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Relativer Produktivitätsvorteil
Der Begriff relativer Produktivitätsvorteil bezieht sich auf die ökonomischen Transaktionen einer Volkswirtschaft. Die Spezialisierung auf die Herstellung …
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Kernidee
Ein relativer Produktivitätsvorteil beschreibt in der Außenhandelstheorie, bei welchem Gut ein Land im Vergleich zu anderen Gütern besonders produktiv ist. Entscheidend ist nicht nur, ob ein Land ein Gut absolut effizienter herstellen kann als ein anderes Land, sondern bei welchem Gut sein Vorteil relativ am größten oder sein Nachteil relativ am kleinsten ist. Daraus folgt die Grundregel: Ein Land soll das Gut exportieren, für das ein relativer Produktivitätsvorteil besteht, und das Gut importieren, bei dem es einen relativen Produktivitätsnachteil hat.
Der Begriff ist wichtig, weil er erklärt, warum internationaler Handel auch dann sinnvoll sein kann, wenn ein Land bei allen Gütern weniger produktiv ist als ein anderes Land. Durch Spezialisierung auf das Gut mit relativem Produktivitätsvorteil und anschließenden Handel können beide Länder ihre Güterversorgung verbessern. Im Ricardo-Modell wird festgehalten, dass Außenhandel bei vollständiger Spezialisierung auf das Gut mit komparativem Produktivitätsvorteil den internationalen Wirtschaftswohlstand optimieren kann.
Außenhandel und Freihandel
Außenhandel ist der grenzüberschreitende Waren- und Dienstleistungsverkehr einer Volkswirtschaft. Er umfasst den Kauf ausländischer Güter und Dienste, also Einfuhr oder Import, und den Auslandsabsatz inländischer Güter und Dienste, also Ausfuhr oder Export.
Historisch wurde Außenhandel im 17. und 18. Jahrhundert durch den Merkantilismus eingeschränkt. Diese Politik wollte den inländischen Wohlstand schützen, indem Exporte gefördert und Importe beschränkt wurden. Adam Smith (1723–1790) widersprach dieser Politik und forderte Freihandel in seinem Werk „An Inquiry into the Nature And Cause of the Wealth of Nations“ von 1776. Im 19. Jahrhundert erweiterte David Ricardo (1772–1823) die Theorie des Außenhandels durch den komparativen Kostenvorteil. Sein Werk „Principles of Political Economy and Taxation“ erschien 1817; daraus entwickelte sich das Ricardo-Modell.
Wirtschaftlich kann Außenhandel aus zwei Perspektiven betrachtet werden: aus Sicht einer nationalen Wirtschaft als Transaktionen zwischen einem Land und einem anderen Land, einer Ländergruppe oder dem Rest der Welt; und aus Sicht der Globalisierung als Transaktionen zwischen Ländergruppen oder zwischen allen Staaten. Im Zentrum stehen internationaler freier Güteraustausch, also Freihandel, und die dadurch erzielten Handelsgewinne.
Produktivität und Produktivitätsvorteil
Produktivität bezeichnet das Verhältnis zwischen der erzeugten Ausbringungsmenge, dem Output, und den eingesetzten Produktionsfaktoren, dem Input. Die allgemeine Formel lautet: Produktivität = Ausbringungsmenge / Produktionsfaktoreinsatz = output / input. Neben Qualität und Zeit gilt Produktivität als klassische Erfolgs- und Steuergröße.
Die Faktorproduktivität misst die Produktivität aller Produktionsfaktoren: Faktorproduktivität = Ausbringungsmenge / Produktionsfaktoren. Die Arbeitsproduktivität ist eine Teilproduktivität und gibt das Verhältnis der erzeugten Produktionsmenge zum Arbeitseinsatz an, etwa in Arbeitsstunden oder Mitarbeiterzahl: Arbeitsproduktivität = Ausbringungsmenge / Arbeitseinsatz. Die Kapitalproduktivität setzt das Bruttoinlandsprodukt zum Kapitalstock, also zum Bruttoanlagevermögen ohne Grund und Boden, ins Verhältnis: Kapitalproduktivität = Bruttoinlandsprodukt / Kapitalstock. Die Bodenproduktivität ist das Verhältnis des Bodenertrags, zum Beispiel der Erntemenge, zur eingesetzten Nutzfläche: Bodenproduktivität = Bodenertrag / Nutzfläche.
Ein Produktivitätsvorteil liegt vor, wenn eine Volkswirtschaft ein Gut mit relativ hoher Produktivität herstellen kann. Import und Export werden in der Theorie anhand dieses Vorteils erklärt. Der relative Produktivitätsvorteil unterscheidet sich vom absoluten Produktivitätsvorteil: Ein absoluter Vorteil bedeutet, dass ein Land ein Gut mit weniger Aufwand herstellen kann als ein anderes Land. Ein relativer Vorteil fragt dagegen, bei welchem Gut die Spezialisierung im Vergleich zu anderen Möglichkeiten besonders günstig ist.
Ricardo-Modell
Das Ricardo-Modell erklärt, warum Länder auch ohne absoluten Kostenvorteil durch internationalen Handel Wohlstand gewinnen können. David Ricardo verallgemeinerte im 19. Jahrhundert den Ansatz des absoluten Kostenvorteils von Adam Smith, indem er den relativen Kostenvorteil und besonders den relativen Produktivitätsvorteil betonte.
Nach dem Modell soll sich ein Land auf die Güter spezialisieren, bei denen es einen relativen Produktivitätsvorteil besitzt, und diese Güter exportieren. Der Handelsgewinn hängt demnach nicht vom absoluten Produktivitätsvorteil ab, sondern vom relativen Produktivitätsvorteil. Unter bestimmten Produktionsbedingungen spielen dabei die relativen Faktorausstattungen und unterschiedlichen Faktorproduktivitäten eines Landes eine wichtige Rolle. Die Gewinne entstehen durch die Nutzung eigener relativer Produktivitätsvorteile und durch die damit verbundenen Opportunitätskosten, also die Kosten der nächstbesten aufgegebenen Alternative.
Wenn ein Land bei beiden Gütern absolute Produktivitätsvorteile hat, aber keine relativen Produktivitätsvorteile bestehen, entstehen aus Sicht der quantitativen Güterversorgung keine Außenhandelsgewinne. Spezialisierung ohne relativen Produktivitätsvorteil kann dann keine internationalen Produktionszuwächse ermöglichen.
Beispiel mit zwei Ländern
Das Beispiel betrachtet zwei Länder A und B, zwei Güter und Arbeit als einzigen Produktionsfaktor. Beide Länder verfügen jeweils über 12000 Maschinenstunden (MS). Für eine Mengeneinheit (ME) von Gut 1 benötigt Land A 10 MS, für eine ME von Gut 2 benötigt es 8 MS. Land B benötigt für 1 ME von Gut 1 nur 5 MS und für 1 ME von Gut 2 nur 6 MS.
Damit hat Land B bei beiden Produkten einen absoluten Vorteil, weil es beide Güter mit weniger Maschinenstunden herstellen kann. Trotzdem hat Land A einen relativen Produktivitätsvorteil bei Gut 2, während Land B einen relativen Produktivitätsvorteil bei Gut 1 hat. Ohne Handel verwenden beide Länder jeweils die Hälfte ihres Arbeitsfaktors für jedes Gut; es findet nur nationaler Handel statt.
Mit Handel spezialisiert sich Land A auf Gut 2, weil es dort den relativen Produktivitätsvorteil besitzt. Land A verzichtet vollständig auf Gut 1, um mehr Gut 2 herzustellen. Beim Verzicht auf 1 ME von Gut 1 spart Land A 2 MS, was 1/4 ME von Gut 2 entspricht. Für Land B gilt entsprechend: Beim Verzicht auf 1 ME von Gut 2 spart es 1 MS, die für zusätzliche Herstellung von Gut 1 eingesetzt werden kann. Getauscht wird im Verhältnis 1:1. Aus Spezialisierung und freiem Tausch ergibt sich eine Steigerung der Produktionsmenge von 250 ME des Gutes 2. Das Beispiel zeigt, dass internationaler Handel im Modell zu einer weltweiten Wohlstandserhöhung führen kann.
Erweiterung und Missverständnisse
Das Heckscher-Ohlin-Modell baut auf dem Ricardo-Modell auf, berücksichtigt aber mehr als nur Arbeit als Produktionsfaktor. Während im Ricardo-Modell andere Faktoren außer dem Arbeitsfaktor unberücksichtigt bleiben, entwickelt das Heckscher-Ohlin-Modell ein Zwei-Faktor-Modell. Unterschiedliche Produktionsmöglichkeiten werden dabei auf unterschiedliche Faktorausstattungen und Faktorproduktivitäten zurückgeführt. Ein Land spezialisiert sich auf das Gut, dessen intensiver Produktionsfaktor relativ reichlich vorhanden ist, und exportiert dieses Gut.
Ein häufiges Missverständnis lautet: „Freetrade is beneficial only if your country is strong enough to stand up to foreign competition.“ Gemeint ist die falsche Vorstellung, internationaler Freihandel sei nur dann wirtschaftlich sinnvoll, wenn das Inland stark genug sei, gegen das Ausland zu konkurrieren. Dieses Missverständnis entsteht, wenn man Exportfähigkeit nur vom absoluten Vorteil abhängig macht.
Richtig ist nach dem Ricardo-Modell: Der absolute Produktivitätsvorteil einer Industrie bei einem Gut ist für Gewinne aus komparativem Kostenvorteil weder nötig noch vorausgesetzt. Auch ein Land ohne absoluten Produktivitätsvorteil kann im Freihandel gewinnen, wenn es einen relativen Produktivitätsvorteil nutzt. Außerdem hängt der Wettbewerbsvorteil einer Industrie nicht nur von ihrer Produktivität im Vergleich zur ausländischen Industrie ab, sondern auch vom inländischen Lohnsatz im Vergleich zum ausländischen Lohnsatz: „The competitive advantage of an industry depends not only on its productivity relative to the foreign industry, but also on the domestic wage rate relative to the foreign wage rate.“ Produktivitätsunterschiede zwischen Ländern können damit zu komparativen Kostenvorteilen führen und durch Freihandel die globale Güterversorgung erhöhen.
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