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Blaue Banane
Die Blaue Banane ist eine dicht bevölkerte Zone mit rund 110 Millionen Einwohnern, ein europäischer Großraum zwischen der Irischen See und dem Mittelmeer, …
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Kernidee und Bedeutung
Die Blaue Banane ist ein dicht bevölkerter europäischer Großraum mit rund 110 Millionen Einwohnern zwischen der Irischen See und dem Mittelmeer. Ihre Urbanisierung bildet eine Kette von Ballungsräumen; einen solchen zusammenhängenden Verdichtungsraum nennt man auch Megalopolis oder Megaregion.
Der Raum ist besonders zentral und dynamisch, weil sich dort Bevölkerung, Wirtschaft, Wissen und Kultur, Kapital, Medien, Verkehr und Infrastruktur stark konzentrieren und global vernetzt sind. Fast alle zentralen Einrichtungen der Europäischen Union und 20 Global and World Cities (GaWC) liegen in diesem Raum. Zu diesen Städten gehören London, Mailand, Frankfurt am Main, Amsterdam, Brüssel, Zürich, München, Düsseldorf, Luxemburg, Manchester, Birmingham, Genf, Stuttgart, Köln, Bristol, Antwerpen, Leeds, Rotterdam, Turin und Southampton. London mit der City of London gilt dabei als einer der größten Finanzplätze der Welt.
Die hohe Dichte schafft große Märkte und logistische Vorteile. Kurze Wege senken Transportkosten und Fahrzeiten; dadurch können Marktteilnehmer leichter zusammenarbeiten. Viele qualifizierte Arbeitskräfte, innovative und kreative Milieus, Messestandorte sowie Ferninfrastrukturen machen den Raum für international tätige Unternehmen attraktiv. Beispiele für solche Gateways, also wichtige Zugangspunkte des Fernverkehrs, sind die Seehäfen Rotterdam und Antwerpen, der Binnenhafen Duisburg-Ruhrort, die Schweizerischen Rheinhäfen in Basel sowie internationale Flughäfen in London, Amsterdam, Brüssel, Düsseldorf, Frankfurt, München, Zürich und Mailand.
Die Vorteile der räumlichen Nähe und Konzentration heißen Fühlungs- und Agglomerationsvorteile. Sie erklären auch, warum wichtige Institutionen dort angesiedelt sind, etwa der Internationale Gerichtshof in Den Haag, der Europarat in Straßburg, die Hauptsitze von EU und NATO in Brüssel, die UN-Klimarahmenkonvention in Bonn, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel und verschiedene UN-Organisationen in Genf.
Lage und räumlicher Verlauf
Die Blaue Banane beginnt im Norden bei den alten Industriezentren um Liverpool, Manchester und Birmingham. Sie verläuft über Großbritannien und den Großraum London und krümmt sich auf dem europäischen Festland. Sie umfasst Flandern, den nördlichen Raum Belgiens, den Süden der Niederlande, die Randstad, die Städteregion Aachen, das Ruhrgebiet, Düsseldorf und die Region Köln/Bonn.
Von der Metropolregion Rhein-Ruhr folgt sie dem Rhein und schließt Frankfurt am Main und das Rhein-Main-Gebiet ein. Über die Metropolregion Rhein-Neckar reicht sie zur Metropolregion Stuttgart, berührt im Bogen Nürnberg und München und führt über die Trinationale Metropolregion Oberrhein in die Schweiz. Dort gehören Basel, Zürich, Bern, Lausanne und Genf dazu. Ihr südliches Ende liegt in Norditalien mit Turin, Mailand, Verona, Bologna und Genua.
Der Rhein ist die zentrale Entwicklungsachse, weil er historisch ein wichtiger europäischer Verkehrs- und Handelsweg war. Die Blaue Banane ist etwa 1300 km in Nord-Süd-Richtung und etwa 900 km in West-Ost-Richtung ausgedehnt. Sie durchquert neun Länder. Mit Ausnahme der Schweiz, des Fürstentums Liechtenstein und Großbritanniens gehören diese Länder zur EU und bilden dort deren Kern.
Das Modell kann durch die Goldene Banane ergänzt werden. Diese bezieht den ebenfalls verdichteten Raum an der Mittelmeerküste von Nizza, Marseille, Montpellier und Barcelona bis Valencia ein.
Entstehung des Modells
Der französische Geograph Roger Brunet entwickelte 1989 zusammen mit seiner Gruppe RECLUS das Konzept. Er wollte Europa in Aktivräume und Passivräume unterteilen: Aktivräume sind wirtschaftlich und räumlich besonders bedeutende Gebiete, Passivräume stehen demgegenüber weniger im Zentrum der Entwicklung. Die Blaue Banane bezeichnete bei Brunet einen europäischen Industrie- und Dienstleistungsgroßraum vom nördlichen England entlang des Rheins bis nach Oberitalien.
Brunet betrachtete das Muster nicht als völlig neue Entdeckung. Er erklärte es durch langfristige geschichtliche Entwicklungen, darunter bedeutende Handelswege und die Ansammlung industriellen Kapitals. Der Verdichtungsraum ist daher nicht geplant worden, sondern durch Besiedlung sowie geschichtliche und marktwirtschaftliche Prozesse entstanden.
Brunet ließ den französischen Raum bewusst weitgehend aus, um der französischen Regierung den Bedarf einer wirtschaftlichen Integration in den gesamteuropäischen Raum vor Augen zu führen. Als Gründe für Frankreichs geringere Einbindung nannte er unter anderem die Verfolgung von Minderheiten, insbesondere der Protestanten in den Hugenottenkriegen, sowie die Zentralisierung auf Paris. Elsass-Lothringen könne trotz seiner Lage in Frankreich als Teil der Blauen Banane gelten, da es historisch Teil des deutschsprachigen Raums sei.
Die Bezeichnung „blau“ wurde nach der Erstveröffentlichung bei einer Pressekonferenz geprägt und durch einen Zeitungsartikel verbreitet. Als Erklärungen werden einerseits die überwiegend blaue Europaflagge mit gelben Sternen und andererseits die Arbeitskleidung industrieller Beschäftigter genannt: Der englische Ausdruck blue collar worker bezeichnet vor allem Fabrikarbeiter im „Blaumann“.
Vom Korridor zum Blauen Stern
Lage und Form der Blauen Banane hängen mit der Teilung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Verkehrsbeziehungen und Wirtschaftsströme stärkten damals die historische Nord-Süd-Achse Europas. Davon profitierte besonders der gut ausgebaute Korridor entlang des Rheins. Bereits seit der Industrialisierung vorhandene Zentren an Schelde und Rhein sowie an Rhein und Ruhr, Rhein und Main oder Rhein und Neckar verstärkten sich weiter; Ost-West-Verbindungen entwickelten sich dagegen zunächst schwächer oder verkümmerten.
Heute bildet die klassische Blaue Banane weiterhin den Kern und die Hauptachse der europäischen Verdichtung. Ökonomisch beschreibt sie die Entwicklung jedoch nicht mehr vollständig. Durch wachsende Personen- und Güterströme nach der Öffnung und dem Zusammenwachsen Europas entstanden Ausläufer, etwa über Paris bis Südspanien. Besonders in Ost-West-Richtung wuchs der Raum so stark, dass sich ein Blauer Stern abzeichnet. Dessen Zentrum sind die Metropolregion Rhein-Ruhr sowie die Agglomerationen der Niederlande und Belgiens. Entwicklungsachsen wie Hamburg–Kopenhagen, Berlin–Warschau und München–Wien (–Bratislava–Budapest) entsprechen den dort stark gewachsenen Güter- und Personenströmen. Ein weiterer Korridor verläuft von Paris über Toulouse bis Madrid. Diese Ausläufer sind wirtschaftlich stärker entwickelt als ihr Umland, erreichen aber nicht die Bevölkerungsdichte und räumliche Größe der Blauen Banane.
Die Goldene Banane beziehungsweise der europäische Sun Belt beschreibt das Verdichtungsband zwischen Valencia und Norditalien an der Mittelmeerküste. Der Name Sun Belt verweist auf einen gleichnamigen US-Wirtschaftsraum, der ebenfalls mit sonnigem Klima und neuen Industrien verbunden wird. Alle Modelle betonen: Räume außerhalb solcher Korridore oder ohne Anschluss daran haben im Wettbewerb der Wirtschaftsräume tendenziell schlechtere Chancen.
Die Konzentration kann Europa in „Gewinnerregionen“ und periphere „Verliererregionen“ teilen. Qualifizierte Arbeitskräfte, darunter viele Immigranten, ziehen in prosperierende, urbanisierte und multikulturelle Verdichtungsräume. Randgebiete können dadurch Abwanderung, Arbeitslosigkeit, sinkende Steuereinnahmen und soziale Probleme erleben. Hochgeschwindigkeitsverkehr wie ICE-Systeme ist vor allem in dicht besiedelten und wohlhabenden Gebieten rentabel, was periphere Räume weiter benachteiligen kann. Auch innerhalb der Blauen Banane gibt es jedoch belastete Städte wie Duisburg und Gelsenkirchen sowie Liverpool und Sheffield. Dort sind der Niedergang alter Industrien und eine geringe Vielfalt der Wirtschaftsstrukturen die Hauptgründe; die zentrale Lage kann den notwendigen Strukturwandel begünstigen.
Verdichtung erzeugt außerdem Agglomerationsnachteile: Verkehrschaos, Überbevölkerung, hohe Bodenpreise, Gentrifizierung, steigende Umweltbelastung und Suburbanisierung. Die Finanz- und Eurokrise verstärkten in besonders betroffenen peripheren Räumen der Eurozone die Talentabwanderung qualifizierter junger Menschen in die Zentren.
In italienischen Medien wurde unter Verweis auf EU-Daten von 2013 die Auffassung vertreten, zunehmende Deindustrialisierung habe Italien weitgehend aus der Blauen Banane herausfallen lassen; nur die Lombardei könne noch „mithalten“. Dem stehen neue Entwicklungslinien im Veneto, in Friaul-Julisch-Venetien und in Slowenien gegenüber, die an die maritime Seidenstraße anknüpfen. Über Piräus und Triest entstehen Verbindungen nach Zentraleuropa. Laut einer Studie der Universität Antwerpen dauert der Transport aus Shanghai nach München über Triest 33 statt 43 Tage über die Nordroute; von Hong Kong verkürzt sich die Zeit von 37 auf 28 Tage.