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Shintō

Shintō (jap. 神道, wird im Deutschen meist übersetzt mit „Weg der Götter“) – auch als Shintoismus bezeichnet – ist die ethnische Religion der Japaner (siehe …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Wesen und religiöse Grundlagen
  2. 2. Schreine, kami und Erkennungszeichen
  3. 3. Entwicklung von der lokalen kami-Verehrung zum Staats-Shintō
  4. 4. Ethik und religiöser Alltag
  5. 5. Anhängerschaft und wichtige Schreine

Wesen und religiöse Grundlagen

Shintō, auch Shintoismus genannt, ist die ethnische Religion der Japaner. Der Name wird meist mit „Weg der Götter“ übersetzt. Shintō richtet sich an die einheimischen japanischen Gottheiten, die kami. Diese sind zahlenmäßig unbegrenzt und können als Menschen, Tiere, Gegenstände oder abstrakte Wesen erscheinen. Deshalb wird Shintō als polytheistische, animistische oder theophanische Religion beschrieben.

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem Buddhismus ist die Diesseitsbezogenheit: Shintō konzentriert sich vor allem auf das Leben in dieser Welt. Der klassische Shintō besitzt keine heiligen Schriften im Sinn eines verbindlichen religiösen Kanons und wird weitgehend mündlich überliefert. Das Kojiki von 712 und das Nihonshoki von 720 sind historisch-mythologische Zeugnisse. Einige shintōistisch geprägte Neureligionen betrachten sie jedoch als heilig.

Shintō war historisch keine einheitliche Religion, sondern eine Verbindung vieler lokaler Kulte und Glaubensformen, die zudem buddhistische und konfuzianische Elemente aufnahmen. Erst seit der Meiji-Restauration wurde er staatlich als einheitliche, rein japanische „Urreligion“ gedeutet. Eine genaue Definition ist weiterhin umstritten. Im weitesten Sinn gilt Shintō als Urreligion Japans, im engeren Sinn als ein aus einheimischer Religion und chinesischen Elementen zu politischen Zwecken entwickeltes System.

An der Spitze der Schreinhierarchie steht der Ise-Schrein, in dem Amaterasu, die Sonnengottheit und mythische Urahnin des Tennō, verehrt wird. Der Tennō gilt traditionell als Oberhaupt des Shintō; heute hat diese Rolle nur noch nominelle Bedeutung. Ihre größte politische Bedeutung besaß sie im Staats-Shintō vor dem Zweiten Weltkrieg.

Schreine, kami und Erkennungszeichen

Da Shintō weder eine Gründerfigur noch ein festes Dogma besitzt, liegen die gemeinsamen Merkmale vor allem im Ritus und in der Architektur. Das wichtigste identitätsstiftende Merkmal ist der Shintō-Schrein. Im engeren Sinn ist ein Schrein ein Bauwerk, in dem ein göttlicher Verehrungsgegenstand, der shintai, aufbewahrt wird. Im weiteren Sinn bezeichnet der Begriff eine Anlage mit Haupt- und Nebenschreinen sowie weiteren religiösen Gebäuden.

Typische Erkennungszeichen sind:

  • Torii sind schlichte Tore aus zwei Pfeilern und zwei Querbalken. Sie markieren den Zugang zu einem für die kami reservierten Bereich.
  • Shimenawa sind geflochtene „Götterseile“, die häufig Bäume oder Felsen umgeben oder an Torii und Gebäuden angebracht sind.
  • Shide oder gohei bestehen meist aus weißem, zickzackförmig gefaltetem Papier. Sie dienen als Dekoration und können symbolische Opfergaben darstellen.

Schreine im archaischen Stil besitzen teilweise X-förmige Dachbalken, chigi genannt, und ellipsoide Querhölzer entlang des Dachfirstes, die katsuogi heißen. Die shintai gelten als Sitz oder Wohnort der verehrten Gottheit und werden niemals öffentlich gezeigt. Es kann sogar vorkommen, dass die Priester eines Schreins ihr Aussehen nicht kennen. Als shintai dienen unter anderem Bronzespiegel, Schwerter, die Krummjuwelen magatama, Statuen oder andere Gegenstände.

Shintō-Priester tragen Zeremonialgewänder, die sich von den Amtsroben höfischer Beamter des japanischen Altertums ableiten. Kennzeichnend sind unter anderem schwarze Papierkopfbedeckungen wie tate-eboshi und kanmuri sowie das hölzerne Zepter shaku. Auch die traditionellen Zeremonialgewänder des Tennō enthalten diese Elemente.

Entwicklung von der lokalen kami-Verehrung zum Staats-Shintō

Die ältesten japanischen Mythen weisen auf eine frühe Verehrung von Bergen, Felsen, Bäumen, Nahrungsgottheiten und Naturkräften hin. Der Ausdruck yao yorozu bedeutet wörtlich „acht Millionen“, ist aber im Sinn von „unzählbar“ oder „unüberblickbar“ zu verstehen. Er zeigt, dass die damalige Religion kein geschlossenes System war. Die prähistorische Religion dürfte mit der Jōmon- und Yayoi-Kultur sowie mit austronesischen, koreanischen, sibirisch-schamanistischen und chinesischen Traditionen verbunden gewesen sein. Japan war damals nicht von einer einzigen ethnisch homogenen Gruppe bewohnt. Der sogenannte „Ur-Shintō“ bestand daher wahrscheinlich aus vielen regional unterschiedlichen Traditionen. Die Forschung verwendet für diese Zeit oft eher den neutralen Begriff „kami-Verehrung“.

Eine gewisse Vereinheitlichung erfolgte mit der Entstehung des frühen japanischen Staates, dessen formative Phase um das Jahr 700 abgeschlossen war. Im 5. und 6. Jahrhundert verband die sich durchsetzende Tennō-Dynastie die Kulte lokaler Clan-Gottheiten mit Ahnenverehrung, konfuzianischer Moral, daoistischer Kosmologie und buddhistischem Erlösungsglauben. Die Mythen des Kojiki und Nihonshoki erzählen, wie Izanagi und Izanami die japanischen Inseln und die Gottheiten erschaffen. Amaterasu beherrscht die „himmlischen Gefilde“ Takamanohara; ihr Enkel steigt zur Erde herab und begründet die dauerhafte Dynastie des Tennō. Diese Verbindung von Landes- und Kaiserursprung blieb für spätere Shintō-Systeme zentral.

Der im 6. und 7. Jahrhundert eingeführte Buddhismus wurde bald mit der kami-Verehrung verbunden. Besonders Tendai und Shingon deuteten kami als Inkarnationen oder Manifestationen von Buddhas und Bodhisattvas. Nach der Lehre von „Urform und herabgelassener Spur“ (honji-suijaku) galten Buddhas als Urformen und kami als ihre herabgelassenen Spuren. Zwischen der späteren Heian-Zeit und 1868 standen die meisten Schreine unter buddhistischer Aufsicht; kleinere Schreine wurden oft von buddhistischen Mönchen oder Laien betreut. Der Ise-Schrein behielt eine Sonderstellung.

Im Mittelalter entstanden mit Ise- beziehungsweise Watarai-Shintō, Ryōbu-Shintō und Yoshida-Shintō erste Theologien, die kami unabhängiger vom Buddhismus erklären wollten. Im 17. Jahrhundert verbanden konfuzianische Gelehrte die Lehren Zhu Xis mit der Verehrung einheimischer Gottheiten. Die Kokugaku des 18. und 19. Jahrhunderts strebte eine Reinigung des Shintō von indischen und chinesischen Einflüssen an und wurde zur Wegbereiterin des Staats-Shintō. Im Alltag blieb der shintō-buddhistische Synkretismus jedoch bis ins 19. Jahrhundert vorherrschend.

Die Meiji-Restauration von 1868 machte Shintō zu einem nationalen Kult und einem Instrument zur Stärkung der Macht des Tennō. Das Gesetz zur „Trennung von kami und Buddhas“ (Shinbutsu Bunri) verbot die gemeinsame Verehrung buddhistischer und shintōistischer Heiligtümer. Schreine wurden landesweit auf den Tennō bezogen; Schreinbesuche galten offiziell als patriotische Pflicht und nicht als religiöser Akt. Im Militarismus der Shōwa-Zeit diente Shintō nationalistischen und kolonialistischen Zielen. Nach der Niederlage 1945 wurde Shintō als Staatsreligion verboten. 1946 verzichtete der Tennō auf jeden Anspruch auf Göttlichkeit. Institutionen mit Nähe zum Staats-Shintō bestehen jedoch weiterhin.

Ethik und religiöser Alltag

Shintō kennt nur wenige klar festgelegte ethische Konzepte. Es gibt keine schriftlich fixierten Gebote, die für alle Gläubigen oder Menschen jederzeit gelten. Auch die Verehrung des Tennō als oberster Autorität war nicht in allen Richtungen unumstritten. Als allgemeine Tendenzen gelten jedoch eine Lebensführung in Übereinstimmung mit den kami, Dankbarkeit und Verehrung sowie das Streben nach Harmonie mit ihrem Willen. Dazu gehören gewissenhafte Rituale und, besonders im Schrein-Shintō, Rücksicht auf die natürliche und soziale Umwelt.

Die kami gelten als vollkommener als Menschen, aber nicht als absolut fehlerlos. Sie können Fehler und Sünden begehen. Deshalb gibt es im Shintō keine moralischen Absoluta. Ob eine Handlung gut oder schlecht ist, hängt vom gesamten Zusammenhang ab; schlecht ist vor allem, was die bestehende Harmonie beschädigt oder zerstört.

Reinheit ist ein besonders wichtiger Wert. Physische und geistige Beschmutzung, kegare, soll vermieden werden. Reinigungsrituale, harai, stehen am Anfang aller anderen religiösen Zeremonien. Die starke Verbindung von Unreinheit und Tod führte historisch zu einer Tabuisierung des Todes. Begräbnisse werden in Japan deshalb meist von buddhistischen Geistlichen durchgeführt. Teilweise werden auch Organspenden oder Obduktionen abgelehnt, wenn dadurch die spirituelle Verbindung zu den Trauernden oder der Körper des Verstorbenen beeinträchtigt werden könnte; gegen solche Tendenzen äußern sich inzwischen auch hohe Geistliche.

Im Alltag werden Shintō und Buddhismus häufig gleichzeitig praktiziert. Shintōistische Riten gehören eher zu freudigen Anlässen wie Neujahr, Hochzeiten und Bitten um Hilfe im Alltag. Buddhistische Riten werden eher mit Todesfällen und dem Wohlergehen im Jenseits verbunden. Schreine werden gewöhnlich individuell besucht. Übliche Gesten sind Verbeugen, Händeklatschen und kleine Geldspenden. Priester werden vor allem für besondere Zeremonien gerufen, etwa zur Weihe eines Baugrunds, zur Reinigung eines Autos oder für Reinigungsrituale von Kindern rund um das Shichi-go-san-Fest am 15. November.

Den Höhepunkt des Schreinjahres bilden Matsuri, lokale Volksfeste. Sie beziehen sich häufig auf Saat und Ernte, Fruchtbarkeit, Dämonenabwehr oder lokale Mythen. Bei Umzügen wird das shintai in einen tragbaren Schrein, den Mikoshi, übertragen und durch das Dorf oder Stadtviertel getragen. Taiko-Trommeln, Feuerwerk, Sake und Wettkämpfe begleiten die Feste.

Anhängerschaft und wichtige Schreine

Die Angaben zur Anhängerschaft unterscheiden sich stark. Eine offizielle Statistik nennt für 2012 etwa 100 Millionen Gläubige, also ungefähr 80 % der japanischen Bevölkerung. Eine andere Quelle kommt auf 3,3 %, rund vier Millionen Menschen. Der Unterschied beruht auf unterschiedlichen Definitionen: Die höhere Zahl zählt Menschen, die von Schreinen als Gemeindemitglieder (ujiko) betrachtet werden und sich etwa an Neujahrsbesuchen beteiligen. Das beschreibt eher eine kulturell-ethnische Zugehörigkeit. Bei einer ausdrücklichen Frage nach dem Bekenntnis zur shintōistischen Religion fällt die Zahl deutlich niedriger aus.

Die wichtigsten Gottheiten der klassischen Mythen sind Izanagi, Izanami, Amaterasu, der Sturmgott Susanoo und der Mondgott Tsukuyomi. Die meisten heutigen Schreine sind jedoch Hachiman oder Inari geweiht. Hachiman zählt etwa 40.000 Schreine; er wurde früh vom Buddhismus gefördert und war außerdem Ahnengottheit mehrerer Shōgun-Dynastien. Inari ist eine Reisgottheit, deren meist kleine Schreine häufig von Füchsen, kitsune, bewacht werden. Tenjin-Schreine verehren den Gelehrten Sugawara no Michizane als Gott der Bildung. Amaterasu besitzt außerhalb von Ise ein großes Netz von Zweigschreinen.

Der Ise-Schrein gilt im Schrein-Shintō als höchstes Heiligtum Japans. Weitere bedeutende Anlagen sind der Izumo-Großschrein und der Meiji-Schrein in Tōkyō, in dem Kaiser Meiji und seine Gattin verehrt werden. Der Yasukuni-Schrein in Tōkyō ist politisch umstritten, weil dort die Gefallenen japanischer Kriege seit etwa 1860 und auch hingerichtete Kriegsverbrecher wie Tōjō Hideki als kami aufgenommen wurden. Besuche führender Politiker, besonders am 15. August, führen regelmäßig zu Protesten in Japan sowie in China und Korea. Trotz der staatlichen Trennung von Buddhismus und Shintō finden sich bis heute buddhistische und shintōistische Elemente in vielen religiösen Anlagen gemeinsam.

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