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Ghetto
Als Ghetto (auch: Getto) wird ein abgesondertes Wohnviertel bezeichnet. Der Begriff stammt aus dem Italienischen und bedeutet Gießerei.
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Bedeutung und Grundformen
Ein Ghetto (auch Getto) ist ein abgesondertes Wohnviertel. Der Begriff bezeichnete ursprünglich Stadtbereiche, in denen Juden wohnen mussten. Davon zu unterscheiden sind die von Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) errichteten „Jüdischen Wohnbezirke“ beziehungsweise Ghettos: Sie waren Gefangenen-Sammellager für verfolgte und deportierte Juden im okkupierten Polen, im annektierten Tschechien und in der deutsch besetzten Sowjetunion. Sie dienten als Übergangsstationen vor dem Transport in Vernichtungslager.
Heute wird „Ghetto“ umgangssprachlich auch für offen zugängliche Viertel verwendet, in denen vor allem bestimmte ethnische Gruppen oder soziale Randgruppen leben. Gemeint sein kann Segregation, also die räumliche Trennung von Bevölkerungsgruppen. Der Ausdruck wird außerdem ohne direkten Ortsbezug auf abgegrenzte soziale Strukturen wie Subkulturen oder soziale Netzwerke übertragen. Die historischen, nationalsozialistischen und modernen Bedeutungen sind dabei voneinander zu unterscheiden.
Jüdische Wohnviertel und Ghettozwang
Juden lebten seit der Antike in Europa häufig in bestimmten Vierteln oder Straßen, etwa in Judengassen. Solche Wohnbereiche waren zunächst nicht zwingend abgeschottet: Juden konnten meist Berufe ausüben, Handel treiben und Grundeigentum erwerben; zugleich lebten teilweise Juden außerhalb und Nichtjuden innerhalb dieser Viertel. Ein Eruv war ein deklarierter Bezirk, der die Einhaltung bestimmter Sabbatgebote erleichterte.
Seit dem 13. Jahrhundert forderte die Kirche zunehmend eine räumliche Trennung von Juden und Christen. Daraus entstanden besonders seit dem späten 14. Jahrhundert in Spanien, seit den 1420er Jahren in Savoyen, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in einzelnen deutschen Städten und im 16. Jahrhundert in Italien Ghettos. Juden durften dann außerhalb des zugewiesenen Viertels nicht wohnen; Tore wurden nachts und oft an Feiertagen geschlossen. Die Enge war wegen wachsender Bevölkerung oft bedrückend, doch Ghettos waren nicht grundsätzlich Armutsviertel: Viele Bewohner waren wohlhabende Handwerker oder Händler. Sie unterlagen jedoch meist erheblichen und teils diskriminierenden Einschränkungen.
Als erstes urkundlich belegtes Ghetto gilt eine jüdische Ansiedlung von 1084 im Speyerer Vorort Altspeyer. Das bekannteste deutsche Beispiel war die Frankfurter Judengasse (1462–1796). Ihre Bewohner durften sie nachts und sonntags nicht verlassen und mussten den „Gelben Fleck“ tragen. Der Ghettozwang wurde in der Folge der Französischen Revolution und der liberalen Bewegungen des 19. Jahrhunderts weitgehend aufgehoben; 1870 wurde das römische Ghetto als letztes der Welt aufgelöst.
Sonderfall Shanghai
Das sogenannte Ghetto in Shanghai lag im Stadtbezirk Hongkou und umfasste ungefähr 2,5 km². Es hieß damals Restricted Sector for Stateless Refugees oder Designated Area. Während des Zweiten Weltkriegs stand das von Japan besetzte Gebiet unter japanischer, nicht deutscher Kontrolle und ist deshalb ein Sonderfall im Rahmen der Schoah (Holocaust).
Das Gebiet konnte zeitweise als Fluchtort für jüdische Staatsbürger aus Europa dienen. Wenigen Flüchtlingen war die Ausreise aus dem Deutschen Reich oder über die Sowjetunion noch bis zum 3. September 1941 möglich, unter Mithilfe japanischer Botschaftsangehöriger in Wien und Wilna. Nach der Befreiung Shanghais 1945 hatten in diesem Bezirk etwa 20.000 jüdische Flüchtlinge die Schoah überlebt.
Übertragene Verwendung und soziale Brennpunkte
Der Begriff kann im vollen historischen Sinn auf viele Chinatowns in den Vereinigten Staaten angewandt werden. Nach dem Chinese Exclusion Act von 1882 zwangen lokale Gesetze chinesische und chinesischstämmige Minderheiten in Städten wie San Francisco und New York City, ausschließlich in solchen wenigen Straßenblocks zu wohnen. Dort mussten teils mehrere Zehntausend Menschen leben. Diese Zwangsansiedlung endete erst in den 1940er Jahren.
Heute bezeichnet „Ghetto“ oft Viertel mit deutlich abweichender sozialer oder ethnischer Struktur; der Ausdruck kann auch freiwillige, selbst gewählte Separation meinen. Besonders wird er für sozial desolate Stadtviertel der USA mit hohem afroamerikanischen oder hispanischen Bevölkerungsanteil genutzt. Historische soziale, wirtschaftliche und gesetzliche Zwänge der Rassentrennung konzentrierten die afroamerikanische Bevölkerung in bestimmten Stadtvierteln. Rechtliche Beschränkungen wurden in den 1950er und 1960er Jahren durch Einzelklagen und die Civil-Rights-Bewegung überwunden, die ökonomische Benachteiligung änderte sich jedoch nur wenig.
Als Beispiele gelten insbesondere Teile von Bronx und Harlem in New York, südliche Stadtbezirke Chicagos sowie Teile von Los Angeles. In solchen sozialen Brennpunkten können verbreitete Armut, Kriminalität und Gewaltverbrechen zusammentreffen. Nach Zygmunt Bauman ist ein Ghetto in diesem Sinn kein Ort für Gemeinschaftsgefühle, sondern ein „Laboratorium zur Erzeugung sozialer Desintegration, Atomisierung und Anomie“. Bei hoher Armut kann aus einem Ghetto unter Umständen ein Slum entstehen.