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Pragmatik (Linguistik)

Pragmatik oder Pragmalinguistik (von altgriechisch πρᾶγμα pragma, deutsch ‚Handlung', ‚Sache') ist ein Teilgebiet der Allgemeinen Sprachwissenschaft.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand der Pragmatik
  2. 2. Abgrenzung zur Semantik und Semiotik
  3. 3. Synchrone Pragmatik: Themen und Ansätze
  4. 4. Historische Entwicklung und historische Pragmatik
  5. 5. Pragmatik als Kommunikationslehre

Gegenstand der Pragmatik

Pragmatik oder Pragmalinguistik ist ein Teilgebiet der Allgemeinen Sprachwissenschaft. Sie untersucht Bedeutungsaspekte, die von der konkreten Situation abhängen und nicht allein aus der wörtlichen Bedeutung eines Ausdrucks hervorgehen. Entscheidend ist also, was Sprecher mit einer Äußerung in einem bestimmten Kontext tun und wie Hörer sie verstehen.

Pragmatik untersucht damit sprachliche Äußerungen als Handlungen in einer Kommunikationssituation. Durch Sprache können Menschen beispielsweise etwas versprechen, drohen, warnen oder behaupten. Solche Sprechakte entstehen erst dadurch, dass Ausdrücke von einem Sprecher in einer Situation verwendet und von einem Hörer wahrgenommen werden. Eine Frage ist etwa nicht wahr oder falsch; sie erfüllt eine sprachliche Handlung.

Zur Pragmatik gehören neben Sprachbenutzern auch kontextuelle Faktoren: die Situation, die Absicht des Sprechers und Strukturen einer Konversation. Sie beschreibt sprachliche Ausdrucksformen, Handlungsmuster sowie Formulierungs- und Deutungsstrategien, durch die Beteiligte das Gemeinte und Verstandene kooperativ erschließen und aushandeln können.

Abgrenzung zur Semantik und Semiotik

In der Linguistik wird Pragmatik meist neben Phonetik, Phonologie, Lexikologie, Morphologie, Syntax und Semantik als eigenständiges Teilgebiet genannt. Die Semantik untersucht die Bedeutung von Wörtern, Phrasen und Sätzen unabhängig von ihrer konkreten Äußerung. Sie befasst sich außerdem mit den Wahrheitsbedingungen von Sätzen. Gerald Gazdar fasst den Unterschied als „Bedeutung, abzüglich Wahrheitsbedingungen“ (meaning minus truth conditions) zusammen.

Die Grenze zwischen Semantik und Pragmatik ist jedoch umstritten: Probleme lassen sich häufig nicht eindeutig einem der beiden Bereiche zuordnen. Teilweise wird Semantik als Teil der Pragmatik verstanden. In diesem Zusammenhang steht Wittgensteins Satz, Bedeutung sei die Regel des Gebrauchs. Anderswo wird betont, dass Pragmatik im Unterschied zur Semantik nicht zur Grammatik gezählt werde.

In der Semiotik, der Lehre von Zeichen, beruht die Unterscheidung auf Charles W. Morris. Er unterschied Syntaktik, Semantik und Pragmatik: Syntax betrifft Beziehungen zwischen Zeichen, Semantik die Beziehung zwischen Zeichen und Bedeutung, Pragmatik die Beziehung zwischen Zeichen und Benutzer. Morris definierte Pragmatik als „die Untersuchung der Beziehung von Zeichen zu Interpreten“ (the study of the relation of signs to interpreters). Die Pragmatik ist außerdem mit Soziolinguistik und Sprachsoziologie verbunden, soweit Sprachgebrauch von sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Faktoren abhängt.

Synchrone Pragmatik: Themen und Ansätze

Die synchrone Pragmatik untersucht den Sprachgebrauch zu einem bestimmten Zeitpunkt und die Sprachhandlungen, die Sprecher einsetzen. John L. Austin formulierte 1962 die Leitfrage: „Wie kann ich mit Worten etwas tun?“ („How to do things with words?“). Nicht die logische Bewertung wahr oder falsch steht immer im Mittelpunkt, sondern die Handlung, die eine Äußerung ausführt.

Zu den häufig genannten Schwerpunkten gehören:

  • Deixis: sprachliche Verweise, deren Bedeutung von der Situation abhängt.
  • Konversationelle Implikaturen: mitgemeinte Inhalte, die nicht ausdrücklich gesagt werden.
  • Präsupposition: Voraussetzungen, die bei einer Äußerung als gegeben behandelt werden.
  • Sprechakte: Handlungen durch Äußerungen.
  • Gesprächsanalyse beziehungsweise Konversationsstruktur.
  • Politolinguistik.

Wichtige Ansätze sind die Sprechakttheorie von John L. Austin und John R. Searle, die Konversationsmaximen von Paul Grice, die Universalpragmatik von Jürgen Habermas, die Transzendentalpragmatik von Karl-Otto Apel und die Funktionale Pragmatik von Konrad Ehlich und Jochen Rehbein. In der Funktionalen Pragmatik ist der Zweck einer Handlung zentral. Sprachliches Handeln ist gesellschaftlich in zweckbezogenen Mustern wie Frage – Antwort oder Aufgabe – Lösung organisiert. Dem Muster Frage dient etwa die Behebung eines Wissensdefizits des Sprechers.

Auch die Gesprächsanalyse in der Tradition von Harvey Sacks sowie die Phänomenologie von Alfred Schütz und Harold Garfinkel werden manchmal zur Pragmatik gerechnet. Dies ist nicht eindeutig, weil dort Handeln nicht zentral gestellt wird.

Historische Entwicklung und historische Pragmatik

Historische Pragmatik untersucht, wie sich pragmatische Erscheinungen im Laufe der Zeit verändern. Seit den 1980er Jahren kann von ihrer Existenz gesprochen werden. Eine ihrer Fragen lautet, wie ein bestimmter Sprechakt geschichtlich verwirklicht wurde. Dies gehört auch zur Onomasiologie, also zu einem Bereich, der von einem Begriff oder einer Funktion zu möglichen sprachlichen Bezeichnungen und Ausdrucksweisen fragt.

Als Vorläufer der modernen Pragmatik werden Ramón Lull oder Aristoteles genannt. Karl Bühler wird dabei nach dem Artikel häufig nicht berücksichtigt, obwohl er bereits 1934 von „Sprechhandlung“ sprach und die Bedeutung der Sprachpraxis hervorhob.

Die Bezeichnung „Pragmatik“ selbst geht auf Charles Sanders Peirce zurück. Seine Semiotik berücksichtigte die Beziehung eines Zeichens zu seinem Benutzer; aus seinem philosophischen Pragmatismus ging die linguistische Pragmatik hervor. Charles W. Morris entwickelte darauf aufbauend die klassische Dreiteilung Syntax – Semantik – Pragmatik. Zunächst war Pragmatik vor allem in der Semiotik verortet, danach entstand die linguistische Pragmatik im Sinne der Sprachwissenschaft.

Pragmatik als Kommunikationslehre

Pragmatik kann auch als Wissenschaft von Kommunikationsprinzipien verstanden werden. Sprecher oder Schreiber folgen solchen Prinzipien, um Sinn zu vermitteln. Hörer oder Leser nutzen sie, um aus mehreren möglichen Deutungen den im Zusammenhang verständlichen Sinn zu erschließen.

Damit geht Pragmatik über die Untersuchung von Zeichen und ihren Referenten hinaus: Sie bezieht Sprachbenutzer, Situation, Sprecherabsicht und Gesprächsstrukturen ein. Norbert Bischof beschreibt Pragmatik als „praktisch deckungsgleich mit der ultimaten Systemtheorie“.

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