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Ricardo-Modell
Durch Arbeitsteilung und Handel können England und Portugal ihre gemeinsame Ausbringungsmenge um 200 Rollen Tuch und 125 Fässer Wein steigern. Der Handel …
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Kernidee und Bedeutung
Das Ricardo-Modell, auch Ricardianisches Modell oder Theorie der komparativen Kostenvorteile, ist ein vereinfachendes Modell zur Erklärung des Außenhandels zwischen zwei Ländern. Es geht auf David Ricardo zurück und erklärt Handel vor allem durch unterschiedliche Arbeitsproduktivitäten. Daraus entstehen unterschiedliche Opportunitätskosten, also Kosten des Verzichts auf ein Gut, wenn stattdessen ein anderes Gut produziert wird.
Die zentrale Aussage lautet: Handel zwischen zwei Ländern kann für beide vorteilhaft sein, wenn jedes Land diejenigen Güter exportiert, bei denen es einen komparativen Vorteil besitzt. Ein komparativer Vorteil liegt vor, wenn ein Land ein Gut im Vergleich zu einem anderen Gut mit geringeren Opportunitätskosten herstellen kann als ein anderes Land. Entscheidend sind also nicht absolute Kostenvorteile, sondern relative Vorteile.
Das Modell ist eine Weiterentwicklung der Theorie der absoluten Kostenvorteile von Adam Smith. Es zeigt, warum auch Länder mit sehr unterschiedlicher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit miteinander handeln können. Selbst wenn ein Land bei allen Gütern weniger produktiv ist, kann es durch Spezialisierung auf das Gut mit dem geringsten relativen Nachteil am Welthandel teilnehmen und Vorteile erzielen.
Volkswirtschaftlich bildet das Ricardo-Modell eine theoretische Grundlage für die Erklärung von Außenhandel und für die Vorteilhaftigkeit von Freihandel. Wenn Länder miteinander handeln, bestimmen relatives Angebot und relative Nachfrage den Weltmarktpreis. Dieser pendelt sich zwischen den jeweiligen Arbeitsproduktivitäten beziehungsweise Autarkiepreisen der Länder ein.
Annahmen des Modells
Das Ricardo-Modell beruht auf stark vereinfachenden Annahmen. Es betrachtet internationalen Freihandel ohne Zölle und ohne nichttarifäre Handelshemmnisse. Die Welt besteht im Grundmodell nur aus zwei Ländern, Inland und Ausland, und in jedem Land werden nur zwei Güter produziert, Gut X und Gut Y.
Als einziger Produktionsfaktor gilt menschliche Arbeit. Arbeit wird als homogen angenommen: Alle Menschen können alles gleich gut. Außerdem besteht vollkommene intersektorale Mobilität der Arbeitskräfte, das heißt Arbeitskräfte können zwischen den Branchen wechseln. Arbeitskraft und Kapital sind dagegen über Landesgrenzen hinweg nicht mobil; es herrscht internationale Immobilität der Produktionsfaktoren.
Die Produktionsfunktion verläuft linear, die Transformationskurve ist also ebenfalls linear. Bei konstantem Arbeitsangebot L herrscht Vollbeschäftigung, wobei das Arbeitsangebot in den Ländern unterschiedlich groß sein kann. Für beide Güter wird konstante Arbeitsproduktivität vorausgesetzt. Ihr Kehrwert ist der Arbeitskoeffizient, also der benötigte Arbeitseinsatz pro Mengeneinheit eines Gutes.
Auf allen Märkten herrscht vollständiger Wettbewerb, daher gilt Preis = Grenzkosten. Außerdem wird angenommen, dass der Lohnsatz in beiden Sektoren eines Landes identisch ist. Wegen dieser Annahmen ist das Ricardo-Modell nur ein grundlegender Anhaltspunkt zur Erklärung des Außenhandels und bildet die Wirklichkeit nicht vollständig ab.
Funktionsweise im Einfaktormodell
Im Einfaktormodell der Volkswirtschaft wird zunächst nur ein Land betrachtet, das zwei Güter mit Arbeit als einzigem Produktionsfaktor herstellt. Weil das Arbeitsangebot begrenzt ist, kann das Land nur bestimmte Gütermengen produzieren. Diese maximalen Produktionsmöglichkeiten werden durch die Transformationskurve dargestellt. Ihre Steigung entspricht den Opportunitätskosten, auch Grenzrate der Transformation genannt. Sie zeigt, auf wie viel von einem Gut verzichtet werden muss, um eine zusätzliche Einheit des anderen Gutes zu produzieren.
Der Arbeitskoeffizient beschreibt das Input-Output-Verhältnis, also wie viele Arbeitsstunden für eine Mengeneinheit eines Gutes nötig sind. Ohne Außenhandel, also in Autarkie, produziert das Inland beide Güter. Da der Lohnsatz konstant ist, entspricht im Zwei-Güter-Fall das Preisverhältnis der Güter dem Verhältnis der Arbeitskoeffizienten beziehungsweise den Opportunitätskosten. Mathematisch wird dies ausgedrückt als: P_x / P_y = a_LX / a_LY beziehungsweise P_X / P_Y = a_X / a_Y.
Im Einfaktormodell des Welthandels kommt ein zweites Land hinzu, das Ausland, in Formeln mit einem Sternchen () gekennzeichnet. Beide Länder produzieren dieselben zwei Güter, aber mit unterschiedlichen Arbeitskoeffizienten. Eine entscheidende Annahme lautet: a_LX / a_LY < a_LX / a_LY*. Anders formuliert: a_LX / a_LX* < a_LY / a_LY*. Das bedeutet, dass das Inland bei einem Gut einen relativen Vorteil hat, während das Ausland beim anderen Gut relativ produktiver ist.
Wenn beide Länder Handel treiben, exportiert ein Land Güter, deren relativer Preis im Ausland höher ist als im Inland. Durch Spezialisierung auf das Gut mit komparativem Vorteil entstehen Außenhandelsgewinne. Beide Länder können ihre Konsummöglichkeiten steigern, auch über die Grenzen hinaus, die ihre jeweilige Budgetgerade ohne Handel setzen würde.
Auf dem Weltmarkt bestimmen relatives Angebot (RS) und relative Nachfrage (RD) den Preis. Ihr Schnittpunkt heißt allgemeines Weltmarktgleichgewicht. Die Länder spezialisieren sich auf Gut X beziehungsweise Gut Y und importieren das jeweils andere Gut zum Weltmarktpreis, der günstiger ist als Eigenproduktion. Dadurch steigen Konsummöglichkeiten und Wohlstand.
Erweiterungen und Grenzen in der Wirklichkeit
Das Ricardo-Modell kann auf mehrere Güter erweitert werden. Am Prinzip ändert sich nichts: Jedes Land produziert die Güter, bei denen es einen komparativen Kostenvorteil hat. Auch hier lässt sich das Weltmarktgleichgewicht mit relativer Angebotsfunktion (RS) und relativer Nachfragefunktion (RD) darstellen.
In der Realität ist vollkommene Spezialisierung kaum erreichbar. Erstens gibt es mehrere Produktionsfaktoren, die sich gegenseitig beeinflussen. Zweitens schützen Staaten oft bestimmte Branchen vor ausländischer Konkurrenz, etwa durch Protektionismus. Drittens berücksichtigt Ricardo keine Transportkosten. Werden Transportkosten einbezogen, entstehen nicht handelbare Güter: Sie werden nicht gehandelt, weil Kostenvorteile zu gering sind oder Transportkosten zu hoch ausfallen.
Ein Beispiel ist Zement: Wenn das Gewicht im Verhältnis zum Wert sehr hoch ist, lohnt sich Handel oft nicht, auch wenn die Produktion im Ausland günstiger wäre. Manche Dienstleistungen sind gar nicht transportfähig und können daher nur regional genutzt werden.
Außerdem ist realer Welthandel meist multilateral. In der Wirklichkeit gibt es weit mehr als zwei Länder und zwei Waren: Im Artikel werden 150 Länder und Millionen verschiedener Waren und Dienstleistungen genannt. Ein Land kann etwas von einem anderen Land importieren, ohne direkt an dasselbe Land etwas exportieren zu müssen. Dadurch entstehen Handelskreisläufe. Multilaterale Handelsabkommen werden als wichtig beschrieben, um Ressourcen effizient zu nutzen.
Beispiel und empirische Bestätigung
Ricardo verdeutlicht seine Theorie am Beispiel von England und Portugal, die Tuch und Wein herstellen. Ohne Handel produziert jedes Land beide Güter. England benötigt für 1000 Rollen Tuch 100 Arbeiter und für 1000 Fässer Wein 120 Arbeiter. Portugal benötigt für 1000 Rollen Tuch 90 Arbeiter und für 1000 Fässer Wein 80 Arbeiter. Portugal hat damit bei beiden Gütern einen absoluten Vorteil, weil es jeweils weniger Arbeiter braucht.
Trotzdem lohnt Handel für beide. Portugal spezialisiert sich auf Wein, weil es dort relativ produktiver ist. Die 90 Arbeiter aus der Tuchproduktion können bei gleicher Produktivität 1125 Fässer Wein zusätzlich herstellen. Portugal produziert dann insgesamt 2125 Fässer Wein statt 1000 Rollen Tuch und 1000 Fässer Wein. England stellt die Weinproduktion ein und produziert nur noch Tuch. Die bisherigen 120 Weinarbeiter können zusätzlich 1200 Rollen Tuch herstellen. England produziert dann 2200 Rollen Tuch.
Durch Arbeitsteilung und Handel steigt die gemeinsame Ausbringungsmenge um 200 Rollen Tuch und 125 Fässer Wein. Der Austausch sichert die Versorgung mit dem jeweils nicht mehr selbst produzierten Gut und bildet die Grundlage für steigenden Wohlstand.
Empirisch wird der Kerngedanke dadurch gestützt, dass Länder vor allem Waren exportieren, bei denen ihre Produktivität relativ hoch ist. Daten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verglichen Produktivität und Handel von Großbritannien und den USA. Die USA waren in allen 26 untersuchten Branchen produktiver und hatten überall einen absoluten Vorteil. Trotzdem war das britische Exportvolumen nur geringfügig kleiner, und in zwölf Sektoren exportierte Großbritannien mehr als die USA. Das waren die Sektoren, in denen Großbritanniens Produktivitätsnachteil relativ gering war. Auch der starke Zuwachs des Welthandels nach dem Zweiten Weltkrieg wird im Artikel als empirischer Beleg für Wohlfahrtsgewinne durch Außenhandel genannt.
Kritik und typische Irrtümer
Das Ricardo-Modell hält einem Vergleich mit der Realität nur bedingt stand. Es betrachtet menschliche Arbeit als einzigen Produktionsfaktor und lässt Kapital sowie unterschiedliche Ressourcenausstattungen außer Acht. Außerdem nimmt es an, dass Produktionsfaktoren zwischen Sektoren frei beweglich sind und alle Arbeiter alle Güter herstellen können. Auch homogene Güter, Vollbeschäftigung und konstante Skalenerträge gelten in der Realität nur eingeschränkt.
Weitere Kritikpunkte sind die Vernachlässigung von Transaktionskosten, besonders Transportkosten, sowie die fehlende Betrachtung von Verteilungseffekten. Außenhandel kann die Einkommensverteilung innerhalb der beteiligten Länder stark beeinflussen. Ricardo betrachtet vor allem den Wohlstand eines Landes als Ganzes. Außerdem erklärt das Modell nur interindustriellen Handel und damit nicht alle Formen des Welthandels. Trotz dieser Schwächen gilt die Kernaussage als unbestritten: Im internationalen Handel spielen Produktivitätsunterschiede eine wichtige Rolle, und entscheidend ist eher der komparative als der absolute Vorteil.
Drei häufige Irrtümer betreffen Außenhandel. Das Wettbewerbs-Argument behauptet, Freihandel nütze nur, wenn das eigene Land dem ausländischen Wettbewerb standhalten kann. Das Ricardo-Modell widerspricht: Auch ein in allen Produktionen ineffizienteres Land kann durch komparative Vorteile erfolgreich am Handel teilnehmen.
Das Lohndumping-Argument besagt, internationaler Wettbewerb schade, wenn ein Vorteil auf niedrigen Löhnen beruht. Nach dem Modell entstehen Handelsgewinne jedoch durch Spezialisierung auf Güter mit komparativem Vorteil und durch Tausch, nicht einfach durch Lohnhöhe.
Das Ausbeutungs-Argument behauptet, Niedriglohnländer würden durch Länder mit höheren Löhnen ausgebeutet. Der Artikel betont dagegen, dass entscheidend ist, ob Handel zusätzlichen Mehrwert bringt. Ohne Außenhandel, also in Autarkie, würden relative Vorteile nicht genutzt, und die daraus entstehenden Handelsgewinne würden wegfallen.
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