Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Arbeitslosenstatistik

Die Arbeitslosenstatistik ist eine Wirtschaftsstatistik, die das quantitative Ausmaß der Arbeitslosigkeit anhand der Anzahl der Arbeitslosen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Was ist die Arbeitslosenstatistik?
  2. 2. Arbeitslosenquote und registrierte Arbeitslosigkeit
  3. 3. Erwerbslosenquote, Saisonbereinigung und Spezialformen
  4. 4. Unterbeschäftigung und Kritik an den offiziellen Zahlen
  5. 5. Betroffenheit und Arten der Arbeitslosigkeit
  6. 6. Zahlen im internationalen Vergleich: Deutschland, Österreich, Schweiz, EU

Was ist die Arbeitslosenstatistik?

Die Arbeitslosenstatistik ist eine Wirtschaftsstatistik, die das Ausmaß der Arbeitslosigkeit erfasst. Sie misst einerseits die Anzahl der Arbeitslosen (Arbeitslosenstand) und andererseits die Arbeitslosenquote. Zusammen mit der Erwerbsquote gilt sie als einer der sozial bedeutendsten wirtschaftlichen Indikatoren. In Deutschland und allen EU-Mitgliedstaaten wird die Arbeitslosigkeit einheitlich nach Vorgaben von Eurostat ermittelt, wobei die nationalen Zählweisen dennoch stark abweichen können.

Arbeitslosenquote und registrierte Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote (genauer: auf Basis aller zivilen Erwerbspersonen) gibt den Anteil der registrierten Arbeitslosen an allen zivilen Erwerbspersonen an. Die Formel lautet: Arbeitslosenquote = Anzahl der registrierten Arbeitslosen ÷ (Anzahl der zivilen Erwerbstätigen + Anzahl der registrierten Arbeitslosen). Der Nenner wird manchmal als Erwerbspersonen- oder Arbeitskräftepotential bezeichnet. Die Quote ist ein Indikator für die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungslage. Es existiert daneben eine zweite Quote, deren Nenner nur die abhängigen zivilen Erwerbspersonen enthält (sozialversicherungspflichtig Beschäftigte einschließlich Auszubildender, geringfügig Beschäftigte, Personen in Arbeitsgelegenheiten in der Mehraufwandvariante, Beamte ohne Soldaten und Grenzpendler); sie liegt höher. In den Medien wird üblicherweise die erste Quote genannt. - Die registrierte Arbeitslosigkeit wird von der Bundesagentur für Arbeit berechnet; die Zählkriterien bestimmt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Als arbeitslos gilt, wer weniger als 15 Stunden pro Woche arbeitet, aber mehr als 15 Stunden arbeiten will, jünger als das Rentenalter ist, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht und bereit ist, jede zumutbare Arbeit anzunehmen. Nach § 16 Absatz 2 SGB III zählen nicht als arbeitslos: Teilnehmer an Maßnahmen der Bundesagentur (z. B. Trainingsmaßnahmen, Arbeitsgelegenheiten) und arbeitsunfähig Erkrankte. - Viele registrierte Arbeitslose suchen gar nicht aktiv Arbeit: Die Meldung ist Voraussetzung für Arbeitslosengeld, daher melden sich auch Personen ohne aktive Arbeitssuche – etwa ältere Arbeitslose mit laufender Rentenbeantragung, Gesundheits eingeschränkte oder Personen, deren andere Leistungen noch in Bearbeitung sind. Fehlende Bewerbnachweise können zur Sperrung des Arbeitslosengeldes führen; dann fallen die Fälle aus der Statistik.

Erwerbslosenquote, Saisonbereinigung und Spezialformen

Die Erwerbslosenquote wird vom Statistischen Bundesamt nach den international vergleichbaren Kriterien der ILO ermittelt und monatlich als „ILO-Arbeitsmarktstatistik“ veröffentlicht. Erwerbslos im ILO-Sinne ist jede Person zwischen 15 und 74 Jahren, die weniger als eine Stunde pro Woche erwerbstätig ist, sich in den vier Wochen vor der Befragung aktiv um eine Stelle bemüht hat und binnen zwei Wochen verfügbar ist. Die Zahl wird per Stichprobe hochgerechnet; die stille Reserve wird automatisch erfasst, geringfügig Beschäftigte und Arbeitslose, die sich nur zum Leistungsentzug gemeldet haben, fallen heraus. Die Erwerbslosenzahl liegt meist rund eine Million unter der Zahl der Bundesagentur für Arbeit (Januar 2005: 3,99 Millionen Erwerbslose gegenüber 5,04 Millionen Arbeitslose). - Weil die Arbeitslosenzahl besonders durch Entlassungen im Bau- und Gaststättengewerbe und in der Landwirtschaft saisonal stark schwankt, legt die Bundesagentur für Arbeit zusätzlich eine saisonbereinigte Arbeitslosenzahl vor; die Berechnung erfolgt durch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). - Als Langzeitarbeitslose gelten in Deutschland Arbeitslose, die ein Jahr oder länger arbeitslos sind (§ 18 SGB III). Eine IAQ-Studie von 2015 fand unter ALG-II-Empfängern viele Langzeitarbeitslose und Menschen mit mehrfachen Vermittlungshemmnissen. - Jugendarbeitslosigkeit bezieht sich meist auf junge Menschen ab Ende der Schulpflicht bis zum 24. Lebensjahr, die sich nicht mehr in Ausbildung befinden.

Unterbeschäftigung und Kritik an den offiziellen Zahlen

Die offizielle Zahl erfasst die Unterbeschäftigung nicht vollständig. Das IAB bezifferte 2008 die Differenz auf 1,2 Millionen Menschen bei rund 3,3 Millionen registrierten Arbeitslosen: etwa 700.000 in der Stillen Reserve in Maßnahmen und 500.000 in der Stillen Reserve im engeren Sinne. Im Juli 2012 zählte Deutschland laut Statistischem Bundesamt 7,4 Millionen Unterbeschäftigte einschließlich der offiziell Gemeldeten. - Stille Reserve in Maßnahmen („versteckte Arbeitslosigkeit“): erwerbsfähige Menschen ohne Anstellung, die statistisch nicht erscheinen, z. B. Teilnehmer an Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung, die 58er-Regelung oder Arbeitslose in Betreuung privater Arbeitsvermittler. - Verdeckte Arbeitslosigkeit: Beschäftigte, die volkswirtschaftlich eigentlich nicht benötigt werden; der Begriff wurde einst für die Ostblockstaaten mit ihrer offiziellen Vollbeschäftigung verwendet, heute u. a. für den Staatssektor mit „geparkten“ Kräften im Zentralen Personalüberhangmanagement. - Stille Reserve: Personen, die Arbeit annehmen würden, aber nicht als arbeitslos gemeldet sind, etwa ohne Leistungsanspruch oder entmutigt. - Kritik: Hans Jörg Duppré (Deutscher Landkreistag) nannte die positive Arbeitsmarktentwicklung 2010 ein Trugbild, da die Zahl der ALG-II-Empfänger auf rund 7,4 Millionen gestiegen war. Nicht gezählt werden ferner Teilnehmer an Weiterbildungen, Kranke, Ein-Euro-Jobber, über 58-Jährige und (seit Mai 2009) von privaten Arbeitsvermittlern Betreute. IAB und Statistisches Bundesamt schätzen die Stille Reserve auf etwa 1,1 bis 1,4 Millionen zusätzliche Arbeitslose. Auch Zeitarbeit senkt die Statistik: 2012 arbeiteten rund 1 Million Menschen in Zeitarbeit, doch nur etwa 7 % (statt einst angenommener 30 %) wurden übernommen. Da die Definition umstritten ist, wird zunehmend die Zahl der SGB-II-Leistungsempfänger betrachtet.

Betroffenheit und Arten der Arbeitslosigkeit

Um Arbeitslosigkeitsepisoden besser zu erfassen, definiert man die Betroffenheit: die Anzahl der Personen, die im Kalenderjahr (meist mindestens einen Tag) arbeitslos gemeldet waren. Sie liegt deutlich über dem Durchschnittsbestand, da Personen mehrfach gezählt werden. Beispiel Österreich 2010: Jahresmittel 105.700 Arbeitslose (ILO: 188.200; Quote 4,4 % nach ILO bzw. 250.800/6,9 % nach österreichischer Zählung), aber 853.700 Personen waren mindestens einen Tag betroffen; 528.700 fanden den Weg aus der Arbeitslosigkeit. Formel: Durchschnittsbestand = (Betroffenheit × durchschnittliche Episodendauer) ÷ 365 bzw. 366 = Volumen der Arbeitslosigkeit ÷ 365. Damit lässt sich unterscheiden, ob interimistische (friktionelle), saisonale oder Langzeitarbeitslosigkeit vorliegt. In Österreich 2010 betrug die mittlere Dauer 111 Tage; nur 159.600 Personen waren von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen. Mit steigendem Alter sinkt dort die Betroffenheit, aber die Dauer steigt (20–24 Jahre: ca. 140.000/70 Tage; 55–59 Jahre: 60.000/120 Tage). - Unterscheidung konjunkturell/strukturell: Korreliert man die Arbeitslosenquote mit Konjunkturindikatoren, lässt sich der Anteil bestimmen, der mit schwächelnder Konjunktur steigt (konjunkturell); der Rest ist strukturbedingt. Die Abgrenzung ist nicht einfach; dazwischen liegen regionale Defizite, auf Konjunkturschwankungen zu reagieren.

Zahlen im internationalen Vergleich: Deutschland, Österreich, Schweiz, EU

Nationale Arbeitslosenzahlen sind international nur bedingt vergleichbar, weil die Erhebungsmethoden abweichen. Ausnahme ist die ILO-Statistik, die nach dem Labour-Force-Konzept (LFC) stichprobenartig einheitlich erhebt; dieses zählt auch unbezahlt mithelfende Familienangehörige als Erwerbspersonen, weshalb agrarische Schwellen- und Entwicklungsländer niedrige Quoten zeigen. Es besteht keine direkte Korrelation zwischen ILO-Quote und Wohlstand oder Armut. Auch innerhalb eines Landes sind Zeiträume teils nicht vergleichbar: 2009 wurden in Deutschland extern betreute Arbeitslose nicht mehr mitgezählt. - Deutschland: Die Definition der Bundesagentur weicht erheblich von der Eurostat-/ILO-Definition ab, deutsche Zahlen sind daher kaum international vergleichbar. Seit Januar 2008 gelten erwerbsfähige Hilfebedürftige ab 58 Jahren (§ 53a SGB II), die zwölf Monate Leistungen bezogen haben, ohne Angebot sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung, nicht als arbeitslos – 2016 waren dies 162.600 Personen. Aktuelle Quoten (Oktober): 2025 Bund 6,2 % (West 5,9 %, Ost 7,7 %), 2024 Bund 6,0 %, 2023 5,7 %, 2022 5,3 %, 2021 5,2 %, 2020 6,0 %, 2019 4,8 %. Regionale Schwerpunkte: das Ruhrgebiet, ländlich-periphere Regionen Ostdeutschlands und strukturbetroffene Städte wie Bremerhaven und Pirmasens; sehr geringe Arbeitslosigkeit in ländlichen Regionen Bayerns und Baden-Württembergs. Die Arbeitslosenquote sank von 2013 (6,9 %) bis 2017 (5,7 %) kontinuierlich; niedrigere Werte gab es zuletzt Anfang der 1980er Jahre. Historisch: 1950 in Westdeutschland 1.868.504 Arbeitslose (11,0 %), 2005 bundesweit 4.860.234 (13,0 %), 2018 2.340.082 (5,2 %). Das Arbeitsvolumen pro Kopf fiel zwischen 1960 und 2010 um 30 Prozent. - Österreich: Nationale Methode – beim Arbeitsamt Vorgemerkte im Verhältnis zu unselbstständig Beschäftigten (Hauptverband der Sozialversicherungsträger). März 2024: 291.468 Arbeitslose, 6,2 %; 2016: 357.313 / 9,1 %. - Schweiz: Nur beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) Gemeldete werden vom SECO erfasst (2018: 107.315, 2,4 %); das BFS erfasst auch nicht gemeldete Arbeitssuchende, Unterbeschäftigte niemanden. Die NZZ schrieb 2018, es gebe doppelt so viele Arbeitslose wie registriert (fast 5 %); die eigentliche Arbeitsmangelquote liege laut Schätzung bei gut 13 Prozent. - Europäische Union: Saisonbereinigte EU-Quoten (Eurostat) zeigen z. B. Juli 2019: Tschechien 2,1 %, Deutschland 3,0 %, EU28 6,3 %, Spanien 13,9 %; Griechenland 19,3 % (2018). Zum Vergleich: Japan 2,4 % (2018), USA 3,9 % (2018).

Lernvideos zu Arbeitslosenstatistik

Weiterlesen

Arbeitslosigkeit Unter Arbeitslosigkeit versteht man in der Volkswirtschaftslehre das Fehlen von erwerbsorientierten Beschäftigungsmöglichkeiten für einen Teil der … Anzahl Der gleichbedeutende stochastische Begriff zu Anzahl ist absolute Häufigkeit. Die Bezeichnung absolute Häufigkeit lässt sich ebenso wie die Bezeichnung … Indikator (Wirtschaft) In der Wirtschaft mit ihren ... Gewinnschwelle für die Bestimmung desjenigen Auslastungsgrades, bei dem erstmals ein Unternehmen Gewinn erwirtschaftet. Bundeszentrale für politische Bildung Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ist eine Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums des Innern mit Sitz in Bonn. Volkswirtschaftliche Kennzahl Volkswirtschaftliche Kennzahlen sind Kennzahlen, die volkswirtschaftliche Makrodaten und Größen miteinander in Beziehung setzen und zur Beurteilung der … Bruchrechnung Die Regeln der Bruchrechnung beziehen sich auf die Grundrechenarten, also auf Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division, sowie auf die Kehrwertbildung. Arbeitsmarkt Der Arbeitsmarkt ist ein Markt, an dem die Nachfrage nach Arbeitskräften mit dem Angebot von Arbeitskräften zusammentrifft. In der Arbeitsmarktökonomik wird … Bundesagentur für Arbeit Die Bundesagentur für Arbeit ist mit etwa 113.000 (Stand 2023) Beschäftigten (davon arbeiten 42.900 in den gemeinsamen Einrichtungen – den Jobcentern – und … Bewerbung Lebenslauf. → Hauptartikel: Lebenslauf (Bewerbung). Der Lebenslauf enthält die biografischen Daten sowie die beruflichen Qualifikationen des Bewerbers. Neben … Konjunktur Unter dem Begriff Konjunktur versteht man die gesamtwirtschaftliche Lage, besonders in Hinsicht auf deren aktuellen positiven oder negativen Trend, … Schwellenland Als Schwellenland (auch: Zweite Welt) werden speziell in der Entwicklungspolitik und Entwicklungstheorie jene Staaten bezeichnet, die sich im Prozess der … Entwicklungsland Als Entwicklungsland wird ein Land bezeichnet, in dem die Mehrzahl der Bewohner hinsichtlich der wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen einen messbar …