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Sozialgeographie
Die Sozialgeographie, auch Sozialgeografie, ist ein Teilgebiet der Geographie, das sich mit der Beziehung zwischen Gesellschaft und Raum beschäftigt.
Inhalt4 Abschnitte
Gegenstand und Leitfragen
Sozialgeographie, auch Sozialgeografie, ist ein Teilgebiet der Geographie. Sie untersucht die Beziehung zwischen Gesellschaft und Raum: Gesellschaftliche Prozesse beeinflussen räumliche Strukturen, während räumliche Bedingungen menschliches Handeln und gesellschaftliche Organisation mitprägen.
Im Mittelpunkt stehen drei grundlegende Fragen:
- Wie gestalten gesellschaftliche Prozesse und Funktionen den Raum und seine Strukturen?
- Wie organisieren sich Gesellschaften in räumlicher Hinsicht?
- Welche Rolle spielen räumliche Bedingungen für die Existenz einer Gesellschaft?
Untersucht werden dabei sowohl soziale Beziehungen und zwischenmenschliche Interaktionen als auch die individuelle Wahrnehmung und Bewertung von Raum sowie die Verhaltensmuster größerer Bevölkerungsgruppen.
Entstehung und fachgeschichtliche Entwicklung
Die Ursprünge der Sozialgeographie liegen in Frankreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie werden insbesondere mit der Le-Play-Schule um Pierre Guilleaume Fréderic Le Play und mit dem Geographen Élisée Reclus verbunden. Der Begriff „géographie sociale“ wurde erstmals 1911 von Paul de Rousiers, einem Mitglied der Le-Play-Schule, in einer Besprechung von Reclus’ erstem Band der Nouvelle géographie universelle verwendet; Reclus übernahm den Begriff anschließend.
Die industrielle Revolution begünstigte die Entwicklung der Sozialgeographie. Die Verstädterung führte zu einer räumlichen Konzentration der Bevölkerung. Zugleich bewirkte der Wechsel von landwirtschaftlichen Tätigkeiten zu industriellen Berufen in Fabriken eine soziale Konzentration.
Die deutschsprachige Sozialgeographie war zunächst, wie die Geographie insgesamt, stark von geodeterministischen Vorstellungen geprägt. Der Naturraum galt als entscheidende Determinante und als sozialer Wirkfaktor. Friedrich Ratzel (1844–1904) verankerte den Naturdeterminismus in der Sozialgeographie. Diese Denkweise legte den Grundstein für die spätere Blut-und-Boden-Ideologie der nationalsozialistischen Politik im Dritten Reich, nach der einem Boden jeweils nur ein Volk zugeordnet wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg prägte zunächst die traditionelle Landschafts- und Länderkunde die Anthropogeographie. Hans Bobek und Wolfgang Hartke legten wichtige Grundlagen für die sozialgeographische Kulturlandschaftsforschung. Das genaue Entstehungsdatum der deutschen Sozialgeographie ist jedoch fachgeschichtlich nicht eindeutig. Ein Nachdruck wichtiger Aufsätze setzt es auf 1947 und damit auf Bobeks Vortrag in Bonn. Mechtild Rössler weist darauf hin, dass Bobek seine Fragestellung bereits während des „Dritten Reiches“ im Zusammenhang mit dem Arbeitswissenschaftlichen Institut der Deutschen Arbeitsfront und angewandter Sozialforschung entwickelt hatte.
Zentrale Ansätze und Untersuchungsbereiche
Mit dem funktionalen Denken gewann die Untersuchung von Funktionsräumen an Bedeutung. Ein Beispiel sind Pendlereinzugsgebiete. Dadurch entwickelte sich die Sozialgeographie stärker in Richtung der Sozialwissenschaften. Ihre besonders einflussreiche Phase in Deutschland lag in den 1960er bis 1980er Jahren. In dieser Zeit entstanden an Universitäten zahlreiche geographische Disziplinen, unter anderem zu Raum und Raumplanung; außerdem beeinflusste die Entwicklung die Inhalte des Schulunterrichts.
Eine wichtige Rolle spielte die Münchner Schule der Sozialgeographie mit Jörg Maier, Karl Ruppert, Reinhard Paesler und Franz Schaffer. Im Zentrum standen die sieben Daseinsgrundfunktionen:
- Gesellschaft
- Wohnen
- Arbeit
- Versorgen
- Erholen
- Bilden
- am Verkehr teilnehmen
Mit diesen Funktionen lassen sich Muster menschlicher Mobilität nachvollziehen. Außerdem können ihnen viele geographische Disziplinen direkt zugeordnet werden.
In neuerer Zeit wurde die Sozialgeographie durch handlungstheoretische Ansätze erweitert. Benno Werlen übertrug die Strukturationstheorie des Soziologen Anthony Giddens auf die Sozialgeographie. Er forderte eine Abwendung von einer „handlungsorientierten Raumwissenschaft“ zugunsten einer „raumorientierten Handlungswissenschaft“. Durch die Gendertransformation rückten außerdem geschlechtsspezifische Einflüsse auf die räumliche Umwelt stärker in den Blick.
Aktuelle Perspektiven und Raumwirkungen
Die Sozialgeographie besitzt eine große innovative Kraft, führte aber nicht zu einer vollständigen Neuorientierung der Humangeographie. Gründe dafür sind unter anderem die schwer zugänglichen Methoden und die Schwierigkeit, verwertbare Daten zu erhalten. Die gesellschaftliche Raumwirksamkeit lässt sich nur schwer messen. Trotzdem wird die Bedeutung einer sozialgeographischen Betrachtungsweise anerkannt.
In der Gegenwart bestehen deshalb verschiedene Ansätze nebeneinander. Dazu gehören die sozialgeographische Kulturlandschaftsforschung, raumwissenschaftlich-funktionelle Ansätze im Zusammenhang mit dem spatial turn sowie konstruktivistische Ansätze. Dieses Nebeneinander verschiedener Paradigmen wird als Paradigmenpluralismus bezeichnet und entspricht dem Konzept einer postmodernen Wissenschaft.
Raum und Gesellschaft beeinflussen sich gegenseitig. Räumliche Bedingungen können menschliche Verhaltensweisen mitprägen, etwa Mobilität oder Entscheidungen über Landnutzung. Gleichzeitig verändern Menschen den Raum durch Nutzung und Bebauung oder verzerren ihn, beispielsweise durch Massenverkehr.
Wichtige Interessenfelder der Sozialgeographie sind:
- absoluter Raum und Relativraum in der Umweltwahrnehmung,
- Aspekte von Globalisierung und Regionalisierung,
- Folgen der Raumentwicklung, insbesondere im Zusammenhang mit sozialräumlichen Strukturen.