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Ruhrgebiet

Strukturwandel · Verringerung und Ende der Kohleförderung · Gründung von Universitäten und Technologiezentren · Fahrzeugbau und Elektronikindustrie · Staatliche …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundlagen und Raum
  2. 2. Landschaft, Städte und Bevölkerung
  3. 3. Kohle, Geologie und Industrialisierung
  4. 4. Strukturwandel und Wirtschaft
  5. 5. Bildung, Kultur, Sport und Verkehr

Grundlagen und Raum

Das Ruhrgebiet, umgangssprachlich auch Ruhrpott genannt, ist mit rund 5,1 Millionen Einwohnern und 4.438,72 km² Fläche der größte Ballungsraum Deutschlands und der fünftgrößte der Europäischen Union. Die Bevölkerungsdichte beträgt 1151 Einwohner je km². Namensgebend ist die Ruhr, die am südlichen Rand der Region verläuft. Zusammen mit dicht besiedelten Nachbarräumen an der Rheinschiene bildet das Ruhrgebiet die Metropolregion Rhein-Ruhr mit etwa zehn Millionen Menschen auf über 7.100 km².

Das Gebiet gehört zu Nordrhein-Westfalen und umfasst nach der üblichen Abgrenzung des Regionalverbands Ruhr elf kreisfreie Städte und vier Kreise: Bochum, Bottrop, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm, Herne, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen sowie den Ennepe-Ruhr-Kreis, den Kreis Recklinghausen, den Kreis Unna und den Kreis Wesel. Ein eigener Regierungsbezirk besteht nicht; die Region verteilt sich auf die Regierungsbezirke Arnsberg, Düsseldorf und Münster.

Die Region ist polyzentrisch: Sie hat nicht eine einzige Kernstadt, sondern mehrere Oberzentren wie Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund und Hagen. Viele Städte sind durch Industrialisierung und Bergbau im 19. und 20. Jahrhundert stark gewachsen und heute baulich eng miteinander verbunden. In der Kernzone sind Stadtgrenzen oft kaum sichtbar, während Randbereiche auch Vorortbebauung, unbebaute Flächen und Landwirtschaft aufweisen.

Landschaft, Städte und Bevölkerung

Naturräumlich liegt das Ruhrgebiet im Schnittpunkt der Westfälischen Tieflandebene, der Niederrheinischen Ebene und des Rheinischen Schiefergebirges. Nördlich schließen Westmünsterland und Kernmünsterland an, südlich das Bergische und Märkische Hügelland. Die West-Ost-Ausdehnung von Sonsbeck bis Hamm beträgt 116 km, die Nord-Süd-Ausdehnung von Haltern am See bis Breckerfeld 67 km. Der Regionalverband Ruhr bestimmte 2012 den geografischen Mittelpunkt in Herne-Röhlinghausen an der Rolandstraße 49.

Trotz der industriellen Prägung ist die Fläche nicht nur bebaut: 37,6 % sind bebaut, 40,7 % werden landwirtschaftlich genutzt, 17,6 % sind Wald. Regionale Grünzüge wurden seit 1923 planerisch gesichert, um ein völliges Zusammenwachsen der Städte und Zersiedelung zu verhindern. Durch Rekultivierung ehemaliger Industrieflächen entstanden Parklandschaften und Naherholungsgebiete wie der Landschaftspark Hoheward. Die seit 2022 komplett renaturierte Emscher ist Teil des Emscher Landschaftsparks, der Grünzüge in Ost-West-Richtung verbindet.

Die Bevölkerung ist multikulturell. In Kernstädten ist der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund hoch, etwa Duisburg mit 46,5 %, Dortmund mit 42,9 %, Essen mit 38,3 % (2022), Gelsenkirchen mit 34,0 % (2021) und Mülheim an der Ruhr mit 35,9 %. 2022 hatte in den Kernstädten etwa die Hälfte der Schüler einen Migrationshintergrund. Die Bevölkerungsentwicklung schwankte zuletzt leicht: 2018 wurden 5.111.530 Einwohner angegeben, 2021 5.094.817, 2022 5.147.820, im Zensus 2022 für Mai 2022 5.093.784 und 2023 5.126.153.

Kohle, Geologie und Industrialisierung

Geologisch wird das Ruhrgebiet oft durch kohleführende Schichten des Oberkarbon definiert. Die Kohlenflöze treten entlang der Ruhr nahe an die Oberfläche und senken sich nach Norden ab. In Höhe der Lippe liegen sie 600 bis 800 m tief; bei Marl am Nordrand etwa 1500 m. Die Mächtigkeit der Schichten beträgt durchschnittlich 1 bis 3 m. Von mehreren hundert kohleführenden Schichten waren und sind nur etwa 70 bis 80 Flöze abbauwürdig.

Die Steinkohlelagerstätten entstanden vor 400 bis 300 Millionen Jahren während Devon und Karbon im Zusammenhang mit der variszischen Gebirgsbildung und der Entstehung des Superkontinents Pangaea. In einem feucht-warmen Klima bildeten sich große Moore. Wenn Pflanzenmaterial von Sedimenten überdeckt wurde, setzte Inkohlung ein: Aus pflanzlichem Material entstand unter Druck und Luftabschluss Kohle.

Ende des 18. Jahrhunderts war das heutige Ruhrgebiet noch stark ländlich geprägt. Anfang des 19. Jahrhunderts hatten Duisburg und Dortmund jeweils nur etwa 5.000 Einwohner; Gelsenkirchen und Herne nur einige hundert. Frühe Eisenhütten wie die St.-Antony-Hütte in Oberhausen-Osterfeld (1758), die Gutehoffnungshütte in Oberhausen-Sterkrade (1782) und die Hütte Neu-Essen in Oberhausen-Lirich (Produktion ab 1791) wurden zu Kernen der Industrialisierung.

Der Bergbau begann unter anderem im Muttental bei Witten. 1755 gab es fast 200 Zechen, 1850 fast 300. Der Kohlebergbau wanderte von Süden nach Norden: von der Ruhr zur Emscher und schließlich zur Lippe. Laut Roland Günter existierten in etwa 200 Jahren Bergbau rund 3.200 Zechen im Ruhrrevier. Kohle wurde in Kokereien zu Koks verarbeitet, der für Hochöfen in der Eisen- und Stahlindustrie wichtig war. Eisenbahnen und Kanäle wie Dortmund-Ems-Kanal, Wesel-Datteln-Kanal und Rhein-Herne-Kanal erschlossen die Region als Kohle- und Stahllieferant.

Der Bergbau verursachte auch dauerhafte Folgen. Durch Bergsenkungen liegt an manchen Stellen der Boden niedriger als umliegende Gewässer. Pumpwerke müssen Grund- und Grubenwasser kontrollieren; sonst könnten Überflutungen drohen und verschmutztes Grubenwasser Trinkwasserschichten gefährden. Die sogenannten Ewigkeitslasten kosten etwa 300 Millionen Euro jährlich und werden seit dem Ende des aktiven Steinkohlenbergbaus 2018 von der RAG-Stiftung getragen.

Strukturwandel und Wirtschaft

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das Ruhrgebiet bis etwa 1970 starkes Wachstum im Wirtschaftswunder. 1957/58 begann jedoch die Kohlekrise, später folgte die Stahlkrise. Seitdem befindet sich die Region in einem langen Strukturwandel: Montanindustrie bedeutet hier vor allem Kohle-, Eisen- und Stahlindustrie. Sie verlor stark an Bedeutung, auch wenn Unternehmen wie RAG Aktiengesellschaft und ThyssenKrupp weiterhin im Ruhrgebiet sitzen.

Zwischen 1980 und 2002 ging etwa die Hälfte der eine Million Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe verloren, während etwa 300.000 Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor entstanden. Von 1996 bis 2012 sank der Anteil der Erwerbstätigen im produzierenden Gewerbe von 31,0 % auf 21,4 %, während der Dienstleistungssektor von 68,5 % auf 78,3 % stieg. 2012 arbeiteten rund drei Viertel der Beschäftigten im Dienstleistungssektor. Das letzte aktive Steinkohlebergwerk Deutschlands, Prosper-Haniel in Bottrop, stellte am 21. Dezember 2018 die Förderung ein.

Staatliche Maßnahmen sollten den Wandel begleiten. Die Internationale Bauausstellung Emscher Park arbeitete von 1989 bis 1999 im Ruhrgebiet, investierte etwa zweieinhalb Milliarden Euro und entwickelte neue Nutzungen für stillgelegte Bergwerke, Kokereien und Stahlwerke. Beispiele sind der Landschaftspark Duisburg-Nord, der Gasometer Oberhausen als Ausstellungshalle, der Nordsternpark in Gelsenkirchen, der Bottroper Tetraeder, der Duisburger Innenhafen, die Jahrhunderthalle in Bochum und der Phoenix-See in Dortmund.

Neue wirtschaftliche Schwerpunkte liegen unter anderem in Dienstleistungen, Logistik, Energie, Handel, Informations- und Kommunikationstechnik sowie Forschung. Dortmund wurde 2016 innerhalb der Digital Hub Initiative als Digital Hub im Bereich Logistik ausgezeichnet. Wichtige Unternehmen und Einrichtungen sitzen in der Region, darunter Energie- und Wasserversorger wie Amprion, RWE und E.ON Ruhrgas, Versicherungen wie Signal-Iduna und Continentale Krankenversicherung sowie Handelsunternehmen wie Aldi, Douglas, Arcandor und Tengelmann. Zugleich bleibt der Arbeitsmarkt schwierig: Die Arbeitslosenquote des Ruhrgebiets lag bei etwa 10,5 % und gehörte zu den höchsten unter westdeutschen Großräumen; im Februar 2017 lagen einzelne Städte wie Gelsenkirchen mit 14,2 % und Duisburg mit 13,3 % besonders hoch.

Bildung, Kultur, Sport und Verkehr

Der Strukturwandel wurde auch durch Hochschulen und Forschung gestützt. Im Ruhrgebiet gibt es sechs Universitäten, eine Kunsthochschule und fünfzehn weitere Hochschulen mit etwa 256.000 Studierenden im Wintersemester 2013/14 und 600 Studiengängen. Eine Universität bestand schon von 1655 bis 1818 in Duisburg. Moderne Gründungen waren die Ruhr-Universität Bochum 1962, die Universität Dortmund 1968, Gesamthochschulen in Essen und Duisburg 1972, die 2003 zur Universität Duisburg-Essen fusionierten, sowie die Fernuniversität in Hagen 1974. Vier Max-Planck-Institute und vier Fraunhofer-Institute befinden sich in der Region; Technologieparks verbinden Hochschulen und Wirtschaft.

Kulturell nutzt das Ruhrgebiet seine Industriegeschichte stark. Die Route der Industriekultur verbindet wichtige industriegeschichtliche Orte. Zu den Museen zählen das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum, das Museum der Deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg, die DASA in Dortmund und mehrere Kunstmuseen wie das Museum Folkwang in Essen. Zeche und Kokerei Zollverein in Essen wurden 2001 UNESCO-Welterbe. 2010 war das Ruhrgebiet unter RUHR.2010 Kulturhauptstadt Europas, vertreten durch Essen.

Sportlich ist Fußball besonders wichtig. Borussia Dortmund und der FC Schalke 04 sind die größten Vereine; ihr Spiel gilt als Revierderby. Auch MSV Duisburg und VfL Bochum gehören zu den bekannten Profivereinen. Viele Vereine entstanden aus Werksmannschaften von Hütten und Zechen. Daneben gibt es Traditionsveranstaltungen in Leichtathletik und Radsport, etwa den Marathon um den Baldeneysee seit 1963 und den Rhein-Ruhr-Marathon in Duisburg seit 1981.

Das Ruhrgebiet ist ein wichtiger Verkehrsraum. 2002 waren etwa 3,1 Millionen Kraftfahrzeuge zugelassen; das überörtliche Straßennetz umfasst 4.700 km. Hauptachsen sind Autobahnen wie A 2, A 42, A 40 und A 448 in Ost-West-Richtung sowie A 1, A 3, A 43, A 45, A 57 und A 59. Im öffentlichen Verkehr spielen S-Bahn, Regional-Express-Linien, Stadtbahnen, Straßenbahnen und Busse eine große Rolle. Für den Güterverkehr ist das Ruhrgebiet der größte Eisenbahnkomplex Europas. In der Binnenschifffahrt sind Rhein, Rhein-Herne-Kanal, Wesel-Datteln-Kanal, Datteln-Hamm-Kanal und Dortmund-Ems-Kanal wichtig; der Duisburger Hafen gilt mit etwa 96 Millionen Tonnen jährlichem Gesamtumschlag als Verkehrsdrehscheibe der deutschen Binnenschifffahrt.

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