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Kondratjew-Zyklus

Kausalität: letztlich muss immer und ausschließlich die Innovationstätigkeit ausschlaggebend für den wirtschaftlichen Aufschwung sein. Zyklizität: die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Zeitliche Einteilung und mögliche neue Welle
  3. 3. Anforderungen an eine Theorie
  4. 4. Zentrale Erklärungsmodelle
  5. 5. Politökonomische Deutung
  6. 6. Kritik und offene Fragen

Grundidee und Bedeutung

Kondratjew-Zyklen, früher auch Kondratieff-Zyklen genannt, sind der Kern der von Nikolai Kondratjew entwickelten Theorie der Langen Wellen. Sie beschreibt die wirtschaftliche Entwicklung als Folge langfristiger Auf- und Abschwünge. Diese überlagern die kürzeren Konjunkturzyklen und dauern nach Kondratjews Untersuchung etwa 40 bis 60 Jahre; die Talsohle wird durchschnittlich nach 52 Jahren durchschritten.

In der verbreiteten innovationsbezogenen Erklärung beginnt ein Aufschwung, wenn ein Paradigmenwechsel massenhafte Investitionen in neue Techniken auslöst. Sobald sich die Innovation allgemein durchgesetzt hat, gehen die damit verbundenen Investitionen stark zurück und ein Abschwung setzt ein. Während dieses Abschwungs wird bereits an einem neuen technischen Paradigma gearbeitet.

Kondratjew selbst deutete neue Techniken allerdings nicht als Ursachen, sondern als Folgen langfristiger Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus. In Aufschwungsphasen überwiegen Jahre guter Konjunktur. In Abschwungsphasen treten häufiger Rezessionsjahre auf; zugleich entstehen wichtige Entdeckungen und Erfindungen, sogenannte Basisinnovationen. Damit sind grundlegende Neuerungen gemeint, die bestehende Techniken, Produktion oder Organisation tiefgreifend verändern. Sie sollen auftreten, wenn ein bestehender Bedarf durch weitere Produktivitätssteigerungen mit den bisherigen Mitteln nicht mehr befriedigt werden kann.

Als Beispiel gilt der Eisenbahnbau in Europa: Pferdegespanne und andere vorhandene Transportmittel reichten nicht mehr aus, um industriell hergestellte Waren auf den Märkten zu verteilen. Die Eisenbahn wurde daher zu einer entscheidenden Neuerung.

Kondratjew stellte 1926 anhand von Daten aus Deutschland, Frankreich, England und den USA zweieinhalb lange Wellen fest. Er erwartete, dass die dritte Welle Ende der 1920er Jahre auslaufen werde, was mit Börsenzusammenbruch und Weltwirtschaftskrise zusammentraf. Ob solche Zyklen tatsächlich existieren und ursächlich mit schwer messbaren Innovationszyklen verbunden sind, bleibt jedoch umstritten.

Zeitliche Einteilung und mögliche neue Welle

Über die ungefähre zeitliche Abfolge besteht bei Vertretern der Theorie grundsätzlich Einigkeit, allerdings mit Abweichungen:

• ca. 1780–1840: Frühmechanisierung, Beginn der Industrialisierung in Deutschland und Dampfmaschinen-Kondratjew. Für England wird teilweise ein noch früherer Zyklus vermutet.

• ca. 1840–1890: Eisenbahn-Kondratjew der zweiten industriellen Revolution, verbunden mit Bessemerstahl und Dampfschiffen; in Mitteleuropa als Gründerzeit bezeichnet.

• ca. 1890–1940: Elektrotechnik- und Schwermaschinen-Kondratjew, zu dem auch die Chemie gezählt wird.

• ca. 1940–1990: Einzweck-Automatisierungs-Kondratjew. Als Basisinnovationen werden integrierter Schaltkreis, Kernenergie, Transistor, Computer und Automobil genannt.

• ab 1990: Kondratjew der Informations- und Kommunikationstechnik mit globaler wirtschaftlicher Entwicklung.

Nach dem Auslaufen des vierten Zyklus, des „Wirtschaftswunders“, wurden die Wachstumsraten bis 1990 kleiner. Seit 1990 wurde wieder ein Anstieg beobachtet; ab 2004 erreichte das weltweite Wachstum mit 5 % eine ähnliche Höhe wie zur Zeit des Wirtschaftswunders.

Für einen möglichen sechsten Kondratjew wurden unterschiedliche bestimmende Technologien vorgeschlagen: Biotechnologie, Nanotechnologie, Robotik beziehungsweise künstliche Intelligenz, Kernfusionsenergie, Ressourceneffizienz und regenerative Energien, Energiesparen und Energieeffizienz, psychosoziale Gesundheit und Kompetenz sowie mobiles Internet, Cloud-Computing und das Internet der Dinge. Eine allgemein akzeptierte Zuordnung gibt es nicht.

Leo Nefiodow sieht seit 1996 Gesundheit als nächste Basisinnovation und betont die Gesundheitskompetenz von Unternehmen und Volkswirtschaften. Erik Händeler ergänzt, produktionshemmende Erscheinungen wie Burnout und innere Kündigung müssten auch durch eine schonendere Unternehmenskultur begrenzt werden. Erik Brynjolfsson bezeichnet künstliche Intelligenz als „General Purpose Technology“, also als vielseitig einsetzbare Grundlagentechnologie; gemeinsam mit Andrew McAfee betrachtet er sie als möglichen Treiber eines neuen Zyklus. Mariana Mazzucato argumentiert ähnlich.

Anforderungen an eine Theorie

Eine allgemein gültige und zufriedenstellende Theorie der Langen Wellen existiert bisher nicht. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zwischen dem ersten und dem fünften Kondratjew stark verändert haben. Eine Theorie soll vier Kriterien erfüllen:

• Kausalität: Der wirtschaftliche Aufschwung muss letztlich immer und ausschließlich durch Innovationstätigkeit ausgelöst werden.

• Zyklizität: Die Erklärung muss Zyklen von 45 bis 60 Jahren begründen.

• Gesamtwirtschaftliche Auswirkungen: Der Aufschwung darf nicht nur auf einer einzelnen Innovation beruhen. Er muss aus der Verknüpfung vieler Innovationen über die Grenzen verschiedener Wirtschaftssektoren hinweg entstehen.

• Zeitliche Wiederkehr: Die Innovationen oder die sie bestimmenden Faktoren müssen sich zyklisch verhalten.

Joseph Schumpeter, Gerhard Mensch und Christopher Freeman entwickelten besonders einflussreiche, aber unterschiedliche Erklärungen. Ergänzend entstanden demografische, preisbezogene und politökonomische Ansätze.

Zentrale Erklärungsmodelle

Joseph Schumpeter machte 1939 den Ausdruck Kondratjew-Zyklen bekannt. Für ihn beruhen die langen Wellen auf technischen Basisinnovationen, entscheidend ist jedoch nicht ihre Entdeckung, sondern ihr breiter Einsatz. In seiner Theorie beginnen Pionierunternehmer in einer wirtschaftlichen Gleichgewichtslage zu innovieren. Sie nehmen Bankkredite auf und werben Produktionsfaktoren von anderen Unternehmen ab. Nachahmer erhöhen anschließend Kreditnachfrage, Zinsen und Kosten der Produktionsfaktoren. Weil zukünftige Innovationsgewinne immer schwerer zu berechnen sind, sinkt die Innovationstätigkeit und der Aufschwung endet. Der Abschwung dauert an, bis ein neues Gleichgewicht erreicht ist und neue Pionierunternehmer den nächsten Aufschwung einleiten.

Gerhard Mensch unterscheidet Basisinnovationen von Verbesserungsinnovationen. Verbesserungsinnovationen verändern oder verbessern vorhandene Basisinnovationen nur leicht. Anders als Schumpeter verortet Mensch den Beginn eines neuen Zyklus in der Depression: Unternehmer reagieren auf die schlechte Lage mit einem schubweisen Auftreten von Basisinnovationen. Diese führen zum Aufschwung, in dessen Verlauf die Innovationstätigkeit wieder nachlässt. Der folgende Innovationsmangel bewirkt eine neue Depression.

Christopher Freeman hält einzelne Basisinnovationen für nicht ausreichend. Entscheidend sind Techniksysteme: Mehrere miteinander verbundene Innovationen müssen sich in der gesamten Wirtschaft verbreiten. Diese Diffusion, also die breite wirtschaftliche Ausbreitung, kann einen starken Aufschwung hervorrufen.

Richard Easterlin verband demografische und wirtschaftliche Entwicklungen. Nach seiner Hypothese steigt die Geburtenrate, wenn das relative Einkommen der Eltern- gegenüber der Großelterngeneration hoch ist. Große Generationen verschlechtern durch stärkere Konkurrenz ihre eigene Lage auf dem Arbeitsmarkt. So folgte auf das Geburtentief der Weltwirtschaftskrise der Baby-Boom bis in die 1960er Jahre; danach sanken die Geburtenraten wieder. Easterlin erwartete für die 1980er Jahre einen neuen Aufschwung.

Anwar Shaikh bestimmt lange Wellen anhand des in Gold umgerechneten Preisniveaus in den USA und Großbritannien. Er nennt Tiefpunkte 1895, Ende der 1930er Jahre, Anfang der 1980er Jahre und 2018. Andrei Korotajew erklärte 2010, Kondratjew-Wellen im globalen Bruttoinlandsprodukt festgestellt zu haben.

Politökonomische Deutung

Stephan Schulmeister beschreibt lange Zyklen als Wechsel zwischen einer realkapitalistischen Aufschwungphase und einer finanzkapitalistischen Abschwungphase. Jede Phase besitzt eine besondere „Spielanordnung“, also eine Verbindung aus wirtschaftspolitischen Regeln, einer legitimierenden Wirtschaftstheorie und einem Bündnis der Gruppen Realkapital, Finanzkapital und Arbeit.

In der realkapitalistischen Phase verbünden sich Realkapital und Arbeit gegen das Finanzkapital. Investitionen in die reale Produktion, Arbeitsplätze und Güter sind attraktiver als Finanzspekulation; die Finanzmärkte werden streng reguliert. Dies soll hohe Wachstumsraten, Vollbeschäftigung und optimistische Erwartungen fördern. Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten Korporatismus, Keynesianismus und das Bretton-Woods-System eine solche Ordnung. In den 1960er Jahren gewann die Arbeit nach Schulmeisters Darstellung so stark an Macht, dass das Realkapital das Bündnis wechselte.

In der finanzkapitalistischen Phase verbünden sich Finanz- und Realkapital gegen die Arbeit. Spekulation erscheint rentabler als produktive Investition. Nach der Durchsetzung von Neoklassik und Monetarismus wurden Finanz- und Arbeitsmärkte liberalisiert und dereguliert; Schulmeister verbindet dies unter anderem mit Thatcherismus und Reagonomics. Er erwartet dann schwächeres reales Wachstum, boomende Finanzmärkte, Arbeitslosigkeit, Staatsschulden, Finanzkrisen und schließlich Deflation. Wenn private Haushalte und Unternehmen zugleich sparen, muss sich der Staat entsprechend verschulden. Senkt er isoliert sein Defizit, ohne dass Unternehmen wieder investieren und Schulden aufnehmen, droht nach diesem Modell wegen des Sparparadoxons eine deflationäre Krise.

Schulmeister fasst dies so zusammen: Die realkapitalistische Ordnung scheitert an ihrem Erfolg, die finanzkapitalistische an ihrem Misserfolg. Für die von ihm 2010 als Talsohle gedeutete Situation empfahl er einen „New Deal für Europa“, der einen friedlichen Übergang zu einer neuen realkapitalistischen Ordnung ermöglichen sollte.

Kritik und offene Fragen

Der wichtigste Einwand lautet, dass Trend und Zyklus statistisch nicht eindeutig getrennt werden können. Der Trend bezeichnet das langfristige Wachstum, der Zyklus die davon abweichenden Bewegungen. Je nach mathematischer Wahl der Trendkomponente, beispielsweise eines Polynoms, lassen sich nahezu beliebige Wellen erzeugen. Norbert Reuter weist darauf hin, dass verbreitete Wellendiagramme häufig keine beschriftete y-Achse besitzen. Nach seiner Erklärung fehlen lange Datenreihen, etwa zum Bruttoinlandsprodukt, die unmittelbar die behauptete Wellenform zeigen.

Die quantitative Wissenschaftsforschung untersucht Entdeckungen, Publikationen und Patente statistisch. Dabei erschienen wissenschaftliche und technologische Aktivitäten als zyklische Abweichungen von einem exponentiellen Wachstum. Für den Zeitraum 1500 bis 1900 wurde ein inverses Verhältnis zwischen Schwankungen wissenschaftlicher Entdeckungen und langen wirtschaftlichen Wellen festgestellt. Das kann als Hinweis auf die historische Existenz langer Wellen gelten, beweist aber keine Kausalrichtung. Möglich wäre auch, dass Wirtschaftswachstum mit Verzögerung höhere Forschungsausgaben ermöglicht, aus denen wiederum zeitversetzt Innovationen entstehen.

Rainer Metz erkennt für 1750 bis 1990 einen stetig steigenden Trend der Innovationshäufigkeit, jeweils gefolgt von einer Stagnation auf hohem Niveau. Kondratjew-Zyklen könne man daraus jedoch nicht ablesen. Insgesamt bleibt damit sowohl die eindeutige empirische Identifikation der langen Wellen als auch ihre ursächliche Erklärung umstritten.

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