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Segregation (Soziologie)

So entsteht zunehmend ein privater, gegenüber Unbefugten abgeschlossener Bereich („Gated Communities“). Das Ausmaß der Segregation dient somit als ein …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Segregation in Städten
  3. 3. Merkmale und Untersuchungsansätze
  4. 4. Messung der räumlichen Ungleichverteilung
  5. 5. Räumliche Muster, Folgen und Gegenmaßnahmen

Begriff und Bedeutung

Segregation bezeichnet in der Soziologie die Entmischung unterschiedlicher Elemente innerhalb eines Beobachtungsgebiets. Sie liegt vor, wenn sich Elemente nach bestimmten Eigenschaften räumlich aufteilen oder polarisieren: Eine Gruppe oder ein Element tritt in einigen Teilen des Gebiets konzentriert auf, während es in anderen unterrepräsentiert ist.

Segregation ist bedeutsam, weil ihr Ausmaß auf eine gesellschaftliche Polarisierung hinweisen kann. Eine sehr deutliche Trennung verschiedener Gruppen kann die Herausbildung konfliktreicher Teilgesellschaften begünstigen. Welche Segregation festgestellt wird und wie stark sie erscheint, hängt jedoch wesentlich davon ab, welche räumlichen Teileinheiten und welche Merkmale für die Untersuchung gewählt werden.

Segregation in Städten

Städte sind ein häufig untersuchtes Beispiel, weil dort Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Einkommen, ethnischen Zugehörigkeiten und Religionen zusammenleben. Trotzdem verteilen sich diese Gruppen meist nicht gleichmäßig über das Stadtgebiet.

Räumliche Trennungen gab es bereits in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen europäischen Städten. Kaufleute und Handwerker lebten beispielsweise in jeweils eigenen Stadtteilen. Ethnische und religiöse Segregation zeigte sich unter anderem im jüdischen Ghetto sowie in den nach Religion und Volksgruppenzugehörigkeit gegliederten Vierteln der klassischen orientalischen Stadt.

In heutigen nordamerikanischen Städten gibt es Viertel, die fast ausschließlich von bestimmten Einwanderergruppen bewohnt werden, etwa China Town, Greek Town oder Harlem in New York. In europäischen Städten weisen manche Stadtteile hohe Anteile eingewanderter ehemaliger Gastarbeiter aus dem Mittelmeerraum oder hochqualifizierter ausländischer Arbeitskräfte auf. Daneben nimmt die räumliche Trennung nach Bildungs- und Einkommensniveau zu. Eine Form davon sind „Gated Communities“, also private, gegenüber Unbefugten abgeschlossene Wohnbereiche.

Die Einkommenssegregation ist in europäischen Großstädten besonders stark, wenn auch die Bauformen des Wohnungsbestands räumlich getrennt sind, beispielsweise durch geschlossene Gründerzeitviertel oder Gebiete, die fast nur aus Platten- oder Sozialbauten bestehen. Eine Studie von 2018 identifizierte Rostock, Erfurt und Potsdam als deutsche Großstädte mit der höchsten sozialen Segregation. Dämpfend kann eine aktive Wohnungsbaupolitik wirken, wie sie Wien mit seinen Gemeindebauten seit dem Ersten Weltkrieg verfolgt. Seit etwa 1990 orientieren sich deshalb viele Städte am Wiener Modell. Auch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wirkten teilweise ausgleichend: In wiederaufgebauten Städten wie Mainz wechseln sich attraktive Gründerzeitbauten und schlichtere Nachkriegsgebäude teilweise innerhalb einer Straße ab. Dies führt zu kleinräumig unterschiedlichen Mietpreisen und Bewohnerstrukturen.

Merkmale und Untersuchungsansätze

Eigenschaftsträger einer Segregation können unter anderem Bevölkerungsgruppen, Wohngebäude, Handelseinrichtungen oder Einrichtungen der sozialen Infrastruktur sein. Residentielle Segregation bedeutet die räumliche Trennung verschiedener Bevölkerungsgruppen nach ihrem Wohnort.

Bei Bevölkerungsgruppen wird gewöhnlich zwischen drei Statusmerkmalen unterschieden:

  • demographischer Status,
  • sozialer Status,
  • ethnische oder religiöse Zugehörigkeit.

Zur Messung gibt es drei grundlegende Konzepte:

  • Ungleichverteilungsmaße erfassen, wie ungleich Gruppen räumlich verteilt sind. Dazu gehören Segregationsindex, Dissimilaritätsindex, Gini-Koeffizient und Theil-Index.
  • Maße des Ausgesetztseins untersuchen die Interaktion beziehungsweise Isolation zwischen Gruppen.
  • Ballungsmaße erfassen die räumliche Konzentration oder das Clustering.

Messung der räumlichen Ungleichverteilung

Der Dissimilaritätsindex vergleicht die räumlichen Verteilungen zweier Bevölkerungsgruppen A und B. Der Segregationsindex vergleicht dagegen die Verteilung einer Gruppe A mit der übrigen Gesamtbevölkerung. Beide Indikatoren reichen von 0 für Gleichverteilung bis 100 für vollständige räumliche Segregation beziehungsweise Dissimilarität.

Für den Dissimilaritätsindex wird in jeder Raumeinheit i der Anteil der dort lebenden Mitglieder von A an der Gesamtheit von A mit dem entsprechenden Anteil der Gruppe B verglichen. Die absoluten Differenzen werden über alle N Raumeinheiten addiert und halbiert:

ID = 1/2 · Σᵢ₌₁ᴺ |aᵢ/Σᵢ₌₁ᴺaᵢ − bᵢ/Σᵢ₌₁ᴺbᵢ|

Der Segregationsindex wird entsprechend aus den Anteilsdifferenzen zwischen der Gruppe A und der übrigen Gesamtbevölkerung G berechnet:

IS = 1/2 · Σᵢ₌₁ᴺ |aᵢ/Σᵢ₌₁ᴺaᵢ − gᵢ/Σᵢ₌₁ᴺgᵢ|

Dabei gilt: gᵢ = Gesamtbevölkerung − betrachtete Gruppe A.

Beide Werte können als der prozentuale Anteil der betrachteten Gruppen interpretiert werden, der umziehen müsste, damit eine Gleichverteilung entsteht. Im Beispiel einer Musterstadt mit fünf Regionen betragen die absoluten Anteilsdifferenzen für die Gruppe „Gelb“ 21,2, 21,2, 27,3, 3,9 und 73,6. Ihre Summe ist 147,2; daraus folgt IS = 0,5 × 147,2 = 73,6.

Räumliche Muster, Folgen und Gegenmaßnahmen

Die Verteilungen verschiedener Statusgruppen überlagern sich. Untersuchungen von Murdie (1969) fanden drei Grundmuster, die Stadtstrukturmodellen der Chicagoer Schule entsprechen:

  • Die Segregation nach Sozialstatus besitzt eine sektorale Struktur.
  • Die Segregation nach Familienstatus besitzt eine ringförmige Struktur.
  • Die ethnische Segregation besitzt eine mehrkernige Struktur.

Diese Grunddimensionen wurden in verschiedenen Großstädten untersucht und Murdies Aussagen bestätigt. Besonders stark segregiert sind meist die Reichsten und die Ärmsten: „Die Reichen wohnen, wo sie wollen – die Armen, wo sie müssen.“ Zu den ärmsten Gruppen gehören häufig Zuwanderer, deren räumliche Segregation besonders oft kritisiert wird.

Starke räumliche Ungleichverteilung geht häufig mit erhöhten Kriminalitätsraten, beschleunigtem Stadtverfall durch Desinvestition und einem schlechteren gesamtstädtischen Image einher. Daraus darf jedoch nicht unmittelbar geschlossen werden, dass die Segregation diese Probleme verursacht. Ein solcher „ökologischer Fehlschluss“ liegt beispielsweise vor, wenn höhere Kriminalitätsraten lediglich dadurch entstehen, dass sich die Taten von Personen räumlich addieren, die auch anderswo auffällig würden. In diesem Fall würde eine geringere Segregation die Kriminalitätsrate nicht senken.

Desegregationsstrategien sollen negative Folgen der Entmischung begrenzen. Genannt werden Wohnumfeldverbesserungen, eine mieterfreundliche Gesetzgebung zur Verhinderung oder Begrenzung von Gentrifizierung, Mietsubventionen wie Wohngeld, Öffnungsklauseln im Sozialwohnungsbestand, stärkere schulische Integration fremdsprachlicher Minderheiten und Antidiskriminierungsinitiativen. Zusätzlich sollen soziale Kontrolle und eine stärkere Bindung der Bewohner an ihr Gebiet helfen. Für den Erfolg sind sowohl ausreichende Finanzmittel als auch ein gesamtgesellschaftlicher Konsens über den Umgang mit Minderheiten erforderlich.

Eine im November 2023 veröffentlichte Zusammenhaltsstudie des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt untersuchte außerdem „Netzwerksegregation“, also die Tendenz sozialer Gruppen, in ihren persönlichen Netzwerken unter sich zu bleiben. Sie betrachtete vier Dimensionen mit jeweils zwei Merkmalspaaren: politisch links/rechts und Grünen-nah/AfD-nah, sozioökonomisch gering/hoch gebildet und arm/reich, kulturell migrantisch/deutsch und christlich/muslimisch sowie regional ländlich/großstädtisch und ostdeutsch/westdeutsch. Gemessen wurde, wie häufig homogene Netzwerke tatsächlich vorkamen, verglichen mit der statistisch aufgrund der Verbreitung eines Merkmals zu erwartenden Häufigkeit.

Die Netzwerksegregation korrelierte besonders stark mit „Grünen-nah“ und „AfD-nah“ sowie stark mit „muslimisch“, „geringer Bildung“, „ländlich“, „ostdeutsch“, „reich“ und „hochgebildet“. Mit „westdeutsch“ und „migrantisch“ bestand keine oder sogar eine leicht negative Korrelation. Mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland bewegte sich in Netzwerken, die bei mindestens vier erfassten Merkmalen zugleich homogen waren. Als homogen galt ein Netzwerk, wenn ein polares Merkmal überwiegend vorkam und sein Gegenpol nicht oder nur selten vertreten war.

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