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Komparativer Kostenvorteil
Der komparative Kostenvorteil (v. lat.: comparare = vergleichen) ist ein Modell des Außenhandels, das auf den englischen Ökonomen David Ricardo zurückgeht.
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Definition und Grundprinzip
Der komparative Kostenvorteil ist ein grundlegendes Modell des Außenhandels. Er liegt vor, wenn ein Land, eine Region, ein Unternehmen oder eine Person ein bestimmtes Gut mit geringeren Alternativkosten beziehungsweise Opportunitätskosten herstellen kann als die Konkurrenz. Opportunitätskosten bezeichnen den entgangenen Nutzen: Wer mehr von einem Gut produziert, muss dafür auf eine bestimmte Menge eines anderen Gutes verzichten.
Entscheidend sind nicht die absoluten Produktionskosten, sondern die relativen Kosten verschiedener Güter. Deshalb kann Handel selbst dann beiden Seiten nutzen, wenn eine Seite sämtliche Güter mit weniger Aufwand herstellen kann. Unterscheiden sich die Produktionskostenstrukturen, sollte sich jede Seite auf das Gut spezialisieren, bei dem ihre Opportunitätskosten niedriger sind. Durch Spezialisierung, Arbeitsteilung und anschließenden Tausch können die insgesamt verfügbaren Gütermengen und damit die Wohlfahrt beider Handelspartner steigen.
Die Theorie erweitert die von Adam Smith in „Wohlstand der Nationen“ (1776) dargestellte Theorie des absoluten Kostenvorteils. David Ricardo zeigte Anfang des 19. Jahrhunderts, dass nicht nur absolute Überlegenheit, sondern bereits ein Unterschied der relativen Kosten Handel vorteilhaft machen kann. Damit liefert das Modell eine zentrale theoretische Begründung für Freihandel.
Alltagsbeispiel zur Spezialisierung
Zwei Nachbarn müssen jeweils ihren Rasen mähen und ihre Hecke schneiden. Nachbar A benötigt für das Rasenmähen 6 Stunden und für das Heckenschneiden 8 Stunden, insgesamt also 14 Stunden. Nachbar B braucht nur 3 Stunden für den Rasen und 2 Stunden für die Hecke, insgesamt 5 Stunden. B besitzt bei beiden Tätigkeiten einen absoluten Vorteil.
Trotzdem unterscheiden sich ihre relativen Vorteile: A benötigt für das Heckenschneiden viermal so lange wie B, beim Rasenmähen aber nur doppelt so lange. Daher ist A im Rasenmähen vergleichsweise weniger unterlegen und besitzt dort den komparativen Vorteil. B hat seinen besonders großen relativen Vorteil beim Heckenschneiden.
Wenn A beide Rasenflächen mäht, arbeitet er 2 × 6 = 12 Stunden und spart gegenüber seinen bisherigen 14 Stunden 2 Stunden. Wenn B beide Hecken schneidet, arbeitet er 2 × 2 = 4 Stunden und spart gegenüber seinen bisherigen 5 Stunden 1 Stunde. Obwohl B jede einzelne Tätigkeit schneller erledigen kann, gewinnen beide durch Spezialisierung und Absprache Zeit.
Modelle des internationalen Handels
Das Ricardo-Modell heißt auch Ein-Faktor-Modell oder 2 × 2 × 1-Modell: Es betrachtet 2 Länder, 2 Güter und 1 Produktionsfaktor. Der einzige Produktionsfaktor ist menschliche Arbeitskraft, gemessen in Arbeitsstunden. Da jedes Land nur eine begrenzte Zahl von Arbeitsstunden besitzt, kann es mehr von einem Gut nur herstellen, wenn es auf eine bestimmte Menge des anderen Gutes verzichtet. Sind diese Opportunitätskosten in den Ländern unterschiedlich, spezialisiert sich jedes Land auf das Gut mit seinem komparativen Vorteil, exportiert dieses und importiert das andere. Das Modell lässt sich auf zahlreiche Güter erweitern: Exportiert werden vor allem Güter mit niedrigen, importiert werden Güter mit hohen Opportunitätskosten.
Das Heckscher-Ohlin-Modell ist ein 2 × 2 × 2-Modell mit 2 Ländern, 2 Gütern und 2 Produktionsfaktoren. Komparative Vorteile entstehen darin nicht nur durch Unterschiede der Arbeitsproduktivität, sondern auch durch eine unterschiedliche Ausstattung mit Ressourcen. So kann ein Land reich an Gold und ein anderes reich an Erdöl sein.
Das Leontief-Paradoxon untersucht ebenfalls die Gründe und die Richtung des internationalen Handels, widerspricht jedoch dem Heckscher-Ohlin-Theorem. Es beruhte als erste entsprechende Analyse auf einer von Leontief entwickelten Input-Output-Tabelle. Nach seiner Veröffentlichung 1947 führte der Widerspruch zu intensiven Debatten und Weiterentwicklungen der Faktorproportionentheorie.
Handel kann außerdem durch zunehmende Skalenerträge entstehen. Skalenerträge beschreiben, wie sich die Produktionsmenge verändert, wenn mehr Produktionsfaktoren eingesetzt werden. Bei zunehmenden Skalenerträgen führt eine Verdopplung des Faktoreinsatzes zu mehr als einer Verdopplung der Produktion. Größere Unternehmen haben dadurch meist Vorteile. Das Modell nimmt monopolistischen Wettbewerb und differenzierte, also voneinander unterscheidbare Produkte an. Länder können so durch Handel Größenvorteile, sogenannte „economies of scale“, nutzen.
Handelshemmnisse und Grenzen
Handelshemmnisse können verhindern, dass ein vorhandener komparativer Vorteil genutzt wird. Außerdem sind manche Güter und viele Dienstleistungen nicht international transportierbar oder handelbar, etwa Arzt- und Friseurbesuche. International austauschbare Produkte heißen handelbare Güter.
Tarifäre Handelshemmnisse sind vor allem Zölle. Schutz- und Antidumpingzölle verteuern importierte Güter, damit inländische Produkte relativ günstiger werden und die heimische Produktion vor preiswerter ausländischer Konkurrenz geschützt wird. In den letzten Jahren wurden viele Zölle durch nichttarifäre Handelshemmnisse ersetzt.
Nichttarifäre Handelshemmnisse umfassen unter anderem:
- mengenmäßige Einfuhrbeschränkungen und Importkontingente, die festlegen, welches Produkt höchstens in welcher Menge eingeführt werden darf;
- Anmeldungsformalitäten sowie technische Qualitäts-, Umwelt- und Produktnormen;
- Konformitäts- und Anerkennungsverfahren, durch die ein Produkt für den Importmarkt zertifiziert werden muss;
- Subventionen für die inländische Industrie;
- Selbstbeschränkungsabkommen beziehungsweise freiwillige Exportbeschränkungen, die Mengen, Werte oder Mindestpreise begrenzen;
- Wechselkursprotektionismus durch die Abwertung der eigenen Währung;
- Unterschiede in Kultur, Lebensumwelt und Recht.
Uneinheitliche technische Standards zwingen Hersteller, Importeure und Exporteure dazu, Anforderungen für einzelne Märkte zu ermitteln, Produkte anzupassen und Zertifizierungen zu erwerben. Ohne den notwendigen Nachweis darf ein Produkt im Importland meist nicht verkauft werden. Auch hohe Transportkosten können den Handel verhindern: Sie beseitigen den komparativen Vorteil nicht, können seinen Kostengewinn aber übersteigen, sodass die Herstellung im Inland billiger als der Import wird.
Historischer Hintergrund und politische Bewertung
Ricardo entwickelte seine Theorie vor dem Hintergrund des vom Merkantilismus geprägten Europas. Staaten versuchten, Importe durch Zölle niedrig und Exporte hoch zu halten. Demgegenüber begründete der auf Adam Smith aufbauende Wirtschaftsliberalismus Handel nicht als Nullsummenspiel, sondern als Möglichkeit gegenseitiger Vorteile. Nach der Aufhebung der Kontinentalblockade gegen Großbritannien durch den Wiener Kongress 1815 erhob die britische Regierung hohe Schutzzölle, besonders auf landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Weizen. Ricardo sah darin vor allem einen Vorteil für Großgrundbesitzer und eine Einschränkung der britischen Konsummöglichkeiten. In „On the Principles of Political Economy and Taxation“ von 1817, dessen dritte Auflage 1821 erweitert und überarbeitet erschien, erklärte er, warum Spezialisierung auch bei einer durchgehend höheren Produktivität eines Landes vorteilhaft sein kann. Robert Torrens und Heinrich von Storch erkannten kurz vor beziehungsweise gleichzeitig mit Ricardo ebenfalls die Bedeutung komparativer Kostenvorteile.
Die erwarteten Wohlfahrtsgewinne setzen Freihandel voraus. Internationale Regelungen der WTO (World Trade Organisation), TRIPS und GATS (General Agreement on Trade in Services) sollen bestimmte Handelshemmnisse abbauen. Subventionen wurden 1980 durch GATT-Vorschriften verboten, bestehen in der Praxis aber weiterhin.
Für Freihandel spricht aus politisch-ökonomischer Sicht seine Effizienz. Exportmöglichkeiten können die Innovationskraft von Unternehmen fördern und zusätzliche Gewinne durch Skaleneffekte ermöglichen. Die theoretische Begründung beruht auf einer Kosten-Nutzen-Analyse.
Gegen Freihandel wird angeführt, dass wirtschaftlich schwächere Länder benachteiligt werden können und einheimische Arbeitsplätze vor Billigwaren und ausländischen Niedriglöhnen geschützt werden sollen. Nach der Theorie des Optimalzolls kann ein wirtschaftlich großes Land durch einen Importzoll den Weltmarktpreis eines Gutes senken und seine Terms of Trade, also sein Austauschverhältnis im Außenhandel, verbessern. Bei einem kleinen Land, dessen Nachfrage den Weltmarkt nicht beeinflusst, bleibt der Weltmarktpreis dagegen unverändert.
Kritisch wird außerdem darauf hingewiesen, dass historische Handelsbeziehungen von Machtverhältnissen geprägt waren. Das klassische Beispiel des Tauschs englischen Baumwolltuchs gegen portugiesischen Wein stand in einem kolonialen Zusammenhang. Größere Märkte und vertiefte Arbeitsteilung verbilligten englische Industrieprodukte, konnten aber zugleich traditionelle Industrien in anderen Ländern verdrängen. Die Theorie erklärt somit mögliche Effizienzgewinne, erfasst jedoch politische Macht, Verteilungseffekte und die Entstehung von Unterentwicklung nicht vollständig.