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Bahaitum

Das Bahaitum (auch Bahaismus oder Bahai-Religion) ist eine weltweit verbreitete und universale Religion, die von Bahāʾullāh Mitte des 19. Jahrhunderts …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Selbstverständnis
  2. 2. Entstehung und frühe Geschichte
  3. 3. Nachfolge und weltweite Leitung
  4. 4. Lehre über Mensch, Gott und Religion
  5. 5. Praxis, Gemeinde und andere Religionen
  6. 6. Verfolgung und Einordnung im deutschsprachigen Raum

Grundidee und Selbstverständnis

Das Bahaitum, auch Bahaismus oder Bahai-Religion genannt, ist eine weltweit verbreitete universale Religion. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Bahāʾullāh gegründet. Ihr zentraler Gedanke ist die Einheit der Menschheit in ihrer Vielfalt. Bahāʾullāh fordert dazu auf, die Erde als „nur ein Land und alle Menschen [als] seine Bürger“ zu betrachten. Daraus folgt für Bahai das Ziel, eine friedliche und gerechte Weltgesellschaft mitzugestalten.

Die Bahai glauben an einen allwissenden und allliebenden Gott, dessen Wesen für Menschen letztlich unergründlich bleibt. Die Stifter großer Religionen, darunter Mose, Jesus Christus, Mohammed, der Bāb und Bahāʾullāh, gelten als Boten desselben Gottes. Sie werden auch „Manifestationen Gottes“ genannt: Durch sie erfahren Menschen Gottes Willen und werden in ihrer jeweiligen geschichtlichen Lage weitergeführt.

Die Heiligen Stätten der Bahai in Haifa und Westgaliläa, darunter die Schreine des Bāb und Bahāʾullāhs, gehören zum UNESCO-Welterbe. Der Schrein Bahāʾullāhs in Bahji bei Akkon ist der wichtigste Pilgerort der Bahai und bestimmt die Gebetsrichtung für die Pflichtgebete.

Entstehung und frühe Geschichte

Die Geschichte des Bahai-Glaubens begann in Iran mit dem Bāb und Bahāʾullāh. Der Bāb, mit bürgerlichem Namen Siyyid ʿAli Muhammad Schirāzi, wurde am 20. Oktober 1819 in Schiras geboren. Am 22. Mai 1844 erklärte er, Träger einer Offenbarung Gottes zu sein. Er kündigte das nahe Auftreten eines verheißenen Gottesboten an, den er „Dessen, den Gott offenbaren wird“ nannte. Seine Bewegung stellte einen Bruch mit religiösen und sozialen Traditionen des Islam dar, was 1848 bei einer Versammlung in Badascht besonders sichtbar wurde.

Innerhalb weniger Jahre schlossen sich bis zu 100.000 Menschen der Bābī-Bewegung an. Die religiöse und politische Führung des Iran reagierte mit harter Verfolgung; Tausende wurden gefoltert und ermordet. Der Bāb wurde verhaftet, verbannt und am 9. Juli 1850 in Täbris erschossen.

Bahāʾullāh, mit bürgerlichem Namen Mirzā Husain-ʿAli Nuri, wurde am 12. November 1817 in Teheran geboren. Er nahm 1844 die Religion des Bāb an. 1852 wurde er fälschlich einer Beteiligung an einem Attentat auf den Schah beschuldigt und im Siyāh-Tschāl, dem „Schwarzen Loch“, eingekerkert. Dort berichtete er später vom Beginn seiner göttlichen Offenbarung. Nach seiner Freilassung wurde er 1853 nach Bagdad verbannt. Dort stärkte er die Bābī-Gemeinde moralisch und organisatorisch. Aus dieser Zeit stammen wichtige Schriften wie die Sieben Täler, die Verborgenen Worte und das Buch der Gewissheit, in dem er unter anderem die Einzigkeit Gottes, die Einheit der Propheten, die fortdauernde göttliche Offenbarung und die Relativität religiöser Wahrheit erläutert.

Am 21. April 1863 begann Bahāʾullāh vor seiner Weiterverbannung einen zwölftägigen Aufenthalt im Garten Ridvān am Tigris. Dort erklärte er, der vom Bāb verheißene Bote Gottes für die heutige Zeit zu sein. Danach wurde er über Istanbul und Edirne weiter verbannt. Ab 1867 richtete er Sendschreiben an Könige und Herrscher, rief zu Gerechtigkeit, Abrüstung, einem Staatenbund und dem Ende des Krieges auf und warnte vor tiefgreifenden Umwälzungen. 1868 wurde er nach Akkon im heutigen Israel verbannt. Dort und in der Umgebung verbrachte er den Rest seines Lebens. 1873 vollendete er den Kitab-i-Aqdas, das „Heiligste Buch“, das als wichtigste Schrift Bahāʾullāhs gilt. Er starb am 29. Mai 1892 in Bahji bei Akkon.

Nachfolge und weltweite Leitung

Die Bahai bezeichnen die Regelung der Nachfolge Bahāʾullāhs als „Bund Bahāʾullāhs“. Dieser Bund soll die Einheit der Bahai-Gemeinde bewahren und das Ziel der Offenbarung fördern: das Wohl und die Einheit der Menschheit sowie den Geist der Liebe und Verbundenheit unter den Menschen.

Bahāʾullāh ernannte seinen ältesten Sohn ʿAbdul-Bahāʾ (1844–1921) zum „Mittelpunkt des Bundes“ und ordnete die Errichtung des Universalen Hauses der Gerechtigkeit an. ʿAbdul-Bahāʾ war von 1892 bis 1921 Oberhaupt der Religion. Er durfte Bahāʾullāhs Schriften verbindlich auslegen und gilt den Bahai als vollkommenes Vorbild. Unter ihm breitete sich der Bahai-Glaube weiter aus, auch im Westen. Er setzte sich besonders für Frieden, Bildung, den Abbau von Vorurteilen, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie internationale politische Institutionen ein. 1913 besuchte er Deutschland und Österreich.

Nach ʿAbdul-Bahāʾ wurde sein ältester Enkel Shoghi Effendi (1897–1957) Oberhaupt des Bahai-Glaubens. Er war von 1921 bis 1957 tätig und ebenfalls zur verbindlichen Auslegung der Bahai-Schriften befugt. In seiner Amtszeit verbreitete sich der Bahai-Glaube in nahezu alle Länder der Erde. Er förderte lokale und nationale Gremien, gestaltete die Heiligen Stätten und das Weltzentrum in Haifa und Akkon und übersetzte wichtige Schriften Bahāʾullāhs ins Englische. Seit 1948 ist die Internationale Bahá’í-Gemeinde offiziell als Nichtregierungsorganisation bei den Vereinten Nationen anerkannt.

Shoghi Effendi starb am 4. November 1957, ohne einen Nachfolger als Hüter zu benennen. Damit war die autoritative Auslegung der offenbarten Bahai-Texte abgeschlossen. Von 1957 bis 1963 verwaltete die Institution der Hände der Sache Gottes die Weltgemeinde. Seit 1963 ist das Universale Haus der Gerechtigkeit Oberhaupt der Religion. Es wird alle fünf Jahre gewählt; die erste Wahl fand am 21. April 1963 statt. Es darf die Lehren anwenden und weiterführende Regelungen treffen, aber keine autoritative Auslegung der Lehren vornehmen.

Die Ausbreitung wird im Artikel mit Zahlen beschrieben: Die Religion des Bāb war 1850 in 2 Ländern verbreitet, der Bahai-Glaube zu Bahāʾullāhs Lebzeiten bis 1892 in 13 Ländern, zu ʿAbdul-Bahāʾs Lebzeiten bis 1921 in 20 Ländern und am Ende von Shoghi Effendis Amtszeit 1957 in 219 Ländern. Heute ist das Bahaitum weitgehend in jedem Land vertreten. Die Weltgemeinde gab 2021 mehr als fünf Millionen Mitglieder an; die Encyclopedia Britannica nannte 2014 eine Schätzung von 7,8 Millionen Anhängern.

Lehre über Mensch, Gott und Religion

Die Bahai-Lehre will den Charakter jedes Menschen fördern und Menschen befähigen, an einer friedlichen, geeinten und zugleich geistig und materiell fortschreitenden Weltgesellschaft mitzuwirken. Als autoritative Grundlage gelten die Schriften Bahāʾullāhs und des Bāb, die als offenbartes Wort Gottes betrachtet werden, außerdem die Ausführungen ʿAbdul-Bahāʾs, Shoghi Effendis und des Universalen Hauses der Gerechtigkeit.

Nach der Bahai-Lehre ist die „vernunftbegabte Seele“ die wahre Identität des Menschen. Sie ist unabhängig von Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit. Der Mensch wird als „Bergwerk reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert“ verstanden: Er besitzt Talente und Fähigkeiten, die durch Bildung und freien Willen entfaltet werden können. Der tiefere Sinn des Lebens liegt darin, Gott anzuerkennen, zu lieben und ihm näherzukommen. Dazu gehören Gebet, Meditation und praktischer Dienst an der Gesellschaft. Nach dem physischen Tod lebt die Seele unabhängig von Raum und Zeit weiter.

Gott wird in den Bahai-Schriften als Schöpfer des Universums beschrieben, allwissend und allliebend. Seine Wirklichkeit kann der menschliche Verstand nicht begreifen. Die Manifestationen Gottes, darunter Abraham, Moses, Zarathustra, Krishna, Siddhartha Gautama, Jesus Christus, Mohammed, der Bāb und Bahāʾullāh, vermitteln den Menschen Gottes Willen. Alle Religionen haben nach diesem Verständnis einen gemeinsamen göttlichen Ursprung, werden aber je nach den Bedürfnissen einer bestimmten Zeit offenbart.

Ein wichtiges Prinzip ist die Harmonie von Wissenschaft und Religion. Religion ohne Wissenschaft führe zu Aberglauben und Fanatismus, Wissenschaft ohne Religion zu Materialismus. Beide sollen zusammenwirken, damit Zivilisation fortschreiten kann.

Universeller Friede gilt als höchstes Ziel der Menschheit. Dafür nennt die Bahai-Lehre unter anderem die Abschaffung aller Vorurteile, die Gleichheit von Mann und Frau, die unabhängige Suche nach Wahrheit, eine Welthilfssprache, weltweiten Zugang zu Bildung, die Abschaffung extremer Unterschiede von Reichtum und Armut sowie Gerechtigkeit auf allen Ebenen. Der „Dreh- und Angelpunkt“ der Bahai-Lehre ist die Einheit der gesamten Menschheit. Diese Einheit bedeutet nicht Gleichförmigkeit, sondern schließt die Wertschätzung von Vielfalt ein.

Praxis, Gemeinde und andere Religionen

Die Glaubenspraxis der Bahai beruht auf zwei miteinander verbundenen Zielen: die eigene geistige und intellektuelle Entwicklung zu fördern und zum konstruktiven Wandel der Gesellschaft beizutragen. Einzelne sollen täglich beten, ihr Handeln reflektieren, Wissen vertiefen und sich um Uneigennützigkeit und Vorurteilsfreiheit bemühen. Einen Klerus gibt es nicht; jeder Mensch soll selbstständig nach Wahrheit suchen.

Gemeindeleben und Dienst an der Gesellschaft gelten als eng verbunden. Bahai organisieren Andachtsversammlungen, die allen Menschen offenstehen sollen. Bahai-Andachtshäuser heißen Mashriqu’l-Adhkár; sie sind Kuppelbauten mit neun Eingängen und sollen mit sozialen Einrichtungen verbunden sein. Seit 1996 unterstützen Bahai weltweit eine Bildungseinrichtung an der Basis, die Menschen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit zum Dienst an ihrer Umgebung befähigen soll.

Die Familie gilt als Keimzelle der Gesellschaft. Kinder sollen zu verantwortungsvollen Menschen erzogen werden; zugleich trägt auch die Gemeinde Verantwortung dafür, dass Kinder vorurteilsfrei und weltoffen aufwachsen. Jugendliche werden als besonders wichtig für Gemeindeleben und gesellschaftlichen Wandel betrachtet.

Die Verwaltungsordnung der Bahai geht auf Bahāʾullāhs Schriften zurück. Es gibt gewählte und ernannte Institutionen. Gremien aus neun Personen kümmern sich auf lokaler und nationaler Ebene um Gemeindeangelegenheiten; sie werden jährlich gewählt, wobei Wahlwerbung und Nominierungen verboten sind. Die „Institution der Berater“ besteht aus ernannten Personen mit anerkannter Erfahrung und Fähigkeit. Eine wichtige lokale Versammlung ist das „Neunzehntagefest“ zu Beginn jedes Bahai-Monats; es umfasst Gebet, Beratung und geselliges Beisammensein.

Zu anderen Religionen sollen Bahai im „Geiste des Wohlwollens und der Brüderlichkeit“ stehen. Religion soll nach Bahai-Verständnis das Wohl der Menschheit sichern, Einheit fördern und Liebe und Verbundenheit stärken. Religiös begründete Konflikte widersprechen diesem Ziel. Bahai beteiligen sich deshalb am interreligiösen und interkulturellen Dialog, um gemeinsame Prinzipien herauszuarbeiten und an einer friedlicheren und gerechteren Welt mitzuwirken.

Verfolgung und Einordnung im deutschsprachigen Raum

Die Verfolgung der Bahai begann im Iran bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Seit der Islamischen Revolution beschreibt der Artikel eine kontinuierliche, systematische, mehrdimensionale und staatlich geförderte Verfolgung mit dem Ziel, die Bahai-Gemeinde zu zerstören. Genannt werden unter anderem Mord und Hinrichtungen, Verhaftungen, Verhöre, Kündigungen, wirtschaftliche Unterdrückung, Falschinformationen, Ausschluss aus Bildungseinrichtungen sowie Beschlagnahme von Eigentum und heiligen Stätten. Am 18. Juni 1983 wurden in Schiras zehn großteils junge Frauen, darunter die 17-jährige Mona Mahmudnizhad, durch Erhängen hingerichtet. Seit 2005 habe die Verfolgung weiter deutlich zugenommen.

Die Reaktion der iranischen Bahai-Gemeinde wird als „konstruktive Resilienz“ beschrieben. Wegen des Ausschlusses von Universitäten gründeten Bahai das Bahá'í Institute for Higher Education (BIHE). Zugleich versuchen sie, Hass und Ressentiments zu vermeiden und durch Bildung, Gemeinwohlorientierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu handeln. Bahai sollen staatlichen Gesetzen gehorchen, soweit sie dadurch nicht die geistigen Prinzipien ihres Glaubens verleugnen müssen.

Von der systematischen staatlichen Verfolgung im Iran unterscheidet der Artikel Diskriminierung und Einschränkungen in anderen Ländern. Im Jemen wird jedoch eine in vielerlei Hinsicht vergleichbare Verfolgungslage genannt. Für Ägypten berichtet der Artikel unter Bezug auf einen UN-Report vom Frühjahr 2026 von staatlichen Repressalien, besonders bei Eheschließungen; im April 2026 habe das Oberste Gericht ein Urteil aufgehoben, das Eheschließungen im Bahaitum anerkannt hatte.

Im deutschsprachigen Raum wird das Bahaitum in der heutigen religionswissenschaftlichen Forschung als eigenständige Weltreligion, Universalreligion und „abrahamitischer Monotheismus eigener Prägung“ betrachtet. Ältere Darstellungen ordneten es teils als „islamische Sekte“ ein, was der Artikel als Fehleinschätzung beschreibt. In der Forschung und im Dialog wurden später sachgerechtere Grundlagen entwickelt. Zugleich gibt es kritische Fragen zum von der Bahai-Gemeinde vertretenen Einheitsgedanken und zur hierarchisch organisierten Weltgemeinde, besonders im Blick auf Autorität, Gehorsam und Unfehlbarkeit.

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