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Ritus
Als religiöse Riten lassen sich alle in einer Religionsgemeinschaft üblichen oder geregelten Praktiken oder Rituale bezeichnen, die der religiösen …
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Begriff und Grundbedeutung
Ein Ritus (Plural: Riten) ist eine in den wesentlichen Grundzügen vorgegebene Ordnung für die Durchführung meist zeremonieller Handlungen. Besonders häufig bezieht sich der Begriff auf religiöse und liturgische Handlungen. Im weiteren Sinn bezeichnet Ritus auch feste Gewohnheiten und Rituale eines einzelnen Lebewesens oder einer sozialen Gruppe.
Ein Ritus legt damit vor allem fest, wie eine Handlung abläuft. Er kann gemeinschaftliche Bindungen stärken, religiöse Lebensführung ordnen, Rollen festlegen oder eine Handlung symbolisch und gesellschaftlich bedeutsam machen.
Lateinische Bedeutung
Das lateinische Wort ritus bedeutet zunächst „religiöse Vorschrift“ oder „Zeremonie“. Übertragen kann es auch „Brauch“, „Sitte“ oder „Gewohnheit“ im Allgemeinen bedeuten.
Die Ablativform ritu wird je nach Zusammenhang mit „wie“ oder „nach Art von xy“ übersetzt. Wörtlich bedeutet dies: „dem Ritus xy entsprechend“.
Verhaltens- und Sozialriten
In der Psychologie bezeichnet ein Ritus den stets in derselben Weise wiederkehrenden Ablauf eines gelernten Tuns. Der Ausdruck wird in diesem allgemeinen Sinn, der prinzipiell einem Ritual entspricht, besonders in der Medizin, der Sozialpsychologie und anderen Sozialwissenschaften verwendet. Als Hilfe gegen Schlaflosigkeit können Ärzte beispielsweise empfehlen, beim Zubettgehen immer dieselben Dinge in derselben Reihenfolge und auf dieselbe Art zu tun. Solche Verhaltensriten können jedoch auch als Zwangshandlungen oder Zwangsrituale im Zusammenhang mit Zwangsstörungen gegen den Willen der Betroffenen auftreten.
In Soziologie und Ethnologie sind soziale Riten übliche oder vorgeschriebene, meist formalisierte oder ritualisierte Verhaltensweisen innerhalb einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe. Die Kulturanthropologie unterscheidet bei Kollektivritualen besonders zwischen Solidaritätsriten und Übergangsriten. Beide tragen zur Entstehung und Erhaltung sozialer Bindungen bei.
Soziale Riten können Identität und Sinn stiften, den Gruppenzusammenhalt fördern und Rollen innerhalb einer Gruppe zuweisen. Übergangsriten, etwa Initiations- und Hochzeitsriten, markieren Veränderungen der sozialen Stellung. Reinigungsriten können vor einer Heirat oder nach einer Verfehlung stattfinden. Vergebungsriten dienen etwa der Wiederaufnahme eines Mitglieds in die Gemeinschaft oder der Versöhnung verfeindeter Gruppenmitglieder oder Klans. Kampfriten, beispielsweise ein Duell, ermöglichen eine geregelte und ritualisierte oder symbolische Austragung von Konflikten. Staatsriten wie die Krönung eines Herrschers, der feierliche Einzug des Parlamentspräsidenten, die Vereidigung der Bundeskanzlerin oder ein Fahnenzeremoniell dienen der Legitimation und Darstellung staatlicher Macht.
Viele soziale Riten besitzen zugleich spirituelle Bedeutung oder überschneiden sich mit religiösen Riten. Beim Totemismus verankern Riten die mit einem mythischen Gruppenabzeichen, dem Totem, verbundenen Vorschriften und Verbote sozial und stärken die Identifizierung des Einzelnen mit dem Gruppentotem.
Religiöse Riten
Religiöse Riten sind alle in einer Religionsgemeinschaft üblichen oder geregelten Praktiken und Rituale, die der religiösen Lebensführung oder dem Kult dienen. Dazu gehören Gottesdienste, liturgische und kultische Handlungen, die Feier religiöser Feste, Anbetungsgesten und Verehrungspraktiken, Gebete und Mantras, religiöse Tänze und Gesänge, Orakelbefragungen, Beschwörungen, magische Rituale, Heilungsrituale, rituelle Waschungen von Menschen oder Gegenständen, Beschneidung, Taufe, sakramentale Handlungen sowie Opfer-, Reinigungs-, Segnungs- und Weihehandlungen.
Religiöse Riten können gemeinschaftlich ausgeführt werden, etwa in der Familie, einer Dorfgemeinschaft oder einer Gottesdienstgemeinde, oder von Einzelnen allein. Häufig werden sie von besonders qualifizierten Vorstehern, Amtsträgern, Priestern, Schamanen, Heilern oder Kultdienern ausgeführt oder geleitet.
Nach Geo Widengren stehen religiöse Rituale in enger Verbindung zum Mythos. Er unterscheidet apotropäische und eliminatorische Riten, die böse Mächte abweisen oder beseitigen, von Geburts- und Initiationsriten. Letztere werden im weiteren Sinn den Kasualien zugerechnet.
Kirchliche Riten im Christentum
Im Christentum bezeichnet Ritus die historisch gewachsene, der Überlieferung entsprechende und in der Regel kirchlich normierte Ordnung liturgischer Vollzüge und Gottesdienste. Diese Ordnung kann für eine Kirche, eine Teilkirche oder eine Gruppe von Kirchen gelten.
Aus den Praktiken der Alten Kirche entwickelten sich im Lauf der Geschichte unterschiedliche Riten und Ritusvarianten. Sie beschreiben jeweils eine eigene Art der Glaubenspraxis. Weit verbreitet sind der römische Ritus in der lateinischen Kirche, der byzantinische Ritus in den orthodoxen und manchen katholischen Ostkirchen sowie verschiedene weitere ostkirchliche Riten.
Spezielle Bedeutungen
Bei einer Promotion bedeutet rite, dass die Prüfung in gewöhnlicher Form bestanden wurde und die Leistung keine besondere Hervorhebung verdient. Eine solche Hervorhebung kann beispielsweise durch die Zusätze cum laude oder magna cum laude ausgedrückt werden. Als rite vocati („ordentlich Berufene“) werden vor allem im protestantisch-kirchlichen Bereich Amtsträger bezeichnet, die nach den Regeln ihrer Gemeinschaft oder Organisation gültig, etwa durch Ordination, in ein Amt eingesetzt wurden und die damit verbundenen Amtshandlungen ausführen dürfen.
Im Konfuzianismus ist Ritus, geschrieben 禮 und Pinyin lǐ, ein Schlüsselbegriff der Ethik. Er bezeichnet ein formalisiertes, bestimmten Konventionen entsprechendes Verhalten. Dieses Verhalten kennzeichnet einen guten Menschen und gilt als Voraussetzung für eine gute Gesellschaftsordnung.
In der zoologischen Verhaltensforschung heißt eine angeborene Bewegungsabfolge von Tieren, die häufig kommunikative Funktionen erfüllt, Ritualisierung. Ein Beispiel ist ein Balzritual.