Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Zehn Gebote
Sie besitzen im Judentum und Christentum zentralen Rang für die theologische Ethik und haben die Kirchen- und Kulturgeschichte Europas und des außereuropäischen …
Inhalt6 Abschnitte
Kern und biblischer Ort
Die Zehn Gebote, auch Zehn Worte oder Dekalog genannt, sind eine Reihe von Geboten und Verboten des Gottes Israels, JHWH, in der Tora. Sie stehen in zwei leicht unterschiedlichen Fassungen im 2. Buch Mose (Exodus 20,2-17) und im 5. Buch Mose (Deuteronomium 5,6-21). Sie sind als direkte Rede Gottes an die Israeliten formuliert und fassen seinen Willen für das Verhalten gegenüber Gott und gegenüber Mitmenschen zusammen. Im Judentum und Christentum haben sie zentralen Rang für die theologische Ethik und prägten die Kirchen- und Kulturgeschichte Europas und des außereuropäischen Westens mit.
Der Dekalog beginnt mit der Selbstvorstellung JHWHs: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ Diese Einleitung begründet die folgenden Gebote mit der Befreiung Israels aus Ägypten. Danach folgen unter anderem das Verbot anderer Götter, das Bilderverbot, das Verbot des Missbrauchs des Gottesnamens, das Sabbatgebot, das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, sowie Verbote von Töten, Ehebruch, Diebstahl, falscher Aussage und Begehren.
Die beiden Fassungen unterscheiden sich in Details. Besonders wichtig ist das Sabbatgebot: In Exodus wird es mit der Schöpfung begründet, denn Gott habe in sechs Tagen Himmel, Erde und Meer gemacht und am siebten Tag geruht. In Deuteronomium wird es mit Israels Sklaverei in Ägypten und der Befreiung durch JHWH begründet; ausdrücklich sollen auch Sklaven und Sklavinnen ruhen. Auch beim Begehrensverbot unterscheiden sich Reihenfolge und Einzelheiten: Exodus nennt zuerst das Haus des Nächsten, dann Frau, Sklaven, Vieh und alles Weitere; Deuteronomium nennt zuerst die Frau und zusätzlich das Feld.
Erzählzusammenhang und Bedeutung
In der Tora gehören die Zehn Gebote zur Sinai-Erzählung. Nach der Befreiung aus Ägypten kommen die Israeliten zum Berg Sinai. JHWH beansprucht sie als sein erwähltes Bundesvolk, und sie versprechen, seine Gebote zu erfüllen. Gott erscheint in einer Theophanie, also einer Gotteserscheinung, und Mose vermittelt zwischen Gott und Volk. Der Text lässt offen, wie genau das Volk Gottes Rede wahrnahm: Es reagiert vor allem auf die überwältigende Erscheinung und bittet Mose, Gottes Worte zu vermitteln.
Eine wichtige Rolle spielen die steinernen Tafeln. In Exodus wird erzählt, dass Gott Mose Tafeln gibt, die mit dem „Finger Gottes“ beschrieben sind. Mose zerbricht sie im Zorn über Israels Abfall. Später fertigt er neue Tafeln an. In Exodus 34,28 heißt es: „Und er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die Zehn Worte.“ Im unmittelbaren literarischen Zusammenhang bezieht sich diese Zehnzahl dort nicht eindeutig auf Exodus 20, sondern auf eine andere Gebotsreihe, die oft „Kultischer Dekalog“ genannt wird.
Erst Deuteronomium stellt ausdrücklich heraus, dass die in Exodus 20 und Deuteronomium 5 überlieferte Dekalogrede mit den „Zehn Worten“ auf den zwei Tafeln identisch ist. Nach Deuteronomium schrieb Gott selbst diesen Wortlaut auf die Tafeln, und Mose legte sie in die Bundeslade. Dadurch erscheinen die Zehn Gebote als von Gott selbst offenbarte und aufgeschriebene Bundesurkunde. Aus diesem Zusammenhang ergeben sich zentrale Fragen der Auslegung: Wem gilt der Dekalog? Wie verhalten sich die beiden Fassungen zueinander? Welche Fassung ist älter? Und wie steht der Dekalog zur übrigen Tora?
Gottesbezug und Sozialgebote
Die Selbstvorstellung JHWHs ist mehr als eine Einleitung. Sie erinnert an die Befreiung aus Ägypten und begründet den Anspruch Gottes auf Israel. Das Verbot, andere Götter „neben“ JHWH zu haben, folgt daraus: Der Gott, der Israel befreit hat, beansprucht ausschließliche Verehrung. Diese Verbindung von Gottes Selbstoffenbarung, Befreiungserfahrung und exklusiver Bindung Israels gilt im Artikel als Besonderheit des Judentums unter den altorientalischen Religionen.
Das Bilderverbot konkretisiert das Fremdgötterverbot. Es verbietet Kultbilder und Gestalten von Dingen am Himmel, auf der Erde oder im Wasser unter der Erde. Nach dem Artikel unterscheidet es JHWHs Verehrung grundlegend von anderen Kulten, in denen Götter bildlich dargestellt und verehrt wurden. JHWH soll nicht im Bild repräsentiert, sondern im Sozialverhalten in allen Lebensbereichen verehrt werden. Das Verbot betrifft optische und gegenständliche Abbilder, nicht sprachliche Bilder; der Tanach verwendet viele Metaphern und Vergleiche für Gott.
Die späteren knappen Verbote, etwa „Du sollst nicht töten“, „Du sollst nicht stehlen“ oder „Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen“, heißen apodiktische Rechtssätze. Apodiktisch bedeutet: unbedingt, kategorisch und ohne Einzelfallbegründung. Sie schließen bestimmtes Verhalten grundsätzlich aus. Anders als kasuistische „Wenn-dann“-Rechtsregeln gelten sie allgemein und zeitübergreifend. Im Hebräischen können sie zugleich als Zuspruch verstanden werden: „Du wirst nicht …“, also als Vertrauen darauf, dass das angesprochene Volk entsprechend handeln wird.
Einige Forscher deuteten die Sinaiperikope, also Exodus 20-24, als Bundesurkunde. William Sanford LaSor verglich sie mit altorientalischen Verträgen zwischen Großkönig und Vasall: Präambel, Erinnerung an frühere Wohltaten, Grundforderung der Treue, Einzelbestimmungen, Aufbewahrung des Textes und wiederholte öffentliche Verlesung. Segenszusagen und Fluchandrohungen stehen in der Tora nicht direkt beim Dekalog, sondern etwa in Levitikus 26 und Deuteronomium 28. Nach dieser Deutung ist der Dekalog nicht zuerst ein allgemeiner Moralkodex, sondern regelt das Bundesverhältnis zwischen JHWH und Israel.
Entstehung und Zählungen
Der Artikel beschreibt die Zehn Gebote als Ergebnis eines jahrhundertelangen Entstehungsprozesses. Sie waren anfangs eine von mehreren Gebotsreihen, die JHWHs Willen zusammenfassten. Genannt werden unter anderem Exodus 34,17-26, Levitikus 19,1f. und 11-18, Deuteronomium 27,15-26 sowie Ezechiel 18,5-9. Auch die beiden Dekalogfassungen enthalten je zwölf Einzelforderungen, wurden aber innerhalb der Tora als „Zehnwort“ bezeichnet und entsprechend eingeteilt.
Die älteste bekannte Bibelhandschrift zum Dekalog, der Papyrus Nash um 100 v. Chr., bezeugt einen Mischtext aus Exodus 20 und Deuteronomium 5. Daraus folgt, dass der Wortlaut damals noch nicht endgültig feststand. Eine Vorform des Dekalogs mit dem ersten Gebot und weiteren Geboten wird spätestens ins 8. Jahrhundert v. Chr. datiert. Einzelne Sozialgebote werden im Artikel auf nomadische Verhältnisse der Zeit von 1500 bis 1000 v. Chr. bezogen. Die endgültige Stellung der Zehn Gebote vor größeren Gesetzessammlungen wird der Abschlussredaktion der fünf Bücher Mose zugeschrieben.
Da Exodus 20,2-17 selbst weder Gebotszahl noch Tafeln nennt, entstanden verschiedene Zählungen. Die doppelt überlieferte Rede enthält elf Verbots- und zwei Gebotssätze, doch die biblische Zehnernorm sollte gewahrt bleiben. Juden zählen die Selbstvorstellung JHWHs als erstes Gebot und Fremdgötter- und Bilderverbot gemeinsam als zweites. Orthodoxe, Reformierte, Anglikaner und viele Freikirchen trennen Fremdgötter- und Bilderverbot. Katholiken und Lutheraner zählen Selbstvorstellung, Fremdgötter- und Bilderverbot gemeinsam als erstes Gebot und teilen dafür das Begehrensverbot in zwei Gebote auf.
Häufig wird der Dekalog in zwei Bereiche gegliedert: eine „Kulttafel“ mit Geboten zum Verhalten gegenüber Gott und eine „Sozialtafel“ mit Geboten zum Verhalten unter Menschen. Die genaue Nummerierung ist wichtig, weil zum Beispiel ein „Verstoß gegen das vierte Gebot“ je nach jüdischer, reformierter, lutherischer oder katholischer Zählung Unterschiedliches meinen kann.
Auslegung in Judentum und Christentum
Im Judentum hatte der Dekalog lange eine besondere liturgische und theologische Bedeutung. Bis 70 wurde er täglich im Jerusalemer Tempel verlesen. Philon von Alexandria verstand ihn um 40 n. Chr. als einzige direkte Offenbarung Gottes und als Grundprinzip aller Gesetze. Das Rabbinat lehnte um 100 jedoch einen Vorrang des Dekalogs und seine tägliche Lesung ab, möglicherweise als Reaktion auf Gruppen, die nur den Dekalog als verbindlich ansahen. Trotzdem blieb er Teil des jüdischen Morgengebets. Rabbinische Auslegung betonte besonders die ersten Gebote, in denen Gott direkt in Ich-Form spricht. Spätere jüdische Ausleger erklärten Unterschiede zwischen Exodus 20 und Deuteronomium 5 verschieden: teils als gleichzeitige göttliche Verkündigung, teils als Erläuterungen Moses.
Im Neuen Testament werden die Zehn Gebote als bekannt und gültig vorausgesetzt, aber nicht als geschlossene Liste wiederholt. Jesus von Nazaret zitiert einzelne Gebote und legt sie im Licht des Doppelgebots der Gottes- und Nächstenliebe aus. In der Bergpredigt werden etwa Tötungsverbot, Ehebruchsverbot und das Verbot falscher Aussage verschärft: Schon Hass, ein begehrlicher Blick oder problematisches Schwören gelten als Verletzung des Willens Gottes. Zugleich ordnet Jesus das Sabbatgebot der Lebensrettung und Heilung unter. Beim reichen Fragenden verweist er auf die Gebote, fordert aber zusätzlich die Aufgabe des Besitzes zugunsten der Armen.
Paulus von Tarsus sieht in Jesus Christus denjenigen, der Gottes Willen ganz erfüllt. Für ihn erfüllt die Nächstenliebe die Gebote der Tora und gibt ihnen einen neuen Stellenwert. Kult- und Opfergebote verlieren bei ihm ihre Bedeutung für das Heil, während die Sozialgebote weiterhin wichtig bleiben. Auch andere neutestamentliche Schriften greifen einzelne Gebote auf, etwa das Elterngebot in Epheser 6,2 oder die Warnung im Jakobusbrief, dass der Bruch eines Einzelgebots Gottes ganzen Willen verletzt.
In der Alten Kirche deuteten Theologen wie Irenäus, Justin und Tertullian den Dekalog als mit natürlichen ethischen Grundsätzen vereinbar. Augustinus verstand ihn als Entfaltung der Gottes- und Nächstenliebe. In der römisch-katholischen Kirche wurde der Dekalog nach dem Konzil von Trient (1545-1563) Grundlage der Morallehre und Gewissenserforschung. In evangelischen Kirchen prägten besonders Luthers Katechismen die kurze Lehrform der Gebote; Reformierte und Adventisten betonen stärker das eigenständige Bilderverbot.
Moderne Wirkung und Rezeption
In der Neuzeit wurden die Zehn Gebote oft als überzeitliches Kulturerbe und als Grundlage einer vernunftbezogenen Ethik verstanden. Außerhalb der Kirchen gelten sie in Europa häufig als „ethisches Minimum“, wobei meist die Sozialgebote im Vordergrund stehen und weniger die kultischen Gebote mit ihrem besonderen Gottesbezug. Gleichzeitig kennt nach dem Artikel nur noch eine Minderheit der westeuropäischen Bevölkerung ihren Wortlaut, während sie Christen in den USA und in Diasporasituationen oft vertrauter sind.
Während des Nationalsozialismus dienten die Zehn Gebote teilweise als Grundlage kirchlichen Widerspruchs. Die deutschen katholischen Bischöfe veröffentlichten am 12. September 1943 einen Hirtenbrief „über die Zehn Gebote als Lebensgesetz der Völker“. Darin protestierten sie gegen Massenmorde und erklärten Tötung an schuld- und wehrlosen Menschen, an Kranken, unheilbar Siechen, Neugeborenen, Geiseln, entwaffneten Gefangenen und Menschen fremder Rassen und Abstammung als in sich schlecht.
In der Rechtsgeschichte ist der direkte Einfluss des Dekalogs nur begrenzt erforscht. Er wurde als eine Art Verfassungsentwurf einer Gemeinschaft verstanden, die sich durch Befreiungserfahrung konstituiert und Gott verpflichtet weiß. Konkrete historische Beispiele sind die spätantike Collatio legum Mosaicarum et Romanorum um 390 und Gesetze Alfreds des Großen, der etwa 849-899 lebte. Das Sabbatgebot wirkte rechts- und sozialgeschichtlich in der allgemeinen gesetzlichen Sonntagsruhe nach. In den USA ist bis heute umstritten, ob und wie die Zehn Gebote im öffentlichen Raum gezeigt werden dürfen.
Auch Kunst, Literatur, Musik und Film griffen den Dekalog häufig auf. Seit dem 6. Jahrhundert wurde die Übergabe der Gesetzestafeln an Mose ein Standardmotiv christlicher Kunst, etwa im Katharinenkloster auf dem Sinai. Künstler wie Lucas Cranach der Ältere, Rembrandt und Marc Chagall stellten Übergabe oder Zerschlagung der Tafeln dar. In Literatur und Populärkultur erscheinen die Zehn Gebote unter anderem bei Thomas Mann, Harry Mulisch und Ephraim Kishon. Filmisch wurden sie etwa in Cecil B. DeMilles Monumentalfilmen von 1923 und 1956 sowie in Krzysztof Kieślowskis zehnteiligem Filmzyklus „Dekalog“ verarbeitet.