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Naturalismus (Philosophie)

Der Naturalismus ist die Auffassung, dass die Welt als ein rein von der Natur gegebenes Geschehen zu begreifen ist. Er geht davon aus, dass alles natürliche …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Varianten
  2. 2. Religion, Realismus und Naturwissenschaft
  3. 3. Physikalismus, Reduktion und Emergenz
  4. 4. Methoden und Erkenntnistheorie
  5. 5. Kritik und Normativität
  6. 6. Geist, Intentionalität und Ethik

Grundidee und Varianten

Naturalismus ist die Auffassung, dass die Welt als rein natürliches Geschehen zu verstehen ist: Alles hat natürliche Ursachen, und Übernatürliches gibt es nicht. Der Satz „Alles ist Natur“ bleibt zunächst offen, weil geklärt werden muss, was „Natur“ genau bedeutet. Wird Natur als physische Natur verstanden, führt das zu materialistischen oder physikalistischen Positionen: Auch Geist und Bewusstsein wären dann Teil der physischen Natur, oder sie existierten gar nicht beziehungsweise nur als Illusion.

Naturalistische Theorien orientieren sich meist an den Erklärungsmethoden der Naturwissenschaften. Typische, aber nicht zwingende Merkmale sind Realismus, Physikalismus, Religionskritik, Reduktionismus, Orientierung an naturwissenschaftlichen Methoden und Ablehnung von Metaphysik. Zwingend ist nur die Ablehnung übernatürlicher Entitäten wie Götter, Teufel, Wunder, Wiedergeburt, Karma oder unsterbliche Seelen. Als übernatürlich gilt, was nicht mit den Naturgesetzen vereinbar ist.

Häufig wird zwischen ontologischem und methodischem Naturalismus unterschieden. Ontologischer Naturalismus macht eine Aussage darüber, woraus die Welt besteht, etwa: Die Welt besteht allein aus physischen Teilchen und ihren Eigenschaften. Methodischer Naturalismus betont dagegen, dass man sich bei der Erklärung der Welt an den Methoden der Naturwissenschaften orientieren soll.

Ein naturalistisches Menschenbild wurde besonders durch Charles Darwins Evolutionstheorie populär. Später vertraten auch Marx und Engels ein materialistisches, wissenschaftliches Weltbild, wobei der Marxismus zusätzlich soziologische und politische Bestandteile enthält. Moderne Varianten, die sich stark auf Evolutions- und Humanbiologie stützen, sind die evolutionäre Erkenntnistheorie und die Soziobiologie. Kritiker bezeichnen solche Ansätze teils als biologistisch.

Religion, Realismus und Naturwissenschaft

In der Religionsphilosophie grenzt sich Naturalismus oft von religiösen und mystischen Erklärungen ab. Ein früher naturalistischer Grundgedanke lautet, dass es keine Phänomene gibt, die sich grundsätzlich einer naturwissenschaftlichen Beschreibung entziehen. Das führt zur Ablehnung eines immateriellen Gottes und übernatürlicher Phänomene wie Wunder oder übersinnliche Erfahrungen. Gleichzeitig können Religionen selbst wissenschaftlich untersucht werden, etwa als psychologische, soziale oder biologische Phänomene. Ludwig Feuerbach verstand religiöse Phänomene als sozialpsychologisch erklärbare Projektionen.

Naturalismus ist aber nicht einfach mit Atheismus gleichzusetzen. Manche Vertreter wie Daniel Dennett und Richard Dawkins verbinden Naturalismus mit offensiv atheistischen Positionen. In der heutigen Debatte spielt Religion jedoch oft nur eine Nebenrolle. Naturwissenschaften beschränken sich bewusst auf Fragen, die wissenschaftlich untersuchbar sind. Diese Beschränkung bedeutet nicht zwingend, dass alles Übernatürliche ausdrücklich als nicht existent behauptet wird; es ist dann nur nicht Gegenstand naturwissenschaftlicher Theoriebildung.

Viele naturalistische Theorien setzen Realismus voraus. Realismus bedeutet hier: Es gibt eine vom Menschen unabhängige Realität, die wissenschaftlich entdeckt und erforscht wird. Die Natur ist keine bloße Erfindung des Geistes; vielmehr ist der Geist selbst Teil der vorgefundenen Natur. Gerhard Vollmer formuliert dafür die Forderung: „So viel Realismus wie möglich“. Naturalistischer Realismus ist aber nicht notwendig naiver Realismus. Er muss nicht behaupten, dass die Welt genau so ist, wie sie uns erscheint. Kognitionswissenschaftliche Befunde zeigen etwa, dass Wahrnehmung und Gedächtnis die Welt nicht nur passiv abbilden, sondern aktiv gestalten.

Gegen Relativismus betont der Naturalismus meist, dass naturwissenschaftliche Aussagen objektive Fakten beschreiben, die nicht nur vom historischen oder sozialen Kontext abhängen. Der Satz „Die Erde hat eine kugelähnliche Form“ wäre dann nicht nur heute wahr, sondern hatte auch im Altertum dieselbe Gültigkeit. Realismus allein definiert den Naturalismus aber nicht, weil es auch realistische, nichtnaturalistische Theorien gibt.

Physikalismus, Reduktion und Emergenz

Eine wichtige naturalistische These lautet, dass die ganze Welt einschließlich des Menschen Teil der natürlichen Ordnung ist. Der Physikalismus versteht diese Ordnung als physische Ordnung: Alles, was es gibt, ist physischer Natur. Menschen, Tiere und auch geistige Vorgänge wären demnach aus kleinsten physischen Teilchen beziehungsweise physischen Prozessen zusammengesetzt. Diese Position richtet sich besonders gegen die Vorstellung eines immateriellen Geistes.

Der Reduktionismus behauptet stärker, dass alles, was Teil der natürlichen Ordnung ist, zumindest prinzipiell naturwissenschaftlich erklärbar ist. Konsequente Reduktionisten nehmen an, dass sich auch soziale, historische und geistige Phänomene durch Naturwissenschaften erklären lassen. Wenn in der Philosophie des Geistes von einer „Naturalisierung des Geistes“ gesprochen wird, ist häufig eine solche Reduktion gemeint.

Naturalismus ist jedoch nicht mit Physikalismus oder Reduktionismus identisch. Quine etwa sagte: „Ich vertrete den Physikalismus als eine wissenschaftliche Position, aber wissenschaftliche Gründe könnten mich dereinst davon abbringen, ohne mich vom Naturalismus abzubringen.“ Manche Naturalisten stellen also weniger eine bestimmte physikalische Weltthese als vielmehr die Orientierung an den Naturwissenschaften in den Mittelpunkt.

Nichtreduktive Varianten des ontologischen Naturalismus lehnen Übernatürliches ebenfalls ab, bestreiten aber, dass alle Entitäten auf natürliche Grundbestandteile reduzierbar sind. Zentral ist hier der Begriff Emergenz: Eigenschaften eines Systems können auftreten, obwohl seine einzelnen Elemente diese Eigenschaften nicht besitzen. Mentale, abstrakte und ethische Entitäten können demnach real sein und über natürlichen Entitäten supervenieren, ohne mit ihnen identisch zu sein. Supervenienz bedeutet: Höhere Eigenschaften hängen von grundlegenderen natürlichen Tatsachen ab, lassen sich aber nicht einfach auf sie reduzieren. Beispiele im Artikel sind psychisches Erleben wie Sehen, das Augen und Gehirn voraussetzt, diese wiederum biologische Evolution, Biochemie und physikalische Strukturen.

Methoden und Erkenntnistheorie

In vielen modernen Formen des Naturalismus gelten die Naturwissenschaften als besonders grundlegende Weise, die Welt zu beschreiben und zu erklären. Wilfrid Sellars formulierte: „Wenn es um die Beschreibung und Erklärung der Welt geht, sind die Naturwissenschaften das Maß aller Dinge.“ Naturalisten bestreiten dabei nicht unbedingt, dass Wissenschaft auch historisch und sozial untersucht werden kann. Sie betonen aber, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht einfach durch soziale oder historische Kontexte relativiert werden sollten.

Methodologischer Naturalismus richtet sich besonders gegen die Idee einer eigenständigen philosophischen Methode, die der empirischen Forschung vorausgeht. Quine spricht vom Verzicht auf eine der Naturwissenschaft vorgängige „Erste Philosophie“. Dazu gehört die Kritik am A priori, also an Erkenntnissen, die unabhängig von Erfahrung möglich sein sollen. Betroffen sind klassische metaphysische Argumente, etwa bei Immanuel Kant, aber auch die traditionelle analytische Begriffsanalyse, die philosophische Begriffe wie „Wissen“ oder „Rechtfertigung“ allein durch Bedeutungsanalyse klären wollte.

In der Erkenntnistheorie unterscheidet man starken und schwachen erkenntnistheoretischen Naturalismus. Der starke Naturalismus will die philosophische Analyse menschlicher Erkenntnis letztlich vollständig in empirische Kognitionswissenschaft auflösen. Quines Programm fragt nicht mehr zuerst, welche Erkenntnisse philosophisch gerechtfertigt sind, sondern wie Menschen tatsächlich aus Sinnesreizen ein Weltbild bilden. Der schwache Naturalismus will die Erkenntnistheorie dagegen nicht ersetzen, sondern durch empirische Forschung ergänzen und verändern.

Ein Beispiel ist die Debatte um Wissen. Seit Platons Theaitetos wurde Wissen oft als wahre, gerechtfertigte Meinung verstanden. Edmund Gettier zeigte 1963 mit dem Gettier-Problem, dass es Fälle geben kann, in denen jemand eine gerechtfertigte wahre Meinung hat, aber dennoch kein Wissen. Alvin Goldman schlug 1967 eine naturalistische Richtung ein: Wissen beruhe auf einer verlässlichen kausalen Verbindung zwischen Tatsache und Meinung. Wer die Lottoziehung sieht und erkennt, dass er gewonnen hat, weiß dies wegen einer passenden kausalen Verbindung; eine bloß zufällig wahre Vorhersage der Zahlen wäre kein Wissen.

Kritik und Normativität

Eine wichtige Kritik am erkenntnistheoretischen Naturalismus betrifft die Normativität. Normative Aussagen sagen, was der Fall sein sollte; deskriptive Aussagen beschreiben, was der Fall ist. Jaegwon Kim argumentiert, dass Erkenntnistheorie wesentlich normativ ist, weil sie fragt, wann Überzeugungen als gerechtfertigt gelten sollen. Naturwissenschaften beschreiben dagegen, was tatsächlich geschieht. Wenn das stimmt, können Naturwissenschaften die Erkenntnistheorie nicht einfach ersetzen, weil sie andere Fragen behandeln.

Quine und starke Naturalisten reagieren darauf, indem sie traditionelle normative Fragen der Erkenntnistheorie aufgeben: Statt allgemeine philosophische Kriterien für Rechtfertigung zu suchen, solle man untersuchen, was in den Wissenschaften tatsächlich als Rechtfertigung gilt. Viele Naturalisten halten diese Abkehr jedoch für zu radikal. Sie meinen, dass auch Wissenschaftler fragen müssen, wann Belege als ausreichend gelten sollen. Susan Haack vertritt deshalb eine schwächere Position: Ergebnisse der Kognitionswissenschaften können für traditionelle erkenntnistheoretische Probleme relevant sein und legitim verwendet werden.

Auch der methodologische Naturalismus wird kritisiert. In seiner stärksten Form behauptet er, nur Naturwissenschaften führten zu wahren Beschreibungen der Welt und es gebe keine unabhängige philosophische Methode. Diese Aussage scheint aber selbst keine naturwissenschaftlich begründbare Aussage zu sein. Dadurch entsteht der Vorwurf der Widersprüchlichkeit. Ein ähnliches Problem zeigte sich schon beim Positivismus und bei Ludwig Wittgensteins frühem Tractatus: Der Satz, nur empirisch überprüfbare Aussagen seien sinnvoll, ist selbst nicht empirisch überprüfbar. Naturalisten können darauf reagieren, indem sie entweder ohne letzte philosophische Begründung die naturwissenschaftlichen Methoden bevorzugen oder eine eingeschränkte philosophische Begründung zulassen. Vollmer spricht in diesem Zusammenhang von einer Minimalmetaphysik.

Geist, Intentionalität und Ethik

In der Philosophie des Geistes ist der Mensch ein zentrales Problem für den Naturalismus. Einerseits kann er biologisch und naturwissenschaftlich beschrieben werden. Andererseits ist er auch Kulturwesen: Menschen leben in sozialen Gemeinschaften, haben Geschichte, schaffen Kunst und Literatur und besitzen einen komplexen Geist mit Wünschen, Emotionen, Gedanken, Erinnerungen und Sprache. Naturalisten müssen daher zeigen, dass geistige Eigenschaften nicht dem Satz „Alles ist Natur“ widersprechen.

Drei Merkmale des Geistes gelten als besonders schwierig. Erstens haben Gedanken und Erinnerungen Bedeutung oder semantischen Gehalt; sie können wahr oder falsch sein. Dieses Problem heißt Intentionalitätsproblem. Zweitens haben geistige Vorgänge einen Erlebnisaspekt: Schmerzen, Kaffeetrinken oder Gekitzeltwerden fühlen sich auf bestimmte Weise an. Das nennt man Qualiaproblem. Drittens sind geistige Vorgänge perspektivisch: Sie gehören zu einem „Ich“. Der Satz „Ich habe Angst“ lässt sich nicht ohne Bedeutungsverlust einfach durch einen Namen ersetzen.

Intentionalität bedeutet seit Franz Brentano, dass psychische Phänomene auf etwas gerichtet sind. Der Gedanke „Dort steht eine Kuh auf der Wiese“ bezieht sich auf eine Kuh auf der Wiese und ist wahr, wenn dort wirklich eine Kuh steht. Physische Prozesse stehen zwar in Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, scheinen aber nicht auf diese Weise wahr oder falsch zu sein. Naturalistische Theorien versuchen deshalb zu erklären, wie intentionale Zustände aus biologischen oder physischen Prozessen entstehen können.

Jerry Fodor erklärt Intentionalität über Repräsentation: Ein Zustand X repräsentiert einen Zustand Y, wenn X durch Y verursacht wird. Ein Gedanke an eine Kuh hätte seinen Gehalt, weil er durch Kühe verursacht wird. Problematisch ist, dass derselbe Gedanke bei schlechten Sichtverhältnissen auch durch ein Pferd ausgelöst werden kann. Daniel Dennett sieht intentionale Zustände eher als nützliche Fiktionen zur Verhaltensvorhersage: Man spricht Systemen Gedanken zu, wenn dies ihr Verhalten verständlich macht, etwa bei Menschen, Tieren oder Schachcomputern. Andere Positionen stammen unter anderem von Ruth Millikan, David Papineau, Patricia und Paul Churchland, Hilary Putnam und John Searle.

In Metaethik und Ethik hat „Naturalismus“ zwei Bedeutungen. In der Metaethik ist er ein Fachbegriff für eine bestimmte Richtung. In biologischen und evolutionstheoretischen Debatten geht es darum, welchen Platz Ethik in einem naturalistischen Weltbild hat, etwa bei Versuchen einer Evolutionären Ethik. Dabei stellt sich wieder die Frage nach dem Verhältnis von normativen moralischen Aussagen und deskriptiven naturwissenschaftlichen Beschreibungen.

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