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Wortstamm

Als Wortstamm oder kurz Stamm bezeichnet man in der Grammatik (und zwar der Morphologie) einen Bestandteil eines Wortes, der als Ausgangsbasis für weitere …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Funktion
  2. 2. Bildung komplexer Wörter
  3. 3. Stamm, Basis, Wort und Wurzel
  4. 4. Arten und Varianten von Stämmen
  5. 5. Stammveränderung und Analysemodelle

Grundbegriff und Funktion

Ein Wortstamm, kurz Stamm, ist in der Morphologie ein Bestandteil eines Wortes, der als Ausgangspunkt für weitere Wortbildung dienen kann. So ermöglicht der Stamm „Teil“ die Bildung „Teilchen“. Häufig kann ein Stamm außerdem flektiert, also an grammatische Merkmale wie Zahl oder Fall angepasst werden, etwa „Teil-e“. Für seine Definition ist diese Möglichkeit jedoch weniger entscheidend als seine Funktion bei der Wortbildung.

Ein Stamm kann bei seiner Weiterverarbeitung verändert werden. Beispielsweise stehen sich in „Hund – Hündchen“ verschiedene Stammgestalten gegenüber. Die verbreitete Erklärung, der Wortstamm sei der unveränderliche Teil eines Wortes, ist deshalb falsch.

Ein Stamm steht häufig einem Affix gegenüber. Ein Affix ist ein unselbstständiger Wortbaustein, der an eine andere Einheit angefügt wird. Im genauen Sinn gilt ein Wortteil jedoch nur dann als Stamm, wenn er als Grundlage weiterer Wortbildung dienen kann. Stämme können entweder nicht weiter zerlegbare Primärstämme oder bereits durch Wortbildung entstandene Sekundärstämme sein. Ein Primärstamm wird teilweise auch als Wurzel bezeichnet.

Bildung komplexer Wörter

Die Wurzel TRINK kann auf verschiedene Weise als Stamm verwendet werden:

• als verbaler Stamm in flektierten Formen wie „trink-e“, „trink-st“ und im Infinitiv „trink-en“; • als Stamm einer Ableitung, also Derivation, wie „Trink-er“; • als Bestandteil einer Zusammensetzung, also Komposition, wie „Trink-brunnen“.

Eine Komposition lässt sich als Verbindung zweier Stämme beschreiben. In „Trinkbrunnen“ ist „Trink-“ einer der enthaltenen Wortbausteine. Bei der Ableitung „Trink-er“ bezeichnet „Stamm“ dagegen zugleich eine Funktion im Wortaufbau: „Trink-“ ist der Anschlusspunkt für das Affix „-er“.

Auch das Ergebnis einer Wortbildung kann wieder als Stamm dienen. „Trinkbrunnen“ kann flektiert werden, etwa im Genitiv „Trinkbrunnen-s“, oder Bestandteil einer weiteren Komposition sein, etwa „Trinkbrunnen-reinigung“. Ebenso kann der abgeleitete Stamm „Trinker“ flektiert („des Trinker-s“), für eine Komposition („Trinker-nase“) oder für eine weitere Derivation („Trinker-in“) verwendet werden.

Der Infinitiv gehört zu den Flexionsformen. Weil ein deutscher Verbstamm normalerweise nicht allein auftreten kann, wird häufig der Infinitiv als neutrale Nennform verwendet, etwa wenn „Trinkbrunnen“ als Zusammensetzung aus „trinken“ und „Brunnen“ erklärt wird. „Trinken“ ist dabei aber keine Grundform im Sinne eines Wortstamms; der Stamm lautet „trink-“.

Stamm, Basis, Wort und Wurzel

Ein Stamm kann der Bildung flektierter Wortformen dienen, wird selbst aber gewöhnlich als unflektiertes Element definiert. Flexion wird meist durch Affixe ausgedrückt, kann jedoch auch die innere Gestalt des Stamms verändern.

Der Begriff Basis ist allgemeiner: Eine Basis ist das Element, an das ein Affix oder ein Klitikon angefügt wird. Ein Klitikon ist eine grammatische Einheit, die sich an ein benachbartes Wort anlehnt. Im Russischen wird etwa in „bre-ju-s'“ („ich rasiere mich“) die Reflexivendung „-s“ an die bereits flektierte Personalform „breju“ angefügt. „Breju“ ist daher die Basis des Reflexivs, aber kein Wortstamm, weil die flektierte Form nicht mehr als Ausgangspunkt weiterer Wortbildung dienen kann. Zugleich ist „Basis“ in anderer Hinsicht enger als „Stamm“: Der Begriff wird bei Affigierung und Klitisierung verwendet, während Stämme auch Bestandteile von Komposita sein können.

Ein Stamm kann im Deutschen ohne zusätzliche Endung genauso aussehen wie ein selbstständiges Wort, besonders bei Substantiven und Adjektiven. In „einen Trinker“ trägt der Artikel mit „-en“ die Akkusativmarkierung, während „Trinker“ unverändert bleibt. Trotzdem werden Stamm und Wort nach ihrer Funktion unterschieden: Der Stamm gehört zu den Regeln des Wortaufbaus; das Wort ist eine abgeschlossene Einheit, auf die syntaktische Regeln zugreifen. „Trinker“ wird im Satz zum Wort, weil ihm dort das Merkmal Akkusativ zugewiesen wird. Einige Grammatiktheorien, beispielsweise die Distributed Morphology, nehmen allerdings an, dass abstrakte Syntaxregeln auch unmittelbar auf Wortteile zugreifen können.

Als Wurzel bezeichnet man häufig ein nicht weiter zerlegbares Element, das als Stamm verwendet werden kann, also einen Primärstamm. In anderen Beschreibungen ist die Wurzel eine abstraktere Einheit, aus der ein verwendbarer Stamm erst durch morphophonologische Prozesse wie Ablaut gebildet wird. Im Sanskrit steht beispielsweise die Wurzel „hṛ-“ mit der Bedeutung „nehmen“ dem Präsensstamm „hara-“ gegenüber. Im Arabischen wird die Wurzel „k-t-b“ („schreiben, Buch“) zum Präsensstamm „-ktub-“. Abstrakten Wurzeln wird teilweise zunächst keine Wortart zugeordnet; ein Kategoriemerkmal kommt erst während der morphologischen oder syntaktischen Verarbeitung hinzu. Daneben existieren weitere, voneinander abweichende Konventionen für die Abgrenzung von Stamm und Wurzel.

Arten und Varianten von Stämmen

Ein Lexem, also eine abstrakte Einheit des Wortschatzes mit ihren verschiedenen Formen, kann unterschiedliche Stämme für Flexion, Derivation und Komposition besitzen.

Ein Flexionsstamm wird mit einer Flexionsendung verbunden. Beim Verb „klagen“ liegt „klag-“ den Formen „klag-st“, „klag-te“ und „klag-en“ zugrunde. In den Ableitungen „Kläg-er“ und „kläg-lich“ erscheint dagegen ein Derivationsstamm, der nicht für die Verbflexion verwendet wird.

Ein Konfix ist ein Wortbildungsstamm, zu dem kein selbstständig verwendbarer Flexionsstamm gehört. Das Element „ident-“ tritt nur in Wortbildungen wie „ident-isch“, „Ident-ität“ und „ident-ifizieren“ auf. Innerhalb der Flexion kann ein Lexem ebenfalls mehrere Stammvarianten haben, beispielsweise bei Verben einen Stamm für Präsens-Endungen und einen anderen für Perfekt-Endungen.

Ein Kompositionsstamm ist eine besondere Stammform für Zusammensetzungen. Dazu können Formen mit verschiedenen Fugenmorphemen gehören. Ein Fugenmorphem ist ein Verbindungselement zwischen Bestandteilen eines Kompositums. Die Erstglieder in „Kind-frau“, „Kinds-mutter“, „Kindes-kind“ und „Kinder-zimmer“ lassen sich daher als verschiedene Kompositionsstämme des Lexems KIND analysieren.

Stammveränderung und Analysemodelle

Bei der morphologischen Verarbeitung kann sich ein Stamm innerlich verändern, im Deutschen beispielsweise durch Ablaut oder Umlaut. Dafür gibt es zwei grundlegende Analysewege.

Bei einer Analyse als Aneinanderkettung einzelner Morphe werden mehrere Stammvarianten im Lexikon angesetzt. Morphe sind die konkreten Formen bedeutungs- oder funktionstragender Wortbausteine. Für den Plural „Traum – Träume“ wären dies [1] „Traum-“ und [2] „Träum-“. Eine morphologische Regel bestimmt, welche Variante verwendet wird. Die Pluralregel könnte beispielsweise als „Stamm2 + -e“ formuliert werden: Die Endung „-e“ verlangt die zweite Stammvariante. Dabei liegt Allomorphie vor, also das Auftreten verschiedener Formen derselben Einheit. Allomorphie kann somit nicht nur Affixe, sondern auch Stämme betreffen.

Nach dem zweiten Analyseweg können morphologische Operationen die gesamte Gestalt einer Basis verändern. Dann wird nur ein Stamm TRAUM angenommen. Bei der Bildung des Nominativs Plural „Träume“ erzeugt eine morphophonologische Regel aus diesem Stamm die Gestalt „Träum-“. Diese Auffassung führt zu Modellen mit nichtlokalen Veränderungen eines Wortgerüsts oder zur wortbasierten Morphologie.

Der zweite Ansatz bietet sich besonders bei produktiven Bildungen an. Produktiv bedeutet, dass ein Verfahren wie der Vokalwechsel bei neuen Bildungen wiederholt angewendet werden kann. Ist die Veränderung dagegen sprachhistorisch erstarrt und nicht mehr produktiv, liefert sie nur noch eine diachrone, also sprachgeschichtliche Erklärung.

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