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Diversität (Soziologie)

Diversität (über englisch diversity von lateinisch diversitas „Verschiedenheit, Unterschied; Gegensatz, Widerspruch“) bezeichnet ein Konzept der Soziologie …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und zentrale Merkmale
  2. 2. Entstehung und Entwicklung
  3. 3. Soziale Herstellung und Intersektionalität
  4. 4. Diversität in Organisationen
  5. 5. Kritik am Konzept
  6. 6. Verwandte Begriffe und öffentliches Zeichen

Begriff und zentrale Merkmale

Diversität bezeichnet in Soziologie und Sozialpsychologie die Unterscheidung und Anerkennung von Gruppenmerkmalen und individuellen Merkmalen. Häufig wird dafür auch das Wort Vielfalt verwendet. Gemeint ist nicht nur, dass Menschen verschieden sind, sondern auch, dass diese Unterschiede sozial bedeutsam sein können und Anerkennung oder Schutz vor Benachteiligung benötigen.

Klassisch wird Diversität von Personen, soweit sie rechtlich relevant ist, auf mehreren Ebenen betrachtet: Alter, ethnische Herkunft und Nationalität, Geschlecht und Geschlechtsidentität, körperliche und geistige Fähigkeiten, Bildungsgrad, Religion und Weltanschauung, sexuelle Orientierung und Identität sowie soziale Herkunft. Diese Aufzählung entspricht der Charta der Vielfalt. Die soziale Herkunft ist allerdings nicht überall als Diversitätskriterium akzeptiert.

Daneben gibt es viele weitere sozialisationsbedingte und kulturelle Unterschiede, die weniger Aufmerksamkeit erhalten, aber ebenfalls bedeutsam sein können. Dazu zählen etwa Arbeitsstil, Wahrnehmungsmuster oder Dialekt. Ob solche Unterschiede untersucht oder sozial anerkannt werden sollen, hängt stark vom jeweiligen Kontext ab.

Im soziologischen Verständnis stehen meist kollektive Identitäten im Vordergrund, also Zugehörigkeiten zu Gruppen. Genetisch vererbte individuelle Unterschiede spielen in diesem Rahmen eine untergeordnete Rolle. Ein Gesellschaftsbild, das nicht von kollektiven Identitäten, sondern von radikalem Individualismus ausgeht, wird dagegen als liberal und/oder pluralistisch bezeichnet: Dort besitzt jedes Individuum seine eigene Identität und konkurriert mit anderen um Meinungen, Macht und Ressourcen.

Entstehung und Entwicklung

Das Konzept Diversität hat seinen Ursprung in der Bürgerrechtsbewegung der USA. Diese Bewegung kämpfte gegen Rassismus gegenüber People of Color. Diversität bedeutete anfangs vor allem, Chancengleichheit für Gruppen herzustellen, die wegen bestimmter Merkmale benachteiligt wurden.

Aus dieser Entwicklung gingen in den USA Antidiskriminierungsgesetze und Affirmative Action hervor. Affirmative Action bezeichnet Maßnahmen zur Förderung benachteiligter Gruppen. Genannt werden dabei Kriterien wie Race, Geschlecht, Hautfarbe, ethnische Herkunft, Alter, Behinderung oder Religion. Die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung beeinflusste auch weitere soziale Bewegungen diskriminierter Gruppen, zum Beispiel die Bewegung der Native Americans.

Seit dem Ende der 1990er Jahre verwendet auch die Europäische Union Diversität als Leitbild. In Deutschland wurden seit 2006 Aspekte der Vielfalt im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz berücksichtigt. Dieses Gesetz soll Personen aus den genannten Kategorien vor Diskriminierung schützen.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit solchen Themen ist jedoch älter als der Begriff Diversität in seiner heutigen Verwendung. In der Sozialpsychologie war seit den späten 1940er Jahren Heterogenität ein zentraler Begriff. Heterogenität bedeutet Verschiedenartigkeit innerhalb einer Gruppe. Seit Jahrzehnten untersucht die Sozialpsychologie, wie soziale Kategorisierung und Stereotypisierung entstehen und wirken, wie soziale Vergleiche funktionieren, wie Identität in Gruppen gebildet wird und wie Prozesse zwischen Gruppen ablaufen. Diese Forschung war besonders wichtig für Pädagogik und Sozialmedizin, etwa bei Fragen zu Bildung, Leistung, sozialem Aufstieg und Abstieg, Kriminalität, Gesundheit und Arbeitsleben.

Der Artikel nennt außerdem eine kritische Beobachtung zur Entwicklung in westlichen Gesellschaften: Während Diversität hinsichtlich Geschlecht, Hautfarbe und sexueller Orientierung im linksliberalen Spektrum stärker beachtet und gefördert worden sei, habe Diversität hinsichtlich sozialer Klasse seit den 1980er Jahren abgenommen. Als Beispiel wird genannt, dass gegen Ende der Ära Kohl noch die Mehrheit der Minister aus der Arbeiterschaft oder kleinbürgerlichen Mittelschicht gekommen sei, während in der ersten Regierung Merkel zwei Drittel der Minister aus der oberen Mittelschicht oder Oberschicht stammten. Sahra Wagenknecht deutete dies 2021 als Zeichen dafür, dass im linksliberalen Spektrum kaum noch Interesse an der Förderung tatsächlich sozial Benachteiligter bestehe und Diversität vor allem unter privilegierten Mitgliedern der neuen akademischen Mittelschicht praktiziert werde.

Soziale Herstellung und Intersektionalität

In der neueren Weiterentwicklung des Konzepts wird stärker danach gefragt, wie diverse Gruppen sich selbst reproduzieren und wie soziale Diversität überhaupt entsteht. Dabei spielt der Sozialkonstruktivismus eine Rolle. Sozialkonstruktivismus bedeutet hier, dass soziale Unterschiede nicht einfach nur vorhanden sind, sondern in sozialen Interaktionen hergestellt und stabilisiert werden.

Nach diesem Verständnis werden Diversitätsdimensionen aktiv sozial erzeugt. Der Artikel nennt dafür Begriffe wie Doing Gender und Doing Culture. Sie beschreiben, dass Geschlecht oder Kultur in Handlungen, Erwartungen und Interaktionen immer wieder hervorgebracht werden. Dadurch werden solche Kategorien sozial wirksam und können im Rahmen von Identitätspolitik auch politisch wirksam werden.

Wichtig ist außerdem, dass verschiedene Diversitätsdimensionen zusammenwirken können. Sie können sich in bestimmten sozialen Kontexten addieren und verstärken, sich gegenseitig reduzieren oder abschwächen oder auch dauerhaft in Widerspruch zueinander stehen. Diese Verschränkung verschiedener Diversitäten wird Intersektionalität genannt. Beispiele sind die Verbindung von Geschlecht und Hautfarbe oder von Alter und Geschlecht.

Diversität in Organisationen

Diversitätsmanagement ist eine Methode des betrieblichen Personalwesens. Es zielt darauf, die Diversität der Mitarbeiter konstruktiv und gewinnbringend zu nutzen.

Damit wird Diversität nicht nur als Frage von Gleichbehandlung oder Antidiskriminierung verstanden, sondern auch als Ressource für Organisationen. Der Artikel führt diesen Punkt knapp aus und beschreibt Diversitätsmanagement vor allem als personalwirtschaftlichen Ansatz.

Kritik am Konzept

Ein wichtiger Kritikpunkt richtet sich gegen die Nutzung von Diversity durch herrschende gesellschaftliche Gruppen. Der Literaturwissenschaftler Walter Benn Michaels kritisierte, Diversity sei von der herrschenden Klasse vereinnahmt worden, um im Neoliberalismus eine „gleichberechtigte Ausbeutung“ zu ermöglichen. Nach seiner Ansicht werde Diversity auch dazu verwendet, ökonomische Ungleichheit zu rechtfertigen.

Michaels formuliert zugespitzt, der neoliberale Traum bestehe darin, dass das reichste eine Prozent der Bevölkerung genauso divers sei wie die übrigen 99 Prozent. Dann könne niemand seine ökonomische Situation mehr auf Diskriminierung zurückführen, und die Reichen könnten behaupten, jeder habe seinen Platz in der Gesellschaft verdient. Diversity-Bestrebungen dienten nach dieser Kritik nicht in erster Linie dazu, Ungleichheiten zu verringern, sondern dazu, sie zu rechtfertigen.

Außerdem kritisiert Michaels, dass Diversity- und Antirassismus-Bestrebungen von Unternehmen nicht vor allem aus Gründen sozialer Gerechtigkeit gefördert worden seien, sondern zur Steigerung von Produktivität und Arbeitskräftemobilität. Der damit verbundene Antirassismus sei zwar zu begrüßen, habe aber vor allem dazu gedient, Grenzen für Menschen zu öffnen, die der amerikanischen Wirtschaft nutzen würden.

Weitere Autorinnen und Autoren wie Gayatri Spivak, Sara Ahmed, Nikita Dhawan und Davina Cooper stellen eine grundsätzliche Frage: Erweitern Gerechtigkeitsnormen und Maßnahmen wie positive Diskriminierung tatsächlich die Handlungsmacht marginalisierter Gruppen, oder stabilisieren sie eher ein Machtgefälle zwischen denen, die Gerechtigkeit paternalistisch gewähren, und denen, die sie empfangen? Als Beispiel nennt der Artikel Quoten in Indien, etwa bei Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst und Studienplätzen.

Verwandte Begriffe und öffentliches Zeichen

Der Artikel verweist auf mehrere verwandte Begriffe. Kulturelle Vielfalt beschreibt Unterschiede zwischen Kulturen. Superdiversität ist ein Konzept, um die Komplexität hochgradig diverser Gesellschaften zu beschreiben. Interkulturelle Kompetenz meint die Fähigkeit, mit Personen anderer Kulturen angemessen zu interagieren. Willkommens- und Anerkennungskultur bezeichnet eine positive Einstellung zu Migranten. Neurodiversität verweist auf Vielfalt im Bereich neurologischer Unterschiede.

Als philatelistisches Beispiel nennt der Artikel ein Sonderpostwertzeichen der Deutschen Post AG. Mit dem Erstausgabetag 2. November 2022 erschien eine Briefmarke mit dem Nennwert von 85 Eurocent und der Bezeichnung „Diversität – Vielfalt in Deutschland“. Der Entwurf stammt von der Grafikerin Bettina Walter aus Bonn.

Lernvideos zu Diversität (Soziologie)

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