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Funktionen von Religion

Ethik-Abi by BOE13:20 41.464 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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  1. 84 Prozent der Weltbevölkerung gehören einer Religion an – Tendenz steigend. Aber warum eigentlich? Wofür ist Religion gut bzw. welche Funktionen erfüllt sie?
  2. Und: Sind diese Funktionen heute überhaupt noch relevant? Im letzten Clip haben wir uns einige Kriterien angeschaut, die Religionen
  3. von anderen kulturellen Phänomenen unterscheiden. Es ging also darum, was Religion ist, was sie als besonderes kulturelles Phänomen auszeichnet. In diesem Clip geht es um die Funktionen von
  4. Religion, ihre besondere Rolle für Individuum und Gesellschaft. Eine solche Definition von Religion nennt man - im Unterschied zur substanzialistischen oder essentialistischen
  5. Definition - funktionalistische Definition. Funktionalistische Religionstheorien werden beispielsweise von Niklas Luhmann (1927-1998), Bronislaw Malinowski (1884-1942), Thomas
  6. Luckmann (1927-2016) und Dieter Stoodt (1927-2015) vertreten. Ich werde mich in diesem Video auf die 4 wesentlichen Funktionen von Religion
  7. konzentrieren und anschließend erklären, welche dieser Funktionen Luhmann, Malinowski, Luckmann und Stoodt in ihren Theorien ansprechen. Im Wesentlichen kann man 4 Funktionen
  8. von Religion unterscheiden: eine weltanschauliche, eine gesellschaftliche, eine psychologische und eine ethische Funktion. Unter der weltanschaulichen Funktion von Religion
  9. versteht man zum Einen, dass Religion die Entstehung von Mensch, Welt und Kosmos erklärt und deutet. Juden, Christen und Muslime glauben beispielsweise, dass Gott den Himmel, die Erde,
  10. alle Lebewesen und alle Dinge erschaffen hat. Kreationisten - vor allem evangelikale Christen in den USA – vertreten heute noch die Ansicht, dass der biblische Schöpfungsbericht wörtlich
  11. zu nehmen ist. Die Erde ist demnach weniger als 10 000 Jahre alt und wurde einschließlich aller Lebewesen von Gott in sechs Tagen erschaffen. Zum anderen erklärt Religion aber auch
  12. historische Entwicklungen. Geschichtliche Ereignisse, vor allem Kriege oder Machtwechsel, wurden und werden gerne mit dem Willen Gottes erklärt.
  13. Religion liefert zudem Erklärungen für bislang unerklärliche Dinge. Im antiken Griechenland erklärte man sich bestimmte Naturphänomene wie Gewitter, Dürre oder Überschwemmungen
  14. mit dem Zorn der Götter. Heute macht Religion vor allem Aussagen zu einem Leben nach dem Tod. Unter die weltanschauliche Funktion von Religion kann man auch ihre sinnstiftende
  15. Rolle fassen. Religion macht Aussagen über Sinn und Zweck des Lebens und verleiht schwierigen oder schlimmen Ereignissen in der Welt oder dem Leben des Einzelnen einen Sinn.
  16. Die gesellschaftliche Funktion von Religion ist zum Einen, dass sie Herrschaft und Gesellschaft legitimiert und stabilisiert, oder diese kritisiert.
  17. Religion wirkt außerdem durch verbindende religiöse Überzeugungen gemeinschaftsstiftend und erzeugt durch gemeinsame Rituale und religiöse Pflichten ein Zusammengehörigkeitsgefühl.
  18. Religion kann der Gesellschaft zudem nützen, indem sie eine Arbeitsmoral bildet und fördert. Ein solches religiös begründetes Arbeitsethos finden wir beispielsweise im Protestantismus , besonders
  19. im Pietismus oder bei den Amish People, die heute vor allem in den USA und in Kanada leben. Auch die karitative Rolle von Religion ist wichtig für die Gesellschaft. So bildet und
  20. finanziert Religion einerseits karitative Einrichtungen und Organisationen, um arme, kranke, behinderte, obdachlose oder straffällige Menschen zu unterstützen.
  21. Andererseits unterhält sie gesellschaftlich relevante Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Altersheime und Krankenhäuser. Für das Individuum erfüllt Religion auch
  22. eine psychologische Funktion. Sie hilft bei der Bewältigung von Krisen, Trauer und Angst - indem sie Trost und Hoffnung spendet - und dient dem Abbau von Stress, beispielsweise durch Meditation.
  23. Religion bietet dem gläubigen Menschen zudem eine Entlastung von Schuldgefühlen, etwa durch Beichte und Absolution. Und Religion vermittelt ein
  24. Geborgenheitsgefühl in der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen, beispielsweise in religiösen Gruppen oder der Gemeinde. Religion erfüllt viertens eine ethische Funktion.
  25. Sie begründet, vermittelt und sanktioniert Werte, Normen, Gebote und Verbote. In monotheistischen Religionen wird Moral als Gottes Wille dargestellt und mit der Androhung von Strafen im
  26. Dies- oder Jenseits durchgesetzt. Wertmaßstäbe werden aber auch im Buddhismus und Hinduismus als religiöse Pflicht begründet und ihre Befolgung bzw. Missachtung durch gutes
  27. bzw. schlechtes Karma belohnt oder sanktioniert. Werfen wir nun noch einen Blick auf die vorhin genannten Vertreter funktionalistischer Theorien und schauen, welche dieser 4 Funktionen von
  28. Religion sie besonders hervorheben. Der deutsche Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann (1927 - 1998) hat vor allem die weltanschauliche und
  29. gesellschaftliche Funktion im Blick, wenn er von der Funktion der „Kontingenzbewältigung“ spricht. Seiner Ansicht nach ist die Welt kontingent, sie könnte also auch anders sein, es gibt
  30. eine unendliche Zahl von Möglichkeiten und Alternativen. Die Religion erklärt einige dieser Möglichkeiten für notwendig und reduziert dadurch ihre Komplexität.
  31. Damit dienen Religionen auch der Sinnstiftung. Sie helfen dabei, das Unerklärliche zu erklären, das Widersprüchliche zu versöhnen und das Beliebige oder Zufällige
  32. zweckhaft erscheinen zu lassen. Religion schafft also Sinn und Orientierung und zwar für die Gesellschaft als System. Das System der Gesellschaft kann
  33. in Folge dessen mit seiner Umwelt in einer sinnvollen Relation stehen. Für den Einzelnen ist Religion laut Luhmann jedoch entbehrlich. Auch der polnische Sozialanthropologe Bronislaw
  34. Malinowski (1884-1942), einer der Pioniere der ethnologischen und religionswissenschaftlichen Forschung im 20. Jahrhundert, hat neben der psychologischen Funktion von Religion
  35. vor allem ihre weltanschauliche und gesellschaftliche Funktion im Fokus. Religion nimmt dem Menschen seiner Ansicht nach die Last existenzieller Fragen ab.
  36. Das Individuum kann mit Hilfe von Religion die niederschmetternde, lähmende Vorahnung von Tod, Unheil und Schicksal überwinden. Diese individuelle psychologische Entlastung
  37. dient auch der Gesellschaft. So erschüttert z.B. der Tod eines Angehörigen das Leben des Individuums und führt zu Angst, Verzweiflung oder dem Wunsch aufzugeben. Religion mit ihrer
  38. Mythologie und ihren Ritualen kann diese negativen Impulse auffangen und dadurch die weitere Existenz der Gesellschaft sicherstellen. Religion hat laut Malinowski also eine integrative
  39. oder harmonisierende Funktion: Sie stellt sicher, dass die Gesellschaft ohne Störung durch destruktive Impulse weiterbestehen kann. Der österreichisch-amerikanische Soziologe Thomas
  40. Luckmann (1927-2016) betont in seinem Werk „Die unsichtbare Religion“ die Funktion und Bedeutung der Religion für das Individuum in der modernen Gesellschaft. Seiner Ansicht nach
  41. spielt dabei vor allem die sozialintegrative Funktion von Religion eine wichtige Rolle, also die Tatsache, dass Religion den Gläubigen in eine Gemeinschaft einbindet
  42. und seine kollektive Identität mit begründet. „Religiös“ ist für Luckmann bereits der Akt, in dem ein Mensch seine Natur überschreitet und zu einem gesellschaftlichen Wesen wird.
  43. Luckmanns funktionalistische Definition gilt als eine der breitesten Definitionen von Religion überhaupt und nimmt vor allem ihre gesellschaftliche Funktion in den Blick.
  44. Der deutsche Theologe Dieter Stoodt (1927-2015) nennt alle vier Funktionen von Religion. Religion bietet dem einzelnen Menschen die Möglichkeit der Reduktion oder Bewältigung
  45. von Angst und anderen Affekten und vermittelt Geborgenheit. (psychologische Funktion) Sie hilft bei der Deutung der Welt, vor allem bei der Beantwortung von Sinnfragen,
  46. beispielsweise bei Tod, Krankheit, usw. (weltanschauliche Funktion) Religion gibt Wertmaßstäbe und liefert verhaltenssteuernde Traditionen und
  47. Orientierungen. (ethische Funktion) Religion gibt es Stoodts Meinung nach nicht ohne Institutionalisierung, etwa in den Basisgruppen der Familien,
  48. kleineren Gemeinschaften oder Kommunen, aber auch in größeren Organisationen wie Gemeinden, Kirchen, weltanschaulichen Gruppen, in Sekten und
  49. Großkirchen. (gesellschaftliche Funktion) Stoodt erwähnt zudem noch, dass jede Religion bestimmte Formeln hat, in denen kurz zusammenfasst ist,
  50. um was es geht. Diese Formeln haben die Funktion, ein Minimum an Gemeinsamkeit in der Verständigung herzustellen. (gesellschaftliche Funktion) Bei der Betrachtung der verschiedenen
  51. Funktionen von Religion könnte man den Eindruck bekommen, Religion sei durchweg positiv und eine unverzichtbare Institution der Gesellschaft. Jedoch können alle genannten
  52. Funktionen auch kritisch gesehen bzw. auf andere Art und Weise erfüllt werden. Die weltanschauliche Funktion kann auch bedeuten, dass Religion ein falsches,
  53. wissenschaftlich unhaltbares Bild von der Entwicklung des Kosmos, der Natur und des Menschen vertritt wie beispielsweise im anfangs erwähnten Kreationismus. In manchen Religionen
  54. wird der Mensch, als „Krone der Schöpfung" überbewertet und die außermenschliche Natur abgewertet. Der Mensch überschätzt also durch die Religion sich und seine Rolle in
  55. der Welt und legitimiert damit einen moralisch schlechten Umgang mit Tieren und der Natur. Heutzutage übernimmt Wissenschaft mehr und mehr die weltanschauliche Funktion von Religion.
  56. Die gesellschaftliche Funktion von Religion kann auch bedeuten, dass Religion Diktaturen, eine undemokratische oder unsoziale Politik oder Kriege und
  57. Unterdrückung legitimiert. Kriege wurden und werden häufig religiös begründet, als „heiliger Krieg" oder „Kreuzzug". Religiöse Konflikte sind zudem häufig Kriegsmotive.
  58. Religion kann zu religiösem Fundamentalismus und Fanatismus führen. Die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft kann als Belastung, als Zwang oder sogar als „Gehirnwäsche"
  59. verstanden werden und der Austritt aus solch einer Gemeinschaft zu schweren Identitätskrisen führen. Selbst die karitative Funktion, die Religion innerhalb einer Gesellschaft
  60. erfüllt, kann kritisiert werden. Religiöse Mildtätigkeit kann nämlich das wahre Ausmaß gesellschaftlichen Elends verbergen und in Widerspruch zu politischen
  61. Forderungen der Gerechtigkeit geraten. In einem modernen Wohlfahrtsstaat soll sich der Staat aus Gründen der Gerechtigkeit um das Wohl der Bürger kümmern.
  62. Die karitative Funktion von Religion wird dementsprechend zumindest in modernen Demokratien und wohlhabenden Ländern heutzutage vom Staat übernommen.
  63. Die gesellschaftliche Funktion von Religion im allgemeineren Sinne kann prinzipiell von jeder Gruppierung, also auch von Vereinen, Parteien oder Interessenverbänden übernommen werden.
  64. Die psychologische Funktion kann auch zur bloß scheinbaren Lösung oder Aufschiebung von Problemen führen. Die Vertröstung auf das Jenseits kann verhindern, dass sich der gläubige Mensch aktiv
  65. im Diesseits für ein besseres Leben engagiert. Diese Funktion wird heute vom einzelnen emanzipierten Menschen selbst, gegebenenfalls mit der Unterstützung durch andere Menschen
  66. oder auch Psychotherapeuten übernommen. Die ethische Funktion von Religion kann dazu führen, dass religiöse Werte und Normen in Widerspruch zu den elementaren Menschenrechten
  67. der Freiheit und Gleichheit geraten. Beispiele hierfür wären das Kastenwesen im Hinduismus, ungleiche Rechte für Männer und Frauen sowie barbarische Strafen in einigen islamischen
  68. Ländern, die Ablehnung homosexueller Beziehungen und das Ehe-Verbot für Priester. Religiöse Normen gelten vielfach als veraltet. Moral durch eine göttliche Autorität
  69. zu begründen kann als irrational angesehen werden. Die ethische Funktion von Religion kann demzufolge von einem vernünftigen moralischen Diskurs innerhalb der Gesellschaft,
  70. einer autonomen eigenen Moral, den Menschenrechten oder auch Ethik-Kommissionen wie beispielsweise dem Deutschen Ethikrat übernommen werden. Wir sehen: Die Funktionen von Religion sind
  71. ambivalent, sie können positiv oder negativ gesehen werden. In den nächsten Videos werfen wir einen noch genaueren Blick auf die negativen Aspekte von
  72. Religion und schauen uns verschiedene Positionen der Religionskritik an. Wie ist deine Meinung? Siehst du Religion eher positiv oder eher negativ? Welche
  73. Funktion von Religion überzeugt dich am meisten? Welche am wenigsten? Schreibe deine Meinung sehr gerne unten in die Kommentare.
  74. Mit dem Quizlet-Lernset „Funktionen von Religion“ kannst du dein Wissen jetzt überprüfen. Viel Spaß beim Lernen und bis bald!

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