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Vulnerabilität

Der Begriff Vulnerabilität (von lateinisch vulnus „Wunde“ bzw. vulnerare „verwunden“) bedeutet „Verwundbarkeit“ oder „Verletzbarkeit“.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee der Verwundbarkeit
  2. 2. Gesellschaft, Entwicklung und Katastrophen
  3. 3. Religion und ethische Fragen
  4. 4. Psychologie und Medizin
  5. 5. Technik, Ökologie und Klima

Grundidee der Verwundbarkeit

Vulnerabilität bedeutet Verwundbarkeit oder Verletzbarkeit. Der Begriff wird in vielen Wissenschaften verwendet, beschreibt aber meist einen ähnlichen Zusammenhang: Eine Person, Gruppe, ein System oder eine Region ist bestimmten Belastungen, Gefahren oder Schocks ausgesetzt und kann diese nur eingeschränkt bewältigen. Häufig wird Vulnerabilität als Gegenbegriff zu Resilienz verstanden. Resilienz bedeutet Widerstandsfähigkeit, also die Fähigkeit, Belastungen zu überstehen oder sich nach ihnen wieder zu stabilisieren.

Vulnerabilität ist nicht nur ein fester Zustand, sondern kann sich je nach Situation verändern. Entscheidend sind meist drei Fragen: Welchen äußeren Belastungen ist jemand oder etwas ausgesetzt? Welche inneren oder strukturellen Schwächen erschweren die Bewältigung? Welche Folgen entstehen, wenn Schutz, Anpassung oder Unterstützung nicht ausreichen?

Gesellschaft, Entwicklung und Katastrophen

In der geografischen Entwicklungs- und Risikoforschung wird Vulnerabilität seit den 1980er Jahren als zentrales Konzept verwendet. Es erweitert herkömmliche Armuts-Ansätze: Armut, also Mangel an Geld und Vermögenswerten, erklärt Entwicklungsprobleme und gesellschaftliche Krisen nicht vollständig. Verwundbarkeit umfasst auch politische und soziale Benachteiligung.

Robert Chambers definierte 1989 Vulnerabilität als einen gesellschaftlichen Zustand, der durch Anfälligkeit, Unsicherheit und Schutzlosigkeit geprägt ist. Verwundbare Menschen und Bevölkerungsgruppen sind Schocks und Stressfaktoren ausgesetzt und haben Schwierigkeiten, diese zu bewältigen. Diese Schwierigkeiten entstehen nicht nur durch fehlende materielle Ressourcen, sondern auch durch fehlende Teilhabe an Wohlstand, verweigerte Unterstützung oder zu schwache soziale Netzwerke.

Verwundbar sein heißt in diesem Zusammenhang: Stressfaktoren ausgesetzt zu sein als externe Dimension, diese nicht bewältigen zu können als interne Dimension und unter den Folgen von Schocks und Nichtbewältigung leiden zu müssen. Der Prozess kann von einer Grundanfälligkeit über Zwischenstufen bis zur existenziellen Katastrophe reichen. Eine solche Katastrophe ist durch den Kollaps der Lebensabsicherung und totale Abhängigkeit von externer Hilfe gekennzeichnet; als Beispiel wird eine Hungerkatastrophe genannt.

In der Katastrophensoziologie geht es darum, den Schutz potenziell Betroffener zu verbessern. Dafür werden Indikatoren entwickelt, die Gefahren mit Schutzmöglichkeiten und Selbstschutzmöglichkeiten in Beziehung setzen, bezogen auf Menschengruppen und soziologisch abgegrenzte Räume.

Religion und ethische Fragen

In der christlichen Theologie wird Vulnerabilität in Bereichen wie Gotteslehre, Christologie, Pastoral und Ethik als Schlüsselbegriff entwickelt. Der Begriff wird mit gesellschaftlichen Themen wie Migration, Armutsbekämpfung, Widerstand gegen Rechtsextremismus, sexuellem Missbrauch an Minderjährigen, Gewaltüberwindung und Menschenrechten verbunden.

Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass Gott in Jesus von Nazareth Mensch wird und sich freiwillig menschlicher Verwundbarkeit aussetzt: von der Geburt über das öffentliche Auftreten bis zum gewaltsamen Tod am Kreuz. Damit wird ein anderer Akzent gesetzt als in Debatten, in denen vor allem Verwundungen vermieden werden sollen. Auch das Weihnachtsfest wird in diesem Sinn gedeutet: In den Erzählungen bei Lukas 1,5–2,52 und Matthäus 1,18–2,23 stehen Geburt, Migration und Flucht für die Bereitschaft, eigene Verwundbarkeit zu riskieren, um andere vor Bedrohungen zu schützen.

Die Theologie betont eine doppelte Frage: Wo ist Selbstschutz für Einzelne und Gemeinschaften notwendig? Und wo ist es notwendig, eigene Verwundung zu riskieren? Gleichzeitig sollen die Vulnerabilitäten anderer möglichst reduziert werden. Im interreligiösen Diskurs wird Vulnerabilität ebenfalls zunehmend als Schlüsselbegriff gesehen. Ute Leimgruber untersucht außerdem den Widerstand gegen Vulneranz in der katholischen Kirche; Vulneranz bezeichnet dabei Verletzungsmacht und wird kritisch der Vulnerabilität gegenübergestellt.

Psychologie und Medizin

In der Psychologie gilt Vulnerabilität als Gegenteil von Resilienz. Vulnerable Personen werden leichter emotional verletzt und entwickeln eher psychische Störungen. Genannt werden Tendenzen wie aktiv-impulsives, aggressives und leicht ärgerliches Verhalten, Langeweile durch Routine und Suche nach äußeren Reizen, mangelnde Angst vor Konsequenzen des eigenen Handelns, wenig Einfühlungsvermögen in die Gefühle anderer Menschen und ein unterdurchschnittlicher IQ.

Jeder Mensch durchläuft im Leben vulnerable Phasen, zum Beispiel die Pubertät. In solchen Phasen besteht eine erhöhte Gefahr, eine psychische Störung zu entwickeln. In diesem Zusammenhang wird auf das Diathese-Stress-Modell verwiesen, das eine besondere Anfälligkeit mit belastenden Einflüssen verbindet. Der in den USA verwendete, weitgehend negativ gemeinte Begriff Generation Snowflake verweist auf eine angeblich erhöhte Vulnerabilität und Empfindlichkeit der nach 1990 Geborenen.

In der Medizin bezeichnet Vulnerabilität die Anfälligkeit, an etwas zu erkranken, zum Beispiel an Schizophrenie. Bei vielen Erkrankungen wird diese Anfälligkeit durch mehrere zusammenwirkende Faktoren bestimmt, etwa genetische, psychosoziale oder expositionelle Faktoren wie Schadstoffe und Rauchen. Beispiele sind bestimmte Tumorleiden, psychiatrische Erkrankungen und Autoimmunkrankheiten wie Allergien. Im eigentlichen Wortsinn kann Vulnerabilität auch die erhöhte Empfindlichkeit oder Verletzlichkeit von Organteilen oder der Haut gegen Berührungen bedeuten; dies heißt Kontaktvulnerabilität.

Die wahrgenommene Vulnerabilität ist der subjektive Glaube eines Menschen darüber, wie wahrscheinlich er von einer bestimmten Gesundheitsstörung betroffen sein wird. Während der COVID-19-Pandemie wurden einschneidende Maßnahmen bis hin zu Einschränkungen von Grundrechten unter anderem damit begründet, vulnerable Personengruppen vor Infektionen mit Coronaviren zu schützen, solange es weder Impfstoff noch bewährte Medikamente gegen COVID-19 gab. Das Robert Koch-Institut stellte 2020 eine Liste solcher Gruppen zusammen und gab Verhaltensempfehlungen heraus.

Technik, Ökologie und Klima

In der Informatik meint Vulnerabilität meist eine konkrete Sicherheitslücke eines Computersystems oder Netzwerks. Eine solche Schwachstelle kann durch einen Exploit ausgenutzt werden. Ein Exploit ist dabei ein Verfahren oder Programm, das eine Sicherheitslücke gezielt verwendet.

In der Ökologie bezeichnet Vulnerabilität die besondere Empfindlichkeit von Ökosystemen, Arten und Populationen gegenüber Umweltbedingungen. Auch hier ist Resilienz der Gegenbegriff. Bei der Anpassung von Ökosystemen an den langfristigen Klimawandel ist es eine Aufgabe der Raum- und Umweltplanung, die Verwundbarkeit durch angepasste Landnutzung und Infrastruktur zu verringern.

Nach der Definition des Weltklimarats IPCC ist Vulnerabilität das Maß, zu dem eine Person, Region oder ein System gegenüber nachteiligen Auswirkungen von Klimaänderungen anfällig ist und nicht damit umgehen kann. Sie wird als Funktion von Exposition, Sensitivität und Anpassungsfähigkeit verstanden. Exposition umfasst Art und Intensität von Klimaänderungen, zum Beispiel Temperatur- oder Niederschlagsänderungen. Sensitivität beschreibt, wie stark ein System oder Akteur durch Klimaänderungen beeinflusst wird oder darauf reagiert. Anpassungsfähigkeit umfasst Fähigkeiten, Ressourcen oder institutionelle Kapazitäten, mit denen Systeme, Organisationen oder einzelne Akteure sich an veränderte Klimabedingungen und deren Folgen anpassen und dadurch Vulnerabilität reduzieren können.

In der Komplexitäts- und Netzwerkforschung beschreibt Vulnerabilität die Beeinflussbarkeit dynamischer Netzwerke durch externe Schocks. Auch dort wird der Begriff ähnlich wie in anderen Disziplinen als Umkehrung von Resilienz verstanden. Die mathematisch und transdisziplinär ausgerichtete Methodik kann auf verschiedene Phänomene der Vulnerabilität angewendet werden.

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