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Sikhismus

Die Sikh-Religion (Panjabi ਸਿੱਖੀ sikhī) ist eine im 15. Jahrhundert entstandene monotheistische Religion, die auf den Gründer Guru Nanak Dev zurückgeht.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Verbreitung
  2. 2. Praxis und Alltag
  3. 3. Heilige Schrift und Glauben
  4. 4. Lebensführung und Werte
  5. 5. Geschichtliche Entwicklung
  6. 6. Missverständnisse und Selbstverständnis

Grundidee und Verbreitung

Der Sikhismus, auch Sikh-Religion genannt, ist eine im 15. Jahrhundert im Punjab in Nordwestindien entstandene monotheistische Religion. Er geht auf Guru Nanak Dev zurück. Weltweit gab es 2007 rund 25 bis 27 Millionen Sikhs. Das Wort Sikh bedeutet „Schüler“. Zentrale Symbole sind das Khanda und das Ik Onkar, das den Grundsatz der Einheit Gottes ausdrückt.

Die Sikh-Religion verehrt einen einzigen gestaltlosen, geschlechtsneutralen Schöpfergott. Sie betont die Einheit der Schöpfung, lehnt Aberglauben, traditionelle religiöse Riten und das Kastensystem ab und will religiöse Weisheit praktisch im Alltag nutzbar machen. Die Lehren Guru Nanaks und der neun nachfolgenden Gurus sind im Sri Guru Granth Sahib überliefert. Die Gurus verstanden ihre Lehre als eigenständigen Weg, der über die damals dominierenden Traditionen wie Hinduismus, Islam und Buddhismus hinausgehen sollte.

Über 80 Prozent der Sikhs leben in ihrer Ursprungsregion, vor allem in Punjab, Haryana, Delhi und Chandigarh. Von knapp 19 Millionen indischen Sikhs leben 75 Prozent im Bundesstaat Punjab. In Indien bilden Sikhs mit rund zwei Prozent Bevölkerungsanteil die viertgrößte Religionsgemeinschaft. Größere Gemeinschaften gibt es außerdem in Kanada, Großbritannien, Malaysia, Singapur, Thailand, Deutschland, Frankreich und Italien.

Praxis und Alltag

Praktizierende Sikhs, besonders Männer, sind oft am kunstvoll gebundenen Turban, dem Dastar, zu erkennen. Er wird zusammen mit ungeschnittenem Haar getragen und steht für Weltzugewandtheit, Würde und Respekt vor der Schöpfung. Jungen erhalten zwischen 12 und 16 Jahren in der Dastar-bandi-Zeremonie im Gurdwara ihren ersten Turban. Manche Sikh-Frauen tragen ebenfalls einen Dastar.

Sikhs, die in die Bruderschaft des Khalsa Panths aufgenommen sind, heißen Amritdharis und tragen die fünf Ks: Kesh, das ungeschnittene gepflegte Haar; Kangha, ein Holzkamm als Zeichen von Disziplin und Reinheit; Kirpan, Dolch oder Schwert als Zeichen des Schutzes Schwacher und Unschuldiger; Kara, ein eiserner Armreif als Erinnerung an die Bindung an Gott und an rechtes Handeln; Kachera, eine knielange Unterhose als Zeichen ehelicher Treue und Kontrolle von Lust.

Bei der Namensgebung tragen Sikh-Männer traditionell Singh („Löwe“) und Frauen Kaur („Prinzessin“; grammatikalisch richtig: Prinz). Guru Gobind Singh führte diese Praxis im 17. Jahrhundert ein, um der sozialen Hierarchie des Kastensystems etwas entgegenzusetzen. Viele Sikhs verwenden zusätzlich einen Familiennamen, Herkunftsnamen, Berufsnamen oder den Zunamen Khalsa.

Ein Gurdwara, wörtlich „Tor zum Guru“, ist Gebets- und Schulstätte der Sikhs. Er steht allen Menschen unabhängig von ihrer Religion offen. Beim Betreten ist eine Kopfbedeckung Pflicht. Vor dem Guru Granth Sahib verbeugen sich viele aus Ehrerbietung; eine Spende ist üblich, aber freiwillig. Männer und Frauen sitzen meist getrennt auf dem Boden im Schneidersitz. Morgens, mittags und abends gibt es oft das gemeinsame vegetarische Mahl Langar, das aus Spenden finanziert und ehrenamtlich zubereitet wird. Typische Bestandteile sind Dal, Chapati roti, manchmal Reis und Sabji. Während der Gottesdienste wird aus dem Guru Granth Sahib vorgelesen; dies übernimmt ein Granthi, der Mann oder Frau sein kann.

Heilige Schrift und Glauben

Der Guru Granth Sahib ist die zentrale heilige Schrift der Sikhs und gilt seit 1708 als ewiger Guru. Er enthält Schriften der Gurus und von Heiligen und Weisen verschiedener sozialer Herkunft, den Bhagats. Guru Arjan stellte 1604 den Adi Granth zusammen; Guru Gobind Singh ergänzte später die Schriften des 9. Gurus. Die heutige Standardausgabe umfasst 1430 Seiten und ist in Gurmukhi geschrieben. Sie enthält unter anderem Panjabi, Hindi und Braj und ist nach Autoren, Themen und musikalischen Melodiefolgen geordnet. Die Hymnen sind in 31 Kapitel gegliedert, denen jeweils ein rag für den musikalischen Vortrag zugeordnet ist.

Die Grundüberzeugungen sind im Guru Granth Sahib in dichterischer, bildhafter Sprache festgehalten. Im Mittelpunkt stehen Gottvertrauen, spirituelle Weisheit im Alltag und drei Grundprinzipien Guru Nanaks: Naam Japo oder Naam Simran, also Rezitation, Chanten und Meditation auf Naam, die göttliche Substanz und den Namen Gottes Waheguru; Kirat Karo, ehrliche und harte Arbeit; Wand Chakko, das Teilen mit anderen, besonders mit weniger Begünstigten.

Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Mul Mantar, dem „Wurzel-Mantra“: Es bekennt einen Gott, dessen Name Wahrheit ist, der Schöpfer ist, ohne Furcht und ohne Hass, unsterblich, ohne Geburt und Tod und durch den wahren Guru offenbart. Gott wird als gestaltlos, geschlechtslos, unendlich, feindlos, namenlos, transzendent, immanent und allgegenwärtig beschrieben. Die Schöpfung gilt als vom Göttlichen durchdrungen und heilig.

Sikhs glauben, dass Menschen und Tiere eine Seele haben, die in verschiedene Lebensformen wiedergeboren werden kann. Der Kreislauf der Wiedergeburt gilt als leidvoll. Ziel des Menschen ist es, diesem Kreislauf zu entkommen und die Seele mit Gott eins werden zu lassen, indem man dem Weg der Gurus folgt und Erleuchtung erlangt. Gleichzeitig betont Guru Nanak, dass das Hier und Jetzt zählt und Spekulationen über Vergangenheit oder frühere Leben sinnlos sind.

Lebensführung und Werte

Der Sikhismus verbindet religiöses Leben mit Alltag, Familie und Arbeit. Er lehnt Askese ab und akzeptiert materielle Bedürfnisse. Ehrliche Arbeit gilt als Weg zur Erlösung. Persönlicher Reichtum ist kein Hindernis für das spirituelle Leben, solange das Leben tugendhaft bleibt und der Ertrag der Arbeit mit anderen geteilt wird. Brüderlichkeit gilt auch gegenüber Nichtgläubigen.

Wichtige Tugenden sind ein sozial ausgerichtetes Familienleben, ehrlicher Lebensunterhalt, lebenslange spirituelle Entwicklung, Dienst an Mitmenschen und Einsatz gegen soziale Ungerechtigkeit. Frauen und Männer haben gleiche Rechte und Pflichten. Rituale, Pilgerfahrten, Aberglaube, Okkultismus, Asketentum, religiöses Spezialistentum, Mönchs- und Nonnentum sowie Mittler zwischen Mensch und Schöpfer werden abgelehnt.

Die Sikh-Religion geht davon aus, dass jede Tat und jeder Gedanke Folgen hat, ähnlich dem Prinzip von Karma. Das Haupthindernis für inneren und sozialen Frieden ist das Festhalten am eigenen Ich und an weltlichen Dingen, Maya. Erlösung, Mukti, bedeutet ein erwachtes Bewusstsein, das die Trennung von allem Existierenden als Illusion erkennt und die Einheit der Schöpfung schon im Leben erfährt.

Beim Essen gibt es unterschiedliche Haltungen: Manche Sikhs essen Fleisch, andere leben vegetarisch. Abgelehnt wird Fleisch von rituell getöteten Tieren, also Halāl-Fleisch und koscheres Fleisch. Der Sikh Rehat Maryada, ein Verhaltenskodex, verbietet Tabak, alkoholische Getränke und andere Drogen, die den Geist beeinflussen.

Geschichtliche Entwicklung

Guru Nanak wurde 1469 in Talwandi, dem heutigen Nankana Sahib in Pakistan, geboren. Schon früh stellte er religiöse Rituale, Dogmen, heilige Schriften wie Simrats und Veden sowie die Einteilung der Gesellschaft in Kasten infrage. Mit fast vierzig Jahren begann er ausgedehnte Reisen; Überlieferungen berichten von Besuchen in Mekka, im heutigen Irak, in Afghanistan und Europa. Am Ende seines Lebens gründete er Kartarpur im heutigen pakistanischen Punjab. Ihm folgten neun Gurus: Guru Angad Dev, Guru Amar Das, Guru Ram Das, Guru Arjan Dev, Guru Har Gobind, Guru Har Rai, Guru Har Krishan, Guru Tegh Bahadur und Guru Gobind Singh.

Unter den Gurus wurden die Sikhs zu einer religiösen und später auch politischen Kraft in Nordwestindien. Sie kritisierten bestehende religiöse Traditionen, lehnten das Kastenwesen ab, stärkten die Stellung von Frauen, boten religionsübergreifende Unterweisung und Freiküchen an, führten Landreformen durch und prägten eigene Münzen. Nach dem Tod des Mogulkaisers Akbar I. 1605 verschärfte sich die Lage. 1606 wurde Guru Arjan auf Befehl Jahangirs zu Tode gefoltert. 1675 wurde Guru Tegh Bahadur in Delhi hingerichtet. Guru Gobind Singh gründete um 1699 die Khalsa-Bruderschaft, deren Mitglieder die fünf Kakars tragen sollten. Was genau am Gründungstag geschah, ist in den Quellen nicht eindeutig; sie stimmen aber in der Gründung der Khalsa, der Initiation vieler Sikhs und der neuen Namensgebung Singh und Kaur überein.

Nach dem Tod Guru Gobind Singhs 1708 nahmen Unruhen und Verfolgungen zu. Ahmad Schah Durrani fiel mehrfach in Nordindien ein; mehrere zehntausend Sikhs starben. Ranjit Singh wurde 1799 Herrscher des Punjabs, doch nach seinem Tod 1839 zerfiel sein Reich. Nach dem Ersten und Zweiten Sikh-Krieg annektierten die Briten 1849 den Punjab. Ab 1873 bemühte sich die Singh-Sabha-Bewegung, die Lehren der Gurus wieder stärker bekannt zu machen und die Kontrolle über historische Gurdwaras zurückzugewinnen. Aus dieser Zeit gingen wichtige religiöse und politische Organisationen hervor, darunter das Shiromani Gurdwara Parbandhak Committee und die Partei Akali Dal.

Nach der Unabhängigkeit Indiens am 15. August 1947 wurden Indien und Pakistan sowie der Punjab geteilt. Viele Sikhs mussten aus dem pakistanischen in den indischen Teil umsiedeln; bei Unruhen starben viele Menschen. 1966 erhielten die Sikhs nach Protesten die Punjabi-Suba, eine eigene Sprachprovinz. 1973 forderten Sikh-Führer in der Anandpur Sahib Resolution unter anderem Chandigarh als Hauptstadt des Punjabs, mehr Autonomie und eine Änderung von Artikel 25 der indischen Verfassung. In den 1980er Jahren eskalierten Konflikte zwischen der indischen Regierung und Sikh-Gruppierungen. Am 3. Juni 1984 stürmten indische Truppen den Harimandir Sahib in Amritsar, den Goldenen Tempel, in der Operation Blue Star. Die Opferzahlen sind umstritten: Die indische Armee nannte mehrere hundert Sikhs und 83 indische Soldaten, von Sikh-Seite wurden bis zu 5000 genannt. Nach der Ermordung Indira Gandhis am 31. Oktober 1984 durch zwei Sikh-Leibgardisten kam es zu Pogromen, bei denen tausende Sikhs getötet wurden. Erst Anfang der 1990er Jahre beruhigte sich die Lage im Punjab. 2004 wurde Manmohan Singh als erster Sikh Ministerpräsident Indiens.

Missverständnisse und Selbstverständnis

Der Sikhismus wird häufig falsch eingeordnet, etwa als Variante des Hinduismus. Wegen des Turbans werden Sikhs manchmal auch mit Muslimen verwechselt. Der Artikel betont, dass viele Darstellungen auf zweifelhaften Quellen, ungenauen Übersetzungen oder ethnozentristischen Deutungen seit dem 19. Jahrhundert beruhen. Die Sprache und Metaphern des Guru Granth Sahib seien ohne Hintergrundwissen schwer angemessen zu verstehen.

Umstritten ist in der Forschung und öffentlichen Darstellung auch die Frage nach den Ursprüngen des Sikhismus. Manche Veröffentlichungen führen ihn auf Bhakti-Bewegung, Sufismus, Sant Mat oder Vishnuismus zurück oder beschreiben ihn als Synkretismus aus hinduistischen und islamischen Traditionen. Die Gurus, ihre Anhänger und heutige Sikhs sehen den Sikhismus dagegen als eigenständige religiöse Lebensweise.

Eine weitere Fehlwahrnehmung ist die Einordnung der Sikhs als „Kriegerkaste“. Historische Dokumente zeigen laut Artikel, dass die Gurus Gewalt aus aggressiven Motiven ablehnten, aber Selbstverteidigung als menschliches Grundrecht ansahen. Die britische Kolonialherrschaft ordnete Sikhs später den sogenannten martial races zu; 1894 stellten Sikhs 18 Prozent und 1914 30 Prozent der Soldaten und Offiziere der Armee Britisch-Indiens. Noch heute stellen Sikhs etwa 10 bis 15 Prozent des Personals der Indischen Streitkräfte und 20 Prozent des Offizierskorps.

Im Sikhismus sind Religion und Nation eng verbunden. Während Sikhs seit dem 19. Jahrhundert eine mit ihrer Religion verknüpfte nationale Identität betonen, erkennt die indische Mehrheitsbevölkerung sie meist als eigene Religion, aber nicht als Nation an. In der Forschung vermischen sich religiöse, politische und akademische Perspektiven teilweise, was die Deutung der Sikh-Identität zusätzlich erschwert.

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