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Sünde
Die Sünde besteht nach christlichem Verständnis in einer Abkehr von Gottes Willen, im Misstrauen Gott gegenüber, im Zulassen des Bösen oder im Sich-verführen- …
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Grundbegriff und Bedeutung
Sünde ist ein religiös geprägter Begriff. Im christlichen Verständnis bezeichnet sie vor allem den unvollkommenen Zustand des Menschen, der von Gott getrennt ist, sowie eine falsche Lebensweise: das Übertreten oder Herausfallen aus der göttlichen Gesetzesordnung. Nach der biblischen Erzählung entstand diese Trennung durch den Sündenfall in Gen 3, also durch das Essen der Frucht „vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“. Sünde bedeutet christlich eine Abkehr von Gottes Willen, Misstrauen gegenüber Gott, das Zulassen des Bösen oder das Sich-verführen-Lassen.
Neben diesem Grundzustand meint Sünde auch einzelne moralisch verwerfliche Handlungen, sogenannte Tatsünden. Sie können aus bösen Gedanken entstehen, aber auch in bösen Worten, verletzenden oder unwahren Äußerungen bestehen. Sünde schadet nach diesem Verständnis anderen Menschen und dem Sünder selbst direkt oder indirekt; deshalb ist sie nicht nur Übertretung, sondern auch mit Schuld und Folgen verbunden. Umgangssprachlich wird „Sünde“ auch ohne religiöse Bedeutung für als falsch empfundene Handlungen verwendet, etwa bei „Modesünde“, „Parksünder“ oder dem Verstoß gegen Diätregeln.
Judentum
Im Judentum ist Sünde die Übertretung eines Gesetzes Gottes. Das hebräische Wort aveira bedeutet wörtlich „Übertretung“ eines Gebots. Gemeint sind die Gebote der Tora, weitere Vorschriften im Tanach und die im Talmud zusammengestellten Auslegungen. Nach jüdischem Verständnis sündigt jeder Mensch im Lauf seines Lebens; Gott verbindet angemessene Strafe mit Gnade.
Die Auslegung des Tanach unterscheidet drei Formen der Sünde: Pesha oder Mered ist eine absichtlich begangene Sünde in bewusster Auflehnung gegen Gott. Avon ist eine bewusst, aber emotional begangene Sünde, nicht als Auflehnung gegen Gott. Chet ist eine unbeabsichtigte Sünde. Sünden bedeuten im Judentum keine dauerhafte Verdammung; nur wenige gelten als unvergebbar.
Zentrale Elemente der Sühne sind aufrichtige Reue, Umkehr und das Geben von Almosen. Das wird unter anderem im Gebet Unetaneh tokef an Rosch ha-Schana und Jom Kippur betont. Jom Kippur ist ein besonderer Tag, an dem das jüdische Volk zur Vergebung seiner Sünden zusammenkommt. Nach der Jüdischen Bibel waren die Stiftshütte und später der Jerusalemer Tempel Orte für Opfer nach der Reue vor Gott; manche Sünden verlangten zusätzlich ein Geständnis. Spätere Propheten kritisierten Rituale ohne echte Reue und betonten die innere Haltung.
Christlicher Sündenbegriff
Im Christentum hat Sünde eine zentrale Bedeutung, besonders weil ihre Überwindung als Kern des Heils verstanden wird. Sünde bezeichnet den vom Menschen verschuldeten Zustand des Getrenntseins von Gott und zugleich einzelne schuldhafte Verfehlungen gegen Gottes Gebote. Die Lehre von der Sünde heißt Hamartiologie. Das griechische hamartia bedeutet ursprünglich „ein Ziel nicht treffen“; religiös meint es ein Verfehlen in der Gottes-, Menschen- und Selbstliebe.
Nach christlicher Theologie ist grundsätzlich jeder Mensch sündig; Jesus von Nazaret wurde jedoch nicht im Zustand der Sünde geboren und sündigte nicht. Im Neuen Testament erscheint Sünde häufig im Zusammenhang mit Sündenvergebung. Die vielen einzelnen Sünden gelten als Folgen einer grundlegenden Sünde: eines Lebens ohne Gottesbeziehung. Sünde gegen Mitmenschen ist zugleich gegen Gott gerichtet, weil Menschen als Geschöpfe Gottes verstanden werden. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn erkennt der Sohn deshalb: „Vater, ich habe gesündigt, gegen den Himmel und vor dir“ (Lk 15,18).
Die Bibel beschreibt Sünde als Ursache der geistlichen Trennung von Gott, die Gott nicht will. Sie wird auch als „Wandeln in der Finsternis“ bezeichnet. Sünde bewirkt den Tod; gemeint ist nicht nur die jetzige, sondern auch die ewige Trennung von Gott. Umgekehrt bedeutet Vergebung ewiges Leben. Sünde wird auch mit Gesetzlosigkeit und Ungerechtigkeit gleichgesetzt. Durch Gottes Gesetz, besonders durch die Gebote, wird Sünde erkennbar. Da jeder Mensch Gottes Gesetz übertritt, gilt jeder Mensch von sich aus als Sünder; gerettet wird der Mensch nicht aus eigener Kraft, sondern durch Gottes Gnade.
Neues Testament und Kirchen
Im Neuen Testament werden verschiedene Akzente gesetzt. Bei Markus und Lukas stehen Sünden vor allem für konkretes individuelles Fehlverhalten. Jesus wird als der verstanden, der gekommen ist, Sünder zu rufen und sein Volk von Sünden zu erlösen. Im Johannesevangelium wird zusätzlich der Unglaube der Welt als Sünde beschrieben; weitere Begriffe sind Knechtschaft, Teufelskindschaft, geistige Blindheit, Eigenliebe und Hass. Bei Paulus hat Sünde neben der individuellen auch eine strukturelle Dimension: Sie erscheint als Macht, die das Leben bestimmt, den Menschen im Bereich von Sünde und Tod hält und ihn doch verantwortlich macht.
Die Kirchen betonen unterschiedliche Aspekte. Die Orthodoxe Kirche hebt besonders hervor, dass Sünde Beziehungen zerstört: die Beziehung zwischen Mensch und Gott und die Beziehungen unter Menschen. Erlösung bedeutet daher Aussöhnung und erneuerte Beziehung. Westliche Kirchen, also katholische und evangelische Kirchen, betonen stärker den rechtlichen Aspekt von Schuld und Erlösung.
Die römisch-katholische Kirche versteht unter Sünde vor allem die Handlung selbst. Sie unterscheidet sichtbare Handlungen wie Totschlag oder Diebstahl, Haltungen wie Neid oder Habgier, sogenannte Wurzelsünden, und Unterlassungssünden. Außerdem unterscheidet sie Todsünden, also schwere Sünden, und lässliche Sünden. Eine schwere Sünde wiegt besonders, wenn sie aus freiem Willen und in voller Erkenntnis geschieht. Die Erbsünde hat nach katholischer Lehre die ursprüngliche Vollkommenheit des Menschen beeinträchtigt, aber nicht völlig ausgelöscht; durch die Taufe wird die Erbsünde beseitigt, nicht aber die Neigung zur Sünde, die Konkupiszenz.
Viele reformatorische Kirchen sehen die Erbsünde stärker als Zustand des Menschen. Besonders im Calvinismus, teilweise auch in lutherischen Kirchen, wird der Mensch durch sie als in „totaler Verderbtheit“ gefangen beschrieben: in vollständiger Abkehr von Gott und Fixierung auf sich selbst und die Welt. Das kann nur durch Gottes Initiative und Gnade, sola gratia, durchbrochen werden; der geschenkte Glaube, sola fide, erhält den Menschen im Zustand der Gnade.
Vergebung, Sühne und Befreiung
Eng mit Sünde verbunden sind Bekennen, Reue, Buße und Vergebung. Im Christentum ist Jesus Christus das „Opferlamm Gottes“, das die Sünden der Welt hinwegnimmt; deshalb sind keine Tieropfer mehr nötig. Sühne bedeutet den Vorgang, durch den der Sünder wieder mit Gott versöhnt wird. Nach christlicher Lehre geschieht diese Erlösung „in, mit und unter“ Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi.
Die Frage, wie Sühne genau zu verstehen ist, wurde unterschiedlich beantwortet. Genannt werden unter anderem: Ersatz, also dass Gott in Christus die Strafe für die Sünden der Menschheit auf sich nimmt; Beispiel, also dass Christi Tod zeigt, was Unterordnung unter Gottes Willen bedeutet; Offenbarung, also dass Christi Tod Wesen und Liebe Gottes sichtbar macht; und Sieg, also dass Christus den Tod besiegt und ewiges Leben gibt. Ein vollständiges Verständnis der christlichen Vorstellung von Sühne erfordert nach dem Artikel eine Kombination dieser Punkte.
Von der Sünde freigesprochen zu werden bedeutet, dass die Sünde nicht mehr angerechnet wird. Befreiung kann aber auch heißen, dass sündhaftes Handeln nicht mehr geschieht oder die Neigung dazu schwächer wird. Das ist ein wichtiges Anliegen der Seelsorge, besonders wenn Menschen bestimmte Neigungen als Bindung oder Zwang erleben. In der römisch-katholischen Kirche geschieht Vergebung im Bußsakrament durch Beichte vor einem Priester; in der orthodoxen Kirche werden Sünden im Beisein eines Priesters direkt Jesus Christus gebeichtet; in evangelischen und anglikanischen Kirchen steht meist das gemeinsame Sündenbekenntnis mit Zuspruch der Vergebung im Zusammenhang mit dem Abendmahl im Vordergrund. In evangelischen Kirchen kann Vergebung auch seelsorgerlich durch einen Pfarrer oder einen Mitchristen zugesprochen werden.
Islam und Jugendsünde
Im Islam ist der Mensch ständig Versuchungen ausgesetzt. Sünde bedeutet Ungehorsam gegen Gott, seinen Auftrag oder sein Gesetz und wird als „absichtliche Übertretung der göttlichen Norm“ in Gedanken, Worten und Taten beschrieben. Der Koran erzählt die erste Sünde von Adam und Eva als Folge der Irreleitung durch Satan, lehnt aber die Vorstellung ab, dass diese Sünde auf die Nachkommen vererbt wurde. Ein Mensch wird rein geboren und bleibt rein, bis er sich aus eigenem Willen gegen Gott versündigt. Deshalb kennt der Islam keine Erbsünde und konsequenterweise keine Erlösungstheologie im christlichen Sinn.
Der Artikel unterscheidet im Islam drei Gruppen: leichte Verfehlungen, schwere moralische Sünden und die Todsünde Unglaube. Unglaube kann als Nichtanerkennung Gottes (kufr), Vielgötterei (schirk) oder Abfall vom Glauben (irtidad) auftreten. Die Theologie ist uneins über die Anzahl der schweren Sünden. Al-Ghazālī (1059–1111) bewertete die Schwere von Sünden danach, ob sie Gott, Menschen oder lebensnotwendige Mittel betreffen. Sünden gegen Gott und die Offenbarung galten ihm als die schwersten, danach kamen Delikte gegen Mitmenschen und dann Eigentumsdelikte.
Der Koran betont vielfach Gottes Barmherzigkeit und Vergebungsbereitschaft. Als unverzeihlich gelten jedoch Formen des Unglaubens wie Polytheismus, Götzendienst, Apostasie, vorgeheuchelter Glaube und ein Leben in Unglauben bis zum Tod. Andere Sünden können grundsätzlich vergeben werden, wenn wahrhaftiger Glaube, Reue, Buße und Orientierung am Leben Mohammeds gegeben sind. Kleinere Vergehen können Muslime durch gewissenhafte Erfüllung religiöser Pflichten tilgen.
Der Ausdruck „Jugendsünde“ bezeichnet im deutschen Sprachraum meist keine religiöse Sünde, sondern eine unüberlegte Handlung oder Torheit aus der Jugend. Oft ist der Begriff scherzhaft gemeint, etwa für frühe Werke oder Tätigkeiten, mit denen sich jemand später nicht mehr identifizieren möchte. Juristisch kann damit eine Verfehlung gemeint sein, die wegen Alter oder Entwicklungsstand als minder schwer eingeschätzt wird.