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Risiko

Risiko weist je nach Fachgebiet einen unterschiedlichen Begriffsinhalt auf, allgemein wird hierunter die Möglichkeit des Eintritts künftiger Ereignisse, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Abgrenzung
  2. 2. Risikoträger, Einstellungen und Arten
  3. 3. Risiko in Naturwissenschaft, Technik und Medizin
  4. 4. Wahrnehmung, Gesellschaft und Wagnis
  5. 5. Wirtschaft, Banken und Versicherungen
  6. 6. Risikomanagement

Grundidee und Abgrenzung

Risiko bedeutet allgemein die Möglichkeit, dass zukünftige, ungewisse Ereignisse nachteilige Folgen oder Verluste verursachen. Der Gegenbegriff ist Sicherheit. Wirtschaftlich können Verluste etwa unerwartet höhere Kosten oder geringere Erträge und Erlöse sein. Im engen Risikobegriff stehen Verlustgefahren im Mittelpunkt; der weite Risikobegriff schließt auch Gewinnchancen ein. Risiken mit gleich hoher Verlustgefahr und Gewinnchance heißen spekulative Risiken, Risiken ohne Gewinnchance reine Risiken. Versicherungen übernehmen vor allem reine Risiken.

Eine Gefahr ist eine Sachlage, die von sich aus schädlich wirken kann, etwa Feuer, eine unbeaufsichtigte Maschine oder ein Tiger. Exposition bedeutet, wie stark Menschen oder Gegenstände dieser Gefahr tatsächlich ausgesetzt sind. Risiko entsteht aus Gefahr und Exposition: Ein Tiger im verschlossenen Käfig bleibt eine Gefahr, das Risiko eines Schadens ist wegen der geringen Exposition jedoch klein. Eine Gefahrenquelle (hazard) ist die Quelle der Gefahr; Risiko beschreibt dagegen Wahrscheinlichkeit und Ausmaß eines Schadens unter Berücksichtigung von Schutzmaßnahmen.

Häufig wird Risiko als Kombination aus Eintrittswahrscheinlichkeit eines unerwünschten Ereignisses und Schadensschwere verstanden. Als Vereinfachung gilt: Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit × Schadensschwere. Dies ist nur sinnvoll, wenn das Produkt wohldefiniert ist und als Erwartungswert verwendet werden kann. Präziser ist Risiko eine Menge von Tripeln aus Szenario, Wahrscheinlichkeit und Schadensmaßzahl. Risikoanalysen fragen daher: Was kann passieren? Wie wahrscheinlich ist es? Welche Folgen hätte es? Risikokurven stellen die kumulierte Wahrscheinlichkeit gegen das Schadensausmaß dar. Sie zeigen besser als ein einzelner Erwartungswert den Unterschied zwischen seltenen Katastrophen und häufigen kleinen Schäden.

Risiko setzt potenzielle Schädigung voraus: „Risiko = Unsicherheit + Schädigung“. Bei Ungewissheit sind mögliche Folgen bekannt, aber keine Eintrittswahrscheinlichkeiten; beim Unwissen sind auch Folgen nicht oder nicht vollständig bekannt. Wagnis ist nicht mit Risiko gleichzusetzen: Es enthält zusätzlich die persönliche Entscheidung, sich auf eine risikohaltige Situation einzulassen, und hat oft eine ethische Seite. Es gibt kein Wagnis ohne Risiko, aber Risiken ohne persönliches Wagnis. Juristisch gilt Gefahr als stärkeres Risiko; Restrisiko ist das nach Schutzmaßnahmen verbleibende, schwächere Risiko. Die „Je-desto“-Formel besagt: Je größer der mögliche Schaden, desto geringer darf die erforderliche Eintrittswahrscheinlichkeit sein, damit von Gefahr gesprochen wird.

Risikoträger, Einstellungen und Arten

Jede Person und jedes Wirtschaftssubjekt kann Risikoträger sein. Risiken lassen sich erkennen und durch Risikovermeidung, Risikominderung, Risikodiversifikation, Risikotransfer oder Risikovorsorge behandeln. Die Risikoeinstellung beeinflusst die Wahl: Risikofreudige wählen eher hohe Risiken mit hoher Gewinnchance, Risikoaverse möglichst geringe Verlustgefahren. Risikoneutrale orientieren sich allein am mathematischen Erwartungswert.

Wichtige Risikoarten sind Ereignisrisiko durch überraschende ungünstige Ereignisse, Geschäftsrisiko für die Existenz eines Unternehmens, Erfüllungsrisiko bei nicht erfüllten Vertragspflichten, Kreditrisiko bei ausbleibendem Schuldendienst und Länderrisiko bei Forderungen oder Investitionen im Ausland. Weitere Beispiele sind Gesundheitsrisiken durch Umweltgifte, Krankheiten oder Lebensstil; Natur- und Wetterrisiken wie Dürre, Erdbeben, Sturm oder Überschwemmung; persönliche Risiken wie Krankheit, Scheidung, Tod oder Unfall; politische Risiken wie Krieg, Embargo, Verstaatlichung oder Enteignung; Preis-, Rechts-, Reputations- und Kaufrisiken.

Technische Risiken entstehen, wenn ein Schutzgut mit einer technischen Gefahrenquelle zusammentrifft, etwa bei Motorschaden oder technischem Versagen. Systemrisiken können die Funktion oder das Fortbestehen eines ganzen Systems gefährden. Bei Portfolios bleibt systematisches Risiko auch bei optimaler Mischung bestehen; unsystematisches Risiko kann durch Risikodiversifizierung beseitigt werden. Ein großer Teil der Risikoarten ist versicherbar.

Risiko in Naturwissenschaft, Technik und Medizin

In Ingenieur- und Umweltwissenschaften ist Risiko die Kombination aus Eintrittshäufigkeit beziehungsweise Eintrittswahrscheinlichkeit und Ereignisschwere beziehungsweise Schadensausmaß; diese Definition verwendet etwa EN ISO 12100:2010. Eine Eintrittshäufigkeit von 0,01 Ereignissen pro Jahr bedeutet, dass im Mittel ein Schadensereignis einmal in 100 Jahren beobachtet wurde. Daraus folgt nicht, dass es künftig tatsächlich nur alle 100 Jahre eintreten wird. Verlässliche Einschätzungen benötigen viele Beobachtungen und stützen sich auf das Gesetz der großen Zahlen.

Schäden können in Euro, Todesfällen, schwer Betroffenen oder etwa dem Totalverlust eines Flugzeugs gemessen werden. Da sich nicht jeder Schaden in Geld ausdrücken lässt, ist die Bewertung oft subjektiv. Bei der Risikobeurteilung in der Arbeitswelt werden Grenzwerte, Normen, Risikographen und Risikomatrizen nach Nohl eingesetzt. Im Katastrophenschutz spielen Schutzziele, Hilfsfristen, Mannschaftsstärke und Ausrüstung eine Rolle.

Im Umweltschutz wird risk klar von hazard getrennt. Hazard ist das einer Chemikalie innewohnende Potenzial, einem Zielorganismus zu schaden, gestützt auf Dosis-Wirkungs-Beziehungen. Risiko umfasst das Produkt aus Ausmaß und Eintrittswahrscheinlichkeit eines Schadens; für die Wahrscheinlichkeit sind Expositionsdaten entscheidend. Technische Risikoanalysen können für unvollständige Szenariolisten eine Kategorie „Sonstiges“ verwenden und ihre Häufigkeit mit bayesscher Aktualisierung der verfügbaren Evidenz schätzen.

Stochastik untersucht Zufall und Risiken. Wahrscheinlichkeitstheorie liefert die Grundlagen; mathematische Statistik schätzt aus Daten Eintrittswahrscheinlichkeiten, Schadenshöhen und Erwartungswerte. Dabei wird zwischen Wahrscheinlichkeit als Grad des Wissens oder Glaubens und Frequenz als Anteil bei Wiederholungen unterschieden. Risikokurven können auch Unsicherheit über Häufigkeiten als Verteilung darstellen, beispielsweise durch 90-Perzentil-Risikokurven.

Im Gesundheitswesen weisen Risikoindikatoren und Risikofaktoren auf erschwerte Behandlungen hin, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, Immunschwäche, Hepatitis oder AIDS. Eine Risikoschwangerschaft oder Risikogeburt liegt bei erhöhter Gefährdung von Mutter und/oder Kind vor. Für den Krankenhausbereich ergab eine Studienauswertung jährlich fünf bis zehn Prozent unerwünschte Ereignisse, zwei bis vier Prozent Schäden, ein Prozent Behandlungsfehler und 0,1 Prozent fehlerbedingte Todesfälle. Bei 17 Millionen Krankenhauspatienten entsprechen dies 850.000 bis 1,7 Millionen unerwünschten Ereignissen, 340.000 Schäden, 170.000 Behandlungsfehlern und 17.000 Todesfällen; der ambulante Bereich ist nicht enthalten.

Wahrnehmung, Gesellschaft und Wagnis

Psychologisch wird untersucht, wie Menschen Risiken subjektiv wahrnehmen. Laien überschätzen oft geringe Risiken und unterschätzen oder ignorieren hohe Risiken; verschiedene Personen bewerten dasselbe Risiko unterschiedlich. Fachliche Risikoanalysen können deshalb von Alltagsurteilen abweichen. Die Fehlerforschung untersucht Denk-, Planungs- und Handlungsfehler als Ursachen höherer Risiken. Michael Balint unterschied risikofreudige „Philobaten“ und risikofürchtende „Oknophile“; beide extremen Ausprägungen gelten ihm als behandlungsbedürftig.

In Pädagogik und Sport ist die Trennung zwischen Risiko und Wagnis besonders wichtig. Risiko bezeichnet eine innerhalb bestimmter Grenzen berechenbare Gefahrensituation. Wagnis verlangt die verantwortete Handlung und das Abwägen negativer und positiver Folgen. Pädagogik will Risiko- und Wagniskompetenz vermitteln, etwa für Zivilcourage, Prüfungen oder Bewerbungen. Nach Siegbert A. Warwitz soll eine „Bewährpädagogik“ Kinder nicht nur vor Gefahren bewahren, sondern sie angeleitet mit Risiken konfrontieren und sicheren Umgang üben lassen.

Sport birgt Verletzungsrisiken, besonders bei Hochleistungs-, Extrem- und Risikosport oder Doping. Objektives Risiko geht von Sportart oder Gerät aus, subjektives Risiko hängt von Können, Wissen, Erfahrung und Übung ab. Restrisiko bleibt trotz sorgfältiger Vorbereitung und Sicherung. Warwitz unterscheidet den auf Nervenkitzel gerichteten „Thrill-Sportler“ vom „Skill-Sportler“, der Risiken durch erworbene Kompetenz verantwortbar beherrschen will.

Soziologisch ist Risiko an Entscheidungen und erwartete Folgen gebunden. Ulrich Beck beschrieb die Risikogesellschaft als moderne Gesellschaft, die durch selbstproduzierte Risiken geprägt sei. Niklas Luhmann trennt Risiko von Gefahr: Beeinflussbare negative Folgen eigener Entscheidungen sind Risiko, Einwirkungen aus der Umwelt Gefahr. Sein Regenschirmbeispiel zeigt: Ohne Schirm wird das Nasswerden zum Risiko; mit Schirm besteht das Risiko, ihn liegenzulassen. Philosophische und theologische Betrachtungen fragen vor allem nach Sinn, Verantwortung und ethisch gerechtfertigtem Wagnis; religiöser Glaube bleibt wissenschaftlich nicht beweisbar und wird daher häufig als Wagnis beschrieben.

Wirtschaft, Banken und Versicherungen

In der Wirtschaftswissenschaft liegt Risiko vor, wenn für mögliche Umweltzustände Eintrittswahrscheinlichkeiten vorliegen; ohne Wahrscheinlichkeiten spricht man von Ungewissheit. Entscheidungen unter Sicherheit, Risiko, Unsicherheit und Ungewissheit werden unterschieden. Bei Entscheidungen unter Risiko kennt der Entscheidungsträger Wahrscheinlichkeiten, verfügt aber dennoch nur über unvollkommene Informationen. Ein Beispiel für Entscheidung unter Sicherheit ist der Arbitrageur, dem zur Arbitrage alle Marktdaten wie Börsenkurse, Marktpreise und Marktzinsen vorliegen.

Vor dem Entscheidungszeitpunkt t_E werden Entscheidungsrisiko, Ergebnisrisiko und Opportunitätsrisiko unterschieden. Nach t_E gibt es Handlungsrisiko, Plan- und Abweichungsrisiko sowie Bindungsrisiko; das Existenzrisiko besteht zu allen Zeiten. Risikoverschiebung liegt vor, wenn die Verringerung einzelner Risiken in einem geschlossenen System dessen Systemrisiko erhöht oder umgekehrt, etwa bei Rentenversicherung oder Derivaten.

Banken tragen besonders Kredit-, Markt- und Liquiditätsrisiken. Kreditrisiko umfasst Adressenausfallrisiko, Erfüllungsrisiko sowie Transferstopprisiko als Teil des Länderrisikos. Marktrisiko umfasst Zinsänderungs-, Kurs-, Konzentrations- und Marktliquiditätsrisiko. Banken sind wegen Fristentransformation besonders vom Liquiditätsrisiko betroffen.

Im Versicherungswesen ist das versicherte Risiko die vom Versicherer vertraglich übernommene Gefahr gegen Versicherungsprämie. Versicherungstechnisches Risiko ist die Gefahr, dass Zahl oder Umfang der Schäden höher ausfallen als in der Prämienberechnung angenommen. Unternehmen außerhalb von Banken und Versicherungen haben unter anderem Forschungs-, Beschaffungs-, Produktions-, Qualitäts-, Umwelt-, Markt-, Absatz-, Finanz-, Personal-, IT- und strategische Risiken, die einzeln oder kombiniert auftreten können.

Risikomanagement

Risikomanagement ist der planvolle Umgang von Unternehmen mit Chancen und Gefahren. Es umfasst Risikoidentifikation, Risikoanalyse, Risikobewertung oder Risikoquantifizierung, Risikoaggregation, Risikosteuerung und Risikocontrolling. Diese Phasen bilden einen wiederholten Zyklus. Auch die Nutzung von Risikoinformationen für Entscheidungen, etwa zur Bewertung des Ertrag-Risiko-Profils einer Investition, gehört dazu.

Die Identifikation gilt oft als größte Herausforderung, weil ein Risiko zunächst wahrgenommen werden muss. Dafür braucht es Informationssysteme wie Kennzahlen oder passende Organisationsstrukturen. Bei der Quantifizierung werden Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß bestimmt. Ihre Multiplikation ergibt den Schadenerwartungswert beziehungsweise eine Art Risikopotenzial. Für verschiedene Risiken können unterschiedliche Wahrscheinlichkeitsverteilungen und Risikomaße nötig sein. Schwieriger ist es, qualitative Risiken wie Streik oder Vulkanausbruch in Zahlen zu überführen. Risikoaggregation bestimmt den Gesamtumfang aus mehreren Einzelrisiken.

Zur Risikosteuerung gehören Selbsttragen, Schadensvermeidung, Überwälzung auf andere und Risikobegrenzung. Ursachenbezogene Strategien wirken vor Eintritt eines Schadens auf Verlusthöhe oder Wahrscheinlichkeitsverteilung: Risikovermeidung und Risikominderung. Wirkungsbezogene Strategien federn eingetretene Risiken ab oder wälzen sie ab: Risikotransfer und Risikovorsorge. Risikodiversifikation betrifft beide Arten. Ob ein Risiko akzeptabel ist, hängt von Kosten, Nutzen und Alternativen im jeweiligen Entscheidungskontext ab; eine bloße Skala von größer oder kleiner genügt nicht.

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