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Lexem

Das Lexem repräsentiert das sprachliche Wissen, das mit einem Wort insgesamt verbunden ist, also das Wissen darüber, welche syntaktischen Eigenschaften und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Verwendungsweisen
  2. 2. Lexem als Einheit hinter Wortformen
  3. 3. Lexem als gelernte Bedeutungseinheit
  4. 4. Lexikalisches Morphem und verwandte Begriffe
  5. 5. Einfache und übergeordnete Lexeme

Begriff und Verwendungsweisen

Ein Lexem ist in der Sprachwissenschaft meist eine genauer gefasste Form des Begriffs „Wort“. Gemeint ist ein abstrakter Bestandteil des Wortschatzes einer Sprache: Von einzelnen grammatischen Merkmalen sowie von lautlichen oder schriftlichen Erscheinungsformen wird dabei abgesehen. Ein Lexem bündelt das Wissen, das zu einem Wort gehört, also mögliche syntaktische Eigenschaften, Deklinations- oder Konjugationsformen, Laut- und Schriftgestalt sowie Bedeutung oder Bedeutungsspektrum.

Lexem bezeichnet eine Einheit des Lexikons, also des Wortbestands einer Sprache. Der Ausdruck ist jedoch mehrdeutig. Unterschieden werden mindestens drei Verwendungen:

  • Lexem(1): Abstraktion über Wortformen.
  • Lexem(2): nicht ableitbare, gelistete Bedeutungseinheit, auch „Listem“.
  • Lexem(3): lexikalisches Morphem.

Die erste Bedeutung ist die häufigste; die dritte ist heute am wenigsten verbreitet. Manche Darstellungen unterscheiden nicht alle drei Bedeutungen oder vermengen sie.

Lexem als Einheit hinter Wortformen

Wortformen gehören zu einem Lexem, wenn sie wesentliche Merkmale wie Grundbedeutung und Wortart teilen. Die Wortformen sind dann konkrete Erscheinungen einer abstrakten Einheit. Zum Lexem SING(EN) gehören zum Beispiel „(ich) singe“, „(du) singst“, „(er) singt“, „(wir) singen“, „(ihr) singt“ und „(sie) singen“. Dies sind vier äußerlich verschiedene Wortformen beziehungsweise sechs Elemente mit unterschiedlichen Konjugationsmerkmalen, also „syntaktische Wörter“.

Ein Lexem selbst kann nicht geäußert werden; geäußert werden nur Wortformen. Es wird häufig durch Großschreibung symbolisiert, etwa: „Das Lexem SING(EN) hat im Präsens 6 verschiedene Konjugationsformen.“

Wortbildung und Zusammensetzung ergeben dagegen neue Lexeme. „singen“, „Sänger“, „Singstimme“ und „Singsang“ sind vier verschiedene Lexeme. Eine Gruppe verwandter Lexeme heißt Lexemverband oder Wortfamilie. Da die Wortart hier entscheidend ist, setzt diese Auffassung eine Morphologie voraus, die Flexionsmorphologie und Wortbildungsmorphologie strikt trennt.

Unterschiedlich wird beurteilt, ob verschiedene Lesarten eines Wortes zu einem Lexem gehören oder ob Polysemie, also Bedeutungsvariation, jeweils eigene Lexeme bildet. Weil Polysemie graduell ist, kann die Entscheidung von der Ähnlichkeit der Bedeutungen oder von der Regelmäßigkeit ihrer Beziehung abhängen.

Lexem als gelernte Bedeutungseinheit

In einer zweiten Bedeutung ist ein Lexem eine Einheit, deren Bedeutung als Ganzes gespeichert werden muss. Auch bei einem komplex aufgebauten Ausdruck muss seine Bedeutung dann nicht aus seinen Teilen ableitbar sein. Im Unterschied zu produktiv gebildeten syntaktischen Verbindungen sind solche Einheiten als Bausteine auflistbar und wie Vokabeln lernbar; deshalb heißen sie auch Listeme.

Die Form eines solchen Lexems kann sehr verschieden sein: ein einfaches Einzelwort oder ein komplexes abgeleitetes Wort, ein Mehrwortlexem wie „in Gang setzen“, „halb und halb“, „schwarzer Freitag“, „rechter Winkel“ oder „Europäische Union“, aber auch eine Phrase, ein Phrasem oder ein Idiom wie „jemandem im Nacken sitzen“ und „den Löffel abgeben“. Auch Wortbestandteile können Listeme sein. Bei „unbegehbar“ können etwa UN, BE, GEH und BAR aufgelistet werden.

Diese Perspektive ist von der Abstraktion über Wortformen zu trennen. So müssen das Lexem LÖFFEL und die Phrase „den Löffel abgeben“ (= „sterben“) nebeneinander im Lexikon stehen, obwohl die Phrase die Wortform Akkusativ-Singular von LÖFFEL enthält. Wortform-Abstraktion und Auflistung im Lexikon sind daher unabhängige Perspektiven auf dasselbe Material. Ein Lexem in diesem Sinn heißt auch semantisches Wort, lexikalisches Wort, Lexikonwort, lexikalisches Element, lexikalische Einheit oder Lexikoneintrag (englisch: lexical entry).

Lexikalisches Morphem und verwandte Begriffe

In einer älteren, auf André Martinet (1960) zurückgehenden Terminologie heißt der bedeutungstragende Teil eines Inhaltsworts „Lexem“. In „schreib-st“ und „Schreib-er“ wäre „schreib“ jeweils ein Lexem im Sinne Martinets. In der gängigen modernen Terminologie ist dies ein lexikalisches Morphem oder Grundmorphem. Martinet nennt ein Wort technisch „Lexem“, einen Wortteil allgemein „Monem“ und einen grammatischen Wortteil „Morphem“.

Nach dieser älteren Verwendung können grammatische Wörter oder Funktionswörter nicht als Lexeme gelten oder kein Lexem enthalten. Dies beeinflusst teilweise die Frage, ob Präpositionen oder Pronomen Lexeme seien. Nach der ersten, heute häufigen Definition sind sie jedoch Lexeme, wenn sie in flektierten Wortformen auftreten; in einigen Sprachen gilt dies auch für Präpositionen.

„Wort“ wird oft als Synonym von Lexem verwendet, besonders in älterer oder nichtwissenschaftlicher Literatur. Aus heutiger Sicht ist „Wort“ jedoch ein vortheoretischer Begriff, der in der Linguistik in mehrere Spezialbegriffe aufgeteilt wurde. Die Zitierform oder Grundform benennt ein Lexem, etwa „das Lexem TISCH“, ist aber nicht mit ihm identisch: Die Zitierform ist eine konkrete und äußerbare Form, das Lexem eine Abstraktion.

Ein Morphem ist die kleinste bedeutungstragende Einheit einer Sprache. Lexeme sind auf der Formseite aus Morphemen aufgebaut. Lexikalische Morpheme sind etwa „Stadt“, „Land“ und „Buch-“ in „Buch-laden“; grammatische Morpheme etwa „in“, „aus“, „er-“ und „-ung“. Viele Simplizia bestehen aus einem Morphem, zum Beispiel „Stadt“, „Land“ oder „Mensch“. Ein Morphem kann semantische Bedeutung oder grammatische Funktion ausdrücken. In klassisch-semantischer Terminologie enthält ein Lexem mindestens ein lexikalisches Morphem und beliebig viele grammatische Derivationsmorpheme, abstrahiert aber von grammatischen Flexionsmorphemen.

Ein Sem ist in der semantischen Komponentenanalyse mitunter die kleinste Bedeutungseinheit. Nach dieser Terminologie besteht ein Lexem aus einem oder mehreren Semen. Die Abgrenzung zu Semem und Semantem hängt davon ab, wie diese Begriffe jeweils definiert werden.

Einfache und übergeordnete Lexeme

Ein Simplex, auch Grundwort oder Einzelwortlexem, ist ein einfaches Lexem, das weder abgeleitet noch zusammengesetzt ist. „gehen“ ist beispielsweise das Simplex von „eingehen“, „abgehen“, „Ausgang“ und „Vergehen“. Sowohl ein Simplex als auch ein schon komplexes Wortbildungsprodukt, ein Paralexem, kann Ausgangspunkt weiterer Wortbildung sein; dabei entstehen neue Lexeme.

Ein Archilexem ist nach einer Begriffsprägung von Eugenio Coseriu ein Lexem, das innerhalb eines Wortfeldes die Bedeutung des gesamten Feldes umfasst. Die übrigen Mitglieder des Wortfeldes sind dann seine Unterbegriffe. „Gewässer“ ist etwa ein Archilexem zu „Bach“, „Fluss“ und „See“.

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