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David Ricardo
Ricardos komparativer Kostenvorteil war die Grundlage des 1932 entwickelten Ricardo-Viner-Modells. Die Ricardosche Lehre von den komparativen …
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Bedeutung, Leben und Hauptwerk
David Ricardo (18. April 1772–11. September 1823) war ein britischer Wirtschaftswissenschaftler und ein führender Vertreter der klassischen Nationalökonomie. Im Mittelpunkt seiner Forschung stand die Frage, nach welchen Gesetzen sich das gesellschaftliche Einkommen auf Arbeitslohn, Profit und Grundrente verteilt.
Ricardo wurde in London als drittes von 17 Kindern einer sephardischen jüdischen Familie geboren. Mit 14 Jahren begann er bei seinem Vater als Börsenmakler zu arbeiten. Nach dem religiös begründeten Bruch mit seiner Familie eröffnete er mit geliehenem Geld ein eigenes Maklerbüro und gelangte zu großem Vermögen. Die Lektüre von Adam Smiths „The Wealth of Nations“ führte ihn ab 1799 zur intensiven Beschäftigung mit der Ökonomie. Ab 1814 widmete er sich ausschließlich seinen Studien. Zu seinen wichtigen Gesprächspartnern gehörten James Mill, Jeremy Bentham und Thomas Malthus.
Sein Hauptwerk „On the Principles of Political Economy and Taxation“ erschien 1817. Weitere wichtige Schriften waren der „Essay on the Influence of a low Price of Corn on the Profits of Stock“ von 1815 und „On the Protection to agriculture“ von 1822. Von 1819 an gehörte Ricardo für den irischen Wahlkreis Portarlington dem britischen Unterhaus an. Dort trat er für Freihandel und die Abschaffung der Getreidezölle ein. Er starb 1823 in Gatcombe Park an den Folgen einer Mittelohrentzündung.
Arbeitswertlehre und Methode
Ricardos Ausgangspunkt ist die Arbeitswertlehre: „Der Wert einer Ware […] hängt ab von der […] Menge an Arbeit, die zu ihrer Produktion notwendig ist, nicht aber von dem höheren oder geringeren Entgelt, das für diese Arbeit gezahlt wird.“ Er versuchte, auch Rente, Kapitalakkumulation sowie das Verhältnis von Lohn und Profit aus dieser Wertbestimmung abzuleiten. Arbeit galt ihm als wertschöpfende Kraft; Natur und andere Faktoren betrachtete er nicht als selbstständige Quellen des Warenwerts.
Seine Untersuchung richtete sich besonders auf die Verteilung zwischen gesellschaftlichen Klassen. Ricardo wollte erklären, wie sich Rente, Profit und Lohn entwickeln und gegenseitig beeinflussen. Karl Marx würdigte, dass Ricardo damit die Gegensätze zwischen Lohn und Profit sowie zwischen Profit und Grundrente offen behandelte.
Ricardo arbeitete deduktiv: Er ging von allgemeinen Annahmen aus, abstrahierte von vielen Einzelheiten und leitete daraus Folgerungen ab. Diese Methode wurde unterschiedlich beurteilt. John Kells Ingram warf ihm eine wirklichkeitsferne „Welt von Abstraktionen“ vor. Gerhard Bondi sah in der Abstraktion dagegen ein notwendiges Mittel, um Grundmerkmale der kapitalistischen Gesellschaft offenzulegen. Joseph A. Schumpeter bezeichnete als „Ricardian Vice“ Ricardos Neigung, von unrealistischen Annahmen auszugehen und veränderliche Größen wie Konstanten zu behandeln; Heinz D. Kurz hielt diese Kritik für eine Fehlinterpretation.
Als weitere Grenzen nennt der Artikel Ricardos ahistorische Betrachtung von Warenproduktion und Kapitalismus, seine Konzentration auf quantitative Mengenverhältnisse sowie die fehlende Unterscheidung zwischen abstrakter und konkreter Arbeit beziehungsweise zwischen Arbeit und Arbeitskraft.
Außenhandel und komparative Vorteile
Ricardos Theorie der komparativen Kostenvorteile ist ein Grundbestandteil der Außenhandelstheorie. Sie erklärt, warum Handel selbst dann allen beteiligten Volkswirtschaften nützen kann, wenn ein Land sämtliche Güter mit höheren absoluten Kosten produziert als ein anderes.
Entscheidend sind nicht allein absolute Kosten, sondern die Kostenverhältnisse innerhalb eines Landes. Ein Land soll sich auf die Güter spezialisieren, bei denen sein relativer Vorteil am größten beziehungsweise sein absoluter Nachteil am kleinsten ist. Andere Güter bezieht es im Austausch. Auch ein Land, das alle Güter günstiger als andere herstellen könnte, soll sich auf diejenigen konzentrieren, bei denen sein Kostenvorteil am größten ist, und Güter mit einem kleineren Vorteil importieren. So ermöglichen Spezialisierung und internationale Arbeitsteilung einen größeren Güterertrag.
Das Ricardo-Modell setzt die Unbeweglichkeit des Kapitals voraus; beispielsweise können Grund- und Bodenschätze eines Landes nicht von einem anderen Land erworben werden. Die Theorie geht über Adam Smiths Lehre der absoluten Produktionsvorteile hinaus und bildete eine Grundlage des 1932 entwickelten Ricardo-Viner-Modells.
Als Grenzen werden genannt, dass Ricardo Unterschiede nationaler Produktionsstrukturen vor allem auf natürliche Faktoren wie Klima, geografische Lage und Bodenschätze zurückführte. Außerdem bestimmt die Theorie weder die tatsächlich gehandelten Mengen noch die genauen Preise, sondern nur die Grenzen, innerhalb derer das Austauschverhältnis liegen muss. In ihrer damaligen praktischen Anwendung konnte sie laut Günter Fabiunke die Vorherrschaft Englands und die wirtschaftliche Abhängigkeit Portugals rechtfertigen.
Geld und Staatsfinanzierung
In der Geldtheorie vertrat Ricardo gemeinsam mit Robert Torrens die „Currency-Position“. Danach muss die Basisgeldmenge begrenzt werden: Eine Vergrößerung der Geldmenge verursacht steigende Preise, eine Verringerung sinkende Preise. Die Geldmenge ist demnach eine von außen bestimmte, also exogene Größe, die eine Zentralbank steuern kann.
Dem stand die „Banking-Position“ von John Fullarton und Thomas Tooke gegenüber. Nach ihr entstehen die Preise zuerst, während sich die Geldmenge als endogene Größe an den Bedarf der Wirtschaft anpasst. Steigende Preise und Geschäftsumsätze gehen daher einem vergrößerten Notenumlauf voraus. Der Artikel verbindet die Currency-Position mit späteren Monetaristen und die Banking-Position mit Keynesianern.
Der Gegensatz lässt sich mit der Quantitätsgleichung des Geldes ausdrücken: M · V = Q · P. Dabei ist M die Geldmenge, V ihre Umlaufgeschwindigkeit, Q das Handelsvolumen und P das Preisniveau. In der Currency-Interpretation ist M · V die Ursache und Q · P die Wirkung; in der Banking-Interpretation verläuft die Beziehung umgekehrt.
Nach dem Äquivalenztheorem unterscheiden sich Steuern und Staatskredite in ihren wirtschaftlichen Folgen grundsätzlich nicht: Beide schränken Investitions- und Konsummöglichkeiten im gleichen Maß ein. Nimmt der Staat für einen Krieg zwanzig Millionen als Kredit auf, werden diese zwanzig Millionen dem produktiven Kapital entzogen. Eine jährliche Steuer von einer Million zur Zahlung der Zinsen verteilt Einkommen lediglich von Steuerzahlern zu Staatsgläubigern um. Der Staat hätte die zwanzig Millionen auch sofort als Steuer erheben können. Klaus Müller weist jedoch darauf hin, dass die späteren Zinssteuern die gegenwärtigen Steuerzahler zugunsten der gegenwärtigen Staatsgläubiger belasten.
Grundrente, Mehrwert und sinkende Profitrate
Ricardos Grundrententheorie erklärt die Rente aus unterschiedlichen Produktionsbedingungen. Reichen die besten Böden zur Deckung der Nachfrage nicht aus, muss der Preis landwirtschaftlicher Erzeugnisse so hoch sein, dass er auch die Kosten des schlechtesten noch benötigten Grundstücks deckt. Produzenten mit besseren Böden, ergiebigeren Bergwerken, günstigeren Baustellen oder kürzeren Wegen zum Markt erzielen dadurch eine Differentialrente. Sie entspricht der Differenz zwischen den höchsten, im Preis anerkannten Aufwendungen und den niedrigeren individuellen Aufwendungen unter besseren Bedingungen.
Ricardo verstand die Rente als Teil des Mehrwerts und als Überschuss über den Durchschnittsprofit. Marx kritisierte, dass Ricardo nur die Differentialrente anerkannte und eine absolute Grundrente leugnete. Auch Ricardos Annahme, Differentialrente setze den Übergang zu immer schlechteren Böden voraus, wurde bestritten; sie sei ebenso mit zunehmender Produktivität vereinbar.
Mehrwert ist bei Ricardo der Überschuss des Produktwerts über den „Wert der Arbeit“. Seine Entstehung erklärte er jedoch nicht. Außerdem trennte er den Mehrwert nicht klar von seinen besonderen Formen Profit, Zins und Rente. Er setzte Mehrwert und Profit gleich, obwohl das nur zuträfe, wenn das gesamte vorgeschossene Kapital für Arbeitskräfte ausgegeben würde. Konstantes Kapital, also für Produktionsmittel eingesetztes Kapital, blieb dabei unberücksichtigt.
Ricardo erwartete einen langfristigen Fall der Profitrate, also des Verhältnisses von Profit zu eingesetztem Kapital. Bevölkerungswachstum und Kapitalakkumulation führten nach seiner Auffassung zur Nutzung schlechterer Böden. Dadurch stiegen Lebensmittelpreise und Grundrenten. Weil höhere Lebensmittelpreise höhere Löhne erzwangen, mussten Profit und Profitrate als verbleibende Bestandteile des Warenwerts sinken. Das sollte wiederum Akkumulation und wirtschaftliches Wachstum hemmen. Die englischen Getreidegesetze verstärkten diese Entwicklung, weil sie die Einfuhr billigen ausländischen Getreides verhinderten.
Wirkung und ungelöste Probleme
Nach Friedrich Engels scheiterte die Ricardosche Schule vor allem an zwei Problemen. Erstens konnte sie nicht erklären, warum der Arbeitslohn niedriger als der Wert des von derselben Arbeitsmenge erzeugten Produkts ist, obwohl das Wertgesetz gelten sollte. Ricardo sprach vom „Wert der Arbeit“. Marx unterschied dagegen zwischen Arbeit und Arbeitskraft: Verkauft werde nicht die wertschaffende Tätigkeit selbst, sondern die Arbeitskraft.
Zweitens folgt aus Ricardos Arbeitswertlehre, dass Kapitale mit unterschiedlich viel eingesetzter lebendiger Arbeit unterschiedlich viel Mehrwert beziehungsweise Profit erzeugen müssten. Tatsächlich erzielen gleich große Kapitale unabhängig von ihrer Zusammensetzung im Durchschnitt gleich hohe Profite. Schon Ricardo erkannte diesen Widerspruch, konnte ihn aber nicht lösen. Auch Marx’ Versuch, Werte in Produktionspreise und den gesellschaftlichen Mehrwert in Durchschnittsprofit umzuwandeln, ist stark umstritten geblieben.
Ricardos „Kornmodell“ gilt als frühes Beispiel einer Ein-Gut-Parabel. Obwohl er grundsätzlich das Saysche Theorem akzeptierte, räumte er in seinem letzten Kapitel über Maschinen ein, dass technischer Fortschritt Beschäftigung verringern kann. Später griffen neoricardianische Ökonomen wie Joan Robinson und Piero Sraffa seine Theorie auf und entwickelten sie als Alternative zur neoklassischen Theorie weiter.