Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Polarisierung (Politik)

Algorithmen, vor allem also Computerprogramme, fördern die politische Polarisierung, da sie bereits durch Inhalte, welche mit den geäußerten Bedürfnissen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Formen
  2. 2. Themen und Gruppen
  3. 3. Psychologische und soziale Treiber
  4. 4. Algorithmen und Medienfilter
  5. 5. Forschungsergebnisse
  6. 6. Deutschland

Grundidee und Formen

Polarisierung bedeutet in politischen Zusammenhängen entweder eine soziale Differenzierung, die zu Kontroversen führt, oder eine Verstärkung von Meinungsunterschieden. Häufig hängt beides zusammen. Polarisierung kann Unterschiede deutlicher und damit leichter verständlich machen, sie kann aber auch politische Spannungen verstärken.

In den Sozialwissenschaften muss immer gefragt werden, aus welcher Perspektive Polarisierung betrachtet wird. Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht werden zwei zentrale Formen unterschieden: themenbezogene Polarisierung und gruppenbezogene Polarisierung. Beide beschreiben, dass Menschen starke politische Positionen vertreten.

Themen und Gruppen

Themenbezogene Polarisierung bezieht sich auf die Haltung einer Person zu einem bestimmten politischen Thema oder zu einer konkreten Frage. Von politischer Polarisierung spricht man, wenn diese Haltung extrem wird oder bereits extrem ist. Sie kann also als Prozess verstanden werden, bei dem sich eine zunächst gemäßigte Meinung immer stärker in Richtung eines Extrems verändert, oder als Zustand einer bereits polarisierten Meinung.

Wichtig ist die Abgrenzung zum Extremismus. Extremismus umfasst nicht nur extreme politische Einstellungen oder Ideologien, sondern auch die Ablehnung des demokratischen Staates und die Bereitschaft, diesen abzuschaffen.

Gruppenbezogene Polarisierung, auch affektive Polarisierung genannt, betrifft die Bewertung ganzer politischer Gruppen, zum Beispiel Parteien oder themenbezogene Gruppen. Dabei geht es um Sympathie für die politische Eigengruppe, die Ingroup, und starke Antipathie gegenüber der politischen Fremdgruppe, der Outgroup. Gemessen wird dies nicht über Sachmeinungen, sondern über Gefühle gegenüber sozialen Gruppen. Ein Beispiel ist das „Feeling Thermometer“, bei dem Wähler angeben, wie stark positive oder negative Gefühle gegenüber Ingroup und Outgroup sind. Daraus lässt sich ableiten, wie wohlwollend oder ablehnend politische Gruppen einander gegenüberstehen.

Psychologische und soziale Treiber

Ein wichtiger Treiber ist Selective Exposure, also die bevorzugte Zuwendung zu Informationen, die zur eigenen Einstellung passen. Als Grundlage wird oft Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz genannt. Kognitive Dissonanz entsteht, wenn zwei Kognitionen, also Gedanken, Überzeugungen oder Wahrnehmungen, einander widersprechen. Dieser Zustand wird als unangenehm erlebt. Menschen versuchen deshalb, wieder kognitive Konsonanz herzustellen, also einen Einklang zwischen ihren Überzeugungen und ihrem Verhalten.

Daraus erklärt sich das empirisch bestätigte Phänomen, dass Menschen Informationen bevorzugt wahrnehmen, die zu ihren bestehenden Einstellungen passen. Die Echokammer-Theorie sieht Polarisierung als Folge fehlender Konfrontation mit widersprechenden Informationen. In der politischen Kommunikation kann das bedeuten, dass Menschen sich vor allem mit Personen umgeben oder Medien nutzen, die politisch mit ihnen übereinstimmen, und gegenteilige Informationen meiden.

Ein weiterer Treiber ist Homophilie. Damit ist gemeint, dass Menschen sich eher mit ähnlichen Menschen umgeben. Politische Kommunikation findet nicht nur medial statt, sondern auch von Angesicht zu Angesicht, etwa bei der Arbeit, im Verein oder zu Hause. Homophile Mechanismen können dazu führen, dass politisch homogene Gruppen entstehen, statt dass unterschiedliche Vorstellungen ausgetauscht werden. Wenn Gruppenmitglieder ähnliche Meinungen und Informationen teilen, können sie sich gegenseitig bestärken. Damit hängt der Begriff Gruppenpolarisierung zusammen.

Das Internet kann Homophilie fördern, weil es auch kleine Interessengemeinschaften über räumliche Distanz hinweg verbindet. Dadurch können Echokammern entstehen, also virtuelle Räume, in denen sich fast nur Gleichgesinnte mit ähnlichen Meinungen und Verhaltensweisen begegnen. In solchen Zusammenhängen können Menschen soziale Identitäten entwickeln: Sie definieren Teile ihres Selbst über Gruppen, denen sie angehören oder angehören wollen. Wenn sich der einzelne Mensch dabei weniger als eigenständiges Individuum wahrnimmt und stärker als Teil einer Gemeinschaft, wird dies als Depersonalisierung bezeichnet.

Algorithmen und Medienfilter

Technologische Filtersysteme und die Individualisierung von Medienangeboten gelten als mögliche technische Treiber von Polarisierung. Algorithmen, also Computerprogramme, können Inhalte auswählen, sortieren und gewichten. Wenn sie vor allem Inhalte anzeigen, die zu den geäußerten Bedürfnissen und Interessen der Nutzer passen, fördern sie kognitive Konsonanz.

Über die genaue Arbeitsweise solcher technischen Systeme ist laut Artikel wenig bekannt. Auch die tatsächliche Größe ihres Effekts ist wegen mangelndem Datenzugang kaum verlässlich messbar. Besonders in sozialen Netzwerken ist es wahrscheinlicher, Informationen zu sehen, die der eigenen Meinung entsprechen. Im Extremfall könnten Nutzer dadurch von widersprechenden Informationen distanziert oder isoliert werden; dann entstehen sogenannte Filterblasen.

Als wahrscheinlich gilt, dass Polarisierung begünstigt wird, wenn zwei Prozesse zusammenkommen: eine konsonant selektive Zuwendung zu Informationen, die durch Algorithmen in sozialen Netzwerken verstärkt wird, und eine ebenfalls algorithmisch verstärkte homophile Sortierung.

Forschungsergebnisse

Viele Studien bestätigen Polarisierungseffekte durch persönliche Medienauswahl, vor allem im Zweiparteiensystem der USA. In Mehrparteiensystemen anderer Länder ist die Lage anders, weil es dort nicht unbedingt eine klare politische Gegenseite gibt. Dadurch kann Polarisierung abgeschwächt werden. Studien in Mehrparteiensystemen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, abhängig von Faktoren wie der politischen Position der Bürger und der Darstellung von Politik in den Medien. Als klar wird beschrieben, dass Polarisierung vor allem dadurch entsteht, dass Menschen ihre eigenen Vorstellungen auf die Bevölkerungsmehrheit projizieren.

Zur algorithmisch verstärkten Selektion gibt es weniger gesicherte Befunde. Eine Untersuchung des Web-Browsing-Verhaltens von 50.000 US-Bürgern, die regelmäßig Online-Nachrichten konsumieren, zeigte: Artikel, die über soziale Medien oder Suchmaschinen gefunden wurden, verstärkten die ideologische Trennung stärker als Artikel, die direkt auf Nachrichtenseiten gelesen wurden. Gleichzeitig zeigten soziale Medien und Suchmaschinen trotz polarisierender Wirkung mehr gegensätzliche Meinungen und Perspektiven. Eine frühere Untersuchung mit ähnlicher Methodik fand eine Korrelation zwischen algorithmischen Nachrichtenquellen und parteipolitischer sowie thematischer Polarisierung.

Andere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Polarisierung durch Social-Media-Nutzung nur marginal vorhanden ist. Eine Studie zu User-Kommentaren stellte fest, dass ein offen zugängliches und vielfältiges öffentliches Forum nicht zu Polarisierung führen muss, sondern Ansichten mit der Zeit regulieren und moderieren kann. Weitere Forschung zu Depolarisierung durch Netzwerkeffekte unterstützt diese Sicht. Im Unterschied zu Echokammern erhalten die meisten Social-Media-Nutzer Informationen aus verschiedenen Blickwinkeln. Kontakt mit politischer Vielfalt in sozialen Medien kann also politische Moderation fördern und massenpolitische Polarisierung reduzieren.

Deutschland

Für Deutschland nennt der Artikel mehrere Befunde und Deutungen. Nach einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2022 waren in Westdeutschland 48 Prozent und in Ostdeutschland 57 Prozent der Ansicht, dass sich Meinungen in Streitfragen unversöhnlich gegenüberstünden. Besonders betroffen waren die Themen Corona-Pandemie, Einwanderungspolitik und Ukraine-Krieg. Seit 2015 verfestigte sich bei 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung die Vorstellung, dass politische Themen die Menschen trennten. Seit 2019 sank der Anteil derjenigen, die sich mit Andersdenkenden austauschen, von 45 auf 37 Prozent. Zugleich hatten Koalitionen der politischen Mitte weiterhin Rückhalt bei 70 bis 80 Prozent der Wahlberechtigten, weil zwischen den vier Parteien der politischen Mitte oft nur graduelle Unterschiede gesehen wurden.

Der Berliner Polarisierungsmonitor definiert das Zusammenspiel aus Meinungen und Gefühlen als „Affektive Polarisierung“. Seine Daten zeigen, dass hohe affektive Polarisierung bereits mit viel politischem Stress verbunden ist. Befürchtet wird, dass in Deutschland eine destruktive Lagerbildung mit zu viel affektiver Polarisierung entstehen könnte, die sich an grundsätzlichen Fragen festmacht.

Ob Deutschland bereits gespalten ist, wird unterschiedlich beurteilt. Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser sprechen von einer zerklüfteten Gesellschaft, sehen aber keine empirischen Befunde für eine „gleichzeitige kulturelle, materielle und politische Polarisierung der Gesellschaft“. Die Ungleichheit zwischen Arm und Reich nehme zwar zu, errege aber vergleichsweise wenig die Gemüter. Eine „Bruchstelle der kollektiven Solidarität“ zeige sich beim Thema Bürgergeld und Sozialleistungen für Flüchtlinge.

Andreas Reckwitz beschreibt in „Die Gesellschaft der Singularitäten“ einen Wandel seit den 70er Jahren hin zur Singularisierung. Dazu gehören Entindustrialisierung, Dienstleistungsgesellschaft, Bildungsexpansion und eine „Kulturalisierung der Ökonomie“. Eine neue Mittelklasse aus Akademikern umfasse etwa ein Drittel der Bevölkerung. In traditioneller Mittelklasse und neuer Unterklasse könnten Erfahrungen von Entwertung und Abgehängtsein politischen Populismus begünstigen. Dirk Konietzka und Yevgeniy Martynovych bestätigen jedoch nicht die Vermutung, dass sich die neue „postindustrielle Mittelklasse“ zunehmend in Metropolen konzentriere, während alte Mittelklasse und prekäre Soziallagen eher in kleinstädtischen und ländlichen Räumen zu finden seien. 2018 betrug der Anteil der oberen und unteren Dienstklasse als Vertreter der neuen Mittelklasse in der Altersgruppe 25–34 Jahre in nordost- und westdeutschen Metropolen 40 Prozent und in süddeutschen Städten 50 Prozent.

Weiterlesen

Politik Politik regelt dabei insbesondere das öffentliche, aber teilweise auch das private (Zusammen-)Leben der Bürger, die Handlungen und Bestrebungen zur Führung des … Empirische Sozialforschung Empirische Sozialforschung bezeichnet die systematische Erhebung und Auswertung von Daten der Sozialwissenschaften über soziale Tatsachen durch Beobachtung, … Soziale Ungleichheit Soziale Ungleichheit bezeichnet in der Soziologie die ungleiche Verteilung materieller und immaterieller Ressourcen in einer Gesellschaft und die sich daraus … Extremismus Extremismus ist ein in der Extremismusforschung umstrittener Begriff, mit dem Behörden und Gerichte in Deutschland seit etwa 1973 politische Einstellungen … Ideologie Ideologische Deutungsmuster sind nicht auf politische Lehren beschränkt, sondern können auch nationale, kulturelle, wirtschaftliche oder religiöse Vorstellungen … Politische Partei Politische Parteien in einem Mehrparteiensystem konkurrieren untereinander um die Besetzung der politischen Entscheidungspositionen; sie tragen zur politischen … Konsonanz und Dissonanz Vollkommene Konsonanzen eignen sich besonders als Anfangs- und vor allem als Schlussklänge. Für sie gilt das Parallelenverbot. · Dissonanzen müssen als … Algorithmus Algorithmen bestehen aus endlich vielen, wohldefinierten Einzelschritten. ... Damit können sie zur Ausführung in ein Computerprogramm implementiert, aber auch in … Wissenschaftliche Publikation Eine wissenschaftliche Publikation oder Fachpublikation (im Jargon oft einfach Aufsatz oder englisch Paper genannt, sofern es sich um einen Artikel in einer … Mehrheit Mehrheit (auch Majorität oder Mehrzahl) bezeichnet die überwiegende Anzahl aus einer Gesamtanzahl von Personen, Meinungen oder Sachen. Der Gegensatz ist die … Selektion (Informatik) In der Relationalen Algebra ist die Selektion einer der fünf Operatoren, die in Relationalen Datenbanken eingesetzt werden. Korrelation Die Maßzahlen der Korrelation liegen betragsmäßig meist in einem Bereich von Null (kein Zusammenhang) bis Eins (starker Zusammenhang). · Ein Beispiel für eine …