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Resilienz (Soziologie)

Die evolutionäre Wirtschaftsgeographie untersucht die Resilienz von Wirtschaftsregionen, z. B. klassischer Industrieregionen, nach Krisen und …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und zentrale Definition
  2. 2. Theorien und Modelle
  3. 3. Aktuelle Forschungsfragen
  4. 4. Ambivalenz und Kritik
  5. 5. Städte, Regionen und Geschichte
  6. 6. Organisationen und fachübergreifende Ansätze

Grundidee und zentrale Definition

Resilienz bezeichnet in der neueren Soziologie die Fähigkeit von Gesellschaften, externe Störungen zu verkraften, ohne dass sich ihre wesentlichen Systemfunktionen ändern. Das Konzept dient außerdem als Heuristik, also als Denk- und Analysehilfe, um nichtlineare soziale und sozio-historische Prozesse zu untersuchen. Nichtlinear bedeutet, dass Entwicklungen nicht einfach gleichmäßig oder vorhersehbar verlaufen, sondern Brüche, Kipppunkte und unerwartete Folgen haben können.

Im gesellschaftlichen Diskurs wird Resilienz meist als Gegen- oder Ergänzungsbegriff zu Vulnerabilität verwendet. Vulnerabilität bedeutet Verwundbarkeit. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie widerstands- und regenerationsfähig Gesellschaften gegenüber komplexen, zunehmend unvorhersehbaren Risiken sind. Dazu gehören Naturkatastrophen, Umweltveränderungen, Terrorismus, Kriminalität, informationelle Manipulation oder das Scheitern staatlicher Interventionen. Resilienz meint dabei nicht nur, Risiken zu überstehen. Gesellschaften können auch aus Krisen lernen, sich an künftige Herausforderungen anpassen und sich dadurch verändern.

Der Begriff wird ähnlich wie in der Ökosystemforschung, den Ingenieurwissenschaften und der politischen Risikoforschung verwendet. Dadurch ist Resilienz ein Beispiel für die Wanderung von Leitideen über Fachgrenzen hinweg: Ein Konzept aus der Analyse komplexer Systeme wird auf Gesellschaften, Städte, Organisationen und historische Entwicklungen übertragen.

Theorien und Modelle

Der Begriff wurde 1967 von dem Anthropologen Roy A. Rappaport auf Stammesgesellschaften der Papua bezogen. Diese regulierten und stabilisierten nach seiner Deutung durch Rituale ihr Ökosystem und damit ihre Ernährungsgrundlage. In der funktionalistischen Ethnologie, Anthropologie und Soziologie galt Resilienz lange als Kraft, die gesellschaftliches und ökologisches Gleichgewicht bewahrt.

Neuere Ansätze sehen Störungen des Gleichgewichts nicht als Ausnahme, sondern als Normalfall. Gunderson und Holling vom Stockholm Resilience Centre definieren die Resilienz eines sozialökologischen oder sozialen Systems als die größtmögliche Störung, die ein System verkraften kann, ohne dass sich wesentliche Strukturen und Kontrollprozesse verändern. Diese Definition gehört zu ihrer Theorie adaptiver Zyklen. Danach entwickeln sich soziale Systeme typischerweise in vier Phasen: Wachstum, Konsolidierung und Konservierung, Störung mit möglichem Kollaps sowie Reorganisation.

In der Wachstumsphase werden Systemstrukturen aufgebaut und Kapital angesammelt. Kapital meint hier nicht nur Geld, sondern auch natürliche Ressourcen, soziale Netzwerke und Wissen. In der Konsolidierungsphase steigt die Effizienz: Redundanzen werden abgebaut, Arbeitsteilung und interne Kopplung nehmen zu. Das kann Leistungsfähigkeit erhöhen, aber auch Inflexibilität erzeugen. In der Kollapsphase können externe Störungen angesammeltes Kapital vernichten und Netzwerke zerstören. Dieser Prozess muss nicht plötzlich oder gewaltsam verlaufen. In der Reorganisation erholt sich das System, oft mit geringerer Komplexität, aber mehr Flexibilität und Kreativität.

Zur dritten Phase verwenden Gunderson und Holling den von Schumpeter entlehnten Begriff „creative destruction“. Er meint, dass durch Zusammenbruch Raum für Neues entsteht. Verbindungen bestehen außerdem zur Theorie langer Zyklen, zur Theorie komplexer Systeme, zu Modellen inkrementalen und transformativen Lernens sowie zu Charles Perrows Begriff der Entkopplung. Lose Kopplung, also die Lockerung enger Systemzusammenhänge, gilt auch in sozialen Systemen als Resilienzfaktor.

Ein weiteres Modell ist das 4-R-Modell von Charlie Edwards. Es beschreibt vier Faktoren gesellschaftlicher Resilienz gegenüber Naturkatastrophen oder terroristischen Anschlägen: Robustheit, also Belastungen standzuhalten; Redundanz, also alternative Möglichkeiten für lebenswichtige Aufgaben zu haben; Einfallsreichtum, also kreativ auf Schäden reagieren zu können; und Schnelligkeit, also rasch zu reagieren und sich zu erholen. Robustheit und Redundanz gehören eher zu Vorsorge und Schadensbegrenzung, Einfallsreichtum und Schnelligkeit eher zu Krisenreaktion und Erholung.

Aktuelle Forschungsfragen

Die Forschung zur resilienten Gesellschaft knüpft an Untersuchungen zur Vulnerabilität und Interdependenz von Gesellschaften an, die bis in die 1970er Jahre zurückreichen. Beteiligt waren unter anderem Ethnologie, Sozialgeographie und Humanökologie. Die Soziologie hat den Begriff auf ganze Gruppierungen und Gesellschaften ausgeweitet. Im Vergleich zur individuellen und organisationalen Resilienzforschung ist die gesellschaftliche Resilienzforschung aber noch weniger entwickelt, weil diese Ebene besonders komplex ist.

Untersucht werden Umweltveränderungen und Katastrophen, aber auch menschengemachte Sicherheitsrisiken. Aus politik- und sozialwissenschaftlicher Sicht geht es unter anderem um die Resilienz autoritärer Regime gegenüber zivilen Revolutionen, um Demokratien gegenüber externer Beeinflussung und informationeller Manipulation sowie seit 2001 um gesellschaftliche Resilienz gegenüber Terrorismus und Kriminalität. Auch die Stabilität des nach der Finanzkrise 2008 teilweise delegitimierten neoliberalen Wirtschaftssystems wurde untersucht. Aldo Madariaga beschrieb dabei Mechanismen, die neoliberale Wirtschaftsprinzipien schützen können, etwa Privatisierungen zugunsten von Finanzeliten und internationalen Investoren, monetaristische Verankerungen in Verfassungen, Behinderung gewerkschaftlicher Opposition sowie Wahlgesetze und Vetomechanismen.

In der Katastrophensoziologie bedeutet Resilienz die robuste Widerstandskraft ganzer Gesellschaften gegen flächendeckende Verheerungen. Besonders wichtig sind dabei soziale Voraussetzungen eines wirksamen Selbstschutzes. Gleichzeitig wird kritisiert, dass viele Analysen vor allem „harte“ Faktoren betrachten, während „weiche“ Faktoren wie Kultur, Religion, Sozialisation und kollektive Wahrnehmung von Bedrohungen weniger beachtet werden.

Wenn kulturelle Faktoren untersucht werden, zeigen sich unterschiedliche Ergebnisse. Religion kann Resilienz fördern, aber auch verunsichernd oder traumatisierend wirken. Studien nennen außerdem eine resilienzfördernde Wirkung kollektiver Sozialisation von Kindern und Jugendlichen, etwa bei den Basotho, wo die Dorfgemeinschaft Verantwortung trägt. Bei Migranten der ersten Generation wurde vielfach größere Resilienz beobachtet, sofern sie bikulturelle Kompetenzen erwarben. Als mögliche Ursachen werden das Festhalten an Traditionen der Herkunftskultur oder ein Selbstselektionsprozess der Migration genannt.

Ambivalenz und Kritik

Resilienz ist kein eindeutig positiver oder einfacher Begriff. Redman und Kinzig betonen, dass resilienzfördernde Faktoren nicht in allen Phasen eines adaptiven Zyklus gleich wirken. Redundanz kann in einer Krise hilfreich sein, aber viele Ressourcen verbrauchen. Große Robustheit kann Stabilität schaffen, aber Flexibilität verringern. Vertrauen kann Resilienz fördern, aber zu großes Vertrauen macht anfällig für Unerwartetes. Außerdem kann ein Faktor auf verschiedenen Ebenen unterschiedlich wirken: Was die Resilienz einer Familie stärkt, kann die eines Stammes schwächen.

Darum erscheint Resilienz ambivalent. Sie kann Wandel beschleunigen, aber auch systemische Trägheit begünstigen. Dann verlangsamt sie gesellschaftlichen Wandel und behindert Anpassung an veränderte Umwelten, bis plötzlich Kipppunkte erreicht werden. In dieser Ambivalenz liegt eine grundsätzliche Unschärfe des Konzepts.

Kritiker bemängeln außerdem, dass verschiedene Disziplinen Resilienz und Vulnerabilität unterschiedlich verwenden. Nach Bürkner arbeitet die Forschung oft mit metaphorischen Redeweisen und einfachen Typologien, die von einem Kontext in einen anderen übertragen werden. Besonders Raumplanung, Humanökologie und Stadtforschung seien teilweise untertheoretisiert.

In Umwelt- und Entwicklungspolitik wird kritisiert, der Resilienzdiskurs könne von konsequenter Nachhaltigkeit ablenken. Manche Analysen beschränkten sich zu stark auf personale Schutzfaktoren gegenüber gesellschaftlichen Risiken. Umgekehrt könne staatliche Resilienzpolitik gegen Katastrophen und Terrorismus zu dauerhaftem Alarmismus, Militarisierung des Alltags und ständigen Notfallübungen führen. Das muss Vertrauen nicht stärken, sondern kann es untergraben. Eine nur symbolische Resilienzpolitik kann wiederum ungerechtfertigtes Vertrauen in Systemleistungen erzeugen. Wenn das Konzept nicht überdehnt wird und Verantwortung nicht vollständig auf Individuen verschoben wird, gilt es aber als fruchtbares theoretisches Paradigma für die Verbindung soziologischer, kulturhistorischer und ökologischer Forschung.

Städte, Regionen und Geschichte

Städte gelten historisch oft als sehr resilient, vor allem wegen dezentraler und redundanter Strukturen. Bei Ernährungskrisen großer Städte kann Urban Farming wichtig sein. Als Beispiel nennt der Artikel Konstantinopel: Die Stadt hatte einen großen Lebensmittelbedarf und Brennstoffmangel, blieb aber bei Belagerungen, Kriegen und Hungerkrisen unter anderem wegen landwirtschaftlich genutzter städtischer Flächen bemerkenswert widerstandsfähig.

Seit den Anschlägen von 2001 wird urbane Resilienz verstärkt diskutiert. Sie wird nicht nur technisch oder infrastrukturell verstanden. Stadtforschung untersucht soziale Faktoren, die die Erholung nach Naturkatastrophen, Kriegen oder terroristischen Angriffen verbessern oder dem Verfall von Stadtquartieren, Unsicherheit, Kriminalität und Chaos entgegenwirken. Modelle wie die Broken-Windows-Theorie werden dabei kritisiert. Diese Theorie deutet Leerstände, Graffiti und zerbrochene Fensterscheiben als Indikatoren für Kriminalität und als Auslöser weiterer Kriminalität. Kritisiert wird, dass solche Modelle subjektive Sichtweisen, Widerstandsfähigkeit und Handeln der Betroffenen nicht ausreichend einbeziehen.

Urbane Resilienz darf laut Forschern des Stockholm Resilience Centre nicht mit ökologischer Nachhaltigkeit verwechselt werden. Eine sehr dicht besiedelte Stadt kann energieeffizient sein, aber hochgradig vulnerabel. Redundanz erhöht Resilienz, senkt aber Effizienz. Städte resilienter zu machen, ist daher ressourcenintensiv. Die evolutionäre Wirtschaftsgeographie untersucht außerdem, wann Regionen nach Niedergang oder Schocks neues endogenes Wachstum entwickeln können. Dafür braucht es Lernprozesse, funktionierende Märkte und Netzwerke sowie besonders gut funktionierende öffentliche Institutionen wie Schulen und Hochschulen. 2018 lieferte das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Auftrag des BMUB am Beispiel Köln einen methodischen Stresstest urbaner Resilienz; Epidemien wurden dabei nicht näher behandelt.

Auch historische Gesellschaften werden unter Resilienzgesichtspunkten untersucht, etwa Mesopotamien, die präkolumbische Hohokam-Kultur oder Siedlungen der rheinischen Bandkeramiker. Robin Peters deutet Störungen im älteren Neolithikum des Rheinlands anhand von 25 Hausgenerationen als mögliche Folge von Landkonflikten und wachsendem Territorialverhalten. Eine Auswertung hunderter vormoderner Gesellschaften kam zu dem Ergebnis, dass Staaten nach etwa 200 Jahren ihres Bestehens dem größten Zusammenbruchsrisiko ausgesetzt waren; als wiederkehrende Gründe werden gestiegene Komplexität, Ungleichheit und konfliktträchtige Institutionen genannt.

Organisationen und fachübergreifende Ansätze

Seit etwa Ende der 1990er Jahre wird Resilienz auch auf Unternehmen und Organisationen angewandt. Gefragt wird, welche Kriterien eine Organisation erfüllen muss, um unvorhersehbare Krisen wie Technologiesprünge, Wirtschaftskrisen oder Marktveränderungen auszuhalten. Wichtige Beiträge stammen von Karl E. Weick und Kathleen M. Sutcliffe sowie von Annette Gebauer und Ursula Kiel-Dixon, die das Konzept in den 2000er Jahren nach Deutschland brachten.

Untersucht wurden besonders High Reliability Organizations, kurz HRO. Das sind Organisationen, die in unklaren, wechselnden und krisenhaften Umfeldern arbeiten, zum Beispiel Militär oder Feuerwehr. Ein wichtiges Merkmal solcher Organisationen ist eine Fehlerkultur: Fehler werden nicht nur einzelnen Personen zugeschrieben, sondern als Hinweise auf Fehlerquellen genutzt, aus denen man für die Zukunft lernen kann. Ein weiteres Kriterium ist die Vermeidung überflüssiger Komplexität.

Nach dem BS Standard BS65000(2014) bezeichnet Resilienz die Fähigkeit eines Unternehmens, in einem komplexen und dynamischen Umfeld Wandel vorauszusehen, zu überleben und sogar zu wachsen. Standards zur organisatorischen Resilienz sind in der Norm ISO 22316-2017 „2017 Security and resilience – Organizational resilience – Principles and attributes“ definiert. Der Artikel weist aber darauf hin, dass bei solchen Definitionen die Grenze zwischen Resilienz und Resistenz verschwimmen kann. Resilienz bedeutet nicht nur Erhaltung im Krisenfall, sondern auch Reorganisation nach einer Krise und künftiges Wachstum durch Innovation.

Inter- und transdisziplinäre Ansätze verbinden Erkenntnisse aus verschiedenen Wissenschaften. Ein Beispiel ist die um 2010 im französischen Sprachraum entwickelte Collapsologie, also „Kollapswissenschaft“. Sie diskutiert die Resilienz gesellschaftlicher Systeme und mögliche Transformationen angesichts von Faktoren wie Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, Überbevölkerung, Verlust von Biodiversität und Instabilität des Finanzsystems. Der umstrittene Begriff wurde von Pablo Servigne geprägt, der mit Raphaël Stevens das Buch „Comment tout peut s’effondrer“ verfasste. Wissenschaftlerinnen des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung weisen außerdem auf individuelle und kollektive Risiken einer übertriebenen Optimierungsgesellschaft hin.

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