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Ritual
Sie wird häufig von bestimmten Wortformeln und festgelegten Gesten begleitet und kann religiöser oder weltlicher Art sein (zum Beispiel Gottesdienst, Begrüßung, …
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Begriff und grundlegende Funktionen
Ein Ritual ist eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung mit hohem Symbolgehalt. Es wird häufig von bestimmten Wortformeln und festgelegten Gesten begleitet und kann religiös oder weltlich sein, etwa ein Gottesdienst, eine Begrüßung, Hochzeit, ein Begräbnis oder eine Aufnahmefeier. Die festgelegte Ordnung solcher Handlungen heißt Ritus.
Rituale sind geregelte, formelhafte Kommunikationsabläufe und kommen vor allem im menschlichen Zusammenleben vor: bei Begegnungen, in Familien, bei Herrschaft, Veranstaltungen, Festen und religiösen Kulten. Es gibt aber auch persönliche, autistische und zwanghafte Ritualisierungen. Rituale sind normalerweise kulturell geprägt. Sie machen die Bedeutung einer Handlung sichtbar oder verweisen symbolisch über den Alltag hinaus. Viele materielle Ritualhandlungen sind laut Carel van Schaik und Kai Michel abgewandelte Alltagstätigkeiten rund um Ernte, Ernährung, Tausch oder Feiern.
Der gemeinsame Vollzug kann Gruppen verbinden, Verständigung fördern sowie Halt und Orientierung geben. Wiederholung überführt hochaufgeladene oder krisenhafte Ereignisse in vertraute Abläufe und erleichtert damit Entscheidungen, Kommunikation und den Umgang mit komplexen Situationen. Rituale stabilisieren außerdem normative, also gesellschaftlich geltende, Ordnung. Christoph Türcke nennt sie Wiederholungsstrukturen beziehungsweise „geronnene, sedimentierte Wiederholung“. Ihre Bedeutung kann jedoch ambivalent sein oder falsch gedeutet werden.
Formen, Bestandteile und mögliche Wirkungen
Rituale ermöglichen eine symbolische Auseinandersetzung mit Grundfragen menschlicher Existenz: Beziehungen, Sicherheit und Ordnung, Sterblichkeit sowie Glauben an eine transzendente Wirklichkeit. Freundschafts-, Staats- und Begräbnisrituale oder Grabbeigaben sind Beispiele. In der Verehrung einer Gottheit, besonders in wiederholten Opferhandlungen, kann sich das Bedürfnis ausdrücken, eine als gefährdet empfundene Welt- und Lebensordnung wiederherzustellen.
Neben Symbolik haben Rituale zweckgerichtete, instrumentell-pragmatische Funktionen, etwa bei Herrschaft, Recht oder Befriedung. Vormoderne Gesellschaften erfüllten durch Rituale Aufgaben, die heute oft spezialisierte Institutionen übernehmen. Rituale strukturieren auch Zeit: Tagesrituale gliedern den Tag, zyklische Rituale folgen Wochen-, Monats- oder Jahreskalendern, und Schwellenrituale markieren Lebensübergänge wie Geburt, Mannbarkeit oder Hochzeit.
Sie können an Räume und Orte gebunden sein, von sakralen oder öffentlichen Orten bis zu Sitzordnungen. Kleidung, Insignien, Sprache, Bewegungen, Gestik und nonverbale Signale gehören oft dazu. Manche Rituale sind streng festgelegt, andere offen. Nur Eingeweihten zugängliche Rituale können Unwissende ausgrenzen oder beherrschen; dies betrifft besonders magische Riten, Kulte, Geheimlehren sowie schamanistische Beschwörungen. Werden Rituale durch gegenteilige Handlungen aufgehoben, heißt dies Inversion. Menschenopfer und Ritualmord sind Formen ritueller Tötung.
Religion, Heilung und Kritik
Religiöse Rituale stehen nach Geo Widengren eng mit dem Mythos in Verbindung und fördern den Zusammenhalt religiöser Gruppen. Eine Auswertung von Daten zu 83 US-amerikanischen Religionsgemeinschaften des 19. Jahrhunderts ergab: Gemeinschaften waren desto langlebiger, je stärker Rituale und feste Verhaltensregeln sie prägten. Für weltliche Gemeinschaften lasse sich ein solcher Zusammenhang angeblich nicht feststellen. In traditionellen Gesellschaften sollen religiöse Rituale verdeutlichen, dass Abweichungen von der überlieferten Lebensweise keine Überlebenssicherheit bieten.
Heilungsrituale gehören zu alternativmedizinischen Methoden. Dazu zählen in vielen Kulturen Besessenheitskulte, die einen nach Volksglauben von einem krankmachenden Geist befallenen Patienten heilen sollen. Auch die streng geregelte Herstellung und tägliche Einnahme homöopathischer Globuli wird als rituell bezeichnet; die behauptete selektive Steigerung erwünschter Wirkungen widerspricht laut Artikel naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Grundprinzip evidenzbasierter Medizin. Die Arzt-Patient-Interaktion besitzt mit ihren Erwartungen, Rollen, Abläufen, Kulissen und Symbolen ebenfalls ritualhafte Züge, deren Einfluss die Placebo-Forschung untersucht.
Rituale können als sinnentleert, überholt oder kontraproduktiv kritisiert werden. Frits Staal bestritt nach seinen Forschungen zu 3000 Jahre alten vedischen Ritualen deren kulturelle und soziale Bedeutung: Rituale bezögen sich nur auf sich selbst; entscheidend sei die korrekte Ausführung der Regeln, die Orthopraxie. Verbundenheit oder Zugehörigkeit wertete er lediglich als „useful side-effects“.
Forschung, Zwang und Psychotherapie
Ethnologie, Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Religionswissenschaft und Politikwissenschaft untersuchen Rituale; die Geschichtsforschung spricht von symbolischer Kommunikation. Beobachtbare Rituale sind in der Ethnologie oft ein Zugang zu Stammeskulturen. Soziologisch können Macht-, Unterwerfungs- und Kampfrituale Rangordnungen klären oder festigen und körperliche Auseinandersetzungen innerhalb einer Gruppe vermeiden. Übergangsriten regeln den Zugang zu höheren Rang- oder Ansehensstufen. Rituale wandeln sich jedoch und erscheinen etwa in Sport, Personenkult, Jugendkultur und Werbung in neuer Gestalt. Im Geschlechterverhältnis markieren Übergangsriten den Eintritt in die Welt der Frauen und Männer; für Mädchen gibt es, außer in matrilinearen Gesellschaften, signifikant weniger als für Jungen. Rituale sind kommunikative Handlungen, bei denen Beteiligte meist zugleich Sender und Empfänger sind; dies heißt Autokommunikation.
Zwangsrituale sind medizinisch relevante Zwangshandlungen bei Zwangsstörungen. Betroffene führen sie gegen ihren Willen aus, um Angst und Anspannung durch bedrohliche Zwangsgedanken oder -impulse kurzfristig zu verringern. Mehrere Handlungen müssen dabei oft exakt in gleicher Reihenfolge erfolgen; bei einem vermeintlichen Fehler beginnt das Ritual meist von vorn.
In der Psychotherapie können Rituale Bindung, Gemeinsamkeit, Harmonie, Kommunikation und Intimität in sozialen, partnerschaftlichen und familiären Beziehungen stärken. Sie helfen, fehlende Ordnung wiederherzustellen und Probleme symbolisch zu bearbeiten. Eine Versöhnungsgeste kann beispielsweise in der Familien- oder Paartherapie den Therapieerfolg und Bindungen unterstützen.
Rituale in Kita und Schule
In Kinderkrippe und Kindergarten vermitteln Rituale Sicherheit und Geborgenheit. Sie geben jungen Kindern das Gefühl, Teile des pädagogischen Alltags mitgestalten und kontrollieren zu können, und strukturieren den Tagesablauf. Ein Tischspruch oder Tischgebet vor dem Essen erleichtert es Kindern, auf den gemeinsamen Beginn zu warten. Rituale bei Kindergeburtstagen fördern die Teilnahmebereitschaft; ritualisiertes Zähneputzen und Händewaschen hilft, Hygienemaßnahmen nicht zu vergessen. Auch Vorlesen, Fingerspiele oder Singen im Stuhlkreis können das Geborgenheitsgefühl stärken. Je jünger die Kinder sind, desto wichtiger ist dieser äußere Rahmen, weil Vorschulkinder den Sinn von Regeln noch nicht begreifen und verinnerlichen können.
Auch die neuere Schulpädagogik, besonders die Grundschule, nutzt Rituale bewusst, um Unterricht zu strukturieren und lebendiger zu gestalten. Als Teil eines effektiven Klassenmanagements sollen sie Lehr- und Lernprozesse reibungsloser und angenehmer machen. Unterschieden werden Rituale zum Unterrichtsanfang, Ruherituale, fachbezogene, konflikthemmende und Feedbackrituale sowie Abschlussrituale. Zugleich schaffen sie kalkulierbare Verhaltenserwartungen, demonstrieren institutionelle Macht und können Interessen, Fantasien und motorische Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern formen oder unterdrücken.
Politik und Massenmedien
Politische Rituale sind seit langem bedeutsam. Auffällig waren besonders Inszenierungen der Weltanschauungsdiktaturen des 20. Jahrhunderts, etwa Moskauer Paraden zum 1. Mai, der „Römische Gruß“ italienischer Faschisten und „Fahnenweihen“ der Nazis am 9. November. Murray Edelman vertritt in Politik als Ritual die Auffassung, dass auch moderne Demokratien Rituale propagandistisch einsetzen. Sein Begriff des „mythisierenden“ Gebrauchs meint, dass notwendiges politisches Handeln durch ritualisierte Scheinmaßnahmen und Debatten ersetzt wird: Auftritte, Ankündigungen und Scheinhandlungen können den Eindruck von Problemlösung erzeugen und Wähler überzeugen, obwohl Probleme ungelöst bleiben. Die Abhängigkeit demokratischer Politik von Öffentlichkeitswirkung begünstige dies; das Ritual werde zum Selbstzweck der Politik.
Gregor Goethals betrachtet Fernsehen als Form der Ritualisierung. Jean Baudrillard zufolge inszeniert Fernsehen Wirklichkeit und etabliert ein Regime der „Simulation“: Nachrichten seien dann keine wahrhaftigen Abbilder von Ereignissen, sondern nach Publikumswirkung und Dramaturgie zusammengestellte Darstellungen. Medienwissenschaftler sehen zudem Auswirkungen auf den Alltag. Regelmäßige Sendungen wie die Tagesschau um 20 Uhr können Lebenszeiten synchronisieren, etwa wenn das Abendessen danach ausgerichtet wird.
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