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Zersiedelung
Unter Zersiedelung versteht man die Errichtung von Gebäuden außerhalb von „im Zusammenhang bebauten“ Ortsteilen oder das ungeregelte und unstrukturierte …
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Begriff und Messung
Zersiedelung bezeichnet die Errichtung von Gebäuden außerhalb zusammenhängend bebauter Ortsteile oder das ungeregelte und unstrukturierte Wachstum von Ortschaften in bisher unbebauten Raum. Sie ist einerseits ein Teil der Suburbanisierung: Damit ist hier die Ausbreitung dünn besiedelter, meist nur einer Funktion dienender und vom Individualverkehr abhängiger Gebiete am Stadtrand gemeint. Andererseits umfasst Zersiedelung auch ländliche Räume, etwa touristisch attraktive Regionen.
Der Begriff wird überwiegend für die negativen Auswirkungen dieser Entwicklung verwendet. Ähnlich wie „urban sprawl“ ist er jedoch unscharf definiert; seine genaue Abgrenzung und seine Übertragung in messbare Größen sind umstritten.
Im schweizerischen Nationalen Forschungsprogramm NFP 54 wurde eine messbare Definition entwickelt: Eine Landschaft ist umso stärker zersiedelt, je mehr Fläche bebaut ist, je weiter die Siedlungsflächen verstreut sind und je weniger sie für Wohn- oder Arbeitszwecke genutzt werden. Die drei Kriterien sind somit Größe, Streuung und Ausnützung der Siedlungsfläche. Mit ihnen lassen sich zeitliche Entwicklungen der Zersiedelung quantifizieren.
Entwicklung und Ursachen
Allen Formen der Zersiedelung gemeinsam ist ein zunehmender Flächenverbrauch, weil Siedlungen in die Landschaft hineinwachsen. Besonders das Umland großer Städte verliert dadurch seinen natürlich oder kulturell gewachsenen Charakter. In Deutschland ist die Ausbildung sogenannter Speckgürtel – wohlhabender und stark besiedelter Stadtumlandgebiete – seit Jahrzehnten zu beobachten. Nach dem 2008 veröffentlichten „Anthrome“-Modell der Geografen Erle C. Ellis und Navin Ramankutty lebt weltweit ungefähr die Hälfte der Menschen im zersiedelten Umland („Dense Settlements, Villages“) städtischer Ballungsräume.
Wichtige Ursachen sind hohe Boden- und Immobilienpreise in Städten, die kommunale Ausweisung von Bauflächen an Siedlungsrändern und die Verfestigung verstreuter Splittersiedlungen. Besonders junge Familien suchen deshalb ein eigenes Haus im Grünen, behalten aber ihren Arbeitsplatz in der Stadt. Auch wohlhabende Rentner ziehen in suburbane Gebiete. Das Auto ermöglicht die räumliche Trennung von Wohn- und Arbeitsort und erleichtert zugleich die Ansiedlung von Unternehmen außerhalb der Stadtgrenzen.
Als weitere fördernde Faktoren gelten die Entfernungspauschale, eine undifferenzierte Wohnungsbauförderung sowie Industrieparks und Großeinkaufszentren am Siedlungsrand. Letztere werden häufig mit neuen Arbeitsplätzen und zusätzlichen Gemeindeeinnahmen begründet. Das von Benjamin Davy beschriebene „Baulandparadoxon“ besagt, dass vollständig auf neue Bauflächen verzichtet werden könnte, wenn die bereits in den Siedlungen vorhandenen Flächen effizienter genutzt würden.
In Dörfern wird Zersiedelung begünstigt, wenn Ackerflächen in Bauland umgewidmet werden, obwohl im Ortskern noch Bauland vorhanden ist. Eine offene Bauweise verbraucht mehr Landschaft als eine geschlossene Bauweise. Bauten landwirtschaftlicher Betriebe im Außenbereich werden dagegen als privilegierte Bauvorhaben akzeptiert.
Beim Neu- und Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg orientierten sich viele Städte an der Charta von Athen von 1933 und am Leitbild der autogerechten Stadt. Wohnen und Gewerbe wurden räumlich getrennt, außerdem entstanden suburbane Satelliten- oder Schlafstädte. Diese Stadtentwicklung wurde früh als schwerer Missstand erkannt, aber über Jahrzehnte und teilweise bis heute fortgeführt.
Verkehrliche und soziale Folgen
Zersiedelung erzeugt zusätzlichen Verkehr. Öffentliche Verkehrsmittel benötigen eine ausreichende Bevölkerungs- und Nutzungsdichte, um rentabel betrieben werden zu können. In dünn besiedelten Randgebieten ist das Angebot häufig gering; zugleich sinkt dort die Nachfrage. Die Bewohner sind daher meist auf Kraftfahrzeuge angewiesen. Maßnahmen wie Park-and-ride sollen negative Folgen begrenzen, können das Wohnen im Umland aber zugleich attraktiver machen und die Zersiedelung beschleunigen. Umstritten ist auch die Anpassung der Infrastruktur an eine bestehende Nachfrage, weil neue Straßen wiederum zusätzlichen Verkehr erzeugen können.
Gebiete mit niedriger Bevölkerungsdichte und Trabantenstädte können oft kein breites Dienstleistungsangebot tragen. Einrichtungen wie Bibliotheken, Schwimmbäder, höhere Schulen und Kindertagesstätten fehlen. Für viele Tätigkeiten müssen deshalb lange Wege zurückgelegt werden. Menschen, die diese Wege nicht bewältigen können, werden ausgegrenzt; dies betrifft besonders Minderjährige, Menschen mit Behinderungen, ältere und sozial schwache Personen.
Straßen dienen in Städten auch als öffentliche Begegnungsräume. In zersiedelten Gebieten werden sie dagegen häufig zu reinen Transportwegen und bilden zusätzliche Barrieren. Die starke Abhängigkeit vom Auto kann die Gesundheit belasten: Autofahrer gehen weniger zu Fuß oder fahren weniger Fahrrad, wodurch Bewegungsmangel häufiger wird. Außerdem erhöht jeder Autofahrer die Schadstoffkonzentration in der Atemluft vielfach stärker als die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel.
Wenn Kaufkraft von städtischen Hauptstraßen zu Einkaufszentren abwandert, können Innenstädte veröden und an Vielfalt verlieren. Ziehen wohlhabendere Einwohner aus sozial gemischten Stadtgebieten in den Speckgürtel, nimmt die Segregation – also die räumliche Trennung sozialer Gruppen – zu. Dies kann soziale Spannungen verstärken. Eine weitere mögliche Folge sind Vorstadtghettos, wie sie besonders in Frankreich beobachtet werden.
Sonderformen und neue Trends
Gated Communities oder geschlossene Wohnanlagen sind eine Sonderform sozialräumlicher Abgrenzung. Sie kommen besonders in den USA, in Großbritannien und in einigen Entwicklungsländern vor, in Ansätzen aber auch in weiteren europäischen Ländern. Solche Privatviertel entstehen häufig in landschaftlich attraktiven Gebieten. Ihre großen Grundstücke verursachen einen hohen Flächenverbrauch und verstärken die Trennung nach sozialen Schichten. In britischen Städten, besonders in London, gibt es sie auch in vernachlässigten und kriminalitätsbelasteten Stadtteilen nahe attraktiver Finanzviertel.
Seit den 1990er Jahren bewirken Telekommunikation und Internet einen widersprüchlichen Trend. Einerseits wird der ländliche Raum stärker in Kommunikationsnetze eingebunden, und zuvor städtische Arbeitsplätze werden in „Teledörfer“ oder ausgelagerte Bürostädte mit Callcentern verlagert. Dies wird als „Urbanisierung des Landes“ bezeichnet. Andererseits verlieren manche Stadtviertel wirtschaftliche Dynamik, Infrastruktur und urbane Qualität. Arbeitslosigkeit und niedrige Löhne fördern dort „Urban Agriculture“, also städtische Landwirtschaft, etwa Gemüseanbau auf ungenutzten Flächen, Kleinviehhaltung auf Balkonen oder Fischzucht auf Dächern. Diese Entwicklung heißt „Ruralisierung der Stadt“. In Havanna stammen 90 Prozent aller Frischprodukte aus innerstädtischen Gärten.
Daneben entstehen durch amtliche Entscheidungen formal städtische Quartiere ohne städtische Qualitäten, deren Einwohner teilweise zur Selbstversorgung gezwungen sind. Historische Beispiele sind die preußischen Industriedörfer Altenessen, Borbeck, Schalke und Sterkrade. Heutige chinesische Industriedörfer verbinden Wohnhochhäuser und Industrieanlagen und weisen extreme Bevölkerungszuwächse auf. Die Zahl ihrer als „Urban Villagers“ bezeichneten Bewohner wird in China auf 50 bis 100 Millionen geschätzt.
Raumordnung in Österreich und der Schweiz
In Österreich entscheiden die Gemeinden darüber, wo gebaut werden darf. Die ÖVP, die seit Ende der 1980er Jahre Regierungsverantwortung trägt, hält am bestehenden System der Raumordnung fest und verteidigt es auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene. Kritiker, darunter 2022 Sozialminister Johannes Rauch von den Grünen, wollen die Widmungskompetenz einer übergeordneten Instanz übertragen. Professionelle Raumplaner sollen demnach wie in Deutschland auf Kreisebene zuständig sein, nicht ehrenamtliche Politiker. Die österreichische Bundesebene hat bislang kaum Einfluss auf die Raumplanung; dies gilt sowohl für das Parlament als auch für die Regierung. Die Neos fordern deshalb klare Vorgaben für die Gemeinden.
In der Schweiz gibt es politische Vorstöße gegen die Zersiedelung. Genannt werden die Zweitwohnungsinitiative von 2012 und die Zersiedelungsinitiative von 2019.