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Religionsdefinition
Es gibt mittlerweile über hundert Religionsdefinitionen, aber bisher hat sich keine als allgemein anerkannt durchsetzen können.
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Grundproblem
Religionsdefinitionen sollen in der Religionswissenschaft sowie in Kultur- und Sozialwissenschaften genau bestimmen, was unter „Religion“ zu verstehen ist, und Religion von anderen Phänomenen abgrenzen. Es gibt inzwischen über hundert Definitionen; keine davon hat sich allgemein durchgesetzt.
Eine einheitliche Definition ist schwierig, weil Religionen sehr unterschiedlich sind. Zu den monotheistischen Religionen gehören Judentum, Christentum und Islam mit einem personalen allmächtigen Gott, etwa JHWH oder Allah. Der Hinduismus ist eine henotheistische Religion mit vielen, teilweise konkurrierenden Gottheiten. Der Buddhismus kann als Religion ohne Gott beziehungsweise ohne personalen Gott verstanden werden. Eine Definition, die nur für bestimmte Religionen passt, kann eine kulturelle, etwa eurozentristische Perspektive fördern oder eine bestimmte Religion zum idealtypischen Maßstab machen.
In der Religionswissenschaft werden vor allem substanzialistische und funktionalistische Religionsbegriffe unterschieden. Daneben gibt es kulturwissenschaftliche Ansätze.
Der substanzialistische Religionsbegriff
Der substanzialistische oder essentialistische Religionsbegriff bestimmt Religion anhand inhaltlicher Merkmale. Er soll das Wesen und die wesentlichen Attribute von Religion erfassen. Religion wird dabei auf das Heilige, das Transzendente, das Absolute, das Numinose oder das Allumfassende bezogen. Allgemeine substanzialistische Definitionen verstehen Religion als Auseinandersetzung des Menschen mit einer numinosen Macht oder als Glauben an übernatürliche Wesen.
Gustav Mensching definierte Religion als „erlebnishafte Begegnung mit dem Heiligen und antwortendes Handeln des vom Heiligen bestimmten Menschen“. Rudolf Otto beschrieb das Heilige als irrationale Dimension. Für Friedrich Schleiermacher ist das Wesen der Religion „weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl“. Mircea Eliade bezog sich auf Hierophanie, also das Erscheinen des Heiligen, sowie auf eine Dialektik zwischen heilig und profan. Nathan Söderblom sah das Wesen der Religion in der Macht und im Machtvollen; nicht die Gottheit, sondern das Machtvolle sei die Grundlage einer Religion.
Martin Riesebrodt beschreibt Religion als einen „Komplex religiöser Praktiken, die auf der Prämisse der Existenz in der Regel unsichtbarer persönlicher oder unpersönlicher übermenschlicher Mächte beruhen“. Im Mittelpunkt stehen bei ihm weder die Mächte selbst noch die Erfahrung mit ihnen, sondern die Annahme ihrer Existenz und die darauf beruhenden, kulturspezifisch gestalteten Praktiken.
Mit dem Wesen der Religion befasst sich ausdrücklich die Religionsphänomenologie, zu deren Vertretern etwa Geo Widengren gehört. Gerardus van der Leeuw definierte Religion als Erleben einer überlegenen Macht, die persönlich oder unpersönlich sein könne. Der Bezug auf das Machtvolle löst jedoch das Problem des Buddhismus nicht vollständig: Auch wenn dort keine Gottheiten im Mittelpunkt stehen, gibt es Vorstellungen einer absoluten oder transzendenten Macht und der Unterordnung unter diese.
Kritisiert wird der substanzialistische Begriff vor allem deshalb, weil er den Inhalt dessen, was definiert werden soll, bereits in die Definition übernimmt.
Bernhard Uhde und Markus Enders entwickelten eine Definition, die die fünf Weltreligionen Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und Judentum formal umfassen soll. Danach entstehen Religionen aus dem Mangel an anwesender, also reiner Gegenwart, der alles irdische, raumzeitliche Dasein des Menschen kennzeichnet. Ihr eigentümlicher Inhalt ist die Voraussetzung einer Instanz, die diesen Mangel tilgen kann. Dies könne nur eine Wirklichkeit leisten, die selbst reine Gegenwart und damit absolute Einheit ist. Religion verlangt deshalb ausdrücklich oder unausdrücklich eine lebenslange und alle Lebensvollzüge umfassende Einübung, der Herrschaft dieser Einheit über alles Viele zu entsprechen. Der selbstbezogene Eigenwille des Menschen soll dabei an dieses einfache Prinzip übertragen werden. Da Menschen mit dem Mangel auch gleichgültig umgehen können und religiöser Umgang die Zustimmung des eigenen Willens voraussetzt, ist nicht jeder Mensch religiös.
Der funktionalistische Religionsbegriff
Der funktionalistische Religionsbegriff definiert Religion über ihre Funktion für Individuum und Gesellschaft. Religion wird danach in ihren sozialen und individuellen Zusammenhängen betrachtet und wirkt an deren Gestaltung mit. Zu den Vertretern gehören Émile Durkheim, Ninian Smart und Thomas Luckmann.
Émile Durkheim versteht Religion als ein solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige Überzeugungen und Praktiken beziehen. Dieses System vereint alle Angehörigen einer moralischen Gemeinschaft, zum Beispiel einer Kirche.
Funktionalistische Definitionen sind weit gefasst. Deshalb können sie auch Phänomene einschließen, die gewöhnlich nicht als religiös gelten, etwa Kunst, Sport oder politische Überzeugungen. Die Religionssoziologie arbeitet im Allgemeinen mit einem funktionalistischen Religionsbegriff und untersucht deshalb auch solche quasireligiösen Bereiche.
Zu den typischen Funktionen von Religion gehören:
- die Verringerung von Angst und die emotionale Stabilisierung des Individuums,
- die Vermittlung von Sinn für den Einzelnen und die Gesellschaft,
- die Vermittlung ethisch-moralischer Werte.
Die Vermittlung eines Wertsystems wird heute von außen besonders positiv bewertet. Dies gilt als ein Grund dafür, dass Religion in manchen Ländern, etwa in Deutschland, weiterhin ein ordentliches Schulfach ist und als Ersatzfach Ethik angeboten wird. Religionskritiker der Aufklärung entwickelten eine kritische Position gegenüber der Funktionalität von Religion.
Einige funktionalistische Definitionen werden auch kulturalistisch genannt, weil sie aus den Kulturwissenschaften stammen und anthropologische sowie soziologische Definitionen verbinden. Clifford Geertz beschreibt Religion als ein Symbolsystem. Sein Ziel ist es, starke, umfassende und dauerhafte Stimmungen und Motivationen im Menschen zu erzeugen, indem Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert werden. Diese Vorstellungen werden mit einer solchen Aura von Faktizität umgeben, dass die Stimmungen und Motivationen vollständig der Realität zu entsprechen scheinen.
Auch multidimensionale Religionsdefinitionen gelten als funktionalistisch. Sie unterscheiden mindestens drei Dimensionen: Glaubensüberzeugungen, Praktiken und Gemeinschaft, also eine theoretische, eine praktische und eine soziale Dimension. Ninian Smart unterscheidet sieben Dimensionen. Solche Ansätze sind eigentlich eher Beschreibungen von Aspekten, die bei den meisten Religionen vorkommen, als vollständige Definitionen.
Udo Tworuschka berücksichtigt den Vermittlungsaspekt. Gegenstand der Religionswissenschaft sind für ihn die „konkreten Religionen der Vergangenheit und Gegenwart“. Religion tritt dem Religionswissenschaftler als Ganzes mit verschiedenen Dimensionen entgegen: Gemeinschaft, Handlungen, Lehren und Erfahrungen. Bei der Erforschung müssen außerdem die Beziehungen der Religionen zueinander, ihre Vorstellungen voneinander, politisch-ökonomisch-soziale Determinanten und ihre vielfältigen Vermittlungen angemessen berücksichtigt werden.
Der kulturwissenschaftliche Ansatz
Kulturwissenschaftliche Ansätze gehen davon aus, dass es trotz des Scheiterns substanzialistischer und funktionalistischer Definitionen ein konsensfähiges zeitgenössisches Alltagsverständnis von Religion gibt. Dieses wird auch „unerklärte Religion“ genannt und orientiert sich an religiösen Prototypen wie Christentum, Judentum und Islam. Das heutige westliche Verständnis ist historisch entstanden und kann als Ausgangspunkt religionswissenschaftlicher Forschung dienen.
Nach diesem Ansatz darf die Religionswissenschaft ihren Gegenstand nicht einfach fest definieren. Der Begriff „Religion“ ist fluid, also veränderlich, und seine historische Zuschreibung kontingent, also nicht notwendig oder zwangsläufig. Michael Bergunder untersucht diesen Gegenstandsbereich mit dem theoretischen Konzept der Genealogie. In Anlehnung an Michel Foucault wird von der Kontingenz aller geschichtlichen Ereignisse ausgegangen und eine teleologische, auf ein festes Ziel gerichtete Perspektive ausgeschlossen. Da man nicht unmittelbar in die Vergangenheit springen kann, beginnt die Analyse beim Hier und Jetzt. Durch eine Umkehrung des Zeitstrahls lassen sich Kontinuitäten und Diskontinuitäten des Begriffs im Sinne Jacques Derridas dekontextualisieren.
Genealogisch zeigt sich, dass sich der heute konsensfähige Religionsbegriff erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte. Anstoß gaben die Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften und die Entdeckung der Religionsgeschichte infolge der Kolonialisierung. Nach Überlegungen der Postkolonialen Theorie muss diese Entwicklung im Zusammenhang mit globalen Verflechtungen und den Rezeptionen kolonialisierter Subjekte betrachtet werden. Dadurch soll eine rein eurozentristische Sichtweise vermieden werden.
Sprachwissenschaftlich lässt sich die Veränderlichkeit mit Ernesto Laclaus Theorie erklären. Ein Begriff besitzt demnach keine unveränderliche Referenz. „Religion“ ist in einem bestimmten Diskursfeld ein leerer Signifikant, also ein Knotenpunkt zunächst verschiedener Bedeutungen, deren Unterschiede im jeweiligen Diskurs als gleichwertig gesetzt werden. Synchron, also in einer bestimmten Zeit, entspricht das heutige Alltagsverständnis einem diskursiven Netzwerk „Religion“. Diachron, also über die Zeit hinweg, lässt sich die entsprechende Traditions- und Rezeptionslinie genealogisch nur bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Die postkoloniale Forschung betont deshalb die globale Verflechtungsgeschichte und lehnt es ab, Allgemeinbegriffe wie „Religion“ ausschließlich eurozentristisch zu betrachten.
Der Hinduismus als Beispiel
Der Hinduismus zeigt besonders deutlich, warum eine allgemeine Religionsdefinition problematisch ist. Begriffe sind mit vorgefassten Ideen und Vorstellungen verbunden, werden aber benötigt, um Themen und Konzepte zu ordnen. Der Hinduismus ist kein einheitliches Phänomen, sondern umfasst eine Vielzahl heiliger Schriften, Glaubenslehren, Götterwelten und Rituale. Diese teilen zwar gemeinsame Traditionen und Vorstellungen und beeinflussen sich gegenseitig, unterscheiden sich aber zugleich stark.
Der Indologe Heinrich von Stietencron schlägt deshalb zwei Definitionen vor:
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Im allgemeinen Sinn ist Religion im Singular „ein allgemeiner Begriff für menschliche Versuche, auf allen Ebenen und zu allen Zeiten mit dem Göttlichen zu kommunizieren“. Dieses Konzept setzt kulturübergreifende Universalien in der menschlichen Natur voraus.
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Im spezifischen Sinn sind Religionen im Plural, etwa griechische Religion, römische Religion, Judentum oder Christentum, Konkretisierungen religiöser Systeme in Raum und Zeit. Sie sind daher unterschiedliche historische Phänomene.
Die Unterscheidung macht deutlich, dass „Religion“ sowohl als allgemeiner Begriff für menschliche Beziehungen zum Göttlichen als auch als Bezeichnung für konkrete, historisch und kulturell unterschiedliche Systeme verwendet werden kann.