred Tarski 1944 zu einem systematischen Verfahren formalisiert. Sie führt die Bedeutung eines Satzes auf seine Wahrheitsbedingungen zurück, weil Wahrheit als leichter bestimmbar gilt als Bedeutung. Bedeutung erscheint dabei als Funktion zwischen sprachlichen Ausdrücken und der Welt; die Wahrheit von Aussagen dient als Bedeutungskriterium. Die modelltheoretische Semantik arbeitet diesen Ansatz weiter aus.

Anwendungen außerhalb der Sprachwissenschaft

In der Informatik ist Semantik ein Anwendungsfall der logischen Semantik. Für formale Programmiersprachen wird neben der Syntax eine formale Semantik festgelegt. Sie wird in der Berechenbarkeitstheorie, der Komplexitätstheorie und besonders bei der Verifikation, also der Prüfung der Korrektheit von Computerprogrammen, verwendet. Auch in der Datenmodellierung spielt Semantik eine Rolle.

In der Informationstheorie bezeichnet die Semantik einer Informationsfolge deren Bedeutung. Eine reine Zufallsfolge besitzt keine Semantik, obwohl sie einen sehr hohen Informationsgehalt haben kann.

Die soziologische Systemtheorie versteht unter Semantik den gesamten dauerhaft verfügbaren, wiederverwendbaren und gesellschaftsübergreifenden Wissensvorrat eines Gesellschaftssystems, also sein offizielles Gedächtnis und grundlegendes kulturelles Erbe. Systemspezifische Semantiken enthalten sozial bedeutsame und als bewahrenswert angesehene Leitvorstellungen, die aus standardisierten Formen des Empfindens, Denkens, Handelns und Redens hervorgegangen sind.

In der analytischen Philosophie bildet die Semantik einen wichtigen Teilbereich. Die Sprachphilosophie wurde lange hauptsächlich als Semantik verstanden; durch Ludwig Wittgensteins Wirken im 20. Jahrhundert gewann die Pragmatik dort vergleichbare Bedeutung. In der visuellen Kommunikation lassen sich außerdem optische Medien wie Plakate, Werbespots und Piktogramme mit semantischen Begriffen untersuchen.

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